Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 11-12 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Jüdische Korrespondenz Nr. 11/12 die Armenverwaltuug der Wiener Kultusgemeinde, die kaum auszufüllen fein wird. __ Sarmüennachrichteu. Gertrud Steiner und Leopold Windholz, Verlobte. Berta Holdschmied (Sopron-Kerecztur) und Isidor Rieß (Frankfurt am Main), Verlobte. Zum pesiachfest. Von Rabbiner L. W> Als Israel in der Not des Aegypterlandes sich nach seinem Gotte sehnte, sandte ihm Gott seine Boten, es aus aller Not und allem Elend zu befreien. Es währte lange, bis die Stunde der Erlösung kam. Aber sie kam — wie der Frühling kommt, wenn auch der Winter noch so lang und noch so hart sein Regiment auf Erden führt. Frühling und Befreiung, Erlösung aus aller Not — ein altes Gleichnis, das unser Fest zu ewigem Trost vereint, für jede Einzelsorge, mit der das Geschick uns belastet, für alle Sorgen und Leiden der Völker und der Menschheit. Wie hart lasten Winter und Dunkel wieder über der Welt. Es will und will nicht Frühling werden. Wir harren und harren auf den Tag der Erlösung, an dem endlich der Friede wieder cinzieht in die Welt, und er will und will noch immer nicht kommen. Plagen find in Fülle über die Erde gekommen, hart und schwer wie die Plagen des alten Aegypterlandes. Pessachopfer, Pesfachbrot, Pessachkraut, das Brot des Elends, das Kraut der Bitterkeit — lurr haben das alles erlebt, wir sehnen uns nach dem Ende, nach der Geola, der Erlösung. Frost und Eis genug, wir sehnen uns nach dem Frühling. Unser Fest gehört den Erinnerungen der Vergangenheit: „Du sollst erzählen deinem Sohn" von den alten Leiden, von den alten Nöten Israels, wie es in hartem Druck geseufzt, wie cs in Not nach seinem Gott geschrien, wie sein Gott es befreit hat mit starker Hand und ausgestrecktem Arm. Aber unser Fest ist auch voll Zukunftsgedanken, von der Hoffnung und dem Vertrauen auf Gott, der sein Volk wieder befreien und erlösen wird, der der Menschheit ein edles und herrliches Ziel aufbewahrt, dem er cs einst entgegcnführen wird in der Zukunft der Tage. Es schlägt das Buch des Propheten Ezechiels vor uns auf. Der Prophet sieht in ein Tal. Tote, erstarrte Gebeine überall. Das ist das Volk Israel, Israel in seiner Verzweiflung. Sie sprechen: Wir sind tot, verloren, wir haben kein Hoffen mehr, keine Zukunft mehr. Wir waren einst, wir werden nicht mehr sein. Und der Herr spricht zum Propheten: Rufet dem Geist, er soll die Toten anwehen. Sie werden leben. Und der Prophet ruft und der Geist weht über sie hin und sie stehen auf uub leben und wandeln eine ilnübersehbare Schar. Das ist der Zukunftsgcdanke für Israel. Wir sterben nicht. „Ich lebe und künde die Werke Gottes." Der Gott, der Israel einst aus Aegypten erlöst hat, wird es wieder erlösen und es wieder führen zur Freiheit, aus Leid und Kummer zur Freude und Frieden. Unser Fest erzählt von der Vergangenheit Israels, vom Brot des Elends, vom bitteren Kraut. Es klingen durch unser Fest die Zukunftsgedanken von Israels endlicher Befreiung, von der Zeit des Friedens und Heils für die ganze Welt. Es schlägt das Buch Jesaja vor uns auf, wir hören das Wort des Propheten, von dem Tag in der Zukunft der Tage, da die Völker ihre Schwerter umschmieden werden zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Rebmessern. Kein Krieg mehr auf Erden. Keine Bosheit. Ueberall Frieden, überall wahre Gotteserkenntnis. Ueberall Gerechtigkeit. Wie die Wasser das Meer erfüllen. Das Ziel aller Edlen, der göttliche Traum aller Zeiten — wie weit ab ist die Gegenwart von alledem? Aber die Weisheit unserer alten Lehrer ftagt: Wagn wird es wahr? Und sie antworteten: Wenn die Not groß und hart über der Welt geworden ist, dann kommt der Moschiach, dann kommt das Heil. Kein Segen ohne Mühe, nichts wird geboren ohne Schmerz, erst die Leiden, dann das Heil. Wir leben in der Not der Welt; wir setzen in alle Not unserer Zeit die Zukunstsgedanken Israels. Wir harren auf unseren Gott, daß er wie einst im Aegyptenland seinen Frühling sende in die Herzen der Menschen und der Völker, seinen Tau aus Himmelshöhen, daß die Saat des Friedens.wachse nach all dem Streit und die Blüten des Heils aufsprießen nach allem Winterfrost. * Seit der Befreiung Israels aus Aegypten sind Jahrtausende verflossen und noch immer zittert die Erinnerung an dieses gewaltigste Ereignis der jüdischen Geschichte in unserem Herzen nach. Kein noch so glänzendes Zeitalter, keine noch so glückverheißende Epoche wird überstrahlt von der erhabenen Bedeutung des Auszugs aus Aegypten. Wie überwältigend muß erst der Jubel und die Freude gewesen sein, die Israel selbst am Tage der Erlösung aus vierhundertjähriger Knechtschaft oder gar in jener unvergleichlichen Stunde, da des Allmächtigen starker Arm sie durch die aufgetürmten Wogen des roten Meeres glücklich ans jenseitige Ufer führte. Vierhundert Jahre lastete wie ein ungeheurer Alp der eiserne Arm Aegyptens auf Israels Schultern. Jetzt erst, wo Pharaos Roß und Wagen vor ihren Augen in die Tiefe sank, löste sich der Druck und wie ein Aufschrei aus gequälter Brust erscholl mit einem Male aus hunderttausend Kehlen der wie ein Orkan immer mächtiger anschwellende, brausende Gesang der Erlösten, vom Sklavenband Entfesselten. Gemeinsam mit ihnen vereint sangen selbst die Engel im Himmel und stimmten jubelnd mit ein in den rauschenden Chor der Sänger. Doch plötzlich wird die enthusiastische Freude unterbrochen. Mitten in dem Lärm und dem Geräusch läßt sich die göttliche Stimme vernehmen: „Meine Geschöpfe versinken im Meer und ihr wollet mir Siegeslieder anstimmen?" Diese göttlichen Worte haben für alle Zeiten das jüdische Schicksal bestimmt. Dem Juden sollte keine Freude mehr beschert sein, wenn Gottes Geschöpfe untergehen. Sein Schicksal ist verknüpft mit dein der ganzeil Meilschheit. * „Ihr seid Zeugen, wie Tausende und Abertausende in einem Meer von Leiden und Tränen umkommen. Wie könnt ihr euch freuen, wie könnt ihr ruhig bleiben im Angesichte des unsäglichen Elends, das durch die Menschheit geht?" Wie ein Mahnruf klingen diese Worte an unser Ohr, ein Mahnruf an das menschliche Gewissen ob der menschlichen Leiden. In der Seele des Juden klingt ununterbrochen dieser Ton, das Echo jener göttlichen Stimme, der-Stimme des Mitleids. Das jüdische Gewissen, der Genius des Judentums kann nicht gleichgültig bleiben bei dem menschlichen Leid. Wo er spürt, wo er eine Ungerechtigkeit, eine Trübung der Harmonie, des Rechts und der Freiheit erkennt, hört er sogleich in seinem Innern jene Gottesstimme, die ihm zuruft: „Meine Geschöpfe versinken im Meere..." Das Gefühl des Mitleids ist ein Hauptzug im jüdischen Charakter, ja das Kennzeichen eines echten Juden überhaupt, wie schon die Weisen sagen: „An drei Eigenschaften erkennt man die echten Söhne Israels, sie sind barmherzig, keusch und wohltätig." Aus dieser Auffassung erklärt sich auch das Gebot der jüdischen Nächstenliebe. Jüdische Nächstenliebe entspriirgt ilnmittelbar aus dem Gefühl des Mitleids, des Mitgefühls und Erfassens der Tragik im Erdenleben. Wer Mitleid mit Menschen und seinen Schwächen hat, vergibt und kann vergeben. Das menschliche Wesen bedarf des Mitleids, durch Barmherzigkeit gewinnt man es. Denn die wahre Ethik besteht darin, zu fühlen und zu erfassen, die persönliche Tragik der Welt, das menschliche Elend und zu versuchen es zu begreifen, ganz gleich wo und wie es sich offenbart. Peffach ist gewiß ein nationales jüdisches Fest, aber wir wollen in dieser Stunde auch nicht vergessen das Leid der Welt. Wenn wir an der Sedertafel sitzen, wollen wir der Mitmenschen gedenken und wollen wünschen, daß bald der Tag