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Jüdische Korrespondenz · 1920-05-07 · 16 (7.5.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
16 (7.5.1920)
Date
1920-05-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr.Jß Die Vorgänge in Wien. Die Vorgänge an der Wiener Universität haben wohl gar bald ihren Abschluß gefunden. Einerseits durch das Schließen der Universität und die entschiedene Stellung der Regierung, andrerseits infolge der energischen Haltung der jüdischen und der sozialistischen Studenten, haben sich die deutschnationalen Studenten veranlaßt gesehen, abzublasen und ihre Anhänger auszufordern, der Hetze vorläufig zu entsagen. Es. wäre jedoch verfehlt, annehmen zu wollen, daß die Afsaire damit erledigt ist. Die Rede, die der Rektor der Universität, Schwind, bei der Wiedereröffnung der Universität hielt und in welcher er sich so offen gegen den Zustrom der Hörer aus dem Osten aussprach, zeigt, daß die Bewegung gegen die „Ostjuden" weiter in Fluß ist. Bei irgendeiner beliebigen Gelegenheit könnte es wieder zu Ausschreitungen kommen. Die jüdischen Kreise müssen daher stets auf der Hut sein. Aber auch die maßgebenden. Stellen, die sich wohl darüber klar sind, daß das. heutige, auf das Wohlwollen der ganzen Welt angewiesene Wien keine ' antisemitische Hetze vertragen kann. Die Debatte, die über die Vorgänge an der Universität in der Nationalversammlung abg?führt wurde, besonders die Reden der Kunschak und Genossen, beweisen, daß man es da nicht bloß mit einer. Studentenaffaire zu tun hat. Es ist eine regelrechte antisemitische Bewegung, mit reaktionär-politischem Hintergründe. Dies beweisen auch die Vorgänge gelegentlich der Steuerdemonstration des Mittelstandes. Sicherlich leidet der jüdische Mittelstand ebenso unter dem Steuerdruck, wie der nichtjüdische. Daß aber auch diese Frage zu einer Hetze Anlaß gab, spricht für das systematische Vorgehen der Judenfeinde. Auch in der niederöfterreichischen Landesversammlung fand .die Ostjudenhetze ein Echo. Dort wurde die Uebersührung der Flüchtlinge, die nicht abreisen, in Konzentrationslager verlangt. .Landeshauptmann Sever widersprach diesen! Verlangen entschieden, erklärte übrigens, daß die Zahl der „abreisendgemachten" Flüchtlinge ziemlich bedeutend ist. Wenn auch kein Anlaß zur Beunruhigung vorhanden ist, so darf die Sache dennoch nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Wir sind keine Angstmeier, halten aber angesichts der Lage die von der zionistischen Partei für Donnerstag abends in die Volkshalle des Rathauses einberufene Massenversammlung zur Feier der „Wiedererlangung (?) Palästinas" für nicht zeitgemäß. „Lomo litra-u!“ hat schon unser Erzvater Jakob seinen Söhnen empfohlen . .. Die Palästinafrage. Die Nachrichten über die Beschlüsse in San Nemo hiusichtlich der Palästinafrage lauten noch immer widersprechend. Von zionistischer Seite wird behauptet, daß alles auf dem besten Wege ist und daß Palästina unser sei. Anderen Meldungen zufolge hätten die Juden von den Beschlüssen der Konferenz wenig zu erhoffen, nicht einmal die freie Eintvanderung sei ihnen zugesichert worden. Ebenso wie es keinen Sinn hätte, die antizionistischen Meldungen als bare Münze zu nehmen, ebensowenig ist der Optimismus angebracht, den die zionistischen Kreise zur Schau tragen. Es ist noch zu früh, Freudenfeste zu feiern, inan darf den Tag nicht vor dem Abend loben. Die Nachrichten über die Haltung der Araber in Syrien und Palästina den Juden gegenüber lauten sehr ernst und es wäre Vogelstraußpolitik, wurde man sich darüber hinwegtäuschen. Nochmals seien also die Zionisten davor gewarnt, sich Uebertreibungen hinzugeben oder gar die jüdischen Massen bewußt irrezuführen. Es wäre ein furchtbares Verbrechen, im Interesse des „heutigen Parteiegoismus" unerfüllbare Erlvartungen zu erwecken. In der Selbstbeschränkung erkennt man den Meister. Leider scheinen sich die Parteiführer dieser Erkenntnis zu verschließen, sonst würden sie sich vor der Schaumschlägerei hüten, deren Zeugen wir gegenwärtig sind. Ganz eigenartig mutet folgender Fnnkspruch aus London an: „Nach Meldungen aus Kairo hat der britische Generalverwalter in.Jerusalem den Häuptern sämtlicher Gemeinden Palästinas die Grundzüge der beabsichtigten VerwaltungHuseinandergesetzt. Großbritannien werde als Mandatar des Völkerbundes keinerlei Eininischung in die religiösen Gebräuche und religionsgeschichtlich wichtigen Stätten dulden und lediglich auf die Erhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit bedacht sein. Die Einwanderung werde nur soweit zugelassen, werden, als die Entwicklung des Landes dies erfordere. Die jetzigen Grundbesitzer werden weder vertrieben noch.enteignet werden; auch werden keine Konzessionen an einzelne oder Gruppen zum Nachteil der heutigen'Bevölkerung gewährt werden. Die britische Regierung werde der Minderheit keine. Gelegenheit geben, -über die Mehrheit zu regieren, auch dann nicht, wenn die Zeit gekommen sein werde, Palästina die Autonomie in. der einen oder anderen Form zü gewähren." Es ist klar, - daß man es da mit einer Tendenzmeldung zu tun hat. Aber wenn derartige Nachrichten von London aus verbreitet werden, wer bürgt dafür, daß nicht einflußreiche englische Kreise dahinter stecken?!... Daß die Haltung gewisser englischer Kreise nicht ganz einwandfrei ist, beweist ihre Haltung gegenüber Jabotynski und seinen Genossen. Wie das Jüdische Korrespondenz-Bureau berichtet, wurden außer Wladimir Jabotynski. der zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, noch 19 Mitglieder des jüdischen Selbstschutzes in Jerusalem zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die 20 Angeklagten werden beschuldigt: 1. Des Besitzes von 3 Gewehren, 2 Revolvern und 250 Patronen; 2. des Besitzes von Waffen (2 Gewehren und 230 Patronen), welche der Negierung gehörten; 3. die gesetzlich vorgeschriebene Anmeldung von in ihren« Besitz befindlichen Waffen wissentlich unterlassen zu haben. Der Prozeß fand im Hause des Militärgonverneurs von Jerusalem statt. Richter war» Major.Keys; die: Verteidigung halten Dr. Feldmann und Dr. Eliasch übernommen. Wie die „Times" ans Jerusalem berichten, ist Jabotynsky zusammen mit den übrigen 19 Verurteilten am 25. April nach Aegypten gebracht worden. Anderen Meldungen zufolge ist Jabotynski in das furchtbare Gefängnis in Akka überführt worden. Der „Times"-Korrespondent berichtet weiters, daß er sowohl von General Bols, dem militärischen Administrator Palästinas, Colonel Minersagon, dem obersten politischen Offizier, und von General Stores, dem Gouverneur von Jerusalem, keine genauen Aufklärungen über die Vorgänge in Jerusalem erhalten konnte. Sie motivierten ihre Weigerung damit, daß die Untersuchungskommission mitten in der Arbeit sei und die bisherigen Ergebnisse noch nicht mitgeteilt werden können. Nur General Bols erklärte, er sei dazu da, die Politik der englischen Regierung durchznsnhren, und werde dies auch bis in die letzten Konsequenzen tun. _^ Der Pogrom in Jerusalem. Von einem dlugenzeugen der Vorfälle in Jerusalem, der in politischer Mission nach London gehend, einen Tag in Zürich weilte, erhielt die „Jüd. Preßzentrale Zürich" folgende Schilderung über die Ausschreitungen. Das; die Ausschreitungen von der Nebu Musa Feier ihren Ausgang nahmen, ist sa bekannte. Obwohl bereits nach 'der zweiten Demonstration in Jerusalem die Abhaltung aller öffentlichen Demonstrationsversammlungen verboten worden war, gestaltete sich die vor dem Hause des Gouverneurs abgehaltene religiöse Versammlung bald zü einer politischen Demonstrationsversammlnng, wo auch das Stadtoberhaupt eine der Hetzreden hielt. Gleich darauf begann der Pogrom — beim besten Willen kann kein anderer Namen dafür gebraucht werden, da es sich um regelrecht geplante und vorbereitete, von der Militär-Macht nicht verhinderte Ueberfälle handelt. Die Menge drang, nicht nur ungehindert, sondern direkt geführt von arabischen Polizisten in die Altstadt ein und begann die jüdischen Läden zu plündern. Die Zahl der Verwundeten des ersten Tages betrug gegen 160. Am nächsten Tage wiederholten sich die Ueberfälle, wobei es wiederum gegen 40 Verwundete gab, darunter viele Schwerverwundete. Auch Häuser wurden am zweiten wie auch dritten Tqge der Unruhen angezündet, 3 Synagogen geplündert und astgezündet, Gräber aus dem Oelberge entweiht. Insgesamt gab es bis zu meiner Abreise 8 jüdische Tote.'Der jüdische Selbstschutz versammeltesichaleich nach Ausbruch der Unruhen in einer Stärke von ungefähr 4^0 Mann,

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