Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1920-04-30 · 15 (30.4.1920) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
15 (30.4.1920)
Date
1920-04-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3495278-3495461-3495475--1320-3497217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 15 mehrere hunderttausend Kronen belaufen, unmöglich im eigenen Kreise aufbringen konnten. Da versuchten wir bei den ausländischen Missionen die Gratisfahrt zu erwirken. Wir hatten diesbezüglich in London und Paris Schritte unternommen und uns wurde jede- Unterstützung mit Lebensmitteln und Beistellung von Transportmitteln zugesagt. Aber die Hauptsache, die Reisespesen, wurden uns nicht bewilligt. Da haben wir uns entschlossen, nach Triest, wo wir schon früher Verbindungen angeknüpft hatten, zu reisen. Im Vereine mit der Mädchengruppe der Agudas Jisroel wurden die nötigen Schritte unternommen und die bekannte Agudistin Fräulein L o rb e e r b a u m hat sich hiebei unschätzbare Verdienste erworben. Die Reise hätte vollen Erfolg. Es wurden uns 300 Gratis- Schiffsplätze von Triest bis Jaffa zugesagt. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Es war dies schon damals ein Ersparnis von X 1,800.000. Jetzt war aber noch immer nicht die ganze notwendige Arbeit vollbracht. Denn, wenn auch schon die Mittel zur Heimbeförderung zustande gebracht wurden, so blieb noch die Sorge, die Pässe, die Visa und die Einreisebewilligung nach Erez Jisroel zu verschaffen. Wir mußten aber an die Vollendung schreiten. Tie schrecklichen Verhältnisse, welche in Ungarn herrschen, haben uns zur raschen Arbeit gedrängt. Die Palästinenser, denen die Jnternierungsgefahr drohte, mußten aus Ungarn abgeschoben werden. Es wurden von uns sofort Schritte unternommen, die Einreisebewilligung, die damals so schwer zu erwirken war, zu erhalten und so ist der erste Transport der Agudas Jisroel-Jugendgruppe mit 60 Personen am 3. Jänner in Wien eingelangt. Die Leute mußten damals, da wir denselben die Pässe und Visa verschaffen mußten, andererseits da wir Delegierte von uns nach Triest zwecks Vorbereitungen der Abfahrt entsenden mußten, sich in Wien sechs Wochen aufhalten. Die Leute hier mit Lebensmitteln und mit Quartier zu versehen, erforderte auch etwas Arbeit. Nachdem einige noch mit Kleidern und Wäsche versehen wurden, ging dieser Transport am 18. Februar von hier ab. Meine Herren! Ich muß ihnen aufrichtig sagen, daß der Transport besser ausgefallen ist, als wir rechneten. Die englische Regierung hat uns drei Lastautos für den Transport zur Südbahn und Lebensmitteln für den Weg gratis beigestellt. Bei der Südbahn haben wir eine 50prozentige Ermäßigung bis nach Triest erwirkt. In Triest wurden die Leute in Autos in das direkt für sie bestimmte Quartier befördert und während ihres dreitägigen Aufenthaltes rituell verpflegt. Für ihre Reise wurde ihnen auf dem Schiffe eine koschere Küche eingerichtet und für Schlafgelegenheit gesorgt. Sie sind nach 14 tägiger Fahrt in Erez Jisroel eingelangt. (Lebhafter Beifall.) Die Leute können nicht genug Lob und Dank der Jugendgruppe und allen, die sich an dieser Arbeit beteiligt haben, aussprechen. Wir wollten aber ganze Arbeit leisten. Wir haben aus Erez Jisroel Informationen eingeholt und sind uns schrecklich schlechte Berichte über die dort ohne Parnosse lebenden Palästinenser eingelausen. Um die Leute, die Heimreisen wollten, nicht wieder dem Elend preiszugeben, mußten wir an eine Existenzgründung schreiten, und es war klar, daß wir die Leute nur für ein Handwerk, das sie in kurzer Zeit erlernen können, interessieren sollen, da einerseits die gewöhnlichen Handwerker, wie Schuster, Tischler usw., die in genügender Zahl ausgewandert sind, sich nicht ernähren können, andererseits wieder Feldarbeiter, die Schabbos halten wollen, vorläufig schwer Beschäftigung finden können; so haben wir eine Maschinenaktiön für heimkehrende Palästinenser eingeleitet. Die Leute wurden von uns in einem Stricklehrkurs in der Handhabung der Maschinen unterrichtet und wurden ihnen bei ihrer Heimreise Maschinen beigestellt. Wir haben damit das Richtige getroffen. Wir erhielten Berichte, daß sich draußen die Leute mit diesem Handwerk sehr gut ernähren können. Bis jetzt haben wir 18 Maschinen Heimkehrern mitgegeben und haben noch einige Maschinen in Reserve. Mit diesen verbesserten Vorbereitungen ging der zweite Transport, bestehend aus 20 Personen, am 24. Februar ab, und haben wir diesem Transport 50 Flüchtlinge aus dem Nikolsburger Lager angeschlossen. Der dritte Transport ging am 24. März, bestehend aus 60 Personen, die aus Budapest ausgewiesen waren, von hier ab. Gegenwärtig weilen hier 40 Personen, ebenfalls ungarische Flüchtlinge, und werden auch diese nächste Woche mit noch einigen Wiener Familien m. G. H. abreisen. Bis heute sind insgesamt 230 Personen von der Agudas Jisroel- Jugendgruppe gratis befördert worden und haben bis jetzt an 'Spesen X 1,400.000 erspart. (Lebhafter Beifall.) Zur Zeit warten noch in den verschiedenen Teilen der ehemaligen Monarchie 280 Personen auf ihre Heimbeförderung. Wir haben bereits die nötigen Schritteunternommen, um ihre Heimreise zu ermöglichen und hoffen, daß wir in kürzester Zeit sämtliche Palästinenser Flüchtlinge heimbefördert haben werden. Wir können und wollen aber dabei nicht bleiben. Wie ich ihnen bereits anfangs erwähnte, wird die Agudas Jisroel- Jugendgruppe mit der Agudas Jisroel selbst und allen übrigen maßgebenden Stellen gleich den anderen Landesorganisationen der Agudas Jisroel, wie Polen, Deutschland und die Schweiz, ein Palästina-Amt schaffen, das sich in erster Zeit mit der Heimbeförderung, späterhin mit der Emigrationsfrage zu befassen haben wird. Früher aber werden wir an die bereits notwendige Handwerksschule schreiten müssen. Unsere geschilderten Erfolge und die in der nächsten Zeit stärkere Inanspruchnahme unserer Aktion haben uns bestimmt, eine Handwerksschule für die heimzubefördernden und später auswandernden Palästinenser zu gründen. Diese Handwerksschule soll dann zu einer bleibenden Institution für hier und Palästina ausgestaltet werden. Ihnen näheres, spezielles über die beiden erwähnten Punkte mitzuteilen, bin ich heute selbstredend noch nicht in der Lage. Die Vorbereitungen sind getroffen. Die Arbeit hat auch schon begonnen. Wir haben uns ein hohes und erhabenes Ziel gesteckt. Große und schwierige Aufgaben warten ihrer Lösung, an der wir arbeiten wollen. Unsere zukünftige Arbeit erfordert Leute, die verständnisvoll an unserem Werke Mitarbeiten wollen. Ich will meine heutigen Ausführungen mit der Aufforderung schließen: Nehmen sie Teil an unseren Arbeiten mit ganzer Kraft, mit ganzem Vermögen, denn was wir hier begonnen, ist der Grundstein eines gewaltigen jüdischen Wiederanfbauwerkes. (Händeklatschen und langanhaltender Beifall.) _ (Schluß folgt.) Mädchengruppe der Agudas Jisroel. Nach Ablauf der Pessachfeiertage, welche der Mädchengruppe reichliche Gelegenheit boten, sich aus sozialem Gebiete (Krankenbesuch, Ausspeisung) zu betätigen, wurden die Lehrkurse mit dem Schiur des Herrn Rabbiner A. Weiß am 27. April eröffnet. Vorläufig finden im kleinen Saale der Jugendgruppe der Agudas Jisroel, DL, Obere Donaustraße 69, folgende allwöchentliche Schiurim statt. Dienstag, 6 bis 7 Uhr: Rabbiner A. Weiß. Samstag, 11 bis 12 Uhr: Herr Dr. I. Lemberger. Spenden der Mädchengruppe. Durch Fräulein Johanna Baumgarten X 500-—. Orthodoxe Jugendgruppe. Wien, II.. Obere Donaustraße 69. 34. Spendenliste. In der abgelaufenen Woche sind der Jugendgruppe nachstehende Spenden zugegegangen: Orthodoxe Jugendgruppe: Wolf Stern, Bielitz-Biala, X 100'—, Moses Wundermann zu Ehren des Herrn Doktor M. Erlanger, Luzern, K 100 —, Osias Wagschal X 100'—. Maschinenaktion für heimkehrende Palästinenser: Sammlung Elemer Felsenburg X 880'—, Sammlung Max Adler X 180'—. Krankensürsorgesektion: S. F. X 20'—, Sandor Adler X 50'—. Propagandasektion: Sig. Bondi X 10.000'—. Jeschiwosektion: Sal. Schreiber X 1000'—, N. N. c-K 200'—.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.