Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 13 (16.4.1920)
- Date
- 1920-04-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. m trauen beobachtet. Die Verdienste derjenigen, die die Palästinasache ziemlich vorwärts gebracht haben, sollen nicht verkannt oder geschmälert werden; aber gerade der schwankende Grund, auf dem diese Leistungen basieren, sollte sie belehren, daß sie keinen Anlaß zur Ueberhebung haben. Sie sollen es aufgeben, Palästina als „ihre" Parteisache zu betrachten, sie sollen darauf — zumindest vorläufig — verzichten, ins heilige Land die moderne Kinokultur verpflanzen zu wollen. Kein Kulturkampf! Keine religiösen und sozialen Umwälzungen! Keine Sinekure -für „bewährte Genossen"! Keine Ueberrumpelungen der Majorität des jüdischen Volkes in Palästina und in der Diaspora! Nur auf dieser Grundlage kann in dem jetzigen ernsten Moment eine jüdische Einheitsfront in der Palästinasache hergestellt werden! Es ist unwahr, daß die Orthodoxie Gegner einer aktiven jüdischen Politik in Palästina ist.* Sie wollte und konnte nur bisher nicht mittun, da das, was ihr heilig ist, entweiht und verzerrt wurde! Deswegen wollte und mußte sie ihre eigenen Wege gehen. Heute gilt es aber, vor allem die primitivsten Rechte der Juden in Palästina, freie Einwanderung, Ansiedlung und Seßhaftmachung, zu erringen und sie zu sichern — das kann und darf keine Parteisache sein. Der Jischub- Erez-Jisroel ist jedem Juden heilig. Es müßten aber hiefür die nötigen Voraussetzungen geschaffen werden. Die Herstellung einer jüdischen Einheitsfront in der Palästinasache ist heute die oberste Pflicht aller Juden. Jeder persönliche und andere parteimäßige Gegensatz muß in den Hintergrund treten., ßs müßte em gememsarrres Aktionskomitee, in dem alle für die Sache eintretenden Kreise paritätisch vertreten fein solleneingesetzt werdennm die gemeinsame Sache mit vereinten Kräften solidarisch zu vertreten und zu verfechten. Der freie Weg nach Palästina darf dem jüdischen Volke nicht mehr verschlossen bleiben. Es darf in Zukunft weder einen roten, noch einen weißblauen Zettel geben! Wenn die Juden wieder einmal zu Hause sein werden, könnten sie sich darüber auseinandersetzen, wie die inneren Verhältnisse einzurichten wären. Heute darf von keiner Seite irgendwie vorgegriffen werden. Die gemeinsameGefahr muß alleGegens ätze, alle Privat- und Parteianschauungen in den Hintergrund schieben. Die Lage in Palästina ist ziemlich ernst, mag man auch die Dinge nicht übertreiben wollen. Es handelt sich, nicht bloß um die Gegenwart, sondern auch um die Zukunft. Gehen die Aussichten des Moments verloren, und wird die Gelegenheit versäumt, wer weiß wie lange der Rückstoß dauern wird. Deswegen muß so rasch als möglich die jüdische Einheitsfront hergestellt werden. Heute heißt-es: alle Mann an Bord! Keiner darf Zurückbleiben, keiner zurückgehalten werden! Wem es um die Sache des Volkes ernst ist, der helfe mit, diese Einheitsfront zu schaffen! _• Die blutigen Ereignisse in Jerusalem. lieber die Ereignisse in Jerusalem liegen folgende Meldungen vor: London, 7. April. (Funkspruch.) Am Ostersonntag ist es in Jerusalem zu einem ernsten Konflickt zwischen Juden und Mohammedanern gekommen. 188 Personen wurden verwundet. L o n d o n, 8. April. (Funkspruch.) Aus Kairo wird berichtet, daß es am Ostermontag in Jerusalem neuerdings zu Zusammenstößen zwischen Juden und Mohammedanern kam. Wie verlautet, ist die Lage in Palästina ernst. Die Ausgabe von Einreisebewilligungen nach Palästina und Aegypten wurde eingestellt. Die Truppen wilrden nach dem Westufer des Suezkanals zurückbeordert. London, 9. April (Funkspruch.) Am 5. April wurde über Jerusalem der Belagerungszustand verhängt. Berittene Maschinengewchrabteilungen patroullieren durch die Stadt. Am Dienstag ist es zwischen Juden und Mohammedanern wiederum zu vereinzelten Kämpfen gekommen, bei denen niedrere Personen getötet wurden. Im ganzen wurden etwa 250 Personen getötet oder verwundet. Am 7. würde der Zugang zür Stadt wieder freigegeben. Es herrschen jetzt wieder normale Verhältnisse. London, 12. April. (Funkspruch.) Nach einer Meldung aus Jerusalem ist es wieder zu schweren Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung gekommen. 60 jüdische Läden wurden geplündert und über 200 Juden verwundet,, von denen einer bereits seinen Wunden erlegen ist. Die arabische Gendarmerie verhielt sich untätig; die jüdische Gendarmerie war vorher entfernt worden. Britische Truppen sind eingeschritten. Es wurde wieder der Belagerungszustand verhängt. Die Juden verlangen die Entlassung des Bürgermeisters, den sie als Hauptanstifter der Unruhen bezeichnen, die Bestrafung der Schuldigen und Schadenersatz. Beirut, 10. April. (Priv.) Die Ausschreitungen in Jerusalem dauerten drei Tage. Zahlreiche Personen sind verwundet, sechs tot. Zwei Synagogen wurden niedergebrannt. Berlin, 12. April. Die „Freiheit" meldet aus Amsterdam: Dem „Temps" zufolge sind die Rädelsführer der jüngsten Unruhen in Jerusalem verhaftet worden. Die Stadt ist ruhig, Die Bureaus und Geschäfte sind geöffnet. Aus.Jerusalem wird gemeldet: , Der jüdische Stadtrat von Jerusalem hat einen Brief an den Präsidenten des Jerusalemer Munizipalrates, der am 27. Februar an den arabischen Demonstrationen gegen die Zionisten teilgenommen hatte, gerichtet, in dem es unter anderem heißt: Die Juden Palästinas, welcher Partei oder Gemeinde sie auch angehören, sind in der Forderung bezüglich der Gründung einer jüdischen Heimstätte in Palästina, die durch die britische Deklaration und die Zustimmung der alliierten Mächte bestätigt wurde, vollständig einig. ' Diese Einigkeit wurde von den verschiedenen jüdischen Deputationen, die letztes Jahr von der amerikanischen Kommission empfangen wurden, deutlich dokumentiert. Der Präsident des Munizipalrates hatte als Vertreter der Einwohner Jerusalems, deren Mehrheit aus Juden besteht, kein moralisches Recht, an einer Demonstration, die gegen die Mehrheit der Einwohner gerichtet war, teilzunehmen. Deshalb erklärt der jüdische Stadtrat, daß er vom 27. Februr 1920 an, den Munizipalrat nicht mehr als' Vertreter der Juden Jerusalems betrachte. Eine Kopie dieses Briefes wurde den englischen Behörden überreicht. * Im „Neuen Tag" schreibt A. Höllrigl zu den Ereignissen in Jerusalem: „In Jerusalem, lesen wir, gab es antisemitische Denlonstrationen. Jüdische Häuser wurden gestürmt, jüdische Geschäfte ausgeraubt. Ich denke an den Tag, da ich durch die Steinwüste zum Toten Meer fuhr. Ich hatte einen elenden Landauer gemietet, eines von den schauerlich unbequemen Vehikeln, die ich später in Galizien landes- . üblich gefunden habe. Der. Kutscher muß auch aus Tarnow oder Nzeszow gewesen fein. Er trug, mitten in der Wüste, einen defekten Zylinder, aus dem die Schläfenlöckchen hervorbaumelten. Er sah grotesk und fremdartig aus und doch wußte ich: hier also ist er zu Hause, hier ist er kein Fremder, das ist sein Land. Dann kam die steile Stelle, an der' ich aus dem Wagen mußte. Der Kutscher führte die Gäule am Zügel, ich ging ein wenig abseits, zwischen den Felsblöcken, zwischen den vielen kleinen grellbunten Frühlingsblumen der Wüste Juda. Man hatte mir gesagt, das hier sei die Wüste Juda, und ich träumte: Wüste! Und dann sah ich plötzlich die ersten Beduinen. Auf einmal entstiegen sie vor mir aus den Seiten des Buches von Tausend und Eine Nacht, oder des Korans. Nicht das verzivibsierte arabische Gesindel, das ich in Kairo oder in Port Said gesehen hatte; der Erzvater Jakob muß so ausgesehen haben, wenn er mit feinen Frauen und Herden durch die Wüste zog/ Der kleinen Karawane voran ritt ein wundervoller Scheich, auf einem kleinen Pferd. Erhalte eine lange metallbeschlagene Flinte . quer vor sich liegen; um sein braunes Handgelenk hing eine starke Peitsche, sein grober Burnus war ganz weiß, sein Bart schwarz und kraus, die Nase semitisch. Hinter ihm kamen, auf Eseln, ein paar Frauen, blau tätowiert, mit Schmuck behängen. Die kleine Kavalkade kam an meinen! Wagen und an uieinem polnischen Juden vorbei. Ich empfand: Wüste Juda. Alles Westliche ist fern. Die Ureinwohner begegnen einander. Die beiden sind hier zu Hause. Und dann konnte der Wagen nicht ausweichen. Der Beduine, zwischen Felsen in die Enge getrieben, mußte vom Pferd.