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Jüdische Korrespondenz · 1920-04-30 · 15 (30.4.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
15 (30.4.1920)
Date
1920-04-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 15 Blut und Blumen. (Zur Palästinafrage.) „In London herrscht großer Jubel. Die Gebäude der zionistischen Organisation sind beflaggt, die Räume mit Blumen geschmückt. Ein großes Festmeeting beginnt soeben." — So lautet eine zionistische Meldung aus London im Anschlüsse an die Nachricht, daß die Diplomatenkonferenz in San Remo Palästina den Juden zugesprochen hat. Nach den blutigen Ereignissen, deren Schauplatz Palästina und Jerusalem 'in den letzten Wochen waren, nach der antizionistischen Haltung der Araber, nach der offenen Jntrigue Frankreichs und der zweideutigen Stellung Englands ist es begreiflich, daß die zionistischen Kreise ob der Nachricht aus San Remo in überlauten Jubel ausbrechen und sich vor Freude kaum fassen können. Müssen sie ja heute offen zugeben, daß sie in den letzten Wochen dem Verzweifeln nahe waren und Gefahr liefen, wie die diversen Pseudo-Messiasse als Volksbetrüger gebrandmarkt zu werden. Die Beschlüsse zu San Remo bedeuten für sie eine moralische Rettung — und deswegen der ''Jubel,, die Flaggen und die Blumen, die das in Jerusalem, Tel-Chai und Metula vergossene jüdische Blut verhüllen sollen. Allein, so grausam es auch erscheinen mag, jemandem die Freude trüben zu wollen, wir können nicht umhin, auch in dieser jubelvollen Stunde, da der zionistische Himmel voller Geigen hängt, vor jeder Üebertreibung zu warnen. Das, was angeblich in San Remo geschah — vorläufig liegen darüber nur höchst ungenaue, unoffizielle, scheinbar von zionistischer Seite inspirierte Meldungen vor — bedeutet im besten Falle nur eine moralische Rettung der zionistischen Politik. Von einem greifbaren Erfolge der jüdischen Sache in Palästina sprechen zu wollen, hieße, sich selbst betrügen. Wenn Max Nordau heute als Journalist austritt und begeistert ausruft: „Le jour de gloire est arrivd!“, so wäre er uns gerade in diesem Momente als kritischer Schilderer der „Konventionellen Lügen" viel eher willkommen. Denn das, was den Juden' in San Remo angeblich zugesprochen wurde, ist höchst fraglicher Natur. Sehen wir uns einmal die bezüglichen Meldungen näher an. Sie lauten: London, 25. April. Reuter meldet aus San Remo: Die Konferenz von San Remo hat beschlossen, die Balfour-Erklärung, welche Palästina als nationale Heimstätte für die Juden bestimmt, in den Friedensvertrag mit der Türkei einzuverleiben. Ferner wird unter dem gleichen Datum gemeldet: Der Oberste Rat hat das Mandat über Palästina an England übertragen Lrühlingsempfin düngen. Von Rabbiner Dr. E. Landau (Boskowitz). Was zagst du, Israel, in solchen Tagen, wo selbst die Dornen Rosen tragen. O Israel, gib dich zufrieden. Es ist ein großer Frühlingstag dem jüdischen Volke beschieden. .Es tönt ein Frühlingsgruß aus warmen sehnsüchtig ausschauenden Menschenherzen, beginnend mit den Worten: Kaul daudi liineh se bo. Die herzliche Stimme meines Frühlingsfreundes, sieh, sie läßt sich vernehmen. Der Frühlingsmonat Nissan,' der ist der Monat unserer Freude. Da wird die Erde frei vom Winterkleide. Da wacht die Knospe auf mit frohem Leben zum Lichte zu streben. Und die linden Lüfte sind erwacht. Sie säuseln und wehen Tag und Nacht. Offen stehen des Himmels Pforten. Niederströmet selige Lust. Ueberall und allerorten blühts und blühts in jeder Brust. 'Vom Frühlingsglanze ist auch unser Haus umstrahlt. Israel steht heute und feiert'einen Frühlingsmonat, ein Frühlingsglück. Laut und feierlich erklang unser Festgesang an unserm ersten Frühlingsabend, am Geburtstage des jüdischen Volkes, am - Frühlingstage in der Natur und in der Geschichte. Der Herr hat uns herausgeführl aus Knechtschaft zur Freiheit, aus Trauer zur Freude, aus Betrübnis zur Festwonne, aus Finsternis zum Lichte. Der Frühlingsbote kommt zu uns, um uns zu heilen von unseren qualvollsten Leiden, an denen das Menschenherz noch immer blutet. Die göttliche Erlösung Israels ist das glühende Morgenrot am Himmel der Menschheit. Durch den Eintritt Israels in die Weltgeschichte und dessen Auftreten auf der Weltbühne der Freiheit und Gleichheit, ist für das gequälte Gemüt der Menschheit ein neuer sonniger Frühlingsgeist angebrochen, der den ägyptischen Kastengeist zu beseitigen begann. Israel erhellte wie Tageslicht die düstere Nacht der ägyptischen Unterdrückung der Menschheit. Toir keaor jaum cheschkas lajloli. Mitten in den trüben Wajbi baclizi kalajlo Lebens-¬ und überläßt es Frankreich und England, über die Erledigung ber Grenzfrage im gegenseitigen Einvernehmen zu entscheiden. England hat die Bestimmungen vorzubereiten, laut welchen das nationale Heim für das jüdische Volk geschaffen werden soll. Der Schutz der religiösen Gemeinschaften, welcher bisher durch Frankreich ausgeübt wurde, soll in Hinkunft den sechs Vertretungen der in Betracht kommenden Mächte übertragen werden. Die Frage der Ueberwachung der heiligen Stätten soll in Kürze entschieden werden. London, 26. April. Alle (?) Meldungen aus San Remo 'timmen darin überein, daß der Beschluß der Friedenskonferenz die Inkorporation der Balfour-Deklaration in den Friedensvertrag mit der Türkei bestimmt. Demnach wird Palästina die nationale Heimstätte für die Juden werden. Die Rechte der Araber sollen volle Berücksichtigung finden. Das Mandat über Palästina erhält England, welches mit diesem Mandat auch die Aufgabe übernommen hat, den Entwurf einer Verfassung ür Palästina auszuarbeiten, welche die Artikel betreffend die Errichtung einer nationalen Heimstätte für die Juden im Sinne der Balfour-Erklärung enthalten soll. Der Schutz der religiösen Gemeinschaften, der vor dem Kriege von Frankreich ausgeübt wurde, wird nunmehr den Konsulaten der betreffenden Gemeinschaften selbst anvertraut werden. Auch die Frage der Bewachung der heiligen Plätze wird in kürzester Zeit geregelt werden. Die Franziskaner-Ordensbrüder haben an die Friedenskonferenz das Separatansuchen gerichtet, daß zur Ueberprüfung ihrer Angelegenheit, die wiederholt der Ausgangspunkt von Mißhelligkeiten zwischen den einzelnen christlichen Riten gewesen ist, eine Spezialkommission eingesetzt werde. San Remo, 26. April. Es ist endgültig entschieden, daß England das Mandat über Mesopotamien und Palästina, Frankreich das Mandat über Syrien erhalten wird. Berlin, 26. April. Die „Vosfische Zeitung" meldet aus San Remo: Der Oberste Rat prüfte gestern die Frage Palästinas. Die Grenzbestimmung ist noch Gegenstand französischenglischer Verhandlungen. England will sich die Quellen des Jordan- und des Litani-Fluffes ein gliedern, die die Franzosen für Syrien gefordert haben. England verpflichtet sich, dem Völkerbund einen Statutenentwurf zur Genehmigung einzureichen. Den Wünschen der Juden nach Schaffung einer nationalen Vertretung soll entsprechend den bekannten englischen Vorschlägen Rechnung getragen werden. All diese Meldungen find so verklausuliert und wenig sagend, daß — ihre Authentität vorausgesetzt — man noch immer von einer Endlösung weit entfernt ist. Fest steht nur eins, daß England stunden, mitten im herben Schmerze verließ Israel Aegypten, ausgerüstet mit dem Menschheitsaedanken, mit dem Gedanken der Verbrüderung, mit dem messianischen Gedanken der Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Wie sieht es aber in der Zeit der modernen Kultur aus? Wie ist die Lage des Jüdischen Volkes in der Epoche einer Freiheitsbewegung, die alles Religiöse verneint? Weobosobeeb al pne thaum. Auch in der Blütezeit der Demokratie herrscht Finsternis auf Erden, die uns Juden in der Diaspora blutig bekämpft. Allzugroß ist der Jammer in unserm Lager, denn der Kampf der Mächte der Finsternis gegen uns ist noch nicht zu Ende. Einsam und verlaßen steht Israel da, von Menschen geschmäht und von der Umgebung verachtet. Die Demagogen jauchzen, sie haben Oberwasser, sie haben die Volksseele vergiftet und verseucht und den Geist der Unduldsamkeit und Verhöhnung der Judenheit bis in die tiefsten Volksschichten verpflanzt. Unsere Gegner wollen die Jugend dem Judentum entreißen. Darum berückt man sie durch glänzenöe Aussichten auf ein rasches, leichtes Fortkommen. An Stelle der Charakterfestigkeit tritt die Nackenbeugerei und Liebdienerei- Der törichteste und lächerlichste Weg ist, wenn einer meint, dadurch in Ansehen zu steigen, daß er sein Judentum möglichst wenig zeigt, möglichst versteckt, damit die Welt nicht weiß, daß er ein Jude ist Er kann es noch so schlau anstellen, den Juden noch so ängstlich aus dem Wege gehen, noch so wenig in den Tempel kommen, die Welt weiß doch, wo er hingehört. Da nützt nicht einmal die Heirat mit einer Nichtjüdin, nicht einmal die Taufe. Da nützt auch nicht das noble Auftreten, das vornehme Getue, mit dem der Emporkömmling der Welt Sand in die Augen streuen will, da frommt eS nicht, wenn einer ein großes Haus ausinacht und große Gesellschaften gibt, da hilft nicht der Reichtum, und wenn er mit vollen Händen ausgestreut wird. Nicht einmal die Bildung kann die Kluft zwischen sich und den Juden beseitigen. Wehe, wehe unfern Vätern, unfern heroischen Führern in unfern Gemeinden, auf denen die Verantwor-

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