Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 21 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K 50, halbjährig K 25, vierteljährig K 13-50. Ausland jährlich K 70. Einzelnummer 1 Krone. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Np. 21. Wien, 25. Siwan 5680, II. Juni 1920. VI. Jahrgang. Das „erwachende Wien". Die Lorbeeren des „erwachenden Ungarn" lassen die Wiener Judenseinde nicht ruhen und so haben sie den Beschluß gefaßt, nach längerer Pause wieder einmal eine antijüdische Hetze vom Stapel zu lassen. Unter der Maske einer Kundgebung gegen die „Ostjuden" wurden alle „Nichtjuden" zu einer Protestversammlung eingeladen, die Montag den 7. Juni abends stattgefunden hat und bei der die Herren Riehl, Kunschak, Jerzabek und Genoffen die üblichen Reden hielten. Natürlich beschränkten sie sich hierbei nicht auf die Ostjuden, sondern forderten Beschränkungen auch für die Einheimischen. Kunschak verfiel dabei auf den Witz, sich auf den Abgeordneten Stricker zu berufen und zu verlangen, daß, nachdem die Juden in Palästina eine nattonale Heimstätte erhalten, sie in allen anderen Ländern als „Fremde" zu betrachten und zu behandeln wären. Es wurde schließlich eine Resolution beschlossen, in der unter anderem gefordert wird: 1. die sofortige Internierung aller eingewanderten Ostjuden; 2. der fortlaufende Abschub dieser jüdischen Parasiten in ihre Heimat sowie die Grenzsperre gegen jede, weitere Zuwanderung der Ostjuden; 3. die Beschlagnahme ihres hier erwucherten Vermögens; 4. die Zulassung der hier heimatsberechtigten Juden zu den Mittel¬ und Hochschulen nur im Ausmaße ihrer Verhältniszahl zur bodenständigen Gesamtbevölkerung. Nach der Versammlung formierten sich die Teilnehmer in einen Demonstratiouszug, der über die Ringstraße marschierte und unter den üblichen Szenen in die Leopoldstadt gelangen wollte. Dank dem starken Aufgebot an Polizei wurden sie daran gehindert und mußten sich mit einigen kleinlichen Radauszenen begnügen. Wie die Dinge stehen, ist mit einer Wiederholung der Hetze zu rechnen, die im übrigen einen monarchistischen Hintergrund hat und der die Ostjuden bloß als Deckmantel dienen. Hoffentlich wird die Regierung auch in der Zukunft das nötige zur Verhinderung von Ausschreitungen anordnen. Charakteristisch ist die Berufung Kunschaks auf Stricker. Unsere Nationalisten können daraus ersehen, daß die Christlichsozialen unter der Anerkennung der Juden als besondere Nation etwas anderes als die Zionisten verstehen und ganz andere Konsequenzen daraus ziehen möchten. Inzwischen ist eine Tatsache eingetreten, die es den Herren Kunschak und Genossen noch mehr als bisher erschwert, ihr Ziel erreicht zu sehen. Das Staatsamt für Inneres und Unterricht hat kürzlich an alle Landesregierungen und an die Polizeidirektion in Wien folgenden Erlaß gerichtet: „Laut einer dem Staatsamte für Aeußeres zugekommenen Mitteilung des Bevollmächtigten der tschecho-slowakischen Republik in Wien werden den tschecho-slowakischen Grenzorganen von österreichischen Behörden vielfach Schüblinge, und zwar auch Angehörige ftemder Staaten, zur Beförderung in ihren Heimaisstaat durch das Gebiet der tschecho-slowakischen Republik überstellt, ohne daß vorher durch den Heimatsstaat ihre Zugehörigkeit anerkannt oder die Bereitwilligkeit ihrer Uebernahme an der Grenze ausgesprochen worden wäre. Soweit es sich um fremde Staatsangehörige handelt, erscheint es nach der Anschauung des tschecho-slowakischen Ministeriums des Innern erforderlich, vorher die Bewilligung dieses Ministeriums zur Durchfahrt durch das tschecho-slowakische Staatsgebiet einzuholen. Diese Bewilligung wird erteilt werden, falls die österreichische Regierung verläßliche Belege dafür beibringt, daß die Regierung jenes Staates, dem der zu befördernde Schübling angehört, seine Staatsangehörigkeit anerkennt und bereit ist, ihn zu übernehmen, wobei gleichzeitig der Ort und der Zeitpunkt der Uebergabe genau anzugeben wäre. Soweit es sich um Angehörige von Staaten handelt, die nicht unmittelbar an das tschecho-slowakische Staatsgebiet grenzen, verlangt das tschecho-slowakische Ministerium des Innern überdies den.Nachweis, daß auch der betreffende Nachbarstaat, dessen Organen der Schübling zur weiteren Beförderung übergeben werden soll, den Schübling an seiner Grenze zu diesem Behufe übernehmen wird. Die österreichische Regierung hat dem tschecho-slowakischen Ministerium des Innern im Wege des Staatsamtes des Aeußern mitgeteilt, daß es dem Vorschläge über den bei der Uebernahme und der Beförderung von Schüblingen aus Oesterreich künftighin einzuhaltenden Vorgang zustimme und bereit sei, sämtliche durch den Transport ftemder Schüblinge durch tschechoslowakisches Staatsgebiet erwachsenden Kostenzu bestreiten." Diese Entscheidung ist im Hinblick auf die Ostjuoenftage von außerordentlicher Wichtigkeit, denn nunmehr erscheint es praktisch so gut wie undurchführbar, galizische Flüchtlinge gewaltsam zur Heimreise zu verhalten. Jeder bewußte orthodoxe Jude stimmt und agitiert für die Liste der „bereinigte« gkaubenstreuen Iudenschafl". Line große orthodoxe Wählerversammlung. Nachdem täglich im Lokal der orthodoxen Jugendgruppe Wählerversammlungen im engeren Kreise stattgefunden haben, hat das orthodoxe Wahlkomitee für Dienstag, den 8. Juni, abends, eine große Wählerversammlung einberufen, die im Festsaale des Hotel Conttnental stattgefunden hat. Obwohl die Einberufung der Versammlung kaum 24 Stunden vorher erfolgte, da die Lokalfrage gewissermaßen erst im letzten Moment entschieden wurde, so wies dieselbe einen Massenbesuch auf und lieferte den klarsten Beweis für die Anziehungskraft des orthodoxen Kultusgemeindeprogramms. Der große Saal des Hotels war vollbesetzt von Wählern aus allen Kreisen der Wiener Judenheit. Es waren mehrere Beihausvereine vertreten und auch einige Rabbiner wohnten der Versammlung bei. Die Versammlung wurde durch Herrn M. Felsenburg eröffnet, der die zahlreich Erschienenen, besonders die Vertreter der Bethäuser und die Rabbiner begrüßte, und . in kurzen Zügen das Ziel der Orthodoxie mit ihrem Austreten skizzierte. Hierauf erstattete der orthodoxe Listenführer, W. Pappenheim, das Referat. Redner verwies zunächst auf die Kampfesweise der Nattonalisten, die mit Unwahrheiten, Verdrehungen und Entstellungen operieren. Er widerlegte die gegnerischen Behauptungen auf Grund klarer offensichtlicher Tatsachen und erläuterte hierauf das Programm der Orthodoxie ftir die Kultuswahlen. Die Orthodoxie will alles, was unjüdisch ist, bekämpfen, alles, was jüdisch ist, fördern. Die Taktik der Na-