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Jüdische Korrespondenz · 1920-06-11 · 21 (11.6.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
21 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Jüdische Korrespondenz Seite 3 die von der zionistischen Leitung in einem Maße abhängig sind, daß selben alle Bewegungssreiheit sehlt. Die Orthodoxie will den Kampf so führen, wie es Männern ziemt, deren Grundsatz ist, „wer die Hand gegen seinen Nächsten erhebt, ist ein Frevler". Nachdem es aber unseren Gegnern gefällt, unseren Führern eine Lüge nach der andern in den Mund zu legen, wird selbe auch auf den groben Klotz den groben Keil anwenden müssen. Mit jenem Herrn Kandidaten, der findet, daß die 39 orthodoxen Bethäuser Wiens gar nichts Gemeinsames haben und ebenso viele Orthodoxien bilden und der erst, obwohl selber religiöser Jude ist, durch einen Zwischenruf aufmerksam gemacht werden mußte, daß der Schulchan Aruch vielleicht denn doch ein Gemeinsames bildet, der nicht wissen will, daß die ungarische Orthodoxie für die Flüchtlinge Uebermenschliches geleistet hat und noch leistet, und einige wenige unrühmliche Ausnahmen dazu benützt, um die ungarische Orthodoxie-zu vernadern, sie habe die Flüchtlinge unmenschlich behandelt (mit dem zu Tage liegenden Ziele, die Ostjuden der Wiener Orthodoxie zu entfremden), der die Trennung verwirft, weil die Wiener Trennungsjuden und ihre Freunde ihn ablehnen, mit dem Manne werden wir weiter kaum polemisieren. Wenn aber Abgeordneter Stricker die Unwahrheit austischt, Pappenheim und Hofbauer hätten dem alten Vorstande Gefolgschaft geleistet, wo es doch notorisch ist, daß eben diese beiden Herren durch Jahrzehnte den Kampf gegen den Vorstand anführten, können wir nicht schweigen. Diese zwei Männer waren es, die im Vereine mit Herrn Rabbiner Fürst im Einklänge mit nahezu allen Rebbes, Rabbinern und Gemeinden Galiziens, den Gemeindebund, dieses auch den Nationalen teuere Instrument zur Knebelung der orthodoxen Judenschaft zu Falle brachten und dadurch durch Jahre hindurch mit dem Kultuspräsidium den schwierigsten Verkehr hatten. Wir fragen alle Ostjuden Wiens, die die Nationalen so gerne gegen uns ausspielen, wer ihnen seit Jahrzenten in allen Differenzen mit der Kultusgemeinde geholfen hat, immer und immer wieder Hofbauer und Pappenheim, nicht weil sie den zum Ziele führt, weil er schon früher den rechten Standpunkt zu dem Problem gewonnen. Zwei der Möglichkeiten gibt es, zur geschloffenen Weltanschauung sich zu erheben. Die eine führt vom Wissen zum Glauben, lieber alles muß sich der Zweifel regen, lautet hier der Grundsatz. Das ist keine Entdeckung Descartes; auch die Systeme der griechischen Philosophen nahmen diesen Gedanken in Wahrheit zu ihrem Ausgangspunkt. Und von Erfahrungstatsachen ausgehend, schreitet hier das Wissen von Stufe zu Stufe bis zu einer Höhe, da es den Boden der Wirklichkeit verläßt, wo die Dokumente oer Vergangenheit schweigen, wo das Experiment keine Antwort gibt, und dann krönt es sein Gebäude mit einer Metaphysik, die immer nur ein Glaube ist, mag sie sich dogmatische Philosophie oder Kritizismus, spekulative Konstruktion oder monistische Weltanschauung nennen. Und die andere führt vom Glauben zum Wissen. Der Ausgangspunkt ist das Bekenntnis: Es gibt einen Gott, er hat den Himmel geschaffen, und die Erde ausgebreitet und den Odem gegeben den Wesen auf ihr, und er hat dem Menschen verkündet, was das Gute ist und was er von ihm fordert. Und nachdem der Gläubige, befragt die vergangenen Geschlechter, ergründet hat, was die Väter erforscht, sieht er sich um in der Welt der Erscheinungen, lauscht er auf die Erkenntnisse, die seine Zeit .gefunden, und er verflicht, was bleibend an ihnen ist, in sein Geistesleben und baut sich ein wohnliches Heim, die religiöse Weltanschauung. Es ist eine Redensart, die von den Gegnern der Religion im Munde geführt wird, wenn den Bekennern dieser Weltanschauung der Vorwurf gemacht wird, sie erniedrige die Wissenschaft zur Magd der Theologie. Eine jede Weltanschauung enthält Tatsachen und Sätze des Glaubens, und dort, wo die moderne zur Weltanschauung wird, hört sie eben auf, Wissenschaft zu sein, ist sie nicht minder Glaubenslehre, wie die geoffenbarte Religion. Das ist eine alte Wahrheit, aber es gibt Dinge, die nicht oft und eindringlich genug gesagt werden können. Rur zwei Wege gibt es: Du stellst Dich auf einen Punkt außerhalb Deiner religiösen Welt, Du suchst aus der Fremde Deine Welt zu begreifen und Du hast schon Deinen Glauben verloren und wirst ihn nimmermehr wiederfinden, oder Deine religiöse Welt, die Offenbarung ist Dir der unverrückbare Punkt, von ihm aus suchst Du die Außenwelt zu erfaffen, dann magst Du nach Herzenslust in alle Lande streifen, siehst Du Dein Heim, Du findest es unversehrt. Uno diesen Weg hatte unser Meister beschritten in frühester Kindheit und ist nie um Haaresbreite von ihm gewichen sein Leben lang, darum konnte er zum Führer werden der gesetzestreuen Judenheit. Kultusgewaltigen Gefolgschaft leisteten, sondern weil sie dort ob ihrer Strammheit gefürchtet waren. Daß auch dieser Kamps tunlichst in urbanen Formen geführt wurde, liegt im Wesen der Orthodoxie. Die Bezeichnung Grüppchen können sich die Orthodoxen ruhig gefallen lassen, der Wahltag wird zeigen, welches die Gruppen und welches die Grüppchen sind. Daß die Orthodoxie nicht agitatorisch auftritt, hat seinen triftigen Grund darin, daß sie auf den gesunden Sinn der streng religiösen Bevölkerung rechnen kann, die zwischen a- und antireligiösen Kandidaten einerseits und streng frommen anderseits gewiß nicht schwanken wird. Wenn ein nationaler Kandidat, der selbst nicht weniger als religiös ist, in einer Klaus gegen die Unverfrorenheit der irreliösen Assimilanten wettert, die nicht Schabbes halten, löst dieses Tun einfach homerisches Gelächter aus. Wenn in einer anderen Klaus orthodoxe Redner nicht zu Worte kommen und hinauskomplimentiert (recte in rohester Weise hinausgeschmissen) werden, weil einige nationale Raufbolde die erbgesessenen Baale Battim terrorisieren, so sind das Vorgänge, die für die orthodoxe Liste gute Propaganda machen. Auch die denkwürdige Versammlung im Continental, März 1919, wo nicht einmal die Anwesenheit des Dr. Chajes verhindern konnte, daß 70 jährige verdiente Männer verprügelt wurden, weil sie, in die Versamlung hineingefoppt, auch die Stimme echtjüdischer Männer wollten hören lassen, war die beste Agitation gegen die Nationalen. Sämtliche Auskünfte in WahlaugelegenHeiten werden erteilt im Ienlratwahrlokare, II., Aloßgasse 1. Ltho-Zionisinus. (Gedanken über das Erlösungsproblem.) (Fortsetzung.) Die Bestrebungen, für unsere in erschreckender Zunahme begriffenen Obdachlosen Asyle aufzusuchen und selbe soweit möglich wohnlich zu machen, haben vor nahezu vier Jahr- Glauben und Wissen, aber vom Glauben zum Wissen. Ein urdeutscher Knabe, hat er erst die Jeschiba besucht und dann das Gymnasium absolviert. Das Tagewerk mußte mit „Lernen" beginnen, dann durften die profanen Studien folgen. Im Mittelpunkt Thora und Talmud, im Kreise die nichtjüdischen Fächer. „Es gereicht mir zur Beruhigung", — so heißt es im dritten Bericht aus Eisenstadt' — „daß die wissenschaftliche Beschäftigung im richtigen Verhältnis zum Ikar, dem limud hathora gehalten' wurde". Und unzählige Male hat er wiederholt, was er in seiner Abhandlung über die Jeschiba- Angelegenheit1 2 so feurig ausgesprochen: „Es gibt nur ein Mittel, Begeisterung zu wecken, zu Mut zu entflammen, zur Tat zu entzünden, zu Opfern zu erziehen, gegen jede Unbill und jede vielleicht im Schoße der Zukunft verborgene Gewitterwolke zu stählen und zu waffnen, ein Mittel, das durch kein anderes zu ersetzen, dem kein anderes auch nur im Allerentserntesten nahe kommt, mit welchem alles gewonnen ist, ohne welches aber jede heilige Regung in Trümmer fällt — dies eine Mittel ist eben Rückkehr zu Schaß uposkim." Schaß uposkim, „Lernen" und immer wieder „Lernen" — das war seine Devise. Und darum brachte er, der doch dem Profanen so viele Jahre hat widmen müssen, es im Lernen zu einer Meisterschaft, daß eine ganze Welt in halachischen Fragen sich an ihn wandte, brachte er es dahin, daß, als er kaum die Hälfte seiner Jahre ausgelebt, sein Name in wichtigen Entscheidungen neben dem des „Aruch laner“ und des Würzburger Raw, der allen, hochbetagten, glänzte. Was er gewußt, wer will es zu schildern wagen, „da weiter als die Erde das Maß und breiter denn das Meer?" Und wie er es gewußt, wie er gelernt und gelehrt? Wie kennen wir uns darin aus;! „Unser Glauben ist Wiffen", war sein Grundsatz. Nicht ein paar Sätze des Katechismus, sondern die ganze Welt der schriftlichen und mündlichen Lehre mit ihrer Ausdeutung und Fortbildung bis aus die Jetztzeit. Wie bitter hätte er gelächelt, wie hätte der heilige Zorn ihn übermannt, hätte er von den Jünglingen vernommen, die, mit dem jüdischen Wissen eines begabten sechsjährigen russischen Jungen ausgestattet, die Grundlagen ihres Glaubens auf ihre Festigkeit zu prüfen suchen! Wohl hat Mäimonides den Moreh Nebauchim geschrieben, die Irrenden zu belehren gesucht, doch erst nachdem er den Jad Hachasaka verfaßt, die jüdische Welt mit starker Hand durch das Labyrinth der Halacha geführt, und auch der Usmo, der Arbeiter am Schulchan 1 III. Bericht über die öffentl. Rabbinatsschule zu Eisenstadt S. 6. 2 Noch einmal über die Jeschiba-Angelegenheit „Israelit" VII, 1866, S. 213.

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