Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1920-04-01 · 11-12 (1.4.1920) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
11-12 (1.4.1920)
Date
1920-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495461-3495472--1282-3497164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11/12 Jüdische Korrespondenz Seite 7 die Mitglieder für das Gedeihen des Vereines bekunden und wünscht demselben aufblühende Fortentwicklung, meint jedoch, daß in solch gutem Boden auch für den entsprechenden. Nachwuchs gesorgt werden sollte, und propagiert die Gründnng einer Jugendgruppe für die westlichen Bezirke, welcher Vorschlag beifällig ausgenommen wurde. Hierauf spricht Herr Dr. Neumann, der in beredten Worten dem Wunsche und der Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller gesetzestreuen Juden in glänzender Dialektik Ausdruck gab. Der Präsident dankt dem Vortragenden für die geistvollen Ausführungen und erhofft seine Mitwirkung beim Aufbau religiöser Institutionen. Hieraus wird an die Erledigung der Tagesordnung geschritten : 1. Verifizierung des Protokolles der Generalversammlung 1919; dasselbe wird vom Schriftführer Sam. Zeisler verlesen und ohne Debatte genehmigt. 2. Jahresbericht des Vorstandes. Der Vorsitzende erstattet über die abgelaufene Jahresperiode eingehend Bericht, unteranderem die Gründung der Agudas Jisroel, zu deren zahlreichen Beitritt er die Versammlung ersucht, wobei er Herrn Ed. Deutsch, als ins Präsidium der Aguda berufen, vorstellt und ihn namens der Generalversammlung begrüßt und beglückwünscht. Herr S. Gewitsch dankt dem Vorstande für seine hervorragenden Leistungen und Mühewaltung und gratuliert ihm zu seinen Erfolgen. Herr Deutsch überbringt Grüße der „Adas Jisroel", welche unter lebhaften Beifall ausgenommen wurden. 3. Vorlage des Rechnungsabschlusses und der Bilanz pro 1919. 4. Bericht der Revisoren. Die Revisoren, die Herren Nathan Pollak und Adolf Bittermann, haben Bücher und Bilanz geprüft und den ordnungsmäßigen Befund konstatiert und beantragen demzufolge, dem Vorstande hiefür das Absolutorium zu erteilen, welcher Antrag per Akklamation angenommen wurde. 5. Bestimmung der Jahresbeiträge pro 1919. Dieselben werden nach lebhafter Für- und Gegenrede in derselben Höhe wie bisher belassen, mit dem Zusatzantrag des Herrn Steinhof, daß an die Mitglieder appelliert wird, freiwillig nach Selbsteinschätzung sich zu besteuern und danach Mehrbeiträge zu leisten. 6. Wahl der Revisoren pro 1920. Die obgenanuten Herren werden per Akklamation wiedergewählt. 7. Neuwahl von drei Vorstandsmitgliedern mit dreijähriger Funktionsdauer. Vorher werden die Herren Fränkel und Neumann zu Skrutatoren designiert; dieselben geben nach Auszählung der Stimmzettel folgendes Wahlresultat bekannt: Es erscheinen die Herren Moritz Felsenburg und Samuel Zeisler wiedergewählt und Herr Js. Goldstein neugewählt. Nachdem sich die genannten Herren für die Wahl bedankt und zur Annahme der Mandate bereit erklärt hatten, kommt der letzte Punkt der Tagesordnung zur Verhandlung. 8. Es melden sich folgende Herren zum Worte: Adolf Hecht, Ad. Saar, H. Färber, Gust. Müller, Benno Leitner, Em. M. Weiß, Ed. Deutsch, N. Leib. Die Anträge und die hieraus sich entspinnende Debatte betrifft interne Angelegenheiten und Wünsche, darunter auch das Verlangen einer Statutenänderung usw. Nachdem hierüber die Debatte abgeführt und die Tagesordnung erschöpft ist. schließt der Präsident die Generalversammlung unter Dankesworten. Alle Teilnehmer der Versammlung waren von den: würdigen Verlaufe derselben begeistert und die Ueberzeugung ist allgemein, daß auch Mariahils ein Zentrum des gesetzestreuen Judentums ist. Die Anregung des Herrn B. Hofbauer ist auf fruchtbaren Boden gefallen. An die Gründung der Jugendgruppe wird in der nächsten Zeit geschritten und ladet der Vorstand die Jugend der westlichen Bezirke zum zahlreichen Beitritt ein. Das vorbereitende Komitee hat seinen Sitz: VI., Stumpergasse 42, oder bei Herrn Moritz Felsenburg, VII., Mariahilferstraße 76. Die Woche. Antisemitische Demonstration in Wien. Für Sonntag, den 21. März, haben die Herren Orel und Genossen eine Versammlung mit der Tagesordnung: „Volkssturm gegen die Juden" einberufen. Die Versammlung ist aber polizeilich verboten worden. Anhänger Orels erschienen trotzdem auf dem Rathausplatz und veranstalteten, von der Wache abgedrängt, einen lärmenden Demonstrationsumzug, der fast zwei Stunden dauerte. Schon gegen halb 3 Uhr, eine Stunde, ehe die Versammlung tagen sollte, standen Gruppen aus dem Rathausplatz. Die unter Kommando des Polizeirates Dr. Losik ausgerückte Wache und Stadtschutzmannschaft teilte mit, daß die Versammlung nicht stattfinden werde, forderte zum Auseinandergehen ans und zog einen Kordon ums Rathaus. Die Abziehenden gingen in den Anlagen des Rathausparks auf und ab. Als sich aus der Seite des Parlaments beim Strauß-Lanner-Denkmal Ansamm lungen bildeten, wurde gegen den Ring hin geräumt. Es formierte sich ein Zug, der mit Demonstrationsrufen gegen das Versannnlungsverbot und unter dem Geschrei „Nieder mit den Inden! Weg mit der Jadenwirtschaft!" durch die Stadiongasse und Josefstädterstraße angeblich mit der Absicht ging, auf den Piaristenplatz zu kommen. In der Buchfeldgasse hielt Orel eine Ansprache, worauf die Wache räumte. Die zerteilten Gruppen sammelten sich wieder nächst dem Rathaus und es wurden von Orel und Genossen im Rathauspark und auf dem Ring noch mehrmals Reden gegen die Juden gehalten. Ein größerer Zug bewegte sich dann, von Wache begleitet, abermals in die Josefstadt, kam durch die Florianigasse, wo Berittene den neuerlichen Rückzug absperrten, in den Schönbornpark und hielt dort wieder eine kurze Versammlung ab. Die Demonstranten zogen lärmend weiter durch die Langegasse, Alserstraße, Kinderspitalgasse und Hebragasse, wo sich an der Ecke der Alserstraße ein Zwischenfall ereignete. Die Gäste an den Fenstern eines Kaffeehauses wurden als „Juden" erklärt und beschimpft und ein Teil der Menge wollte eindringen, was die berittene Wache verhinderte. In der Zimmermanngasse fand die Demonstration, an welcher vorwiegend Jugendliche unter Führung von Klerikern teilnahmen, um halb 5 Uhr ihr Ende. Auch beim Rathause waren später noch mehrmals Ansammlungen, die zerstreut wurden. Zwei Personen wurden wegen Widersetzlichkeit und Wachebeleidigung verhaftet. Apponyis Warnung. In einer der letzten Sitzungen des ungarischen Reichstages verlas der Ministerpräsident einen Brief des Präsidenten der ungarischen Friedensdelegation, Graf Apponyi/ in welchem dieser vor einer Fortsetzung der antisemitischen Hetze warnte. Der Brief erregte großes Aufsehen und hat beinahe zu einer Ministerkrise geführt. Der Brief, den die ungarische Friedensdelegation an den ungarischen Ministerpräsidenten zum Protest gegen die Gewaltakte der Horthy-Bluthunde an der jüdischen Bevölkerung gerichtet hat, lautet: „Immer häufiger erreichen uns Nachrichten, daß individuelle Aktionen von konfessionellen Gesichtspunkten geleitet sind, welche die in den Staatsgesetzen verankerte Freiheit der Bürger aus eine das Leben des Einzelnen gefährdende Weise vergewaltigen. Der Einfluß dieser Vorfälle in unserem Lande macht sich in dem gegenwärtigen überaus heiklen Zeitpunkte sehr unangenehm bemerkbar, denn über seine die allgemeine Stimmung für uns ungünstig beeinflussende Wirkung hinaus begegnen wir jetzt schon der unendlich ernsten Erscheinung, daß in einzelnen Gebieten des Landes, die wir als abzutrennende bezeichneten und wo die von uns vorgeschlagene Volksabstimmung ein für uns unbedingt günstiges Ergebnis versprochen hatte, sich die Stimmung gegen uns gewendet hat, wie es denn nur natürlich ist, daß die Anziehungskraft eines Staates aufhört, die unfähig ist, die elementaren Freiheitsrechte seiner Bürger zu schützen, eines Staates, in dem die Gewalt des Individuums die Gel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.