Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 11-12 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11/12 Jüdische Korrespondenz S®ite 17 Paritz. Wohin? Nach London. Hat sich hieher verirrt. Ging offenbar zu Fuß. Ins Bethaus kam er auch nicht, selbst nicht am großen Sabbat. Und stand man unr ihn herum, so verschwand er plötzlich, als ob ihn die Erde verschlungen hätte, und tauchte auf der anderen Seite des Marktplatzes wieder auf. Bald hatte »r einen Saal gemietet und fing an, seine Kunststücke zu zeigen. Ganz großartige Sachen: verschluckte vor aller Leute Augen glühende Kohlen, als ob es Suppenfleckchen wären. Zog aus dem Munde allerlei Bänder heraus — rote, grüne und von welcher Farbe man nur wollte, und lange, wie der Galuth (das Exil). Förderte aus einem Stiefelschaft sechzehn Paar Truthähne heraus, wie Bären so groß, die wirklich lebten und lustig über die Szene flatterten. Hob einen Fuß in die Höhe und scharrte von den Fußsohlen goldene Dukaten ab — eine ganze Schüssel voll. Natürlich klatschte man Bravo. Da pfiff er, und eine Menge feiner Sabbatbrote schwirrte, plötzlich durch den Raum, tanzte unter der Decke. Ein Pfiff — und alles war wieder verschwunden, als ob es gar nicht dagewesen wäre. Alles: Bänder, Truthähne und so weiter. Nichts war zurückgeblieben. 9hm ja, man weiß es doch, daß sich der Teufel auch etwas leisten kann. Die ägyptischen Schwarzkünstler haben wahrscheinlich noch größere Kunststücke zustandegebracht. Doch eins: Wie konnte er dabei nur so arm sein? Ein Mensch, der von seinen Schuhsohlen Dukaten abscharrt und sein Quartier nicht bezahlen kann! Der mit einem Pfiff mehr Sabbatbrote bäckt als der größte Bäcker im Backofen, der Truthähne aus dem Stiefelschaft zieht und dennoch — ein langgezogenes Gesicht hat, wie ein Sterbender und flackernden Hunger in den Augen ... Wahrlich eine fünfte Frage für den Sederabend, sagten die Leute. Nun wollen wir aber den Zauberkünstler bis zum Sederabend verlassen und inzwischen Chajim Jojne und sein Weib Niwke Beile aufsuchen. Chajim Jojne hatte einmal ein großes Holzgeschäft betrieben und schließlich dabet sein ganzes Vermögen eingebüßt. Dann war er „Waldschreiber" geworden, aber auch die Stelle war bald verloren. Nun lebte er schon eine Reihe von Monaten im Elend. Der Winter war in schrecklichen Nöten vorübergegangen, und jetzt kam das Pessachfest immer näher. Zum Verpfänden war nichts mehr da, denn alles, vom Hängeleuchter bis zum letzten Kissen, war schon im Leihamt. Rimke Beile dachte an Gemeindeunterstützung. Doch Chajim Jojne wollte davon nichts wissen. Er mochte sich nicht bloßstellen und vertraute auf Gott, der schon helfen werde. Riwke Beile suchte mehrmals in allen Winkeln nach und fand, welches Wunder, einen alten, ausgeriebenen silbernen Löffel, den sie schon seit Jahren verloren glaubte. Aber Chajim Jojne nahm den Löffel, verkaufte ihn und trug den geringen Erlös m die Kasse, aus der man die Armen für das Pessachfest unterstützt. Die Armen gehen vor, sagte er. Inzwischen rückt die Zeit imnier näher, es blieben nur noch wenige Wochen bis Pessach. Chajim Jojne wartete voll Vertrauen auf Gottes Hilfe. Und Riwke Beile schwieg. Die Frau muß dem Manne gehorchen. Und Tag aus Tag verran. Riwke Beile fand keinen Schlaf,, weinte die Nächte durch, still, daß ihr Mann sie nicht höre. Und die Tage waren noch schlimmer. Da mußte sie sich auch noch vor den Nachbarn hüten, mußte-sorgen, daß sie ihr Elend nicht sahen. O, diese Blicke der Neugier und des Mitleids, die sie wie mit Nadeln stachen! Und diese Fragen: Wann backt ihr Mazzoth? Habt ihr schon die roten Rüben eingelegt? Oder wenn es nähere Bekannte waren: Aber, was geht denn bei euch vor, Riwke Beile? Habt ihr's vielleicht knapp? Wir wollen euch borgen. ... Und was solcher Reden mehr sind. Und sie mußte ablehnen, über und über errötend, die unglaublichsten Vorwände erfinden. Denn Chajim Jojne wollte keine Menschengabe annehmen und gegen sÄnen Willen konnte sie doch nicht handeln. Die Nachbarn wollten es dabei nicht bewenden lassen und gingen zum Rabbi, er solle sich doch ins Mittel legen- Der Rabbi hörte sie an, seufzte, sann eine Weile nach, und antwortete schließlich, daß Chajim Jojne ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann sei, der wohl wisse, was er tue, wenn sein Gottesvertranen so fest sei, dann sei es eben fest... Und mm ist der Pessach da! Riwke Beile hat nicht einmal Lichter, um den Segen darüber zu sprechen. Chajim Jojne kehrte aus dem Bethaus heim. Aus allen Fenstern strahlt das Fest, Nur fein Haus steht finster da, wie ein Trauernder Unter Hochzeitsgästen, wie ein Blinder unter Sehenden. Aber er verzweifelt nicht. Wenn Gott nur wollen wird, denkt er, wird auch für mich noch Pessach sein, und tritt mit fröhlichem „Guten Abend" ein. Und wiederholt: „Guten Abend, Riwke Beile". Und Riwke Beile antwortet aus einer finsteren Ecke mit tränengesättigter Stimme: „Guten Abend, Chajim". Dabei leuchten ihre Augen wie zwei glühende Kohlen aus der Ecke hervor. Er geht auf sie zu und spricht auf sie ein: „Riwke Veile." sagt er, „es ist heute Feiertag. Wir feiern den Auszug aus Aegypten. Verstehe doch! Da darf man nicht traurig sein. Und es ist doch gar kein Grund dazu da. Wenn es dem lieben Gott nicht gefiel, daß wir uüseren eigenen Seder haben, dann müssen mir eben mit einem fremden vorlieb nehmen. Dann wollen wir anderswohin gehen. Man wird uns überall hinein lassen. Alle Türen stehen uns offen. Sagt man doch am Sederabend: .Wer hungrig ist» komme und esse!' ... Komm, nimm den Schal um und laß uns beim Erstbesten einkehren." Und Riwke Beile tut wie immer nach dem Willen ihres Mannes. Alle Kraft aufwendend, um nicht aufznschluchzen, hüllte sie sich in den zerrissenen Schal. Schon will sie gehen, als im selben Augenblick die Tür von Außen geöffnet wird. „Guten Abend!" grüßt es. „Gut Jahr!" antworten die Eheleute. Sie sehen nicht, wer es ist. „Ich möchte euer Gast beim Seder sein," sagte der Fremde. „Wir haben selbst keinen Seder," erwidert Chajim Jojne. „Tut nichts, ich Hab' ihn mitaebracht." „Seher im Finstern," schluchzt Riwke Beile, die sich nun nicht mehr zurückhalten kann. „Ei bewahre," mein: der Gast, „es wird schon Licht werden." Er winkt und mitten im Zimmer, in der Luft erscheinen zwei silberne Leuchter, in denen schon die angezündeten Stearinkerzen stecken. Es wird hell. Chajim Jojne und Riwke Beile erkennen den Zauberkünstler, starren ihn an und bringen vor Schreck und Verwunderung kein Wort hervor. Sie fassen' sich an den Händen, und so stehen sie da, mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern. Er aber wendet sich nun an den Tisch, der ganz verschämt in einem Winkel des Zimmers steht: „Na, Kleiner," sagt er zu ihm, „deck dich und komm her!" Und sofort fällt von oben em schneeweißes Tischtuch herab und deckt den Tisch und dieser selbst setzt sich in Bewegung und rückt mitten ins Zimmer, just unter die Leuchter. Und diese wieder schweben hernieder und stellen sich auf ihn. „Jetzt fehlen noch die Sederbetten," sagt der Zauberkünstler, „die Sederbetten sollen kommen!" Und sofort rücken aus drei Ecken des Zimmers drei Stühle an den Tisch heran und stellen sich an drei Seiten auf. „Breiter 'werden!" befiehlt er. Und sofort gehen sie in die Breite und verwandeln sich in Großvaterstühle. „Weicher!" ruft er. Und sie sind mit rotem Samt überzogen. Und gleichzeitig fallen von der Decke schneeweiße Kissen auf sie nieder. Die Sederbetten sind fertig.... Eine Sederschüssel mit allem, was darauf gehört, stellt sich auf den Tisch. Ebenso Flaschen mit rotem Wein und Becher dazu. Plötzlich liegen auch Mazzoth da und alles andere, was man zu einem richtigen und fröhlichen Seder braucht, selbst Hagadoth mit Goldschnitt. „Und Wasser zum Händewaschen habt ihr?" fragt nun der Zauberer. „Ich kann auch Wasser bringen." Da erst kamen die beiden zu sich. Und Riwke Beile fragte leise ihren Mann, was er von der Sache halte. Chajim Jojne aber lvußte keine Antwort. Sie riet, er solle zum Rabbi gehen und ihn fragen. Aber sie könne doch nicht mit dem Zauberer allein bleiben, meinte er. Darum solle lieber sie gehen. Ihr, einer Frau, werde der Rabbi nicht trauen, antwortete sie. Er werde glauben, daß sie verrückt geworden sei. Schließlich kamen sie überein, zusammen zu gehen und inzwischen den Zauberer mit seinem Seder allein zu laisen. Der Rabbi gab klugen Rat. Das, was mit unreinem Zauber gemacht werde, erklärte er ihm, sei gar nicht wirklich, weil alle Zauberei nur Blendwerk sei. Sie sollten also nach Hanse gehen, und wenn die Mazzah sich brechen, der Wein sich einschenken ließe, die Sederbetten sich anfühlen ließen usw., dann wäre alles gut, dann wären es Geschenke des Himmels und sie dürsten alles genießen. Mit diesem Bescheide gingen sie nun klopfenden Herzens nach Hause. Als sie eintraten, war der Zauberkünstler schon fort. Aber der „Seder" stand da wie früher. Und die Kissen ließen sich berühren, der Wein ließ sich gießen, die Mazzah brechen ... Und jetzt verstanden sie erst, daß der Prophet Effah bei ihnen eingekehrt war und hatten ein fröhliches Fest. Von den Israeliten in Aegyptens Lrondienft. Das Passahfest, das Geburtsfest des israelitischen Volkes, versetzt uns alljährlich nach dem Wunderlande der Pharaonen, in dem einst die Wiege Israels gestanden hat. Daher darf wohl behauptet werden, daß kein Passahfest seit Jahrhunderten über die von ihm entrollten Bilder aus der Kindheit Israels einen so starken Reiz und Zauber auszubreiten vermocht hat, wie das Fest dieser Jahre, in denen die Augen aller Welt nach diesem klassischen Lande des Altertums gerichtet waren. Der Zusammenhang des Passahfestes mit dem Weltkriege erscheint aber noch viel enger, wenn man weiß, daß es nicht das eigentliche innere Nilland ist, das für die Geschichte des Aufenthaltes Israels in Aegypten in Betracht kommt, sondern nur der nordöstliche, der Erdenge von Suez sich anschließende Streifen. Diese historisch-geographische Feststellung, die schon aus dem biblischen Berichte sich mit Notwendigkeit ergibt, die aber noch durch die zeitgenössischen ägyptischen Inschriften zur bestimmtesten Gewißheit erhöben wird, beansprucht in diesen Jahren wohl mehr als bloß wissenschaftliches Interesse. Als vor Jahrzehnten die Eisenbahn vom Suezkanal nach dem Innern des Landes, von Jsmalye nach Zagasig gebaut wurde, wußte man noch nicht, daß dieser Schienenstrang die alte Provinz Gosen, also gerade das Gebiet, auf dem die alten Hebräer die elendesten Frondienste verrichten mußten, durchquert. Auch die bei dem Bahnbau beschäftigten jüdischen Ingenieure und Aufseher ahnten nicht, daß ihre Vorfahren, selbst wenn sie Fronvögte waren, eine solche harte und rausame Verantwortung aus sich trugen, daß ihr Los weit weniger eneidenswert war, als das der heute ihnen unterstellten'Arbeiter. Ein aus dem Sande hervorragendes Denkmal ließ durch seine Inschrift erkennen, daß unter dem Schutte dieses weiten Ruinenfeldes eine vom Pharao-Raamses (dessen Name von der biblischen Geschichte her allgemein bekannt war) erbaute Stadt vergraben liegt. Während man aber dort die gleichnamige Stadt Raamses vermutete, haben die späteren Ausgrabungen vielmehr ihre Schwesterstadt Pithom zutage gefördert. Auf der Westseite dieses Ruinenfeldes sind noch gut erhaltene Teile der alten in der Bibel erwähnten Vorratshäuser bloßgelegt