Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 21 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 21 zehnten einen unserer edelsten Glaubensbrüder Dr. Leo Pinsker auf die Idee gebracht, daß es ungleich zweckmäßiger wäre, anstatt die Kräfte zur Schaffung von kleinen Asylen zu verwenden, ein einziges großes Asyl, eine eigene Heimat sür die Juden zu erwerben, in der alle, denen der Boden unter den Füßen wankt, eine ruhige feste Zustuchtstätte finden könnten. Insoweit ist die Ansicht ganz richtig. Der Meinung des Mannes, nach der die Schaffung einer jüdischen Nationalität, eines Volkes auf eigenem Grund und Boden, die Autoemanzipation der Juden, ihre Gleichstellung als Nation unter Nationen durch Erwerbung einer eigenen Heimat, das rechte, das einzige Mittel wäre, um die Juden in der Achtung des Volkes zu heben, könnte jedoch unter Hinweis auf gewisse kulturhistorische Zeugnisse aus alter und neuer Zeit bestritten werden.* Immerhin zeigt es, daß er klar gedacht, da er nur von Schaffung einer jüdischen Nationalität, keineswegs jedoch von einer bereits bestehenden jüdischen Nation spricht. Er war auch klug genug, die Erlangung eines für die Zwecke geeigneten Territoriums nicht im einstigen Hebräerlande, sondern in Nordamerika oder in einem günstig gelegenen Gebiete der asiatischen Türkei in Aussicht zu nehmen. Die Mitglieder der Vereine, die eine Kolonisation Palästinas und seiner Nebenländer angestrebt und alle, die sich für die eine Verjüngung Israels bezweckenden Pläne interessiert haben, des an die Glanzzeit unseres Stammes erinnernden Ziongedankens, haben sich als Zionisten bezeichnet. Die mit der im Jahre 1879 begonnenen palästinensischen Kolonisation fchritthaltende, in steter Erweiterung begriffene, auf eine Art Selbstemanzipation abzielende zionistische Bewegung -war ohne einheitliche und planmäßige Organisation, bis ihr unter Leitung des genialen Dr. Theodor Herzl im Jahre 1897 eine solche gegeben wurde. Damals ist auf einem Zionistenkongresse, der in Basel stattgefunden, ein Statut geschaffen worden, dessen erster Programmpunkt lautet: * Wir erinnern nur an die Juden zu Zeiten Agrippas I und an die Armenier. Aruch hat uns eine Symbolik der Opfer „Thorat haolah“ gegeben, aber Thorat liaolah folgte dem Thorat Chatath, auf schwindelnde tbhen führte er uns, nachdem er gezeigt, welche Gesetze uns hier von ünden befreien. Und so auch unser Rabbi. Erst als er mit vollen Segeln das Meer des Talmuds befahren, als er immer und immer wieder in die Tiefen der Halacha hinabgestiegen, als er den Midrasch beherrschte, und mit allen Kommentatoren sich vertraut gemacht, da erst blickte er hinaus in die Ferne und gedachte des Wortes, daß die Thora uns eboten hat. unseres Glaubens uns bewußt zu werden, seine Beeutung wissenschaftlich zu begründen und ihn zu verteidigen gegen jedweden Angriff: „Du sollst heute erkennen und es Dir zum Bewußtsein bringen, daß der Ewige allein das Göttliche droben und auf Erden ist und nichts außer Ihm." Und weil gesegnet war sein Ausgang, war auch gesegnet seine Heimkehr. Immer tiefer wurde sein Glauben, immer edler seine Ueberzeugung. Von jedem Streifzug kehrte er reicher heim und konnte auch Anderen geben. Apologetik hat er getrieben sein Leben lang, aber was er bot, waren nicht Worte sondern Sachen. Seine Dissertation behandelte das Thema: „Ueber die rechte Art der Bibel-Interpretation." Dann folgten „Die Materialien zur Beurteilung der Septuaginta". Und wie m der Jugend für die Bibel, so hat er im Alterz für die Mischnah gekämpft. Seine „Beschreibung des herodianischen Tempels" ist ihm „ebenso "sehr Angelegenheit des Herzens wie Interesse des Geistes".^ Er will den Nachweis führen, und er führt ihn, daß die vielgeschmähten Rabbiner, deren Glaubwürdigkeit Josephus gegenüber immer angezweifelt wird, im Rechte sind..Ich kann es mir nicht versagen, die schöne Stelle aus Note 9 hier anzuführen: „Wie Vieles steht nun aber nicht dem gegenüber auf Seiten der Rabbinen! Josephus Blick war bei jedem Worte, das er schrieb, nach Außen, der der Rabbinen nur nach Innen gerichtet. Ersterer hatte, wenngleich wohl besten Willens, ein Interesse daran, die jüdischen Angelegenheiten so recht imposant darzustellen, von unabsehbaren Schluchten, von Prachtbauten, wie je nichts Schöneres gesehen worden usw. zu sprechen, die Rabbinen konnten alles beim rechten Namen nennen, da sie ja nur zu ihren Angehörigen sprachen und für sie schrieben. Auch hatten die Rabbinen viel mehr die Muße und wissenschaftliche Ruhe in ihren ungestörten Lehrhäusern, den Stätten gegenseitiger Belehrung und Kontrolle, als Josephus in der Welt- -- iOrit»TT± 3S4S. f>2aä SO£T. " ffitfreß&Wäjt i&tg—rrf <pr. 3. / „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Mit dem auf nattonaler Grundlage beruhenden Programm ist der Vorschlag Dr. Pinskers, nach dem erst durch Erwerbung einer eigenen Heimat eine jüdische Nattonalität zu schaffen gewesen wäre, und zwar, da im heiligen Lande, wo Juden Christen und Mohamedaner ansässig, dazu keine Aussicht, in irgendeinem anderen geeigneten Lande, das eine sichere Zufluchtstätte bietet, ganz beiseite geschoben worden und dabei ist es geblieben. Obwohl sich alle Bemühungen, Palästina aus den Händen des Sultans zu erlangen, als fruchtlos erwiesen hatten und die britische Regierung tzjn 5000 Quadratmeilen großes Gebiet in Ostafrika zum Zwecke jüdischer Kolonisation zur Verfügung gestellt und diesbezüglich auch zu weiteren Konzessionen bereit war, ist das Anerbieten abgelehnt worden. Der Ende Juli und anfangs August 1905 zu Basel tagende VII. Kongreß hat unter dem lebhaften Widerspruche geistig hoch einzuschätzender Zionisten erklärt: „Die zionistische Organisation hält an dem Grundprinzip des Basler Programms, das die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina anstrebt, unerschütterlich fest und lehnt — sowohl als Zweck, wie als Mittel — jede kolonisatorische Tätigkeit ab." Durch diese Feststellung sind die vielen Zionisten, die, wie in dem ersten Stadium der Bewegung, auch weiter von einem luftigen Nationaljudentum nichts wissen wollen, nur um so bedenklicher bevormundet worden.** Wer wollte in Abrede stellen, daß es in der ganzen Welt keinen Fleck Erde gibt, der für unseren Stamm so erstrebenswert wäre wie Palästina. ** Das Verhalten der zionistischen Politiker gegenüber dem englischen Anerbieten verdient im Gedächtnisse bewahrt zu werden. Die britische Regierung hatte beantragt, daß sich die Zionisten einen ihnen geeignet erscheinenden Landstrich dortselbst aussuchen mögen. Dem gegenüber wurde ersucht, die Regierung möge das selbst vornehmen lassen und als das geschehen war und es sich nur noch um die Absendung einer Kommission. zur Untersuchung des Bodens gehandelt, wäre auch die unterblieben, wenn nicht ein edler Christ das dazu erforderliche Geld hergeschentt hätte. stadt und in der süßen Last kaiserlicher Gunst und Dependenz. Die Rabbinen bewegten sich ferner bähet in der religiösen Atmosphäre der Emunah, die ihrem Begriffe gemäß vor allem sttenge Treue bewahren muß, Josephus hingegen ward viel mehr von politischen als selbst von historischen, noch viel weniger aber von eigentlich religiösen Motiven bestimmt. Und nun endlich die Forschung m den Originalquellen, die den Rabbinen absolut und in weitester Ausdehnung, Josephus aber, wenn er überhaupt aus erster Quelle schöpfte, jedenfalls weit beschränkter zu Gebote stand, als jenen Lehrern und Meistern."^ Und an einer anderen Stelle: „Will man dies eine Panegyrik nennen, so sei es darum — die so lang geschmähte, vernachlässigte uud vielfach ungehört gebliebene Mischnah mag auch einmal einen Panegyriker haben."" Und wie Bibel und Mischnah, so hat er die Halacha verteidigt in Streitschriften, Artikelserien und wissenschaftlichen Werken. Unübersehbar ist die Masse dessen, was er hier geschrieben. Mit jedem der hervorragenden Reformer hat er die Klinge gekreuzt, mit Geiger, mit Löw, mit Caffel und vielen Anderen. Wir können nur willkürlich aus der übergroßen Fülle herausgreifen: Offener Brief an den Redakteur von Ben Chananja, Wien 1858. Beurteilung der Geigerschen Broschüre: „Notwendigkeit und Maß einer Reform des jüdischen Gottesdienstes." 1860.7 Wie ein Charlatan repliziert. Israelit 1861. Erwiderungen auf verschiedene das Religionsgesetzliche oder die Tradition überhaupt betreffende reformisttsche Gutachten. Israelit 1862. Ueber das quästionierte jüdische Schulinspektorat in Ungarn. Israelit 1863. Der von der Rabbinerkommission zu Pesth veröffentlichte Entwurf zur Gründung eines Rabbinerseminars-Israelit 1864. Noch einmal über die Jeschiba-Angelegenheit in Ungarn. Israelit 1865/66. Erwiderungen auf verschiedene das Reliaionsgesetzliche oder die Tradition überhaupt betreffende reformistische Gutachten. Israelit 1866. Die Wutausbrüche eines Reformblattes gegen die Wiener Kultusgemeinde. Israelit 1867. Zum Kongreß. Prag 1868. Beleuchtung der von Prof. Jeiteles gesandten Broschüre. Wien 1868. Rechenschaftsbericht der 33 Mitglieder des ung.-isr. Kongresses. Prag 1889. (Schluß folgt.) - Ebendaselbst, S- 22. « (SBerrbafcIBfi, <&- <t- " fffravfrt Separat aVPruct, SPiain^ isei.