Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 13 (16.4.1920)
- Date
- 1920-04-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bezugspreis: f' Ganzjährig K 50, halbjährig K 2 5, vierteljährig K 12*50. Ausland jährlich E 70, Einzelnummer 1 Krone. Organ für die Interessen des ]> orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstrafie 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.290. Erscheint jeden Freitag. Nr. 13. Wien, 23. Nissan 5680, 16. April 1920. VI. Jahrgang. Line jüdische Einheitsfront. (Zu den Ereignissen in Palästina.) (I. K.) Traurige, erschütternde Nachrichten kommen aus dem heiligen Lande: Demonstrationen, Ueberfälle, Zerstörungen, Tote und Verwundete. Indische. Siedlungen werden vernichtet, Helden lassen ihr Leben ans dein „Felde der Ehre", antijüdische Demonstrationen in Jerusalem, hunderte Verwundete, einige Todesopfer, Belagerungszustand, Schließung der Grenzen — mit einem Worte: Ereignisse, deren Schauplatz bisher bloß der Osten Europas war, spielen sich nunmehr auch im Lande unserer Hoffnung ab. Dies gerade in dein Momente, da es schien, daß die zweitausendjährigen Hoffnungen des jüdischen Volkes der Erfüllung nahe wären, da die welterschütternden Umwälzungen dazu berufen schienen, auch auf das Schicksal des jüdischen Volkes umwälzend eirrzuwirkerr. Die Nachrichten, die in den letzten Wochen aus Palästina kamen, sind derart ernst, daß sie sich nicht mehr vertuschen oder beschönigen lasser:. Wir .haben noch keinen jüdischen Staat und keine jüdische Regierung, aber Beschwichtigurrgshofräte in Hülle und Fülle. Was nach dieser Richtung irr der letzten Zeit gesündigt worden ist, schreit zürn Himmel. Als die erster: Nachrichten über die antijüdische Berveguug unter den Arabern einlangteu, versuchten die zionistischen Offiziösen die bewährte offizielle Vertuschungstaktik anzuwerrden und die Sache zu bagatellisieren. Emir Faisul, desserr „judenfreundliche" Versicherungen früher mit großem Applomb verkündet wurden, ist mit einem Male als einflußlos und unbedeutend geschildert worden. Als er sich zun: Körrig von Arabien und Syrien (Palästina inbegriffen) proklamierte, als die ersten Nachrichten über Zerstörungen jüdischer Siedlungen einlangterr, rvurde versichert, es handle sich bloß um einen Karrrpf der Araber gegen die Franzosen, — im englischen Okkupationsgebiete sei alles in der besten Ordnung. Nun sind die Ereignisse in Jerusalem gekommen und zeigen den Ernst der Lage. Jetzt schweigen die Offiziösen, heute begnügen sie sich mit der bloßen Registrierung der Meldungen — diese führen aber eine so beredte Sprache, daß jede künstliche Deutung schweigen muß. Was soll man da noch beschönigen wollen? Die schlimmsten Befürchtungen werden übertroffen, Pogrorne in Jerusalem — kann es noch etwas Schrecklicheres geben?! Der Jischub-Erez- Jisroel ist in Gefahr! An dieser Stelle ist seit Jahren vor Selbsttäuschung und Irreführung gewarnt worden. Man braucht nur die fünf Jahrgänge dieses Blattes durchzublättern und man wird zngeben müssen, daß da die Dinge stets richtig eingeschätzt worden sind. Der Schreiber dieser Zeilen hat sich nie vom Strom der Begeisterung mitreißen lassen, die die „Diplomatie" der Sokolow und Weizmann vielfach auslöste; die Bedeutung der Balfourschen Deklaration wurde an dieser Stelle immer richtig eingeschätzt. Keinen Moment wurde der Umstand aus den Augen verloren, daß die englische Politik im Orient auf eine Favorisierung des arabischen Elements eingestellt sein muß und ist, und daß die Juden sich unter keinen Umständen irgendwelchen übertriebenen Hoffnungen hingeben dürfen. Auch die „Freundschaft" Faisuls, mit dem die Herren Weizmann und Sokolow „Geheimverträge" abgeschlossen haben, wurde stets gebührend gewürdigt. Immer und immer wurde darauf hingewiesen, daß es 'sich den Juden in erster Reihe darum handeln müsse, die freie Einwanderung nach Palästina zu erwirken; alles übrige müßte der Entwicklung überlassen werden. Unsere zionistischen Diplomaten wollten es aber anders. Eine „jüdische Heimstätte", den Vorläufer eines eigenen Staates, rvollten sie haben; als Minister, Staatssekretäre, Diplomaten wollen sie glänzen, die „Getreuer:" mit Sinekuren versorgen, ein „modernes Külturjudentum" wollen sie schaffen; sie taten großsprecherisch und sprachen großtuerisch — bis sie die Widerstände hervorgerufen haben, die heute alles Erreichte zr: vernichten drohen. Das Erringen einer jeden nationalen Freiheit und Selbständigkeit^ erfordert Opfer an Gut und Blut. Sprechen wir es nur offen aus: Die blutigen Ereignisse in Palästina, die Opfer in Telchai und in Jerusalem werden das jüdische Volk keineswegs außer Fassung bringen — aber man müßte den Mut haben, ihm reinen Wein einzuschenken, ihm zr: erklären: „Koöle wekoele tauchal Cherew!“, so und. so viele Opfer rverder: fallen müssen, bis das Ziel erreicht sein wird. Das wäre ehrliche, aufrichtige Politik! Statt dessen wird vertuscht, beschönigt, gelogen, irregeführt — das muß als verbrecherisch gebrandmarkt werden. Die Lüge hat kurze Beine und jede Nachricht aus dem heiligen Lande bringt die Wahrheit an den Tag, daß die zionistische Diplomatie schiffbrüchig wird und daß die staatsmännische Weisheit der Sokolow und Weizmann leerer Schall und eitler Wahn ist. So traurig aber auch die Lage ist, so scharf auch das Vorgehen unserer Zionisten gegeißelt zrr werderr verdient — eines ist klar: Palästina war immer eine Sache des ganzen jüdischen Volkes und ist es auch jetzt! In dem Momente, da die Aussichten einer stärkeren jüdischen Besiedlung des heiligen Landes, die die politische Umwälzung mit sich gebracht hat, durch einseitige Einflüsse zerstört zr: werden drohen, ist es dringend geboten, unter Beiseitelassung aller Parteistandpunkte eine indische Einheitsfront herzustellen. Alle Welt soll es wissen, daß das gesamte jüdische Volk ohne jeden Partei- .unterschied das Recht auf freie Einwanderung nach Palästina und auf Errichtung eines jüdischen Zentrums dortselbst reklamiert und davon nicht lassen wird. In ,dem Momente, da die staats- und völkerrechtlichen Verhältnisse in Palästina eine Aenderung erfahren, da das Land eine neue Souveränität erhält, darf das jüdische Volk, dessen Rechte auf dasselbe unverjährt sind, nicht leer ausgehen. Die Staatsmänner in England, die sich für die jüdische Sache in Palästina so exponiert haben, müßten es wissen, daß das jüdische Volk in seiner Gesamtheit auf die Erfüllung der Versprechungen beharrt und den Arabern müßte es beigebracht werden, daß sie es nicht bloß mit den hunderttausend Juden, die heute in Palästina wohnen, zu tun haben, sondern mit dem ganzen 15-Millionenvolk, das stark genug sein wird, seine Rechte und seine Interessen zu wahren, ohne sich ganz auf diplomatische Spitzfindigkeiten zu verlassen. Die Voraussetzung für eine solche jüdische Einheitsfront in der Palästinasache müßte aber eine radikale Aenderung der zionistischen Taktik sein. Die Herren Zionistenführer müßten endlich Einsehen und eingestehen, daß sie trotz aller Ruhmrederei und Großsprecherei bloß einen kleinen Bruchteil des jüdischen Volkes hinter sich haben, daß das Gros der Judenheit, die Glanbenstreuen, ihr bisheriges Tun nur mit Miß-