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Jüdische Korrespondenz · 1920-04-30 · 15 (30.4.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
15 (30.4.1920)
Date
1920-04-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K50, halbjährig K25, viertelj jährig K 12*50. Ausland jährlich K 70. j Einzelnummer 1 Krone. j Organ für die Interessen des Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Nr. 15. Wien, 12. Ijjar 5680, 30. April 1920. VI. Jahrgang. Oie Lortv-Luben in Wien. Die Lorbeeren der Horty-Banden in Ungarn lassen augenscheinlich ihre Gesinnungsgenossen in Wien nicht ruhen; sie streben ebenfalls nach dem „Ruhme", mittelst wilder Judenhetzen beit Namen dieser Stadt zu schänden. Die Wiener Universität ist seit zwei Tagen der Schauplatz arger Hetzen, die auch schon zu Handgreiflichkeiten übergingen, Mißhaudlnngen, Zerstörungen und Plünderungen als Begleiterscheinung aufweisen und zu einer „Affäre" auszuarten drohen, die weit über die Grenzen Oesterreichs übergreifen könnten. Die Herren Studenten erhielten auch Sukkurs seitens jener „Dentschnationalen" vom Schlage der Jerzabek (welch echt germanischer Name!), Riehl und Orel, die schon lange darnach lechzen, irgend eine politische Rolle zu spielen und der Meinung sind, dies am besten im Wege einer Judenhetze erreichen zu können. ' ' Das ganze ist genau nach ungarischem Muster angelegt, ihit klerikal-monarchistischem Hintergrund — nur eines fehlt den Wiener Helden: die Brachialgewalt, die in Ungarn den Exzessen Schranken setzten. Dieser Umstand läßt es auch erwarten, daß die Hetze in Wien gar b.ald ihr Ende finden wird. Ohne Brachialgewalt werden die Jerzabek, Riehl und ihr studentischer Klingel bloß Maulhelden bleiben. Immerhin haben wir es da mit einer höchst bedenklichen Erscheinung zu tun und die maßgebenden Stellen sollten es sich angelegen sein lassen, die Strömung im Keime zu ersticken, wenn nicht Oesterreich, das so sehr aus das Wohlwollen der gesamten Kulturwelt angewiesen ist, dadurch zu Schaden kommen soll. Noch auf einen Umstand mag hier verwiesen werden, der etwas eigenartig anmutet. Gerade vor einigen Tagen haben die jüdisch-nationalistischen Mandatare in Wien, Stricker, Plaschkes und Genossen, in einer Versammlung sich gerühmt, daß seit dem Auftreten der national-jüdischen Vertreter im Parlament und .Gemeinderat die Judenfrage in Wien ganz anders als früher behandelt werde; man bringt den Juden „mehr Achtung" (?) entgegen und die Polemik hat viel von ihrem rüden Ton verloren. Die Herren Antisemiten haben sich aber beeilt, dieses Eigenlob der zionistischen Mandatare Lügen zu strafen. Schon die Erwiderung der Abgeordneten Spalovsky usw. auf die Rede Strickers in der Nationalversammlung ließen an Rüde und Gehässigkeit nichts zu wünschen übrig. Bald darauf setzten die Exzesse ein. Die jüdischen Mandatare mögen endlich einmal die Ruhmrederei für bessere Zeiten lassen. * Ueber die Vorgänge in Wien liegen folgende Meldungen vor*: Montag vormittags fand an der Universität eine Massenversammhmg deutschnationaler Studenten und Studentinnen statt, in welcher über die Unterbringung deutscher Hochschüler in der Schweiz gesprochen werden sollte. Dem in' der Hochschule herrschenden Geist entsprechend ' wurde aus der Versammlung im Handumdrehen ein Pogromistenmeeting. Es wurden Reden gehalten, in welchen die Entfernung der Juden von den Hochschulen verlangt wurde. Einzelne Redner forderten unter stürmischen Heilrufen ihrer Zuhörer zu Mord und Totschlag auf. Die anwesenden Professoren hatten dagegen nichts einzuwenden. Nach der Versammlung zogen einzelne Trupps unter Führung von Couleurstudenten nach verschiedenen Richtungen, um die Parolen der Versammlung in die Tat umzusetzen. Etwa tausend Studenten stürmten die jüdische ölen»» aeaäemiea, die zurzeit noch leer war. Eine Rotte von 50 bis 60 Studenten drang m das Lokal ein und demolierte es. Es wurden die Ankündigungstafeln heruntergerissen, die Fensterscheiben mit den Sesseln zerschlagen und Tische zertrümmert. Ein Serviermädchen wurde zu Boden geschlagen. Nach dieser Heldentat entfernten sich die Burschen, wobei sie die „Wacht am Rhein" sangen. Die Wache schritt nach dieser Szene ein und räumte die Alserstraße. Ein Trupp Studenten versuchte in das Cafö Adler auf dem Lchotteuring einzudringen, wurde jedoch durch die Wache daran gehindert. Andere Studenten hielten jüdisch aussehende Personen an und mißhandelten sie. Auf dem Stephansplatz wurde em Arzt umringt und beschimpft, die Polizei schaffte ihm Luft. In verschiedenen wissenschaftlichen Instituten wurden jüdische Hörer mißhandelt. Abends hielt der „Antisemitenbund" in der Volkshalle eine Hetzversammlung ab. Es war eine verkappte monarchistische Manifestation und der Judenhaß mtr die Draperie zu der eigentlichen Parole Es hielten Dr. Jerzabek, Abgeordneter Dr. Riehl, Orel und andere blutrünstige Reden gegen die Juden. Nach den Redelt wurde eine Entschließung angenommen, worin die Ausweisung der Ostjuden verlangt und daraus aufmerksam gemacht wird, daß, wenn die Regierung dieser Forderung nicht Rechnung trägt, die antisemitische Bewegung Umsichgreifen und das Voll zuseiner Befreiungzur SelhWM-MDÜ. wird. ' Der'sMhüüApkatz '»fort- Wachkordon abgesperrt, ,so daß die Versammlungsteilnehmer nicht, wie sie es beabsichtigten, in die Innere Stadt gelangen konnten. Knapp vor Schluß der Versammlung erschienen deutschnationale Studenten, nahmen auf dem Rathausplatz Aufstellung und zogen dann nach Absingung nationaler Lieder mit den Mafien ab. Die Menge zog, gefolgt von berittener Wache und Schutzmannschaft zu Fuß,' laute Rufe' gegen die Jllden allsstoßend, gegen den achten Bezirk, wo sie dann in die Seitengassen abgedrängt wurde. Ein Teil der Delllollstranten versuchte auch durch die Lastenftraße ill die Alserstraße zu ziehen, wurde jedoch von der Sicherheitswache zerstreut. Im Zusammenhang daulit sind sechs Arretierungen wegen Wachebeleldigung und Nichtfolgeleistung vorgenommen worden. In Fortsetzung dieser antisemitischen Kundgebungen kam es Dienstag vor der Universität zu heftigen Zusammenstößen zwischen deutschnationalen u,ld jüdischnationalen Studenten- Die Deutschnationalen hatten schon zeitlich morgens die Rampe der Universität besetzt. In der Umgebung der Universität war starkes Wacheaufgebot zu bemerken. Gegen 10 Uhr vorlnittags rückten jüdischnationale Studenten an, die die Rampe stürmen wollten. Es kam zu Schlägereien zwischen den Studenten, die beiderseits mit großen Knüppeln und Schlägern bewaffnet waren. Die Wache trat nun in Aktion ulld zog vom Leder, ohne ledoch von der Waffe Gebrauch zu machen. Schließlich gelang es ihr, die käinpfenden Parteien zll trennen. Sie hinderte auch deutschnationale Studenten, die ihren Kollegen auf der Rampe Sukkurs bringen wollten, daran, die Rampe zu stürmen. Die Vorlesungen an der Universität wurden von den deutschnationalen Studenten unterbrochen, die auch alle Hörsäle räumten und die jüdischen Studenten hinallsdrängten. Hiebe: kam es überall zu Tätlichkeiten, bei denen Stöcke und auch Messer in Tätigkeit traten. Mehrere Studenten wurden verletzt. Nach 10 Uhr durfte die Aula, die von Deutschnationalen besetzt war, von keinem Studenten betreten werden, der sich nicht als „Arier" und als Angehöriger eines nationalen Vereines ausweisen konnte. Während der Kundgebungen vor der Universität tauchte plötzlich eine Abteilung unbewaffneter Volkswehrleute auf, die von den Deutschnationalen nüt schrillen Pfiffen und Pfuirufen und den Rufen „Abzug Judenwache!" empfangen wurde. Die Abteilung zog sich, ohne irgendwie auf die feindlichen Kundgebungen zu reagieren, bald wieder zurück. Um 12 Uhr zogen die deutschnationalen Studenten von der Universität ab, wobei es auf der Straße noch zu vereinzelten Zusammenstößen kam, denen die Wache ein Ende machte. Infolge dieser Vorgänge wurde die Universität für einige Tage geschloffen.

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