Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 15 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Jüdische Korrespondenz Seite 9 Schicksal teilten dann die übrigen Tempelbesucher. Die Vorstände der beiden Bonyhader christlichpolitischen Parteien, Molnar Janos und Weber.Jstvan, legten sich ins Mittel und nahmen zum Schutze der unschuldigen Juden gegen die Horthy-Horde . Stellung. Ihren Protest lohnten die Brachialmänner, indem sie sie blutig schlugen. Einem 63jährigen leidenden Juden schnitten die Soldaten den Bart ab, tauchten denselben in Fett und zwangen den Greis, das Barthaar aufzuessen. Die Rasereien der Brachialtrnppe in Bonyhad bringen sowohl die christliche wie auch die jüdische Bevölkerung zur Verzweiflung. Die Truppe, die dort ihr Unwesen treibt, hat sich früher unter der Arbeiterschaft von Salgotarjan die unmenschlichsten Grausamkeiten zuschulden kommen lassen. (Das Blutregime in Keeskernet.) Am vorletzten Peßachtage wurden plötzlich die in der Umgebung von Kecskemet gelegenen Dörfer besetzt und die jüdischen Bewohner von Jzsak, Fülöpszallas, Orgovany, Kiskunmajsa und der übrigen Ortschaften erhielten den Befehl, binnen 48 Stunden ihren Wohnort in den betreffenden Dörfern zu verlassen. Jeder Jude, der nach Ablauf dieser Frist von der Offiziersbrachialgewalt in den Dorfgemeinden angetroffen werde, werde unbarmherzig hingerichtet. Sofort, nachdem der Befehl mittels Trommelschlages in den Straßen der Dörfer verkündet worden war, schritten die Offizierskollegen des Iwan Hejjas, des Busenfreundes von Horthy, an die blutige Arbeit. In der Gemeinde Jzsak wurden sämtliche Juden des Dorfes, Männer und Frauen, auf einen Platz zusammengetrieben, in brutalster Weise mißhandelt und mit Stockschlägen traktiert. Mit Gewehrkolben wurde auf die Unglücklichen eingehauen. Dem einen wurde die Barschaft von 40.000 Kronen geraubt und auch die übrigen wurden ausgeplündert. Zum Schluffe wurden die Inden aus dem Dorfe hinausgepeitscht. Und Hejjas konnte stolzerfüllt melden: In Jzsak gibt es keinen Juden mehr! Auch in Fülöpszallas gibt es keinen Juden mehr, sie mußten bis spätestens Donnerstag nachts 12 Uhr das Dorf verlassen. Frau David Groszy 'eine gebrochene Greisin von 88 Jahren, wurde von ihrem Sohn, dem Fleischhauer Groß, aus dem Krankenbett gehoben, da man selbst diese hilflose Greisin trotz Flehens ihres Sohnes nicht länger im Dorfe dulden wollte. Zn mitternächtlicher Stunde nahm der unglückliche Sohn seine kranke Mutter auf die Arme und schleppte sich mit ihr aus dem Dorfe. Am Dorfrande wurde diese Menschenruine in den Annen ihres Sohnes von einem Offizier des Detachements in bestialischer Weise mit den Füßen gestoßen, „weil sie gewagt hatte, nach der anberaumten Frist die Luft der kernmagyarischen Gemeinde mit ihrem jüdischen Gestanke zu.verpesten." Rundschau. (Zn den Knltuswahlen.) Laut § 5 der neuen Wahlordnung für die Kultusgemeinde Wien ist das aktive Wahlrecht unter anderem daran geknüpft, daß die für das Jahr der Wahl oder für das vorangegangene Kalenderjahr statutengemäß vorgeschriebene Knltussteuer bis zum Ablaufe der Re-! klamationsfrist entrichtet wurde. Es ergeht daher, an jene P. T. Kultussteuerträger, die mit Jber Bezahlung der vorgeschriebenen Kultussteuer im Rückstände sind, das Ersuchen, dieselbe unverzüglich zu entrichten, um den. Verlust des Wahlrechtes zu vermeiden. (Ungarn gegen Judenunterdrückung — in Rumänien?) Die „Nene Züricher Zeitung" läßt sich unter dem bekannten ^-Zeichen aus Budapest berichten: Nachdem der ungarischen Regierung berichtet wurde, daß Rumänien in dem besetzten Siebenbürgen alle Juden, die nach 1910 sich in Siebenbürgen ansässig gemacht haben, aber keine Grundbesitzer sind, ausgewiesen hat, und im Weigerungsfall auch deren Güter zu sequestrieren anordnete, ferner die Beamten israelitischer Konfession, sofern sie weniger als fünfzehn Dienstjahre haben, mit dreimonatiger Gehaltszahlung entlasse, hat sich das ungarische Ministerium mit einer scharfen Protestnote an die alliierten Missionen in Budapest gewandt. (Die Juden in Rumänien.) Der Beschluß des Obersten Rates, Beßarabien mit Rumänien zu vereinigen, wurde der rumänischen Regierung durch eine Note bckanntgegeben, in der es heißt: „Indem die alliierten und assoziierten Mächte den moldauischen Charakter Beßarabiens und den Willen seiner Bevölkerung, welche sich für die Bereinigung mit Rumänien ausgesprochen hat, in Rücksicht ziehen, sind sie bereit, diese Vereinigung zu gestatten und darüber ein Abkommen zu 'chließen, sobald die hiefür notwendigen Bedingungen erfüllt ind. Die Alliierten rechnen darauf, daß die allgemeinen und besonderen Interessen Beßarabiens im Hinblick auf seine Beziehungen zu den Nachbarländern geschützt und daß die Rechte der Minderheiten in Beßarabien und den anderen Teilen des rumänischen Staates geschützt werden. Sollten sich in diesen zwei Fragen irgendwelche Schwierigkeiten ergeben, so werden sie der Entscheidung des Völkerbundes überantwortet werden." Diese Erklänmg des Obersten Rates ist von besonderer Wichtigkeit für die Rechtsstellung der vielen Juden Beßarabiens, auch der Juden im ganzen rumänischen Staate. Es ist nun abzuwarten, ob der Oberste Rat, beziehungsweise der Völkerbund die Autorität haben wird, Rumänien zu einer ehrlichen Politik gegenüber seinen Bevölkerungsminderheiten, insbesondere den Juden, 31t verhalten. (Die Abschaffung der Rechtsbegrenzungen gegen die Juden in Polen.) In Polen ist noch eine Reihe von die Rechte der Juden begrenzenden Gesetzen in Kraft, die noch zur Zeit des zaristischen Regimes in Rußland geschaffen worden waren, lieber Vorschlag der jüdischen Abgeordneten in der polnischen Nationalversammlung beschäftigt sich der Rechtsausschnß mit dieser Angelegenheit, der den jüdischen Abgeordneten Hartglas mit dem Referate betraute. Auch das Ministerium des Innern hat zum Studium der Frage einen eigenen Referentenausschuß eingesetzt. In einer vor wenigen Tagen abgehaltenen Beratung des Abgeordneten Hartglas mit diesem Referentenausschuß wurde zunächst festgestellt, daß die polnische Regierung gegen die Abschaffung der iukriminierten Gesetze nichts einzuwenden habe, jedoch fordere, daß die auf Grund eines dieser zaristischen Gesetze noch aushaftenden Schulden für die Pflege von jüdischen Kranken in den öffentlichen Spitälern unbedingt eingefordert werden, da die Streichung dieser Post in dem Budget der Regierung ein empfindliches Defizit verursachen würde. Abgeordneter Hartglas bestand jedoch namens der jüdischen Fraktion auf die Streichung, da eine Forderung, die. auf Grund eines unmoralischen Gesetzes entstanden ist,. entweder völlig erlöschen oder von der Gesamtheit der polnischen Bevölkerung und nicht von den Juden allein gedeckt werden müsse. Die Forderung, um die es sich hier dreht, enstand infolge des Gesetzes, welches den Juden eine eigene Heilungssteuer im Falle ihrer Behandlung in einem öffentlichen Spital vorschrieb. (Eine Reminiszenz.) Ein Wiener Montagblatt veröffentlicht einen Geheimbericht des Polenklnbs an den österr.- ung. Minister des Aeußern im Jahre 1916 über die Zustände im damaligen Okkupationsgebiet. Der Bericht berührt auch die Judenfrage und sagt u. a.: „Die führenden polnischen Kreise denken über die Juden nichts weniger als antisemitisch; hat ja in Galizien im Laufe der Jahrzehnte die nationale Assimilierungspolitik gewisse Erfolge aufzuweisen gehabt. Aber schon in Galizien hat sich gerade in der Kriegszeit das Verhältnis zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung recht verschlimmert. Nicht bloß der polnische Jude, sondern zum Teil auch der fremde, von der russischen Regierung im Laufe des letzten Jahrzehntes aus Litauen nach dem Königreich Polen mit Gewalt hinausgejagte, der polnischen Sprache mit keinem Worte mächtige russische Jude („Litwaki") gilt heutzutage bei der Bevölkerung als der Allmächtige. Er kann angeblich mit seiner deutschen Sprachkenntnis alles beim Amte erwirken, er kann vom Amte jedes Geschäft erhalten, kann für jedermann jedes Geschäft vermitteln. Das ist wohl nicht richtig. Aber die Bevölkerung glaubt daran und die antisemitischen Instinkte nähren sich in einer solchen Weise, daß schon jetzt Gefahren vorausgesehen werden müssen. Der Polenklub ist sicher weit entfernt, der österreichischen Verwaltung im Königreiche Polen eine antisemitische Richtung anzuempfehlen; er glaubt jedoch eine Aenderung jenes Kurses anregen zu sollen, welcher es