Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 16 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bezugspreis: Ganzjährig K 60, hälbjährig K25, vierteljfiHHg L 12 66. Ausland jährlich. K 70. Einzelnummer 1 Krone. Organ für die Interessen des Judentums. Np; 16; Wien, 19. Ijar 5680, 7. Mai 1920. Redaktion und Administration: Wien, VIII., AlserstraÖe 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.296. Erscheint jeden Freitag. . VI. Jähipiiaäigf. / Line orthodoxe Liste. (Zn den Kultnswählen in Wien.) Wetln Nicht alle Anzeichen irügeii, dürften die Kultuswahlen - in Wien gar bald vor sich gehen. Offiziell ist wohl bisher darüber nöch nichts verläutbärt worden. Aber die BorbereitüNgiii, die sowohl die bisherigin Machthaber in der Kahalstllbe, die jetzt unter dem Titel „nicht-jüdischnatioual" auftreten, als auch ihre Gegner, die Nationalisten, für die bevorstehende Wühlfampagne treffen, lassen darauf schließen, daß die jüdischen Wähler bald zur Urne gerufen werden, um über düs Schicksal der zweitgrößten jüdischen Kehilla Europas zu entscheiden. . . . Die orgänisierli Orthodoxie hat es bisher' unterlassen, sich bei derartigen Gelegenheiten aktiv zu beteiligen. Sie vertrat den TrenlrüngZstanöpüukt, sie strebte die Möglichkeit an, eine separate-orthodoxe Gemeinde bilden zu können und betrachtete die offizielle Gemeinde als ein Nebel, das man notgedrungen hinnehmen muß, solange es eben .anders nicht geht. Für die orgasiisierte O.rthöoöxie war hie Kultusgechtzinde eine Art Steuer- MWdk.7Jhre ^RMtNer^Hälten^chWWWMMMeGMrchdAT^ religiöse Fnhier, ihre Tempel nicht als Gotteshäuser, ihre- LehM ÜiD^als, Vöikserzieher, ihre Institution nicht als vollwertig jüdisch. Es ist nicht zü leugnen, daß dieser Stand der Dinge keineswegs als normal und für die Dauer möglich galt. Allein der Umstand, daß die Machthaber in der Kahalstube den Standpunkt der Orthodoxie kannten und demselben bis zu einer gewissen Grenze Rechnung trugen, erleichterte die Situation. Im Hegensatze zum König von Sodom, welcher vom Erzvater Abrahant die Auslieferung der Seelen forderte und ihn dafür die materiellen Hüter konzedierte, beschränkten sich die Herren von 8er Seilejlfiettrngässe 4 darauf, von der Orthodoxie vornehmlich hie Kültttsstener zu fordern, ohne nach ihren Seelen zu greifen. Die Glänbenstreüen zahlten und zahlten doppelt und vielfach, denn sie hatten außerdem noch ihre eigenen Rabbiner, Dajchnm,.Schächter^ Maschgichim, Bethäuser, Vereine lind Institutionen auszuhälten. Sie empfanden es peinlich, daß sie zur Erhaltung von Institutionen und Funktionären beitragen mußten, die ihnen nicht zusagten — aber das war noch das kleinste Nebel. ' . ' Viel peinlicher wurde der Umstand empfunden, daß die offizielle Kultusgemeinde vielfach als die maßgebende Stelle für jüdische Angelegenheiten anerkannt war und daß die Orthodoxie mit Mselbeii, um jede Kleinigkeit kämpfen mußte.. Aber zur Steuer der Wahrheit'muß gesagt werden, daß diesbezüglich in den letzten Jahren eine Wendung zum Besseren eingetreten war. JnscherN es Nur gelang, den Herren in der Kahalstube das richtige Verständnis für. die religiösen Bedürfnisse beizubruigen, fiel es nicht mehr schwer, auch die Zustimmung und die nötigen Beiträge zu erhalten. t Keineswegs soll damit gesagt werdendaß die Orthodoxie sich irgeNWke nrit dem Stande der Dinge abgefunden hatte. Im Gegenteit, sie verschwieg keinen Moment, daß sie die offizielle Genkeinde negiere und die Bildung, einer eigenen Gemeinde nach ungarischem, respektive preußischem Muster.anstrebe. Sie MhM sich der TeikyäMe än den MahM M Kültüs- ,'MM'kmrz ünd weigWe sich, aus ihrer MM Vertreter in den Vorstand zn entsenden. Mer. angesichts des Umstandes, daß die KähÄlfnhM mehr das »8che^v n'6-a! taasse* praktizierten und zumindest nicht positiv zum Schaden des religiösen Judentums wirkten, konnte sich die Orthodoxie ebenfalls mit einer negativen Taktik begnügen. Indem sie jede Teilnahme an der Leitung der offiziellen Gemeinde ablehnte, drückte sie damit den schärfsten Protest gegen dieselbe aus und dokumentierte, daß die Glaubenstreuen die offizielle Gemeinde nicht als religiöse Institution betrachten. Heute aber steht die Orthodoxie vor einer völlig veränderten Situation. Das neue Statut mit seinem Frauenwahlrecht und Proporzsystem droht, die Zusammensetzung der Gemeindeleitung radikal zu verändern. Die Nationalisten entfalten eine gewaltige Agitation, um die Gemeinde in ihre Hände zu bekommen und es ist nichts ausgeschlossen, daß sie zumindest einen wesentlichen Einfluß auf die Führung der Gemeindeangelegenheiten erlangen könnten. Da drohen dem orthodoxen Judentüme viel größere Gefahren und da muß auh dessen Taktik eine andere sein. Im Gegensätze zu den heutigen Machthabern in der Kühalftube, die zumindest in letzter Zeit die Seelen der GlaNbenstreuen in Ruhe ließen, g e h e n d i e N a t i o n a l i ft e n g e r a d e n ster Mir i s Sie MMv jo ein neues Judentum, nach ihrem Modell, schaffen, »lau scheurini abaussenu“; sie wollen das religiöse Moment im Jndentume in den Hintergrund schieben und dem nationalen die Priorität verschaffen. Sie werden sich nicht mit einer passiven Taktik den religiösen Dingen gegenüber begnügen, sondern aktiv und — was besonders bedenklich ist — aggressiv auftreten. Die offizielle Kultusgemeinde in nationalistischen Händen, insolange die Trennung nicht möglich ist, bedeutet für die Orthodoxie einen Kampf auf Tod und Leben. Da kann und darf sie nicht mehr passiv bleiben, da. muß sie mit aller Macht aktiv ein greifen. Von einem Kompromiß mit den Nationalisten kann keine Rede sein. Sie sind gefährlicher als die Neologen, weil sie weniger aufrichtig sind. „Fürchte nicht die Sadduküer, fürchte nicht die Pharisäer, aber fürchte die Heuchler" — sagen die Weisen des Talmud. Man sehe sich die nationalistische Kandidatenliste an! Ist es nicht ein Skandal, daß die Nationalisten, die angeblich das Gros (sie!) des Judentums repräsentieren, es nicht vermochten, MO Männer in ihrem Lager zu finden, die zumindest keine „Mechaiie Schabos bephressia“ sind! Ein Kompromiß mit den Nationalisten hieße, einem Blinden Steine vor die Füße legen. Das. darf und kann nicht sein. Aber auch mit den areligiösen Neologen kann die Orthodoxie trotz aller Konzessionen und Garantiennicht Zusammengehen. Auch diesen Elementen darf keine indirekte Anerkennung zuteil werben. Deswegen bleibt nnr der einzige Ausweg: eine eigene ortftadore Lifte! Angesichts des Proporzsystems ist die Orthodoxie jedenfalls imstande, eine entsprechende Anzahl Vertreter in die Knltnsstube zu Bringen, bereit Aufgabe es dann sein wird, den Kampf für die religiösen Interessen, der bisher außerhalb der Kahalstube geführt wurde, von nun an innerhalb derselben zn führen. Voraussetzung ist allerdings ein solidarisches Vorgehen aller Glaubenstreuen! — Keine Zersplitterung, keine Zweiteilung! Bei einer rührigen Aufklärungsarbeit dürfte dies zn erreichen sein und auch der Erfolg am Wahltage wird nicht ausbleibeu. Jehndi- Ehored.