Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1920-04-01 · 11-12 (1.4.1920) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
11-12 (1.4.1920)
Date
1920-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3495278-3495461-3495472--1280-3497162
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 11/12 Jüdische Korrespondenz Seite 5 Das Problein der jüdischen Emigration und Kolonisation. Von Nathan! Chavk in in München („Daniel-Bund"). 1. Der wirtschaftliche Aufbau der östjüdischen Wohnstätte. Einem Vulkan gleich haben Krieg und Pogrome ihre verzehrende Lava über die jüdische Masse ausgegossen. Unzählige Juden sind in dem wütenden Elemente umgekommen, noch mehr sind aus ihrem bisherigen Dasein herausgerissen und verelendet. Die aufaescheuchte Masse flüchtet ziellos vor der Vernichtung. Wenn sich die Zerstörungswut eines Feuerberges legt, dann beginnet! die Leute an seinen Abhängen ihre Hütten ivieder zu bauen, in der Hoffnung, daß der Ausbruch' sich nicht so schnell wiederholen, ja daß die Glut des Berges vielleicht auf immer verlöschen werde. Werden die Juden die Hoffnung auf Eintritt besserer Zeiten in ihren Heimatländern ganz aufgeben? Wie dem auch sei, die Gefahr einer überstürzten Massenemigration der Juden tritt immer näher heran; deshalb erscheint uns vor allem der sofortige Wiederaufbau der von dem Kriege und von Pogromen mehr oder weniger zerstörten jüdischen Wohnstätten und die Schaffung wirtschaftlicher Lebensbedingungen für die vielen ruinierten Existenzen als das allerdringendste Gebot der Stunde. Jede Hilfsaktion, die auf die Linderung der ' gegenwärtigen Not der Juden in ihren Wohnländern, Beherbergung der jüdischen Waisen und dergleichen gerichtet ist, trägt zur Minderung der Gefahr einer ungeregelten Massenauswanderung bei. Wir brauchen nicht im geringsten zu befürchten, daß die Juden sich schließlich mit ihrer Lage im Osten versöhnen, ihre Gedanken an die Auswanderung aufgeben und später neuen Pogromen und Drangsalierungen ausgelwfert würden; die Wunden, die der Krieg und die Pogrome in die Herzen vieler Juden geschlagen, werden nicht so bald ausheilen, und die Mehrzahl der Heimgesuchten wird sicherlich darnach trachten, bei jeder Gelegenheit in ein anderes, besseres und freieres Land überzusiedeln. Trotz aller Vorkehrungen und Anwendung beträchtlicher Geldmittel wären wir doch nicht m der Lage, in kurzer Zeit in anderen Ländern gesicherte Eistenzen für die Juden zu schaffen. Auch ist infolge der ungünstigen Berufsschichtung der Ostjuden, besonders der zu großen Zahl von Händlern, die Entstehung ungesunder Zustände und gespannter Beziehung zwischen den Juden und der übrigen Bevölkerung in den neuen Wohnländern nicht ausgeschlossen. Wir müssen daher darnach trachten, durch Gründung jüdischer Arbeitsämter, technischer Bildungsanstalten und dergleichen möglichst viele Juden den produktiven Berufen zuzuführen. Besonders ist es von größter Wichtigkeit, die jüdischen Industriellen, Gewerbetreibenden und Landwirte zu veranlassen, mögllchst viel jüdische junge Leute bei sich aufzunehmen, um diese in den produkiven Berufen auszubilden. Durch Gründung jüdischer Schrebergärten, Lehrfarme für Gartenbau, Kurse für Handfertigkeiten usw. kann ebenfalls für die Besserung der Lage der Juden in ihren jetzigen Wohnländern oder für die Schaffung einer gesicherten menschenwürdigen Existenz in den neuen Einwanderungsländern beigetragen werden. 2. Die Geldfrage. Es besteht kein Zweifel, daß man in den nächsten paar Jahren für das Wiederausrichten des erschütterten jüdischen Wirtschaftslebens und noch mehr für die bevorstehende Massenemigration beträchtliche Summen benötigen wird, die man auch mit den raffiniertesten Sammelmethoden, mit Spenden und Selbstbesteuerungen, mit Ballveranstaltungen und Büchsensammlungen auch in Jahrzehnten nicht aufbringen wird. Für die meisten europäischen Länder kommt noch als erschwerender Umstand das ungeheuere Sinken des Geldwertes hinzu, so daß viele Juden, die früher als wohlhabend betrachtet und für wohltätige Zwecke in Anspruch genommen werden konnten, jetzt selbst verarmt und um ihre zukünftige Existenz besorgt sind. Viele jüdische Gemeinden erschöpfen, ihre ohnehin geringen Mittel zu der Milderung der gegenwärtigen jüdischen Not, Versorgung jüdischer-Kriegswalsen, Kampf gegen den Antisemitismus und 'dergleichen und können daher für den Wiederaufbau der ostjüdischen Wohnstätten und der bevorstehenden jüdischen Massenemigration und -kolonisation sehr wenig tun. In dieser in Europa allgemein herrschenden Geldnot pflegt inan bei uns die Blicke nach Amerika zu richten, das. durch den Krieg a»r wenigsten gelitten und reiche Juden in ansehnlicher Zahl hat. Ueberdies bezeichnet inan die Amerikaner — die dortigen Juden natürlich nicht ausgenommen — als ein praktisches Volk, das in allen seinen Unternehmungen großzügig zu Werke geht. Wir sehen denn auch, daß bei den amerikanischen Juden eine umfangreiche Aktion zur Behebung der jüdischen Not im Osten eingesetzt hat. Beträchtliche Geldspenden und Lebensmittel strömen von Amerika in die von Krieg und Pogromen heimgesuchten jüdischen Wohnländer. In New Dort sind einige jüdische Hilfsorganisationen gebildet worden, die Vertreter in die verschiedenen Orte des jüdischen'Ostens abgesandt haben, um zunächst die gegenwärtige jüdische Not zu lindern und dann auch die Aufrichtung des darniederliegenden jüdischen Wirtschaftslebens zu betreiben. Auch die mit allen Mitteln der amerikanischen Reklame in Szene gesetzte Sammlung für den ,10 Millionen Dollarfonds für den Aufbau Palästinas macht bereits gute Fortschritte. Aber alle diese Geldmittel, die von den Juden allein durch Spenden aufgebracht werden, können nicht im entferntesten dazu ausreichen, die vielen vernichteten jüdischen Existenzen wieder aufzurichten und noch weniger der einsetzenden Massenemigration der Juden irgendwie gerecht zu werden. Hat doch Max Nordau in „Jewish Times" vom 16. Jänner geschrieben, daß man für den Aufbau Palästinas allein in den nächsten Jahren etwa 250 Millionen Pfund, also 1250 Millionen Dollars, oder etwa 6 Milliarden Francs benötigt. Was bedeutet denn dieser Summe gegenüber die 5‘/3 Millionen Francs, die der Nationalfonds im Jahre 1019 aufgebracht hat, wenn sie sogar, wie es angenommen wird, in den nächsten Jahren verfünffacht werden. Nordau verlangt, daß die nötige Geldsumme in Form einer Anleihe den Zionisten sofort oder in rasch aufeinanderfolgenden Raten gegeben werde und daß England die Garantie für diese Anleihe übernehmen soll. Eine Frage ist es, ob England, das ja selbst durch den Krieg in gewisse finanzielle Abhängigkeit von Amerika geraten ist, diese Garantie überehmen kann und wird. Es ist aber nicht einzusehen, warunr eine große Anleihe von den Juden nur für den Aufbau Palästinas und nicht auch für den der ruinierten ostjüdischen Wohnstätten oder für die Emigration der Juden in andere Länder ausgenommen werden soll. Würde eine solche Mische Volksanleihe nicht nur für zionistische, sondern auch für allgemeine jüdische Zwecke verwendet werden, so könnte sie sicherlich leichter zustande kommen, weil für diese Anleihe das ganze jüdische Volk verantwortlich sein und die Garantie nicht nur von England, sondern vor allem auch von Amerika übernommen werden könnte. Allerdings müßte die Anleihe dann etwas größer als die von Nordau vorgeschlagene ausfallen. Sie würde schätzungsweise 400 Millionen Pfund — 2 Milliarden Dollar oder rund 10 Milliarden Francs betragen. Die jüdische Emigrations- und Kolonisationsfrage darf nicht vom einseitigen zionistischen, sondern muß vom allgemein jüdischen Standpunkt behandelt werden. Es müßte nach dem Vorschlag Birnbaums ein Volksamt von jüdischen Menschen aller Richtungen geschaffen werden, das die Sache der in ihrer Heimat zurückbleibenden wie auch der auswandernden Juden vor den Regierungen vertreten und auch über die Wahl der geeigneten Länder für die'jüdische Einwanderung Entscheidung treffen könnte. Zweifellos würden für viele jüdische Auswanderer aus wirtschaftlichen wie auch aus gewissen familiären und anderen Gründen nicht Palästina, sondern andere Einwanderungsländer in Betracht kommen. Die Agudas Jisroel in Men. Am 21. März fand die Generalversammlung der Agudas Jisroel in Wien statt. Vorsitzender Herr Eduard Deutsch begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste und skizzierte die Entwicklung der Aguda-Jdee. Herr Pappenheim referierte über die Geschichte der Gründung sowie über die Ziele der Aguda. Der Referent legte die Notwendigkeit einer Organisation der religiösen Judenschaft der ganzen Welt dar, zur Erreichung des gemeinsamen Zieles der Stärkung von Thora, Awoda und Gemileth Chessed und der Abwehr der Angriffe, die uns unserem Heiligsten entfremden wollen. Die dringendsten Aufgaben, welche die Weltorganisation Agudas Jisroel zu lösen haben, sind: Förderung des durch den Krieg ganz besonders gefährdeten Thorastudiums durch Errichtung und Unterstützung der Jeschiwaus, Talmud Thoras und Bote Midroschim. Organisation der thoratreuen Judenschaft, die noch heute die große Mehrheit bildet, zur Förderung der gemeinsamen Ziele. Regelung des Unterrichtslvesens im altjüdischen Sinne. Eine der wichtigsten Aufgaben der Aguda bildet die Arbeit für das heilige Land. Nun, da die Einwanderung bald freigegeben wird, wo die Gelegenheit zu produktiver Arbeit sich bietet, ist es Pflicht jedes religiösen Juden," für die wirtschaftliche Wiederbelebung Palästinas zu arbeiten. Solange die türkische Regierung die Einwanderung erschwerte, ja zeitweise verbot, war die Palästina- Arbeit Zukunftsmusik, für die die Orthodoxie Zeit und Geld nicht opfern durfte. Hatten wir ja doch genug zu tun, um die drei Grundpfeiler des Judentums: Thora, Gottesdienst und Wohltätigkeit (deren wichtigster Zweig die Hilfe zum Aufbau ist) zu pflegen. Unsere Liebe für Erez Jisroel haben wir nicht nur durch Beten bewiesen, sondern,durch gewaltige Geldaufwendungen, die unsere so viel geschmähten Chalukahjuden erhielten, um die jüdische Siedlung aufrenstzuerhalten. Nun, wo es wohl für die Niederlassung und Besiedlung keine Hemmnis mehr geben wird, sind wir verpflichtet, für den Aufbau Palästinas jedes Opfer zu bringen. Zu diesen großen Aufgaben ist aber das Zusammenarbeiten aller gläubigen Juden erforderlich, nicht die Beistellung der nötigen großen Mittel allein, sondern auch jedermanns Mitarbeit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.