Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 21 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 21 tionalisten, zwischen den Glaubenstreuen aus dem Osten und denjenigen aus dem Westen, Unterschiede zu konstruieren, sei lächerlich. Die Wiener Orthodoxie hat für die Ostjuden sehr viel geleistet und leistet bis auf den heutigen Tag. Sie sieht es gerne, wenn sich andere ähnliche Gruppen ebenfalls für Thora, Awoda und Gemilaus Chasedim betätigen, — nur sollten jene eben arbeiten und nicht bloß flunkern. Der Referent appellierte schließlich an die Versammelten, am Wahltag für die orthodoxe Liste einzutreten. (Lebhafter Beifall.) Herr Eduard Deutsch erklärt, daß er, obwohl Kandidat, nicht als solcher, sondern als einfacher Wähler spreche, da er sich an einer solchen Stelle der Liste befinde, daß seine Wahl zweifelhaft ist. Er will aber seine ganze Kraft in den Dienst der Sache des orthodoxen Judentums stellen und fordert die Versammlung auf, dasselbe zu tun. Anschließend verweist Herr Deutsch auf die Aufgaben der Orthodoxie in der Kultusemeinde und drückt die Erwartung aus, es werde gelingen, er guten Sache zum Siege zu verhelfen. Herr Porges überbringt die Segenswünsche des Schiffschulrabbiners Ehrwürden S. Fürst, sowie der Rabbiner von Brody und Buczacz für die Versammlung und richtet an dieselbe einen begeisterirden Appell, während der noch zur Verfügung stehenden Zeit bis zu den Wahlen, eifrig und energisch für den Sieg der orthodoxen Liste zu arbeiten. Herr Dr. S. R. Landau begrüßt das Eingreifen der Orthodoxie in den Wahlkampf und erklärt, obwohl er auf Grund eines eigenen Programms kandidiere, er der orthodoxen Liste große Sympathien entgegenbringe. Das Auftreten der Orthodoxie bringt nicht nur derselben, sondern auch der ganzen Wiener Kehillo Nutzen. Redner verweist auf die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Mischehenseuche, welche in Wien furchtbarer als anderwärts grassiert, ohne daß offiziell das Kultusgemeinderabbinat weder früher, noch jetzt, dagegen entsprechend auftrat; er geißelt es, daß Männer in den Kultusvorstand entsendet werden, die nicht beschnitten sind, die getaufte Kinder haben und erwartet von der Arbeit der orthodoxen Vorstehung eine Sanierung der Verhältnisse. (Lebhafter Beifall.) Rabbi Lsriel Mdesheimer b“si > Ein Lebensbild. Von Dr. I. Wohlgemuth.* Richtet Euren Sinn an diesem Tage rückwärts auf jene Zeit, bevor Stein zu Stein sich fügte am Tempel des Herrn! Ueberall in deutschen Landen Wüste und Oede. Geschwunden die Frommen, und Keiner nahm es sich zu Herzen. Zu Hohn und Spott war der Glaube geworden und überall die Schar der Neuerer, ein Volk frechen Angesichtes, das der Alten nicht achtete und mit der Jugend kein Mitleid hatte. Und hier in der Hauptstadt des Reiches hatten sie einen Mittelpunkt gefunden; hier, wo das Geschlecht der § riedländer den Boden trefflich bereitet, sollte der Glaube unserer äter zu Grabe getragen werden. Und auch für Nachfolge wollten sie sorgen, die Totengräber, und in alle Lande schickten die Sendboten, die künden sollten den neuen Glauben, daß nicht zwei in einer Stadt und nicht einer aus einem Geschlecht treu bleibe dem Gotte seiner Väter. Da stand Er auf, Rabbi Esriel Hildesheimer (seelier zaddik liwroclio) und rief es hinaus in die Welt: Wer dem Ewigen angehört, zu mir! und scharte um sich die Getreuen und fügte Stein zu Stein am Tempel des Herrn und baute den Frommen ein Haus, dies stattliche Haus, daß es ihnen Schatten spende vor der verdörrenden Glut, daß es ihnen Schutz und Schirm sei vor dem Unwetter draußen. Doch wir blicken durchs Fenster und siehe, auf der Straße ein unsinniger Jüngling. Verlaffen hat er das schützende Dach, geht allein seines Weges und siehe, unvermerkt naht er ihrer Ecke, schreitet er den Weg zum Hause des „fremden Weibes". Ihr kennet das Weib. Eine Tyrerin war es zu Achabs Zeit, eine Hellenin in den Tagen der Makkabäer; einem vom Taumel der neu erworbenen Freiheit berauschten Volke zog sie als Göttin voran und thronet heute an den Stätten der Forschung. Vor der Jahrtausende drei nannte man es Götzendienst, vor zwei Jahrtausenden Hellenismus; da die Völker * Anläßlich des 100. Geburtstages des Rabbi Esriel Hildesheimer hat der Herausgeber des „JeschUrun", Monatsschrift für Lehre und Leben und Judentum, in Berlin, Herr Dr. I. Wohlgemuth, ein Spezialdoppelheft derselben erscheinen lasten, das ganz dem Leben und Wirken Hildesheimers gewidmet ist. Das Heft wird mit einer Arbeit des Herausgebers, eines Schülers Hildesheimers eingeleitet, die er wenige Jahre nach dem Ableben seines großen Lehrers erstehen ließ. Wir bringen diese Arbeit zum Nachdruck. D. R. Herr Dr. Neumann entwickelt hierauf eingehend das orthodoxe Kultusgemeindeprogramm. Seine mit großer Entschiedenheit vorgetragenen Ausführungen lösten eine überaus lebhafte Zustimmung aus, ebenso wie die Ausführungen des nächsten Redners, Herrn Schreiber, welcher unter Zitierung verschiedener Bibelsätze die Tragweite der orthodoxen Aktion nachwies. Herr Alter Kamm spricht unter lebhafter Zustimmung über die Notwendigkeit, das religiöse Leben zu heben und zu fördern. Nachdem noch einige Redner gesprochen haben, wird einstimmig eine Resolution angenommen, daß die Versammlung die Aufstellung einer orthodoxen Liste begrüßt und sich verpflichtet, für den Sieg derselben einzutreten, worauf der Vorsitzende, Herr Doktor- Reiniger, in vorgerückter Stunde die Versammlung schloß. Die Versammlung brachte einen greifbaren Erfolg, indem sich zahlreiche Teilnehmer für die Werbearbeit zur Verfügung stellten. Nächste Woche werden einige Massenversammlungen stattfinden. Jeder thoratreue Jude, dem es um die Jestigurig des religiösen Judentums zu tun ist, wählt am 27. Juni die Liste der „Bereinigten gkauösnstrenen Indenschaft". Ls kan« der Veste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Die Wiener orthodoxe Judenschaft ist in freit Wahlkampf eingetreten, weil sie religiöse Interessen, die in der Gemeindestube jetzt einen großen Raum einnehmen dürften, besser Lurch ihre Bekenner und Anhänger wahren läßt, als durch Männer, die das religiöse Judentum kaum kennen und demselben in der Praxis gänzlich ferne stehen, oder gar durch' religiöse Juden, ihre Fesseln abwarfen, war es die Göttin Vernunft und heute — moderne Weltanschauung. Und dies Weib tritt dem Jüngling entgegen, sie bleibt nicht keusch in den Mauern ihres Hauses. Stürmisch ist sie und unbändig, im Hause ruhen nicht ihre Füße. Sie redet vom Lehrstuhl zu Königen auf ihren Thronen, redet beim Mahle durch den Freund zum Freunde. Und sie faßt ihn und küßt ihn, von der Liebe spricht sie zu ihm, von der Liebe, mit der sie die ganze Welt ans Herz drückt, von der allumfassenden, mit der sie die ganze Menschheit beglückt. Und von der Pflicht spricht sie zu ihm, von der sozialen, Frieden zu stiften zwischen den Ständen, zwischen Herren und Knechten. „Friedensopfer liegen mir ob, heute zahle ich mein Gelübde." „Nun denn, Ihr Söhne, höret auf mich, nierket auf die Worte meines Mundes! Laß Dein Herz nicht abbiegen auf ihre Wege, verirre Dich nicht auf ihre Steige! Denn gar viele sind der Erschlagenen, die sie gefällt, zahlreich, die sie alle gemordet hat. Wege in den Scheol — ihr Haus, sie führen hinab in die Kammern des Todes." Und auf daß ihr gefeit seid gegen die Gefahr, soll Euer Auge heute schauen den Lehrer, Euer Ohr vernehmen den Ruf hinter Euch, der Euch kündet die Bahn, die Ihr wandeln - müßt, wollet ihr des rechten Weges nicht fehlen. Rabbi Esriel Hildesheimer ges. A. sei heute unser Führer, von ihm wollen wir lernen, wie das Ideal gestaltet sei, das dem gläubigen jüdischen Jüngling vor Augen schwebe; seine Persönlichkeit soll vor uns entstehen, ein Vorbild und Muster dem, der sich berufen fühlt, der Hirt in einer der heiligen Gemeinden Israels zu werden. Rabbi Esriel Hildesheimer ges. A. sei unser Führer, er, der ein Denker war und ein Frommer und ein Held. ' Ein Denker ist er gewesen. Aus den Geistesschätzen unserer Alten und aus den Errungenschaften seiner Zeit schuf er sich eine Weltanschauung, die Glauben und Wissen harmonisch vereinte. Zu den Füßen des Chacham hatte er gesessen und in den Hörsälen Hegels, beim „Aruch laner“ hatte er gelernt und bei Gesenius studiert, in 8ebaü uposkim sich versenkt und Mathematik getrieben; aber Bibel, Talmud und Dezisoren und Philosophie, Orientalia und Mathematik, das waren nicht gesonderte Gebiete, aus den Elementen schuf er einen lebendigen Organismus, den jüdischen Gelehrten, der, ob er auch im Profanen lebt, zum Heiligen strebt, den jüdischen Gelehrten, wie ihn das Mittelalter gekannt, wie ihn das spanisch-arabische Zeitalter so wunderbar verwirklicht. „So hatte er den Widerspruch gelöst, der so viele auch heute quält, den Widerspruch zwischen Glauben und Wissen?!" Wohl! Und dies, weil er den Weg einschlug, der allein