Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 15 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Jüdische Korrespondenz Seite 3 das Mandat über Palästina erhält, woran nicht zu zweifeln war. Nicht einmal die Grenzfrage zwischen England und Frankreich wurde gelöst, derart, daß die zukünftigen Grenzen des angeblichen „jüdischen PalästinT" noch offen bleiben. Dieser Punkt ist aber einer der wichtigsten. England verpflichtet sich, dem Völkerbund den Statutenentwurf für Palästina vorzulegen. Sehr schön! Aber der Völkerbund existiert ja gar nicht, und es ist keine Aussicht vorhanden, daß derselbe ins Leben trete angesichts der Stellung Amerikas, das von einem solchen gar nicht hören will. Das ganze bleibt also ein Hinausschieben auf die lange Bank — je nach dem Wunsch Englands, "das den besten Willen haben mag, aber sich mit der arabischen Frage befassen muß. Damit ist aber der wundeste Punkt der ganzen Angelegenheit berührt. Faisul zeigt wenig Lust, sich von den Westmächten etwas diktieren zu lassen. Die Meldungen aus Palästina besagen einstimmig, daß die englischen Behörden sich den Pogromen in Jerusalem gegenüber passiv verhalten haben, wohl im Sinne der geheimen Instruktionen, die Araber nicht zu reizen. Dies wird auch fernerhin der Fall sein. Die Verurteilung Jabotvnskis zu 15 Jahren Zwangsarbeit — desselben Jabotynski, der so eifrig die englische Orientierung des Zionismus gefördert hat — zeigt, welcher Wind heute in England weht. Ist es nicht Selbstbetrug, sich angesichts dieser Sachlage übertriebenen Hoffnungen hinzugeben und zu jubilieren? Besonders bedenklich scheint die folgende Meldung: Berlin, 26. April. Die „Vossische Zeitung" meldet aus San Remo: Die Konferenz habe beschlossen, in den türkischen Friedensvertrag die bekannte Erklärung Balfours einzufügen, welche bestimmt, daß Palästina eine nationale Heimstätte für die Juden werden solle, die die gleichen Rechte wie die Araber in Palästina und die Juden in den andern Ländern haben werden. Darnach hätten also die Juden in Palästina dieselben Minoritätsrechte wie in Polen und Rumänien zu erhalten. Somit alles im Sinne der Wünsche Faisuls! Ulssimcha ma su außo? Was ist da zu jubilieren? Ein Erfolg ist immerhin da — das soll nicht geleugnet werden; auf dem Wege zur Erreichung der jüdischen Rechte in Palästina ist eine weitere Etappe zurückgelegt. Aber nur keine Uebertreibungen und Selbsttäuschungen. Seit der Zerstörung des Beth-Hamikdasch ist es den Juden verboten, aus vollem Halse zu lachen! — sagen die Weisen des Talmud. Bei jeder jüdischen Familienfeier, Verlobung oder Hochzeit, wird ein tung für die Abfallbewegung unserer Jugend lastet, wehe unfern Renegaten, die fkruppellos die eigenen Brüder zum Freiwild machen, wehe unseren allgewaltigen indifferenten Kultusdespoten, die eine böse Saat säen, die den Geist der Jugend verkrüppeln und verstümmeln, die mit der dichten, finstern Unkenntnis unserer Jugend das jüdische Volk schänden und Verrat üben an: Judentum, das unserer Kamarilla in der Gemeinde das Mittel zur Erlangung von Ehrenstellen ist. Wehe den Tyrannen in den Gemeinden, die die Jugend untergehen läßt, die streiten, bis unsere kostbare Jugend in den Wellen versinkt. Ein Kind siel in einen Fluß, so wird in einem Buche erzählt. Am Ufer' standen die Führer des Volkes. Sie erkannten die Gefahr, in der das. Kind schwebte. Aber — anstatt zu helfen, begannen sie, zu streiten, wie das Kind zu retten sei. Der eine wollte in den Fluß springen, der andere warnte — das ist zu gefährlich — dort drüben werden die Wellen das Kind ans Land treiben, dann -. Der erste erwiderte — bis dahin ist das Kind ertrunken, — der Zweite — wie du willst-bis das Kind in den Wellen versank. Unsere modernen Führer streiten und streiten, und inzwischen ist unsere Jugend ein Raub der Flammen des Judenhasses und eine Beute der Lethargie in unserer Mitte. Sollen wir etwa verzagen und verzweifeln? Nein, wenn sich auch die ganze Welt gegen uns wenden mag. dürfen wir unfern Glauben an unsere Zukunft nicht aufgeben. Der Winter ist die Vorbereitungszeit für den Frühling, so ist es in der Natur und so ist es im Leben unseres Volkes. Nach der Leidenszeit bricht das goldene Licht des Lebensglückes hervor. Aber nichts anderes kann uns die Gegenwart vor Verkennung, Neid und Haß sichern, bewahren und hüten, nichts anderes kann unsere Jugend vor dem Untergange schützen, als uns zu hüllen in das Gewölk des Glaubens, der Liebe und Treue gegen das Judentum. Wer da will, daß der jüdische Name in der Welt geehrt und anerkannt werde, der trete frei und offen als Jude, als Sohn der heiligen Thora auf. Mit Recht hat man Israel das klassische wertvolles Gefäß zerschlagen, um jede übermütige Freude zu bannen. So sollte man auch in diesem Momente handeln. Blumen, Flaggen, Festversammlungen, was soll das alles in dieser ernsten Stunde, da noch so schwere Prüfungen bevorstehen. Halten wir uns stets vor Augen: Im Haschan lou jiwne bajis, schovv omiu baunow bau! Nicht durch diplomatisches Spiel, durch Gottes Hand wird Israel erlöst werden! Die Vorgänge rn Palästina. In der letzten Nummer des „Haolam" befaßt sich A. Davidsohn mit der bis heute noch ungeklärten Frage, wo eigentlich die Urheber der in der allgemeinen Volksstimmung durchaus nicht begründeten judenfeindlichen Ausschreitungen in Jerusalem zu suchen seien. Er weist zunächst darauf hin, daß alle bisher veröffentlichten Berichte sich um diese Frage herumdrücken und die offiziellen Mitteilungen des Reuter-Bureaus einerseits die Sache als harmlos, andererseits als den Ausbruch eines angeblich lang verhaltenen Zornes der Araber über den Zionismus darzustellen versuchten. Ausfällig sei jedenfalls, daß die Plünderungen sich zwei Tage wiederholen konnten und die britische Verwaltung nicht die Mittel fand, um dies zu verhindern, lieber die Rolle der Beamten der britischen Verwaltung schweige sich Reuter gründlich aus und dies allein sei ein untrüglicher Beweis dafür, daß die Administration in Palästina an den beschämenden Vorgängen mitschuldig ist. Es sei nunmehr kein Zweifel, daß die britischen Beamten in Palästina durch diesen von ihnen geduldeten und vielleicht auch geförderten Pogrom den Zweck verfolgten, die englische Zentralregierung in einem den Zionisten ungünstigen Sinne zu beeinflussen. Es sollte dadurch in London der Eindruck hervorgerufen werden, daß die Araber den Zionismus und eine zionistische Orientierung in Palästina mit allen gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln zu bekämpfen bereit seien. Die Beamten der britischen Verwaltung in Palästina waren .von Anfang an den an sie gestellten hohen Anforderungen nicht gewachsen. Es waren Durchschnittsbeamte, die für die verschiedenen verwickelten Fragen, die sich bei einer Neugestaltung der Dinge in Palästina naturgemäß ergeben müssen, nicht das geringste Verständnis aufbrachten. Sie haben Verfügungen erlassen, die nicht nur gegen das Interesse des Zionismus, sondern auch gegen dasjenige des von - ihnen vertretenen britischen Reiches verstießen. Die zionistischen Kommissionen mußten gegen solche Verfügungen, die sich immer mehr und mehr wiederholten, Berufungen einbringen und Beschwerden erheben, welche eine Widerrufung dieser Ver- Volk der Religion genannt. Seine geschichtliche Größe liegt auf dem Gebiete der Gotteserkenntnis Hingebende Pflege, aufopfernde Liebe für das Vermächtnis unserer Urahnen muß das Losungswort sein für die Erziehung unserer Jugend. Der geächtete, vogelfreie übeik die ganze Erde gehetzte Jude muß seinen erhabenen Stolz darin fühlen, Träger und Dulder für unsere Thauro zu sein, in welcher sich die Ewigkeit unseres Volkes abspiegelt und von welcher das Heil und die Erlösung der Welt ausgehen soll. Das hohe Bewußtsein von seinem hohen Befreiungsamte erhält den Leidenden aufrecht. Wenn wir diese Anhöhe erreicht, dann vergessen wir unser Leid, denn mir ists, als spränge im Herzen lebendig mir der Quell von meines Volkes Schmerzen. Die sprudeln ewig hell. Jugend, aus deine Thorakraft wir vertrauen Der ganzen Welt mußt ringend du beweisen, daß noch die Thorasianune in dir loht. Und wisse, bricht die Not auch Eisen, der eiserne Thorawille bricht die Not. Es sind Nationen spurlos schon vergangen, entschwunden in der Zeiten ewigem Laufe, du, mein Israel, blühst stets in neuem Prangen und wächst stets zu neuem Leben auf. Und selbst bedrückt, verjagt, umhergetrieben, bist du im Elend stark und fest geblieben. Naar hojissi wegam soicanti. Mitten im Bedrängnis wirst du noch jung werden; es war finster in unserm Lager, aber die Finsternis weicht, das Dunkel wird erhellt vom Lichte der Thora Darum auf, Israel, raff' dich auf. Nicht länger sollen die Hände feige ruhn in deinem Schoß. Von dir, von dir allein, von deiner Jugend, hängt ab dein ganzes Los. Allein mußt du entfalten deine Glaubensschmingen. Allein nach deinen Idealen jagen. Allein' dich auf die See des Lebenskampfes wagen, Allein, allein anch deinem Frühlingshimmel ringen.