Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 11-12 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11/12 Jüdische Korrespondenz Seite 15 nahe, an dem die Welt befreit und erlöst werde von dem furchtbaren Elend, unter dem wir alle seufzen. * Der Jude feiert jährlich Pessach als sein Befreiungsfest und wo auch immer Teile des jüdischen Volkes sich neuerdings Freiheit und Rechte erringen, werden an diesem Feste besondere Dankgebete vor Gott gesprochen. Pessach als „Zeit der Freiheit" ist für Israel zum allgemeinen Symbol der Freiheit geworden. Es fällt auf, daß die Einsetzung gerade dieses israelitischen Zentral-Freiheitsfestes biblischerseits auf Wunder zurückgeführt wird. Die Bibel berichtet uns weder vom Erklingen der Schwerter noch von einem Kampf der Erlösten. Die Befreiung Israels wird ausschließlich auf Wunder Gottes begründet' Wir hören nichts von einem Versuch Israels, selbsttätg das ägyptische Joch abzuschütteln. Und wurden auch Israels Bedrücker blutig zurückgeschlagen, so geschah es nicht durch Israels Hand. Die vierzigjährige Wüstenwanderuug, die Folge einer Befreiung ohne selbständige Tat, spornte Israel an, gerüstet und kampffroh den Jordan zu überschreiten, um das heilige Land mit dem Schwerte zu erobern. Wohl erhoffte Israel den Sieg von Gott. Aber es wußte wohl, daß auch der Mensch seine gesamte Kraft einsetzen müsse, um sich seine Freiheit zu erringen. Ohne Kampf gibt es keine Freiheit. Es ist für die jüdische Auffassung von wahrer Freiheit besonders charakteristisch, daß die Belagerung der ersten Festung auf palästinensischem Boden mit der Feier des Freiheitsfestes, des Pessach, eingeleitet wurde. Der erste Pessach wurde im Sklavenlande mit dem Gedanken an die mühelos erhaltene Freiheit gefeiert; der erste auf eigenem heiligen Boden mit dem Bewußtsein der bevorstehenden schweren Kümpfe bei der Belagerung von Jericho. Der Gedanke, daß Israel sein Freiheitsfest nur dann aufrichtig und innig zu feiern vermöge, wenn es selbsttätig zu dieser Freiheit etwas beigetragen hat, blieb dem jüdischen Volke in allen Zeiten erhalten. So lange Israel im heiligen Lande wohnte, wurde mit dem Freiheitsfest auch eine Feier für die Reife der Feldfrüchte verbunden. Wie der Boden nur durch den Fleiß des Menschen die Reife der Frucht zeitigt, so erlangt der Einzelne und ein ganzes Volk nur dann die Freiheit und Selbständigkeit, wenn er und es sich anschickt, dieselbe zu erkämpfen und zu erstreiten. Auch das Israel der Zerstreuung hat diesen Begriff von Freiheit nicht verloren. Nach einer Vorschrift der Bibel muß ein jeder Jude loühreud des Freiheitsfestes Sklavenbrot genießen. Diese Einrichtung mahnt Israel an die Wohltat Gottes, der es aus dem Sklavenlande befreit hat, es mahnt aber auch jeden Juden, daß eine Freiheit und Selbständigkeit, die dem Menschen ohne Anstrengung und Kampf zufällt, ihn noch nicht ganz frei gemacht habe. Der Sklavensinn bleibt solange dem Menschen, bis er sich selbständig aufgerafft habe, um die Fesseln der Unfreiheit zu lösen. Diese Auffassung des Befreiungsfestes, unseres Pessach, wird in der reichen Midraschliteratur vielfach bestätigt. So wird in sinniger Deutung selbst die Spaltung des Meeres auf den Umstand zurückgeführt, daß die einzelnen Stämme sich furchtlos in die Wellen stürzten, um unter Anspannung all ihrer Kraft das Meer zu durchqueren. Erst hiernach, so wird erzählt, wurde das Meer in wunderbarer Weise gespalten. So betrachtet erscheint das Befreiungsfest als ein mächtiger Antrieb für jedes Glied Israels, sich selbst zu befreien und die Fesseln der ° geistigen Sklaverei von sich abzuschütteln. Os joschir Moscheh. (Aus Midrasch Wajouscha.) „Damals sang Mose und die Kinder Israel dieses Lied dem Ewigen" (Ex. 15, 1). Die Weisen haben gesagt: In der Stunde, da die Israeliten kamen, dem Heiligen, geb. sei er!, ein Lied anzustimmen, sprachen sie zu Mose: Mose, unser Lehrer! sprich du zuerst, hernach wollen wir sprechen. Sogleich antwortete Mose den Israeliten: Sprechet chr zuerst, hernach will ich sprechen, denn ich bin ein Einzelner, und die Ehre vieler (einer Vielheit) ist größer als die eines Einzelnen, sofort fingen die Israeliten an: Wir wollen dem Ewigen singen, weil er mit uns Zeichen und Wunder getan hat. In der Stunde, da die Aegypter über uns den Beschluß faßten und sprachen: „Jeden neugeborenen Sohn sollt ihr in den Fluß werfen" (Ex. 1, 22), gingen unsere Mütter hinaus aufs Feld, und du ließest über sie einen tiefeil Schlaf fallen und sie gebaren uns ohne jedweden Schmerz, und die Engel stiegen vom Himmel herab, wuschen und salbten uns, zogen uns gefärbte Kleider an und legten in unsere Hände zwei Stücke, eines von Milch, das andere von Honig. Als unsere Mütter erwachten und uns gewaschen, gesalbt und in Kleidern von Seide sahen, zollten sie deinem großen Namen Lob und sprachen: Gepriesen sei Gott, der seine Gnade und seine Treue von dem Samen unseres Vaters Abrahain nicht ruhen läßt! Sie sprachen: Siehe, sie sind in deiner Hand, tue, was dir wohlgefällt! Damit gingen sie fort. Als die Aegypter uns sahen, kamen sie, uns umzubringen, du aber in deiner großen Barmherzigkeit gebotest dem Erdboden, und er gab uns an einem anderen Orte wieder von sich, und du rettetest uns aus ihrer Hand. Als wir groß geworden waren, gingen wir in Scharen nach Aegypten, und ein jeder erkannte seinen Väter, seine Mutter und seine Familie. Alles dieses hast du unS getan, deshalb wollen wir vor dir singen. Darum heißt es: „Damals sang Mose und die Kinder Israel dieses Lied dem Ewigen." „Meine Kraft und mein Sang ist der Ewige." Die Weisen s. A. haben gesagt: Mose sprach zu den Israeliten: Ihr habt dem Heiligen, geb. sei er!'Dank gespendet, auch ich will feinem Namen Dank spenden, denn er hat mit mir Zeichen und Wunder getan. In der Stunde, wo Mirjam, meine Schwester, kam, sprach sie zu meinem Vater: Mein Vater!, durch eine Prophetie ist zu mir gelangt, daß von dir ein Sohn hervorgehen wird, der Israel aus dieser Knechtschaft erlöst. Als ich geboren worden war. verbarg mich meine Mutter drei Monate lang, und als sie mich nicht länger verbergen konnte, nahm sie ein Kästchen von Binsen und setzte es ans Ufer des Flusses, und meine Schwester stellte sich von ferne hin. uni zu erfahren, was es mit ihrer Prophetie auf sich haben werde; der Heilige, dessen Name von Ewigkeit zu Ewigkeit erhoben sei!, ließ aber eine große Hitze in Aegypten herabkommen, so daß die Tochter Pharaos hinabstieg, sich im Flusse zu baden. Da sah sie das Kästchen und schickte ihre Magd hin, und sie nahm es. öffnete es. sah mich und erbarmte sich über mich, denn der Heilige, geb. sei er.', gab mir Gunst in ihren Augen, daß sie mich nicht tötete, sondern mich nahm, daß ich an ihren Brüsten sauge. Der Heilige, geb. sei er!, aber gab in mich den Verstand, daß ich nicht unreine Milch saugen wollte. So führte sie mich in den Schoß meiner Mutter zurück, und sie gab ihr meinetwegen großen Lohn. Als ich drei Jahre alt war, kleidete mich die Tochter Pharaos in buntgefärbte Kleider und sandte mich zu ihrem Vater. Als dieser mich sah, daß ich schön war, nahm er mich auf seinen Schoß, und ich nahm die Krone von seinem Haupte und setzte sie auf mein Haupt. Alle Astrologen Aegyptens und seine Weisen saßen vor ihm und sprachen zu ihm: In bezug auf dieses Kind, das die Krone von deinem Haupte genommen und sich auf sein Haupt gesetzt hat, sind wir in Furcht, ob es nicht jenes ist, das einst die Herrschaft aus deiner Hand reißen wird. Die einen van ihnen rieten, mich mit dem Schwerte umzubringen, die anderen rieten, mich zu verbrennen, bis einer von ihnen, Iithro mit Namen, anhub und fprach: Dieses Kind hat noch keinen Verstand, allein wenn es dein Wille ist, will ich dir eine Sache sagen. Man lege vor dieses Kind einen goldenen Denar und eine Feuerkohle, streckt es seine Hand aus und nimmt den Denar, so wisse, daß es Verstand besitzt, dann vollziehe an ihm das Recht; streckt es aber seine Hand aus und nimmt die Feuerkohle, so wisse, daß es ein Knabe ist, än dessen Herzen die Torheit gebunden ist (d. i. der noch keinen Verstand besitzt), dann laß es in Ruhe. Als Pharao und seine Knechte dieses Wort hörten, gefiel es in seinen Augen und sie verfuhren so. Sie legten den Denar und die Kohle in eine Schale. Schon wollte ich den Denar nehmen, da kam der Engel Gabriel und stieß meine Hand an die Kohle, unv ich nahm sie und brachte sie in meinen Mund, weshalb ich von unbeschnittenen Lippen bin. Als ich groß geworden war, ging ich hinaus, um die Bedrängnis meiner Brüder zu sehen. Da sah ich, wie ein ägyptischer Mann einen hebräischen Mann von meinem Volke schlug. Ich erschlug ihn und verbarg ihn in dem Sande. Als Pharao die Sache hörte, wollte er mich umbringen. Er brachte ein scharfes Schwert, seinesgleichen es in der ganzen Welt nicht gab. Er schlug mich zehnmal mit ihm, doch der Heilige, geb. sei er!, tat mir ein Wunder, und mein Hals glich einer Marmorsäule, und das Schwert hatte keine Gewalt über mich. Ich floh nun zu Iithro, doch auch dieser band mich sieben Jahre in einer Grube. Als ich aus Aegypten zog. war ich 40 Jahre. Ich stand am Brunnen, da fand ich Zippora, die Tochter Itthros. Ich sah. daß sie sehr züchtig,war. Ich sprach zu ihr. daß ich sie znni Weibe nehmen wolle. Zipporä erzählte mir den Brauch ihres Vaters und sprach zu mir: Mein Vater yrüft jeden Menschen, der eine von seinen Töchtern heiraten will, mit einen! Baume, den er in seinem Garten hat, sobald er sich dem Baume naht, verschlingt er ihn. Ich fragte sie: Woher hat er diesen Baum? Sie antwortete: Es ist der Stab, den der Heilige, geb. sei er!, am Vorabende des Sabbats schuf, als er seine Welt erschaffen hatte. Der Heilige, geb. sei er!, übergab ihn dem ersten Menschen, dieser übergab ihn dem Chanoch, dieser übergab ihn dem Noa, dieser übergab lhn dem Sem, dieser übergab ihn dem Abraham, dieser übergab ihn dem Isaak, dieser übergab ihn dem Jakob, dieser brachte ihn mit nach Aegypten und übergab ihn dem Joseph, seinem Sohne. Als er starb, plünderten die Aegypter sein Haus und brachten jenen Stab in den Palast Pharaos. Mein Vater Iithro aber war etner von den großen Astrologen (Bilderschriftkundigen) Pharaos, er sah den Stab, verspürte Lust nach ihni