Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 11-12 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11/12 Jüdische Korrespondenz Seile 19 von der hochentwickelten Kunst der Sumerer, sondern auch von deren hübschen Aussehen. Fritz Hammel hat in seinem Werke „Geschichte Babylons und Assyriens" Reproduktionen veröffentlicht, ebenso Friedrich Delitzsch in dem berühmten Buche „Babel und Bibel". Was uns in den Zügen der Sumerer am meisten auffällt, ist das große, freie, offene Auge und die kleine, stumpfe Nase, die einen lebhaften Kontrast zu den assyrischen, jüdischen und ägyptischen Gesichtern Hervorrufen. Die bewundernswerten Errungenschaften dieses Volkes auf den Gebieten der Sprache, Kunst, Religion und Wissenschaft gaben dem Lande auch späterhin das Gepräge. Die Sumerer bewässerten das Reich mit einem überaus geschickt angelegten Netz von Kanälen rmd machten aus Babylonien den „Garten der Welt", daß heißt einen Fleck Erde, der fruchtbarer mar als Aegypten. Da wandern plötzlich semitische Stämme in Massen ein, ganz friedlich, ohne Kampf, so wie sich in Europa die Slaweneinwanderung vollzogen hat, und die Sumerer gehen in diesen Fremdlingen allmählich auf, wobei sie denselben ihre hohe Kultur abgeben. Alles das, was uns der griechische Geschichtsschreiber Barossos über die Entstehung des babylonischen Reiches erzählt, ist also ganz unrichtig und gehört in das Gebiet der Fabel. Wir brauchen dabei nicht bloß an den Mythus zu denken, der von dem Wundergeschöpfe Oannes handelt, einem Wesen, „halb Fisch, halb Mensch", welchem die Babylonier ihre Kultur, Künste, Schrift sowie den Ackerbau verdankt hätten. Wo historischer Boden beginnt, hat Sumer (Südbabylonien) mit der Stadt Ur die politische und geistige Führung von Sumer und Akad, also von ganz Babylonien. Es folgen dann Perioden heftiger Kriege. Im Jahre 2285 vor Christo fallen die Elamiten, ein nichtsemitisches, am Persischen Meerbusen sitzendes, mächtiges Volk unter Kudur-Nauhundi, in Nordbabylonien ein. Sie waren berühmte Bogenschützen. Ihre Hauptstadt hieß Susa. 2272 eroberter! sie unter Kudur Mäbuk auch Akad. Aber schon int Jahre 2250 befreit der Nordbabylonier Hammurabbi, berühmt durch seine Gesetze, ganz Babylonien und macht die Stadt Babylon zum religiösen und politffchen Mittelpunkt der damaligen zivilisierten Welt. Freilich nicht auf lange. Dem Frieden bereiteten nämlich im Jahre 1094 die tapferen, aber räuberischen Koffäer ein Ende, welche von den medisch-elamitischen Grenzgebirgen herabstiegen und die Herrschaft an sich rissen, bis sie im Jahre 324 von Alexander dem Großen besiegt wurden. Vlm diese Zeit waren sie niit den Semiten bereits verschmolzen. Vom Jahre 1840 ab hatten die kossäischen Könige Babylons Beziehungen zu dem neu entstandenen affyrischen Königreich angeknüpft. Die Assyrer waren babylonische Kolonisten, ivelche am rechten Tigrisufer. 64 Kilometer von der Mündung des oberen Zab, die Stadt Assur gegründet hatten. Auch hier find die griechischen Berichte über die Entstehung des affyrischen Reiches mit der Hauptstadt Ninive durch Ninos und die Eroberungszüge der kriegerischen Witwe Semiramis bloße Fabel. Bald kommt es aber zwischen den Alt- und den Neubabyloniern (Assyrern) zu Kämpfen, die schließlich zu einer Vereinigung der babylonischen mit der assyrischen Königskrone führen. - Die Altbabylonier sollten nun durch ein semitisches, mit ihnen verwandtes Volk gerächt werden, welches im ersten Jahrtausend vor Christo vom Süden nach Norden eindrang und sich bald zum alleinigen Herrn Babyloniens machte. Es waren dies die Chaldäer, lateinisch chaldaiei, griechisch chaldaioi, assyrisch lcaläu und hebräisch kasdim genannt. Sie drückten denr Lande derart ihren Stempel auf, daß die Bibel die Babylonier seit dem Propheten Jeremias nur niehr „Chaldäer" nennt. Ihr König Nabopolassar macht 625 ganz Babylonien unabhängig, verbündet sich 606 mit den Medern, nimmt Ninive ein, stürzte das assyrische Reich und tritt dessen Weltherrschaft an. Sein Sohn Nebukadnezar besiegt dann auch die Juden und führt sie in die babylonische Gefangenschaft. Diese siebzig Jahre verwandelten die Juden bekanntlich vollständig, indem die Gefangenen eigentlich ganz frei leben konnten und dadurch mit dem ungeheuren Wissensschatz der Chaldäer vertraut wurden- Heute wissen wir allerdings, daß die letzteren keineswegs jene epochalen Geister waren, als die man sie nach den lleberlieferungen der Alten ansehen mußten. Babylonien wär vielmehr seit jeher der Sitz der Astronornie und Astrologie gewesen sowie anderer Künste und Wissenschaften, nur kamen eben andere Völker, die Hebräer, Perser. Griechen, Rönler usw. erst seit der chaldäischen Herrschaft mit den Bewohnern Babyloniens in Berührung, so daß nicht bloß das Buch Daniel, sondern auch Curtius, Strabo, Diodurus Siculus, nicht zu sprechen von den späteren Geschichtsschreibern, jeden Astrologen, Wahrsager, Astronomen usw. einen „Chaldäer" nannten- Und so kam es denn auch, daß die „Weisheit der Chaldäer" bis zu Kopernikus, Galilei und Kepler auch in Europa allein maßgebend war, und daß sie im Aberglauben noch heute fortspukt. Diese Klarheit verdanken wir dem Residenten der Ostindischen Compagnie in Bagdad Cl. I. Rich, der im Jahre 1820 in den Ruinenyügeln von Kunjundschik und Nebi Aunus das alte Ninive ausgrub. Man stieß da auf den ungeheuren Bibliothekssaal der Stadt, wo sich viele Tausende von Tontafeln fanden, welche die alten Chaldäer in Ermanglung genügender Mengen von Holz und Stein als Schreibmaterial benutzten. Ziegelerde hatten sie genug, und so kam es, daß die in Keilschrift niedergelegten Mitteilungen den Jahrtausenden trotzten. Das Hauptwerk, welches ursprünglich 200 Tafeln umfaßte, befaßt sich mit Magie (damalige Naturwiffenschaft) und befindet sich im britischen Museum in London. Freilich handelte es sich auch hier bloß um eine in den Jahren 669 bis 625 v. Ch. hergeftellte, von Assurbanipal anbefohlene Abschrift eines viel älteren Werkes, aber wir lernen aus dieser in zwei Sprachen (im assyrischen und dem damals schon ausgestorbenen Idiom) abgefaßten Kopie sämtliche religiösen, abergläubischen und auch naturivlssenschaftlichen Vorstellungen des ältesten Kulturvolkes kennen. Konkurs. Der „Jessod Hathora", Schulderem der „Adas Jisroel" (Schiffschul), sucht per sofort eineu tüchtigen und erfahrenen, streng orthodoxen Melamed, der die Fähigkeit haben muß, größere Schüler in Chumesch, Raschi, Gemoroh und Meforschim gründlich zu unterrichten. Gehalt nach Uebereinkomnien. Bewerber, nur sehr gute Lehrkräfte, wollen ihre Gesuche mit Zeugnisabschriften und Beschreibung ihres bisherigen Lebenslaufes an den Bereinsobmann Wilhelm Kritzler,!., Augustengasse 2, ehebaldigst richten. Wien, im Adar 5680. Wilhelm Kritzler Leopold Lederer Obmann. Schriftführer. Neue Bücher. „Die jüdischen Parteien." Bon Baruch Krupnik. Jüdischer Verlag, Berlin. 1920. Preis Mk. 2-—. - Eine auf knappsten Raum verteilte und dock) inhaltsreiche Charakteristik der verschiedenen Strömungen innerhalb der Judenheit in Ost und Weit, in Amerika und Palästina. Die historische Gliederung der neuzeitlichen Judenheit (soiveit sie politisch organisiert und interessiert ist) in Gesetzestreue und Freidenker sowie die moderne Gliederung in Nationalisten und Internationalisten (beziehungsweise jüdische Bekenner fremden Bolkstunts), wird durch objektive Darstellung der Tatsachen vom zionistischen Standpunkte beleuchtet. Verfasser wendet hiebei ein ebenso originelles wie methodologisch glückliches Verfahren an. Er untersucht und zeigt, wie jede einzelne Richtung oder Partei sich zu den drei entscheidenden Fragen stellt, nämlich zur jüdischen Religion, zur Sprache der Juden, zur Tatsache der Diaspora. Das sind in der Tat die Kardinalfragen des jüdischen Lebens und sie enthalten alle Probleme, die die derzeitige Judenheit bewegen: gesetzestreues oder weltliches Judentum, Hebräisch und Jidisch.' Golüsbejahung und Gegenwartspolitik usw. Das Büchlein ist unentbehrlich für jedermann, der sich über jüdische Dinge aus authentischer Quelle orientieren will, aber auch dem Eingeweihten bietet es manches Anregende. Zum Nachschlagon und zur Lektüre ist es gleich geeignet. Eine graphisd)e Uebersichtstabelle erleichtert das Verständnis für die Gruppierung der Parteien. Die Ausstattung ist gefällig. „Der jüdische Pionier in Erez-Jsrael." Seine Tat und seine Wandlung. Von Israel Tunis, llebersetzt von Heinrich Broch. R. Löwit Verlag, Wien-Berlin. 1920. Mk. 1-40. — In einer Zeit, da sich die überwiegende Mehrheit der Judenschaft aus sich selbst besinnt, da für jeden aufrechten, voltsbewußten Juden die Entscheidungsstunde geschlagen hat, ist diese Schrift von höchster Aktualität und daher von größtem Interesse. Nicht der historische Verlauf der Arbeiterbewegung in Palästina ist geschildert, sondern ihr zu Persönlichkeitswerten gewordener Gedankenprozeß inmitten der palästinensischen Pionierwelt. In einer Aufforderung zum Sozialismus gipfelt die Schrift, nicht einem Sozialismus, der die Bewegung armer, elender Menschen darstellt, londern „einer Bewegung der auf produktivste Weise schöpferischen Eleniente auf der ganzen Welt, in allen Ländern, wo diese Schöpferkraft zum Durchbruche kommt". Der Versaffer sieht im jüdischen Problem die persönliche Gewissensfrage eines jeden Juden, für den es heute nur eine Alternative gibt: entweder die nötige Kraft aufzubringen, uni die jüdische 3lrt durch eine natürliche und' schöpferische Entwicklung aufred)tzuerhalten oder aber den Untergang. Soeben erschien im Verlage der vom Jüdischen Hochschulausschuß in Wien herausgegebeneu Monatsschrift eine Broschüre von Doktor N- M. Gelber: „Aktenstücke zur Judenfrage am Wiener Kongreß 1814/15", die in der jüngsten Zeit in den Archiven gefunden wurden. Die außerordentlich interessante und geschmackvoll ausgestattete Broschüre ist zum Preise von K 10 — durch den Verlag Esrä, IX., Alserstraße 28, wie auch durch jede Buchhandlung zu beziehen. „Jüdische Puppenspiele." Erste Folge. Verlag „Jung-Juda", Prag, Stefansgasse 55. Preis X 2 50. — Mit der Herausgabe dieser „Puppenspiele" hat der Verlag der bekannten Kinderzeitschrfft „Juna- Juda" eine lang empfundene Lücke unserer Jugendliteratur ausgefüllt. Wird auch alljährlich eine große Anzahl von Werken aller Art für das jüdisch empfindende Publikum auf den Markt gebracht, so fehlt es bisher doch sehr an geeigneter Jugendliteratur und besonders an Theaterstücken für ein jüdisches Puppen- oder Kindertheater. Die Bedeutung solcher Theaterstücke, die dem jüdischen Kinde in lebendiger Form Stoffe und Begebenheiten aus der Geschichte unserer Väter vor Augen führen, ist eine viel weitergehende als die einer noch so guten Erzählung. Denn die wird nur gelesen und leicht vergessen, während das Theater in dem Gemüt des Kindes einen starken, die PhanlM' anregenden Eindruck hinterläßt. Für dieses nicht zu unterichätzM>^