Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 21 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 Jüdisehe Korrespondenz Seite 7 Dasselbe Treiben, das in Polen und in Palästina gegen die Orthodoxie am Werke ist, wird auch in Wien in Szene esetzt. Das Eingreifen der Orthodoxie in die Kultuswahlen at es den Herren Zionisten angetan. Ursprünglich verhielten sie sich ruhig, in der Annahme, die orthodoxe Aktion könnte ihnen wenig schaden. Als sie aber die Wahrnehmung machen mußten, daß die Aktion der Glaubenstreuen immer weitere Kreise um sich zieht, da griffen sie zu dem „bewährten" Mittel. Einerseits wird mit Verleumdungen und Verdrehungen der Tatsachen operiert, um die Orthodoxie zu diskreditieren, anderseits verkündet, die ganze Sache sei gar nicht ernst zu nehmen, da ja „38" (ausgerechnet!) „orthodoxe Vereine" im zionistischen Lager stehen und nur eine verschwindende Gruppe „Schiffschulleute" mit einer eigenen Liste austritt. Dabei kommen den Herren Zionisten einige Leute zu Hilfe, die für jede Strömung zu haben sind, werzn die Aussicht auf Mandate winkt... Wie in Palästina, werden auch in Wien die Wahlen den Beweis liefern, wo das Groß der Glaubenstreuen sich befindet. Die Herren Zionisten und ihre Trabanten werden gut tun, etwas weniger großsprecherisch aufzutreten. Sie verraten allerdings mit ihrem heftigen Kampf gegen die Orthodoxie, daß ihnen die Angst in allen Gliedern liegt. Wenn sie sich mit den angeblichen Zuschriften „von orthodoxer Seite" trösten wollen, so ist dies ihre Sache, nur dürfen sie sich nicht wundern, daß kein Mensch diese „Erklärungen" ernst nimmt. Alle Welt kennt das Sprichtwort: wen es juckt... Aus Palästina. Laut „Manchester Guardin" dürfte Herbert Samuel bereits am 20. Juni England verlassen, um seinen Posten in Palästina am 1. Juli anzutreten. Das Endresultat der Wahlen zu der palästinensischen Delegiertenversammlung ist folgendes: Bei 18 eingereichten Wahllisten wurden außer den rechtsstehenden Orthodoxen, deren Wahlen, wie bereits gemeldet, besonders vorgenommen wurden und deren Resultat noch nicht bekannt ist, 253 Delegierte gewählt, wovon auf die drei Hauptorganisationen der palästinensischen Judenheit Achduth-Haawodah 68, Sefardim 54, den Block von Hapoel-Hazair und Zeire-Hamisrach 44 entfallen. Josef Chajim Sonnenfeld wurde zum offiziellen Oberrabbiner der Aschkenasimgemeinde in Jerusalem gewählt. Obschon er bisher die ihm wiederholt-angebotene rabbinische Würde ablehnte, nahm er dieselbe endlich auf Zureden Rabbi Diskins, der auch auf dem Rabbinatsbriefe als erster unterschrieben ist, an, lehnt jedoch die Annahme eines Gehaltes auch fernerhin ab. Am 15. Mai strömte eine nach Tausenden zählende Volksmenge zur äußerst bescheidenen Wohnung des neugewählten Oberrabbiners, um ihn zu beglückwünschen. Sonnenfeld stammte aus Ungarn und war Schüler des „Kesaw Sofer". Vor etwa fünf Dezennien führte chn seine glühende Liebe fürs Heilige Land nach Jerusalem, wo er sich durch seine große Gelehrsamkeit, tiefe Frömmigkeit, Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit die Achtung weitester Kreise erwarb. Im öffentlichen Leben Palästinas nimmt er seit Jahrzehnten regen Anteil, ist Gegner des modernen nurnationalistischen Zionismus, mit dem er keinen Kompromiß schließen will, ist Präsident der palästinensischen Landesorganisation der Agudas Jisroel, an deren Arbeiten er seit ihrer Begründung teilnimmt und hat auch seinerzeit vor der Palästinakommission der interalliierten. Friedenskonferenz die politischen und kulturellen Forderungen der palästinensischen Landesorganisation der Agudas Jisroel vertreten. (Der Zusammentritt der palästinensischen Konstiuante verboten.) Ein Telegramm aus Jerusalem vom 18. Mai meldet, daß die palästinensische Verwaltung die Einberufung der Assifath Niwcharim, welche für den 26. Mai erfolgt war, verboten hat. Die Vorbereitungen und die Wahlen sind öffentlich und mit vollem Wissen der^Administration'vorgenommen worden. Das Verbot wurde motiviert durch die militärische Okkupation, welche den Zusammentritt einer gewählten Versammlung nicht zuläßt. Aus gleichem Grunde sei der arabische Kongreß verboten worden. (Die Wahlen in Jerusalem.) Wie bereits gemeldet, gingen die Wahlen in Jerusalem unter sehr starker Agitation vor sich. In einzelnen Vierteln des alten Jischmv kanl es zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen den Orthodoxen, welche die Beteiligung an der Wahl ablehnten und die Wähler verhindern wollten, zur Urne zu gehen. Vor den Wahllokalen spielten sich lebhafte Szenen ab. Insgesamt wurden 7760 Stimmen abgegeben. Jerusalem erhält demnach 97 Abgeordnete. Die Mandate verteilen sich wie folgt: Sephardim 39, Jemeniten 12, Achduth Haawodah 11, Hapoül-Hazalr 7, Bucharer 5, Parteilos 4, fortschrittliche Orthodoxe 1, Beamte 1, Hadassah 1, die restlichen Mandate sind zersplittert. Der Misrachi hat mit 60 Stimmen kein Mandat, die Handwerker-Organisation mit 71 ebenfalls keins. Die Anzahl der Gewühlten im ganzen Lande beträgt ungefähr 250. Daß die Misrachisten kein einziges Mandat erhalten haben, beweist, wie schwach ihre Position in Jerusalem ist. Da Jerusalem über 50.000 Juden zählt, mußten angesichts des allgemeinen Wahlrechtes mindestens 22.000 Wähler vertreten sein. Wenn daher bloß 7500 gestimmt haben, so spricht dies dafür, daß die Orthodoxie, die das Gros der Bevölkerung bildet, sich an den Wahlen nicht beteiligt habt. (Freigabe der Einwanderung nach Palästina.) Auf der Konferenz der englischen Zionisten gab Weizmann die Erklärung ab, daß die Einwanderung nach Palästina am 1. Juli, dem Tage des Amtsbeginnes der Zivilverwaltung, einsetzen soll, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob bis dahin die Türkei den Friedensvertrag unterzeichnet haben wird oder nicht. (Wenn es sich nur bestätigen sollte.) (David Jellin — Dizebürgermeifter von Jerusalem.) Wie bereits gemeldet, haben die Behörden in Jerusalem einen neuen Gemeinderat eingesetzt, der aus zwei Juden, zwei Mohammedanern und zwei Christen besteht. Zum Vizebürgermeister wurde David Jellin bestimmt. (Ueberfälle auf jüdische Kolonien in Palästina.) Die Siedlungen Gan Schmuel und Bath Schlomo wurden am 14. Mai von arabischen Banden überfallen. Es gelang den Gendarmen, die Räuber zu verjagen, ohne daß ein Unglück oder ein Sachschaden entstanden wäre. Anfangs Juni wurde auch die Kolonie Mescha überfallen. Zwei Kolonisten wurden getötet, mehrere sind verwundet. Der gesamte Viehbestand der Kolonie wurde geraubt. (Fortdauer der Unruhen in Galiläa.) Ein Telegramm der zionistischen Organisation aus Jerusalem vom 31. Mai meldet, daß die Angriffe der Beduinen in Galiläa fortdauern. Zwei Juden seien getötet worden. (Ein spezielles jüdisches Gebet.) Das I. C. B. meldet: Vom Amte des Chief-Rabbi ist ein spezielles Gebet für die Uebertragung des Mandates in Palästina an England, zwecks Errichtung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk, herausgegeben worden. Dieses Gebet ist für die Gottesdienste, die zur Feier der San-Remo Entscheidung im ganzen Lande abgehalten werden, bestimmt. (Unverständliche Zensnrmaßnahmen in Jerusalem.) Der Jerusalemer „Times"-Korrespondent verweist auf die maßlose, geradezu unverständliche Strenge, mit welcher die Hauptverwaltmig von Jerusalem die Zensur in jüngster Zeit handhabt. Besonders scharf geht die Militärbehörde gegen die jüdische Presse vor. Berechtigten Unwillen habe es hervorgerufen, daß den Blättern selbst die Veröffentlichung des offiziellen Telegramms, in welchem die Ernennung Herbert Samuels zum High Commissioner von Palästina bekanntgegeben wird, untersagt wurde. Die Verhöre der Untersuchnngskommission über die seinerzeitigen Ausschreitungen sind abgeschlossen. General Bols wurde wiederholt vorgeladen und ist als Zeuge einvernommen worden. (Eine Revision.) Aus London wird berichtet: Auf Befehl des englischen Militärkommandos in Jerusalem wurde in" den Bureaus des Jüdischen Nationalfonds in Haifa und in denen der Anglo-Palästinischen Bank Hausdurchsuchungen