Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 14 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 Nr. 14 Jüdische Korrespondenz letzten Augenblick nach Möglichkeit zu verhindern, au den Reichspräsidenten Ebert folgendes Telegramm gesandt: „Durch Erlaß des bayerischen Ministeriums, von dem wir heute Mitteilung erhalten haben, sollen alle ausländischen Juden, die nach dem 1. August 1914 nach Bayern zugezogen sind, des Landes verwiesen werden unb bis zum 4. April Bayern verlassen haben. Dieser Erlaß ist ein Glied in der Kette von Maßnahmen, die unter der Maske der Bolschewistenverfolgungen auch in Preußen getroffen worden sind. So sind in Berlin, unter Ausnutzung des verschärften Belagerungszustandes, von militärischer Seite 281 Ostjuden in unwürdigster Weise festgenommen und ins Kriegslager Wünsdorf bei Zossen gebracht worden. Eingehende Untersuchungen haben bereits innerhalb weniger Tage die vollständige Harmlosigkeit 4>er weitaus meisten Leute erwiesen, so daß jetzt nur -noch die Festhaltuug von 26 Personen aufrecht erhalten werden tonnte, die sich noch nicht genügend über ihre Person auszuweisen vermochten. Es ist daraus ersichtlich, zu welchen Ungerechtigkeiten derartige Kollettivbeschuldiguugen und Kollektivverfolgungen führen, die fast ausnahmslos Unschuldige treffen. Noch unmenschlicher wirkt die von der bayerischen Regierung eingeleitete Judenanstreibung. Die Frist von wenigen Tagen, die den betroffenen Familien gesetzt worden ist, — bereits am zweiten jüdischen Osterfeiertag das Land zu verlassen — wird überall in der Welt als eine barbarische Härte empfunden werden. Das Unterzeichnete Arbeitersürsorgeamt, das sämtliche großen jüdischen Organisationen Deutschlands vertritt, legt gegen die genannten Maßnahmen Verwahrung ein und bittet, alle geeigneten Schritte zu unternehmen, um das gegen Recht und Menschlichkeit verstoßende Vorgehen gegen die Ostjuden zu verhindern." Es ist höchste Zeit, daß die Reichsrxgierung nunmehr, veranlaßt durch den Reichspräsidenten, gegen die von unverantwortlichen Stellen inszenierten und immer weiter um sich greifenden unblutigen Pogrome mit aller Entschiedenheit und Schnelligkeit vorgehl. Die soziale Gerechtigkeit und die Propheten. Unter dem Titel „Allgemeine Geschichte des Sozialismus und der sozialen Kämpfe (Erster Teil: Altertum)" ist soeben von M. B e e r eine interessante Schrift erschienen. (Verlag für Sozialwissenschaft, Berlin, 1919.) Unter anderem behandelt der Verfasser die sozialen Verhältnisse und Kämpfe im alten Palästina. Ein besonderes' Kapitel ist der Stellung der Propheten zur sozialen Gerechtigkeit gewidmet, das wir nachstehend reproduzieren. Amot, der Hirt aus Tokea, erhebt seine Stimme gegen sämtliche Völker Syriens und Palästinas und kündet ihnen Unheil wegen ihrer Sünden: „Verkündiget in den Palästen zu Asdod und in den Palästen im Lande Aegypten und sprechet: Sammelt euch auf die Berge Samaria und sehet die Wirrnisse in seiner Mitte. Sie achten nicht das Recht, sammeln Schätze durch Frevel und Raub" (3, 9—10). Sie glauben wohl, durch Schlachtopfer und Gebete Gottes Willen erfüllen zu können. Aber Gott sagt: „Ich bin euren Festtagen gram und verachte sie; ich mag nicht riechen in eure Versammlung. Ich habe kein Gefallen an euren Brandopfern, Speisopfern und Dankopfern. Hinweg mit. dem Lärm eurer Gesänge, denn ich mag dein Psalterspiel nicht anhören. Sondern es möge das Recht sprudeln wie Wasser, und die Gerechtigkeit wie ein starker Strom. Habt ihr vom Hause Israel mir denn in der Wüste die vierzig Jahre lang Schlachtopfer und Speiseopfer gebracht?" (5, 21—25.) Nicht Opfer und Gebete, sondern Recht und Gerechtigkeit verlangt Gott. Die Richter sollen nicht zugunsten der Neichen entscheiden. Die Vornehmen und Besitzenden sollen die Armen und Notleidenden nicht vergewaltigen; die Getreidehändler müssen aufhören, die Hungrigen zu betrügen. Amos geißelt die Fürsten und die Machthaber, die Geldprotzen und die Emporkömmlinge, die in Palästen auS Quadersteinen wohnen, auf luxuriösen Lagerstätten faulenzen, auf Betten aus Elfenbein sich wälzen, die besten Lämmer und die Mastkälber verspeisen, „und spielen auf der Harfe und dichten Lieder, trinken Wein aus Schalen und salben sich mit Balsam, aber kümmern sich nicht um die Uebelstände des Volkes" (6, 4—6). Die Strafe wird nicht ausbleiben: „Jerobeam wird durch das Schwert sterben und Israel wird aus seinem Lande gefangen weggeführt werden" (7, 11). Darum „suchet das Gute und nicht das Böse, auf daß ihr leben möget. Hasset das Böse und liebet das Gute; bestellet das Recht im Tor, so wird Gott sich der Ueberreste des Volkes erbarmen" (5, 14—15). Hosea mahnt die Kinder Israel, daß Gott Ursache hat, mit ihnen unzufrieden zu sein, „denn es ist keine Treue, keine Liebe, keine Gottesfurcht im Lande, sondern Lästern und Lügen, Morden und Rauben und Ehebrechen hat überhand genommen und eine Blutschuld folgt auf die andere" (4, 1—2). Israel ist auf seinen Reichtum stolz geworden. „Der Kaufmann hat eine falsche Wage in seiner Hand und betrügt gerne. Denn Ephraim spricht: Ich bin reich und habe Wohlstand erlangt" (12, 8-M)). Und auch in der äußeren Politik haben sie Gott verlassen. Wie eine verirrte Taube läuft Israel hin und her und schließt sich abwechselnd Assyrien und Aegypten an, um vor feindlichen lieberfällen Schutz zu suchen. Darum leidet das Land und das Volk geht zugrunde. Wie anders war Israel in seiner Jugendzeit, als es noch m der Wüste lebte und vom Baalsdienste nichts wußte (11, 1—2). Jetzt aber pflügt es Böses, erntet llebeltat und ißt Lügenfrüchte (10,18). Deshalb wird es der Züchtigung nicht entgehen; das Land wird zerstört und Israel gefangen genommen werden. „Darum säet Gerechtigkeit und erntet Liebe, und pflügt anders (10, 12) . . . übet Barmherzigkeit und Recht, hoffet stets auf Gott" (12, 7). Dann wird Gott „ihren Abfall wieder heilen und sie lieben" ... und einen Bund mit ihnen schließen und alle Kriegsgeräte und den Krieg beseitigen, denn der Bund wird beruhen auf Recht und Gerechtigkeit, auf Liebe und Barmherzigkeit (2, 16-19). Michas heiliger Zorn richtet sich gegen die Großen und Reichen des Landes: „Höret doch, ihr Häupter im Hause Jakob und ihr Fürsten im Hause Israel, die ihr das Recht verschmähet und alles Aufrechte beuget. Die ihr Zion mit Blut bauet und Jerusalem.mit Unrecht. Ihre Richter urteilen um Geschenke, ihre Priester lehren um Lohn und ihre Propheten wahrsagen um Geld.... Darum wird Zion wie ein Feld zerpflügt und Jerusalem zum Steinhaufen, und der Berg des Tempels zu einer öden Höhe werden (3, 9—12). Mißtrauen, Zwietracht, Kampf aller gegen alle zersetzen das Volk (7. 4—6). Durch Schlachtopfer ist Gott nicht zu versöhnen. „Meinst du, Gott habe Gefallen an viel Tausend Widdern? Oder am Oel, wenn es gleich unzählige Ströme wären? ... Es ist dir, o Mensch, gesagt, was gut ist und was Gott von dir fordert: Gottes Wort halten, Liebe üben und vor Gott in Demut wandeln (6, 7—8). Der sprachgewaltige Jesaja, dessen mächtiger Widerhall Micha ist, unterwirft daS ganze soziale Leben Palästinas einer rücksichtslosen Prüfung und findet nichts gutes an ihni. Recht und Gerechtigkeit sind verschwunden, die Sittenreinheit ist durch Luxus, verführerische Modekleidung, ungehemnlte Genußsucht und Jagd nach Reichtum und Ruhm verdrängt worden. Die Armen, die Witwen und Waisen werden bedrückt und ausgebeutet, die Kleinbesitzer werden enteignet. Großgrundbesitz entsteht: „Wehe, denen, die Haus an Haus an sich ziehen, einen Acker zum anderen rücken, bis kein Raum mehr ist, so daß sie allein das Land besitzen" (5, 8). Gegenüber den juristischen Versuchen, diesen Zustand gesetzlich zu sanktionieren, ruft der Prophet aus: „Wehe den Schriftgelehrten, die ungerechte Gesetze machen und Unrechtes Urteil niederschreiben, um das Recht der Besitzlosen zu beugen und das der Enterbten in meinem Volke zu vergewaltigen, um die Witwen zum Raub und die Waisen zur Beute der Reichen zu machen" (10,1—2). Deshalb wendet Gott sein Angesicht ab von den Gebeten und Schlachtopfern Israels: „Bringt mir kein Speisopfer mehr; das Räucherwerk ist mir ein Greuel; der Neumonde ynd Sabbate, da ihr euch versammelt, bin ich überdrüssig. Und wenn ihr eure Hände ausbreitet, verberge ich doch mein Angesicht vor euch; und ob ihr schon viel betet, höre ich euch doch nicht, denn eure Hände sind voll Blut" (1, 13—15). Das Urteil Gottes wird verhängt über alles Hoffärtige und Hohe, daß es erniedrigt werde; über die Zedern im Libanon, über alle Eichen in Basan; über die Kauffahrer zur See und über alle Luxusworke (2, 11—16). Gott „wird die Schädel der Töchter Zions kahl-scheren und ihr Geschmeide abreißen: die Armspangen, die Kettlein, die Hauben, die Ohrgehänge, die Haarbänder, die Fingerringe, die Prachtgürtel, die Mäntel, die Spiegel, die Riechfläschchen. <.. Deine Truppen werden durch das Schwert fallen, deine Krieger im Streit" (3, 17—24). Und Israel wird in Gefangenschaft abgeführt werden, seine Herrschenden werden verhungern, seine Lebemänner verdursten, seine Hervorragenden gedemütigt wandeln (5, 13—15). Dann „werden die Enterbten wieder Freude haben an Gott und die Armen unter den Menschen werden fröhlich fein im Heiligtum Israels, wenn die Tyrannen ein Ende haben und es mit den Hartherzigen aus sein wird" (29,19—20). Aber auch ganz Israel ist noch zu retten, wenn es zu Gott zurückkehrt und seine Gebote hält: „Waschet, reiniget euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen, lasset ab vom Bösen. lLernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helfet den Unterdrückten, schaffet den Waisen Gerechtigkeit und helfet der Witwen Sache (1, 13—17). Jeremia, als Mensch und Denker wahrscheinlich der größte unter den Propheten, erinnert im Namen Gottes daS Haus Jakob und die Geschlechter Israels au die Wüstezeit: „Ich denke an die Zeit, da du voll Tugend 'und Schönheit eine liebliche Braut warst, als du mir folgtest in der Wüste, im Lande, ivo man nicht säet. Israel war damals Gottes eigen und schützte ihn gegen alle Feinde. ... Ich brachte euch in ein schönes Land, damit ihr seine Früchte und seine Güter eflet. Und da ihr hineinkamt, verunreinigt ihr mein Erbe durch den Baaldienst (2, 2—7), durch Raub, Bedrückung, Zwietracht und Falschheit". Der Prophet weissagt in tiefbewegten, aber unerbittlichen Worten die Wegführung Judas und die Zerstörung Jerusalems. Das ist die Bürde seiner Biiionen und er versucht, Fürsprecher Judas bei Gott zu sein; der Mensch ist in seinen Handlungen nicht frei; er hat keine freie Wahl: „Ich weiß o Gott, des Menschen Tun steht nicht in seiner Gewalt, und es steht in niemands Macht, wie er wandeln oder seinen Weg richten soll" (10, 23). Aber (Fortsetzung auf Seite 6.)