Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 14 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Den Verwundeten und Beraubten müsse voller Ersatz des erlittenen Schadens geleistet werden. Zur Untersuchung der ganzen Angelegenheit ist eine Kommission einzusetzen, welcher auch Juden als gleichberechtigte Mitglieder anzugehören haben. Die Unruhen in Galiläa. Ueber die letzten Ereignisse in Obergaliläa berichtet der palästinensische Korrespondent der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" folgende Einzelheiten: Nachdem Scherr von den Beduinen überfallen und erschossen worden war, wurde auf verschiedenen Versammlungen, die in Jerusalem, Jaffa und anderen Orten abgehalten wurden, sowohl von den Arbeiterals auch von anderen Organisationen beschlossen, den Arbeitergruppen in Obergaliläa, die fest entschlossen waren, ihre Farmen nicht zu verlassen, finanziell.wie auch mit Menschenmatskial zu Hilfe zu kommen. Es wurde em Schutz-Waah gegründet, an dessen Spitze Kapitän Joseph Trumpeldor stand. Am 25. Februar kamen einige Landwirte aus Metula nach Judäa und erzählten Trumpeldor, daß Metula von Beduinenbanden beraubt worden sei und daß der Landwirt Feinstein durch einen Schuß leicht verwundet wurde. Am 26. Februar begab sich Trumpeldor mit 15 Genossen nach Metula und es gelang ihnen, die Beduinen aus Metula zu vertreiben. Die ganze Mannschaft der jüdischen Arbeitergruppen in Oberaattläa, die Abteilung Trumpeldor inbegriffen, bestand aus 95 Personen, die folgendermaßen verteilt waren: in Metula 45, in Tel-Chai 25 und in Kfar-Giladi 25. Am Morgen des 1. März wurde Tel-Chai von einigen hundert Beduinen umzingelt. Die kampfbereite Mannschaft von Tel-Chai hinderte die Beduinen, sich der Farm zu nähern. Als Trumpeldor, der sich in Kfar-Giladi befand, Schüsse aus der Gegend von Tel-Chai vernahm, begab er sich sofort in Begleitung von acht Personen dorthin. Dort angelangt, wurde Trumpeldor vom Scheich von Chalasah und vier arabischen Offizieren aufgefordert, sie in die Farm hineinzulassen, um dort nach Franzosen zu suchen. Der Scheich und die Offiziere waren mit Pistolen und Bomben ausgerüstet. Da die jüdischen Arbeitergruppen mit dem Scheich Jemil Efendi, dem nur 16jährigen-Führer der Aufständischen gegen die Franzosen, bis dahin in Frieden gelebt hatten, erlaubte Trumpeldor ihm und seinen Offizieren die Farm zu betreten. In Begleitung Trumpeldors suchten sie überall nach Franzosen, fanden aber keine. Danach stieg er mit den Arabern in den zweiten Stock hinauf, wo sich die beiden Fräulein Drachler und Tschisik und die Herren Kanawski, Munter und Scharf befanden, die alle bewaffnet waren. Einer der Offiziere gab den um die Farm lagernden Beduinen Zeichen, sich der Farm zu nähern. Diese strömten von allen Seiten der Farm zu. Trumpeldor eilte in den Hof hinunter, um sie am Eindringen zu verhindern. Als er hinunter kam, waren schon viele Beduinen in den Hof gedrungen und wollten die Wache im Hofe entwaffnen. Da gab Trumpeldor das Kommando „Feuer". Es entspann sich ein heißer Kampf. Trumpeldor wurde von einer der Bomben, die der Scheich mit seinen Offizieren vom zweiten Stock in den Hof warfen, in den Bauch getroffen und fiel zu Boden. Tocker wurde von fünf Kugeln durchbohrt und fand sofort den Tod. 'Slatik kam Trumpeldor zu Hilfe und wollte ihn ins. Haus hineintragen, wurde aber ebenfalls verwundet. Schließlich gelang es Jacobsohn, einem jüdischen Legionär, mit einer Hand auf die Offiziere schießend und mit der anderen Trumpeldor stützend, diesen ins Haus zu bringen. Die Mannschaft Trumpeldors war voneinander getrennt auf drei verschiedene Stellen verteilt: in den Stuben, im Oberstock und im untersten Stock. Das Kommando mußte vom Hofe aus gegeben werden, der von den Beduinen besetzt war. Da Trumpeldor schwer verwundet war und nicht mehr umhergehen konnte, übergab er das Kommando Schneersohn. Durch den Schuß in den Bauch waren ihm die Eingeweide herausgefallen. Er zeigte selbst seiner Mannschaft, wie man sie wieder hineinlegen und die Wunde verbinden muß. Als der Verband fertig war, wandte sich Trumpeldor an Schneersohn mit folgenden Worten: „Meine letzte Stunde hat geschlagen, die Mannschaft soll für die Ehre des' jüdischen Volkes bis zur letzten Minute aushalten." Der Kampf entspann sich noch heißer als.zuvor. Kamil Efendi, der mit seinen Begleitern sich die ganze Zeit im oberen Stock aufgehalten hatte, schlug Schneersohn vor, ihn hinunter zu lasten, um seiner Mannschaft Befehl zu erteilen, die Waffen mederzulegen- Trumpeldor, der sich des Ernstes der Lage bewußt war, gab Schneersohn den Befehl, das Feuer einzustellen und Kamil .Efendi hinuntergehen zu lasten. Als das Feuer eingestellt war, waren unten außer Tocker, der tot mit einigen Beduinen im Hofe lag, Trumpeldor, der schwer und Soltik, der leicht verwundet war, noch Golubow, Golberg und Schneersohn verwundet. Im oberen Stock bot sich ihnen ein entsetzliches Bild dar. Frl. Tschisik, Munter und Scharf, letzterer ein amerikanischer Legionär, waren von einer Bombe in Stücke zerrissen, Frl. Drachler von drei Herzschüsten getötet und Kanawski schwer verwundet worden. Wie Kanawski erzählte, wurden Tschisik, Munter und Scharf von einer Bombe, die einer der Offiziere warf, getötet, während er von einem Splitter verwundet wurde. Drachler wurde von Kami! Efendi durch einen Revolverschuß getötet. Soweit man feststellen konnte, hatten die Beduinen 4 Tote und 16 Verwundete. Als es Abend wurde, befahl Trumpeldor, daß sich drei Personen nach Kfar-Giladi durchschlagen sollen — die Beduinen waren noch immer da — um Dr. Gari und noch Mannschaften herbeizubringen, um den Verwundeten Hilfe zu leisten. Als Dr. Gari mit noch 15 Personen nach Tel-Chai ankam, fanden sie Trunrpeldor in hoffnungslosem Zustand, er konnte aber noch sprechen. Es wurde beschlossen, Tel-Char zu verlassen. Der Rück» zug dauerte von 8 Uhr abends bis 2 Uhr nachts. Trumpeldor, der von seinen Chawerim getragen wurde, ist um halb 9 Uhr auf den Händen der Chawerim gestorben. Seine letzten Worte waren: „ES ist mir leicht, es ist süß für das Vaterland zu sterben." In zwei Brüdergräbern wurden die Toten zwischen Tel-Chai und Kfar Gtladi in aller Stille bestattet. In dem einen wurden Josef Trumpeldor, Munter, Tocker, Scharf und in dem anderen Deborah Drachler und Sarah Tschisik begraben. Was man von Tel-Chai milnehmen konnte, trug man fort, alles andere wurde verbrannt. Am 2. März wurde auch Mar-Giladi den ganzen Tag hindurch von den Beduinen angegriffen. Nachts wurde eine Versammlung ‘ abaehalten, auf der der Ernst der Lage besprochen wurde. Man wußte, daß am folgenden Tage die Beduinen mit noch stärkeren Kräften erneut angreffen würden. Die Meinungen waren geteilt; 27 waren dafür, daß man Obergaliläa verlassen solle, während 26 fest entschloffen waren, dort zu bleiben, es sei denn, daß die Beduinen mit Kanonen auf sie schießen würden, denn so hatte es Trumpeldor, als er noch lebte, befohlen. Auch ein Teil der Bewohner von Metula hatte beschlossen, diese Kolonie zu verlassen. In der gleichen Nacht begaben sich 15 Personen, die die Verwundeten Mitnahmen, nach Sidon. Am 3. März sammelten sich Masten von Beduinen m dem nahe gelegenen obergaliläischen Gebirge und begannen ein Kanonen» feuer zu eröffnen. Da befahl Schneeriohn den allgemeinen Rückzug, der in aller Stille vollzogen wurde, um die Aufmerksamkeit der Beduinen nicht zu wecken. Am 4. März langten alle in Ajelet-Haschachar an. Wie Dr. Gari im „Kuntres" berichtet, überbrachte ein Araber der Besatzung von Metula am 2. März einen Zettel der Franzosen, in dem der jüdischen Besatzung Hilfe versprochen wurde, wenn sie den Empfang des Zettels schriftlich bestätigen würden. Da. die Besatzung der Sache aber nicht traute, unterschrieb sie nicht. In der gleichen Nummer der „Kuntres" wird berichtet, daß Metula von dem Araberstamm der Drusen besetzt wurde, der Metula den Juden niemals wieder geben will. Die Zeitung „Suria-al-Ganubia" berichtet über die Ereignisse in ObergalUäa, daß die Ueberfälle durch die Beduinen nur in der französischen Zone geschahen. Den jüdischen Arbeitergruppen gelang es, in die englische Zone zu gelangen, dank der Hilfe von Scheich al Taiawu Kamal-Beek, der sie mit Proviant und Maultieren versah. Die Zeitung fügt hinzu, Kamal Beek hätte sich geäußert, daß die Beduinen den Kampf gegen die Franzosen und nicht gegen die Juden führen. Daß der Beek von Tajawu die Flüchtlinge freundlich empfangen hat, wissen auch die jüdischen palästinensischen Zeitungen, wie „Haaretz", Doar Hayom" und „Hapoel Hazair", zu berichten. Daß aber die Beduinen nicht gegen die Juden kämpfen, scheint nach den Berichten der jüdischen Zeitungen in der letzten Zeit nicht zu stimmen. Auch der letzte Ueberfall auf Tel-Chai, der vom Scheich von Chalasah selbst angeführt wurde, zeugt vom Gegenteil. In allen Städten Palästinas wurden Trauerseiern zu Ehren Trumpeldors und der anderen in Tel-Chai Gefallenen veranstaltet. In Jerusalem wurde die Trauerfeier am 9. März abends im Beth-Am in Anwesenheit von einigen tausend Personen, unter denen sich Ussischkin und andere Mitglieder des Waad-Hazirim und viele andere angesehene Persönlichkeiten aus orthodoxen Kreisen befanden, begangen. Die Trauerrede hielt Sew Jabotinski. Die „Ausländer"-Auswei!>mgen aus Bayern. Aus Berlin wird geschrieben: Die bayerische Regierung hat eine Verordnung erlassen, nach der alle Ausländer und Staatslosen, die nach dem 1. August 1914 zugezogen sind, innerhalb einer Frist von fünf Tagen — der Stichtag ist der 4.. April — das bayerische Gebiet verlassen müssen. Diese Maßnahme der bayerischen Regierung richtet sich fast ausnahmslos gegen die in Bayern lebenden Ostjuden, die sich dort während des Krieges niedergelassen und eine Existenz geschaffen haben. Daß die Verordnung nicht nur eine außerordentliche und völlig unverständliche Härte bedeutet, daß sie außerdem durch die Kürze der Frist die Vernichtung zahlreicher Existenzen im Gefolge haben muß, ist eine so offensichtliche Tatsache, daß sie auch der bayerischen Regierung nicht entgangen sein kann. Welche Gründe für den Erlaß maßgebend waren, ist aus der Verordnung selbst nicht zu ersehen. Vielleicht stellt sich heraus, daß die Verordnung ebenso wie die Ausländerverhaftungen in Berlin, von einer unbekannten Stelle willkürlich erlassen worden ist. Es ist kaum anzunehmen, daß die bayerische Regierung sich bei dem Erlaß der Verordnung der außenpolitischen Folgen bewußt war, die ihre Maßnahme zum mindesten zur Folge haben kann.. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands hat, um die Durchführung der Verordnung im