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Jüdische Korrespondenz · 1920-04-30 · 15 (30.4.1920) · page 8

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
15 (30.4.1920)
Date
1920-04-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 15 Wie war es doch in den Zeiten Ezechiels und seiner von Prophetengeist erleuchteten Nachfolger, um Israel, von unserer Gegenwart verschieden. Wir waren damals, wenn auch unterschiedliche Mundarten redend, Hebräer, der Sprache nach einheitlich. Die Zerstreuung hat sich nur über Gebiete des Orients erstreckt und das Gros der Exulanten ist aus an schwere Arbeit gewohnten abgehärteten Ackerbauern und Winzern bestanden. Dazu kommt noch in Betracht, daß die große Zerrüttung nur Jahrzehnte alt war und daß sich die alte Gliederung in Stämme und Familien auch über die ärgsten Zeiten erhalten hatte und Formen und Ueberlieferungen der heimatlichen Gegenden noch vielen im Gedächtnisse vorgeschwebt und ein reges Heimatsgefühl vorhanden war. Nun ist unser Stamm über den ganzen Erdball zerstreut, nirgends durch eigene Macht geschützt und seine Hauptmassen leben bereits so lange im Abendlande, als die Vorfahren ehestens im Morgenlande gelebt haben. Sechzig Generationen haben bereits in europäischer Erde ihre Gräber gefunden und der Boden, der die Neste der Ahnen, Eltern oder Verwandten birgt, ist, wo er bekannt, jedem Israeliten heilig. Jeder von uns betrachtet die Gegend, in der er das Licht der Welt erblickt hat und aufgewachsen ist als seine Heimat. Das jüdische Kind hat nicht minderleicht Heimweh als jedes andere und auch das Herz des Erwachsenen schlägt höher, wenn er nach längerer Abwesenheit den heimatlichen Boden betritt. . Der gesittete' Israelit hält sich an die. Lehre des Propheten Jeremias, erachtet es als Pflicht, das Wohl der Vaterstadt zu fördern und liebt sein Vaterland mehr als manche, die sich darin für autochon hallen und sich in Patriotismus blähen. Der gcsinnungstreue Jude jeder religiösen Richtung ist ein guter Patriot des Staates und Landes, dessen Gesetze seinen Schutz und seine Wohlfahrt fördern und nimmt an den Leiden und Freuden seiner ihn umgebenden Mitmenschen aufs innigste teil. Unsere Kulturbund Bildung ist in der Regel die des Volkes, in dessen Mitte wir leben und wie mit Art und Anstand verhält es sich auch mit Unkultur und Unart. Daher kommt es, daß -in der Judenheit die mannigfachsten guten und unguten, schönen und unschönen Entlehnungen, aus dein Leben ihrer Umgebungen Vorkommen und daß, wie anbei die Bewohner des einen und des anderen Landes und Gebietes ihre Teile einander ganz kulturfremd sind. Die jüdischen Mütter in den verschiedensten Ländern der Welt reden die mannigfachsten Sprachen, das ergibt der Mnttersprachen in erheblicher Zahl, daß auch das Hebräische irgend darunter wäre, ist zumindest unbekannt. Den Verschiedenheiten der Vaterländer, Landmannschasten - und Sprachen gemäß gestaltet, ist auch der Patriotismus unserer Stammesangehörigen, in jedem Staate von anderer Art, so daß in ihm alle nur möglichen, oft sehr entgegengesetzten politischen Richtungen vertreteil sind. Fast überall ohlie Bauernstand, auf Handel und Gewerbe angewiesen, in jeder Hinsicht abhängig, der Güte und Ungüte der Gesetze und den Stimmungen unter denen sie gehandhabt werden, in allen Staaten und Ländern überantwortet, sind wir eine politisch nirgends selbständige Meuschenklasse. Wir sind wohl trotz all dieser^Mängel ein Volk zu nennen, weil die Bezeichnung, in ihrer Ursprünglichkeit, nur Menschenmenge bedeutet und bei dem Worte nicht an weitere Beziehllngen gedacht werden muß, unsere Gesamtheit Nation zu heißen, wäre jedoch verfehlt, weil man im Sprachgebrauch darunter eine politische oder sprachliche Gemeinschaft versteht und wir eine solche schon längst nicht mehr bilden. Ausnehmender Weise hat sich Israel, obgleich um Land und S^taat und gemeinsame Umgangssprache, gekommen, als Stamm erhalten; während jeder andere Volksstamm schon längst den einstürmenden Gewalten und schleichenden Versuchungen samt und sonders erlegen, in volle Auflösung geraten und durch Vermischung verschwunden wäre. Die Assimilation hat hier eben an der Religion eine Grenze gefunden, die kein Jude, insolange er noch überhaupt Religion hat, bei guten Sinnen freiwillig überschreitet. Der Fortbestand Israels ist nur seinem Festhalten an dem Glaubeil der Vorfahren zuzuschreiben. Es besteht diesbezüglich Gegenseitigkeit; die Religion beseelt den Stamm, daß er sortlebt und der Stamm bewahrt den religiösen Glauben, wodurch selber erhalten bleibt. Das Primäre bleibt immerhin die Religion, weil, der Stamm für unb durch sie besteht und eigentlich schon beim Urbeginn zu ihren Zwecken entstanden ist. L. Mandel. -- (Fortsetzung folgt.) Aus Ungarn. , (Errichtung einer orthodoxen Rabbinerfchnle in Budapest.) Der Präsident der ungarischen orthodoxen Landeskanzlei, Adolf Frankl, äußerte sich einem Interviewer gegenüber bezüglich der notwendig gewordenen Neuorganisierung der jüdischen Orthodoxie in Ungarn u. a.: Wenn die Grenzelt Ungarns definitiv festgesetzt sein werden, werden wir die Generalversammlung einberufen und feststellen, ob wir den Zentralausschuß und die Repräsentanz im alten Status aufrecht erhalten oder im Hinblick auf die Verstümmelung des Landes verringern sollen. Bisher haben die Gemeinden beit Rabbiner und einen weltlichen Vertreter für 6 Jahre in den Landesausschuß delegiert, der aus 100 ordentlichen und 20 Ersatzmitgl'edern gebildet wurde. Diese Abordnung wählte die Zentralkommission, die aus 12 ordentlichen und 5 Ersatzmitgliedern bestand. Nachdem die Zahl der Gemeinden verringert wurde, werden statt der bisher zirka 600 Delegierten nur 250 entsendet werden können, diese werden, aber ebenso die 120 Mitglieder wählen, wie die bisher in. größerer Zahl gewesenen Delegierten. Auf die Verringerung des Status der Repräsentanz wollen wir schon deshalb nicht eingehen, damit wir protestieren und demonstrieren gegen die Verstümmelung des Landes. Besonders wichtig ist die Frage unserer Preßburger Jeschiwah. Diese unsere weltberühmte Institution hat die ganze Welt mit orthodoxen Rabbinern versehen. Niemals werden wir uns damit abfinden, daß wir dieses unser Institut verlieren und niemals werden wir die Hoffnung aufgeben, daß diese Jeschiwah einmal wieder die nnsrige sein wird. Trotz alledem müssen wir mit den Tatsachen rechnen, und so wird die Errichtung einer provisorischen orthodoxen Rabbinatsschule in Budapest zur Notwendigkeit. (Bom Spital der jüdisch-orthodoxen Gemeinde.) Das Kuratorium des neuen Spitals der Budapester jüdischen orthodoxen Gemeinde hat in einer unter dem Vorsitze des Oberrabbiners Koppel Reich abgehaltenen Sitzung Herrn Leopold von Freudiger zum Präses des Ausschusses und den bekannten Arzt Dr. Alexander Dach, der sich auch bisher schon um die Behandlung der Armenpatienten der Gemeinde große Verdienste erworben hat, zum Oberarzt der Jnternabteilnng ernannt. Au der Spitze der chirurgischen Abteilung steht der dirigierende Oberarzt Dr. Max Rosenak. (Ein neues Spital der Pester Chevra-Kadischa.) Die Pester Chevra-Kadischa hat in ihrem Siechenhause, das während des Krieges zu einem Offiziersspital umgewandelt war, ein den modernsten Anforderungen der Hygiene entsprechendes Spital für heilbare Kranke eröffnet, das auf streng ritueller Basis geführt wird und besonders dem jüdischen Mittelstände, der aus leicht begreiflichen Gründen die überfüllten öffentlichen Krankenhäuser nicht gerne aufsucht und in den Privatsanatorien wegen der unerschwinglich hohen Preise keine Aufnahme finden kann, zu Diensten stehen will. Am neuen Spitale — dem dritten jüdischen Spitale Budapests — wirken vier hervorragende Primarien. (Der Pogrom in Permanenz.) Der „Abend" berichtet aus Bonyhad im Tolnaer Komitat folgendes: Am ersten jüdischen Osterfeiertag, den 3. April, umzingelten die Brachialtruppen den Bonyhader Tempel, in dem die ortsansässigen Juden dem Gottesdienste beiwohnten. Die Soldaten entsandten einen Mann in den Tempel mit der Aufforderung an die ihre Andacht. Verrichtenden, sofort das Gebet einzustellen. Den Kultusvorsteher, dessen die Soldaten zuerst ansichtig wurden, prügelten sie so blutig, daß er weggeschafft werden mußte. Sein

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