Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 11-12 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seile 18 Jüdische Korrespondenz Nr. .11/12 worden, nach denen die beiden Städte Pithom und Raamses „Lorratstädte" genannt worden sind. Schon der äußere Anblick dieser imposanten Bauten läßt über den Zweck ihrer Errichtung keinen Zweifel bestehen. Denn die vielen aneinanderstoßenden Räume, die nicht durch Türen verbunden sind, die überhaupt keine Eingänge haben, sondern nur mit Lucken in den Dächern versehen sind, können lediglich als Vorrats« räume gedient haben. Und bei der hohen Bedeutung, die' solchen Proviantmagazinen zukommt, wundern wir uns nicht, wenn die zeichenlustigen ägyptischen Künstler in den großen Gemälden an den Wänden der thebanischen Tempel Szenen aus dem Betriebe solcher Proviant« Häuser auch bildlich zur Darstellung gebracht haben. Die erhaltenen Wandgemälde zeigen uns, wie Fronarb'eiter mit vollbeladenen Getreidescheffeln die Magazine von außenaus Treppen besteigen und das Getreide durch Luken von oben herabschütten. Die Ziegel der in Pithom bloßgelegten Ruinen tragen sämtlich die Prägung des Namens „Raamses-Meriamon". Zahlreiche Exemplare derselben sind im Berliner- Museum ausbewahrt; sie sind, wie durch chemische Untersuchung festgestellt wurde, tatsächlich mit Stoppeln verarbeitet. Ast auch die Lage der Stadt Raamses bis jetzt noch unbekannt, so. sind wir doch aus vielfachen zeitgenössischen Schilderungen über ihr Aussehen genügend informiert. So singt ein Dichter jener Zeit unter anderem: Seine Majestät.der König Raamses-Mariamon hat sich eine Festung gebaut.... Zwischen Syrien und Aegypten gelegen.... Vorrat hat ye in reicher Fülle.... Alle Leute verlaßen ihre Städte und siedeln sich aus ihren Gebieten an. Ihre westliche Seite ist beim Tempel des Amon, ihre südliche beim Tempel des Baal. Die Göttin Astarte weilt auf ihrer Seite gegen den Sonnenaufgang. Die Festung gleicht dem Lichtkreise des Himmels. Raamses-Meriamon ist in ihr als Gott zur Herzenswonne für Aegypten." Während die ägyptischen Herrscher der vorangegangenen Perioden vom mittelägyptischen Theben aus bis zum Euphrat hin ihre politische und strategische Diktatur ausübten, sahen sich die Pharaonen der 18. Dynastie genötigt, ihren Sitz nach den asiatischen Grenzgebieten, der Gegend des biblischen Gosen, zu verlegen. Diese Umwälzung in der ägyptischen auswärtigen Politik haben die neuerdings vielgenannten Hettiter bewirkt, die von Nordsyrien immer mehr nach dem Süden vorrückten und jetzt bis vor die Tore Aegyptens sich ausbreiteten. Raamses wie sein Vater Pharao Seti I. haben mit ihnen aus palästinensischem Boden oft die Schwerter gekreuzt, immer aber haben die ägyptischen Herrscher unter nicht sehr günstigen Bedingungen zu Friedensverträgen sich bequemen müssen. Trotz ihres starken Entgegenkommens mußten die Pharaonen den Einfall der Hettiter jeden Tag gewärtigen. Durch diese einschneidende politische Wendung ist die Erdenge von Suez das Herz Aegyptens geworden', die in den Grenzgebieten wohnenden hebräischen Stämme würden in einem solchen Kriege entscheidende Bedeutung erlangt haben. So begreifen wir die Worte Pharaos, der nach ll. Ä. M. 1,10, sagt: „Wohlan, wir wollen dem Volke mit Klugheit begegnen, daß es sich nicht vermehre; es könnte sich sonst, wenn ein Krieg ausbräche, zu unseren Feinden schlagen, wider uns streiten und aus dem Lande wegziehen." Raamses, einer der gewaltigsten Monarchen der ägyptischen Geschichte, der, wie alle großen Pharaonen, sich als leibhaftiger Gott anbeten ließ, hat, wie die oben zitierten inschristlichen Zeilen deutlich besagen, sogar dem palästinensisch-semitischen Götterpaare, Baal und Astarte, das in Aegypten von altersher dem Satan gleichgestellt war, Tempel gebaut gleich dem einheimischen Hauptgotte Amon. Aber die Herrscher der 18. Dynastie residierten jetzt zum großen Teile nicht mehr im eigentlichen Aegypten, sondern in Gosen, deffen Bewohner, soweit sie nicht Hebräer waren, aus anderen semitischen Elementen sich rekrutierten. Die meisten Kolonien, Dörfer, Flüsse und Oasen, die in den Inschriften dieser Provinz genannt werden, tragen gut semitische Namen; eine der vier Armeen, die Raamses in diesen Grenzsestungen unterhielt, war eine semitische, vielleicht sogar eine hebräische, da ihre Soldaten inschristlich Nearim-Knappen genannt werden. In der Residenzstadt Raamses, die dem heutigen Suezkanal näher lag als ihre Schwesterstadr Pithom. müssen dem biblischen Berichte zufolge auch Moses, Aaron und die Aeltesten Israels gewohnt haben; dort wird wohl auch die große Masse der hebräischen Froudiener zusammengepfercht gewesen sein. Rabbiner Dr. I a m p e l - Schwedt. Der Prozeß gegen Gott. (Volkssage.) In den Tagen des heiligen Rabbi Elimelech von Lezaisk erließ der Kaiser von Oesterreich ein Gesetz, nach dem jeder Jude, der seine Tochter verheiratete, eine Abgabe von vierhundert Gulden an die Staatskasse zu zahlen hatte. Es ist aber bekannt, daß vierhundert Gulden um jene Zeit ein ganzes Vermögen bedeuteten, und daß ein Mann, der vierhundert Gulden besaß, zü den Reichen gezählt wurde. Als das Gesetz in Kraft getreten war, mußten viele Mädchen, deren Eltern die nötigen vierhundert Gulden nicht besaßen, unverheiratet bleiben, und wegen der grausamen Verordnung war ein Geschrei im ganzen Lande. In einem Dorfe bei Lezaisk lebte ein stommer, doch armer Jude, der eine Tochter zu verheiraten hatte. Der Bräutigam war bereit, das Mädchen ganz ohne Mitgift zu nehmen, wenn der Vater die Steuer von vierhundert Gulden bezahlt. Der Vater war aber sehr arm. und darum konnte die Heirat nicht zustande kommen. Vater und Tochter waren sehr betrübt: wer weiß, ob sich wieder einmal eine ebenso vorteilhafte Partie finden wird! Das Mädchen war aber nicht mehr ganz jung. - Der Vater ging nach Lezaisk, um den Rabbi um Rat zu bitten. Als er in das Zimmer zum Rabbi eintrat, sagte er in seinem Kummer und seiner großen Aufregung: „Rabbi, ich habe eine Klage gegen den Herrn, gelobt sei sein Name!" Doch er bereute sofort seine Worte: „Was habe ich da gesagt! Welcher Mensch kann mit dem Herrn prozessieren und gegen den Herrn recht behalten! Und vor wem habe ich diese Worte gesprochen? Vor unterem heiligen Rabbi!" Und er bereute seine Worte, denn er fürchtete, daß der Rabbi erzürnen und ihn Hinauswersen würde. Er wollte schon selbst aus dem Zinnner lausen, als der Rabbi sich an ihn mit stiller und freundlicher Stimme wandte: „Bleibe, mein Sohn- Du wolltest, daß ich deinen Rechtsstreit mit dem Herrn, gelobt sei sein Name, schlichte. Du weißt doch, daß ein einzelner Richter nicht richten darf. Gehe darum zu meinen Beisitzern und sage ihnen, daß sie sofort zu mir kommen: es sei eine Rechtsstreitigkeit zu erledigen." Der Mann erschrak sehr. Es war aber nichts mehr zu machen: dem Rabbi mußte man gehorchen; als der heilige Rabbi noch lebte, hatten alle Menschen Furcht vor ihm, denn alle seine Beschlüsse wurden vom Himmel bestätigt. Darum ging der Mann zu den Gerichtsbeisitzern und sagte ihnen im Namen des Rabbi, daß sie sofort kommen sollten; denn es sei eine Rechtsstreitigkeit zu erledigen. Die Beisitzer gingen gleich mit dem Manne mit und setzten sich zu beiden Seiten des Rabbi. Und der Rabbi sagte zum Kläger: „Bringe deine Klage vor, daß wir sie anhören." Und der Mann erzählte: „Der Herr, gelobt sei seinName, gab uns die Thora mit den sechshundertdreizehn Geboten. Das erste Gebot lautet: Seid fruchtbar und mehret euch, Nun hat der Kaiser verordnet, daß man für jede jüdische Ehe vierhundert Gulden Steuer zahlen muß; wer besitzt aber heute vierhundert Gulden? Und wenn man nicht mehr heiratet, so ist auch das erste Gebot nichtig Daruin muß der Herr, gelobt sei sein Name, das kaiserliche Gesetz nichtig machen." Als der Kläger fertig war, sagte der heilige Rabbi zu seinen Beisitzern : „Was der Herr darauf entgegnen kann, wissen wir ja selbst. Also wollen wir gleich mit der Beratung beginnen. Nach dem Gesetz müssen beide Parteien für die Dauer der Beratung den Gerichtssaal verlassen. Doch der Herr, gelobt sei sein Name, erfüllt die ganze Welt, und es gibt keinen Ort, wo er nicht gegenwärtig wäre; denn wer könnte ohne Gott auch nur einen Augenblick leben? Andererseits geht es nicht an, daß nur eine Partei den Gerichtssaal verläßt, und die andere bleibt. Da der' Herr während unserer Beratung im Zinnner bleibt, darf auch der Kläger im Zimmer bleiben " Mehr sagte der Rabbi nichts. Er saß aus seinem Sessel mit geschlossenen Augen, und sein Gesicht war rot wie Feuer. So saß er eine Viertelstunde. Dann erwachte der Rabbi gleichsam aus einem Traum und ließ sich den Talmudtraktat „Von den Scheidungen" geben. Er schlug den Band aus und nahm mit seinen Beisitzern den Fall des Mannes, der zur Hälfte Knecht und zur Hälfte frei ist, laut durch. Es ist dies folgender Fall : „Ein kanaanitischer Knecht gehört zweien jüdischen Herren, zugleich, von denen ihn der eine frei gemacht und der andere nicht frei gemacht hat. Dieser Knecht darf keine kanaanitische Magd heiraten, denn er ist zur Hälfte Jude; und er darf keine Jüdm heiraten, denn er ist zur Hälfte Kanaanite. Also darf der Manngar nicht heiraten. Gott hat aber die Welt erschaffen, damit sie sich mit Menschen fülle. Darum muß der zweite Herr gezwungen werden, den Knecht gleichfalls frei zu machen, damit er heiraten könne." Als der Rabbi die Worte sprach: „Darum muß der zweite Herr gezwungen werden," hob er die Augen und beide Arme gen Himmel. Es heißt aber: Was der Gerechte beschließt, bringt der Herr in Erfüllung; und was der Herr beschließt, kann der Gerechte umstoßen. Also sagte der Rabbi zum Kläger: „Geh heim, denn den Kaiser hat seinen Erlaß zurückgezogen." Der Mann ging nach Hause und begegnete unterwegs seinen An« gehörigen, die ihm die Nachricht überbrachten, daß das Gesetz aufgehoben sei. So mögen auch wir der Gnade teilhaftig sein, vom Himmel gute, hilfreiche und trostreiche Nachrichten zu vernehmen. Ameit. Die Weisheit der Lhaldäer. Zum hundertjährigen Jubiläum der Wiederentdeckung Ninives schreibt U. Tartaruga in einer Wiener Tageszeitung: Babylonien hieß im Altertunt das Tiefland zwischen Euphrat und und Tigris, jene Länderstrecken also, die sich heute mit dem Irak Arabi decken. Die ältesten Einwohner sollen die Turanier gewesen sein, doch -ist dies bloß eine gelehrte Bezeichnung für eine theoretische nichtarische Völkergruppe in Asien und Europa. Wahrscheinlich waren die Turanier keine leibständige Rasse wie zum Beispiel die Semiten, Neger oder Chinesen, sondern eine Kreuzung zwischen gelber und weißer Nasse. Nach der Verwandtschaft der Mundarten scheinen ihnen Türken und Magyaren nahezustehen. Abkömmlinge von ihnen waren jedenfalls die geschichtlich nachgewiesenen Sumerer, ein Kulturvolk ersten Ranges, von welchem wir Statuen besitzen, die bis in das siebente Jahrtausend (?) vor Christus reichen. Die Sumerer bewohnten ursprünglich vorzüglich Südbabylonien („Sumer" genannt) später auch Nordbabylonien („Akad"). Unter anderem erfand dieses Volk die „babylonische Keilschrift", mit welcher zahlreiche. Skulpturen versehen sind, die man in den Ruinen von Tello ausgrub und die bis ins fünfte vorchristliche Jahrtausend hineinreichen. Diese Denkmäler legen nicht bloß Zeugnis ab