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Jüdische Korrespondenz · 1920-04-01 · 11-12 (1.4.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
11-12 (1.4.1920)
Date
1920-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 11/12 würde eine Förderung ihres Uebergewichts auf diesem Gebiete bedeuten, was keineswegs als angebracht erscheinen kann. Der polnische Mittelstand bemüht sich in letzter Zeit ganz ernstlich darum, im Handelsgewerbe Fuß zu sasion, und dieses Bemühen kann vom polnischen Gesichtspunkte betrachtet nicht dadurcherschwert werden, daß man der jüdischen Handelswelt spezielle Konzessionen gewährt. Nun soll nicht geleugnet werden, daß die Einführung der Sonntagsruhe es der christlichen Bevölkerung leichter machen würde, sich dem Handel zu widmen- Darin kann weder ein antisemischer Akt, noch eine Intoleranz erblickt werden. Das polnische Volk besitzt hierzu das vollste Recht und der Umstand, daß es sich bisher vom Handel sernhielt, ist eine Folge der ungesunden wirtschaftlichen Entwicklung, die eben saniert werden soll. Daß das Gesetz über die Sonntagsruhe keine antisemitischen Grundlagen hat, dafür spricht die Tatsache, daß es ein Jude war, der sozialistische Abgeordnete Dr. Perl, der für das Gesetz eintrat und die seitens der jüdischen Nationalisten vorgebrachten Argumente widerlegte Auch die anderen jüdisch-polnischen Abgeordneten, die sogenannten „Assimilanten", verwahrten sich in einer speziellen Kundgebung dagegen, daß man diesem Gesetze antisemitische Motive unterlegt. Polen will eben europäisch werden und auch die jüdische Bevölkerung in diesem Staate muß Schritt mithalten. Der Hinweis auf gewisse Erleichterungen für die am Samstag ruhenden Juden, die seinerzeit im österreichischen Sonntagsruhegesetz enthalten waren, ist nicht ganz stichhältig. Im Wiener Parlament geschah dies vor etwa 30 Jahren, als die soziale Gesetzgebung sich noch in den ersten Stadien befand und man nur schrittweise vorgehen zu sollen glaubte. Die damaligen Bestimmungen hatten auch' bloß zeitweiligen Charakter, um eine Uebergangsperiode in Galizien zu ermöglichen, und wären bei einer Reform des Gesetzes sicherlich beseitigt worden. Es mag noch als eigenartig verzeichnet werden, daß gerade die nationalistischen jüdischen Kreise, die so sehr gegen die Sonntagsruhe Sturm laufen, sonst die Bedeutung des religiösen Momentes im Judentums zugunsten des nationalen Herabdrücken. Haben sie doch die Bereitwilligkeit der polnischen Kreise, den Juden vollste religiöse Gleichberechtigung zuzusichern, mit der Begründung abgelehnt, es handle sich ihnen vornehmlich ^um nationale Rechte. Mit dem Nationalismus hat jedoch die Sonntagsruhe nichts gemein. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, daß die Sonntagsruhe der jüdischen Bevölkerung gewisse Opfer auferlegt. Aber wo alle Opfer bringen müssen, da können keine Ausnahmen gemacht werden In der Praxis könnte sich vielleicht als nötig erweisen, gewisse Modifikationen vorzunehmen, aber dies kann nicht in prinzipieller Hinsicht, sondern nur auf Grund der Erfahrungen geschehen. Diese müssen eben abgewartet werden." Wie bereits gesagt, können wir uns vom jüdischen Gesichtspunkte den polnischen Standpunkt nicht zu eigen machen. Sicherlich hat das polnische Volk das Recht, die Sonntagsruhe einzuführen, ebenso wie ihm niemand das Recht absprechen kann, im Handel und Gewerbe Fuß zu fassen. Sicherlich empfinden wir es auch vom Standpunkte der jüdischen Interessen als unangenehm, daß das Gros der Juden in Polen vom Handel mit allen seinen nicht immer erfreulichen Begleiterscheinungen lebt — allein, in einem Rechtsstaate muß man bei jeder Aktion den gegebenen Verhältnissen einigermaßen Rechnung tragen. Es ist unzulässig und unmöglich, Millionen Bürger der Gefahr eines Ruins auszusetzen. Man muß eben in solchen Dingen gewisse Ausnahmen statuieren, eine Übergangszeit schaffen usw. Das Nichtvorhandensein böser Absichten genügt nicht, es kommt auf die Folgen an und die Folgen der Sonntagsruhe in der in Polen durchgeführten Form müßte eben ein Ruin für Millionen Juden sein. Da die Polen ein so großes Gewicht aus die religiöse Toleranz legen, so müßten sie bedenken, daß die Toleranz eben gewisse Opfer verlangt. Es würde dem christlichen Charakter des polnischen Staates nicht den geringsten Abbruch tun, falls den religiösen Interessen der Juden Rechnung getragen werden sollte. Die polnische Zuschrift läßt erwarten, daß man in den polnischen Kreisen ein Einsehen zu haben beginnt. Wir wollen hoffen, daß es dabei nicht bleiben, sondern daß man die Konsequenzen dieses Einsehens zu ziehen bereit sein wird. Dafür spricht auch der Umstand, daß die maßgebenden polnischen Kreise dem Verlangen der Juden, das Gesetz entsprechend zu modifizieren, nicht mehr so entschieden abweisend gegenüberstehen, wie in der ersten Zeit. Wenn die polnische Zuschrift auf die Anomalie hinweist, daß es jüdische Nationalisten sind, die den Kamps gegen die Sonntagsruhe führen, obwohl diese Kreise sonst für religiöse Dinge nichts besonderes übrig haben, so mag dies einige Berechtigung haben. Argumente für den Sabbat aus dem Munde derjenigen, die selbst den Sabbat verletzen, können naturgemäß keine richtige Resonnanz finden. Allein, es ist eine Tatsache, daß es nur einer Verkettung verschiedener Umstände zuzuschreiben ist, daß die verschwindend geringe Zahl Nationalisten unter den Juden Polens es vermocht haben, die Führung der jüdischen Angelegenheiten in die Hand zu bekommen. Mindestens 80 Proz. der polnischen Judenschaft ist orthodox und betrachtet die Herren Grünbaum, Thon usw. nicht als seine Wortführer, ebensowenig wie den Herrn Perl und Genossen. Der Tag ist vielleicht nicht mehr ferne, da die erwähnten Herren in den wohlverdienten Ruhestand versetzt werden würden. Nicht ihnen zuliebe und nicht ihnen zuleide darf über die vitalen Interessen des polnischen Judentums entschieden werden. Andererseits sollte dieser Umstand die Juden Polens erst recht, dazu aneifern, das „Apotropsus" der Nationalisten von sich abzuwerfen. Sie werden sicherlich besser fahren, wenn sie aus ihren eigenen Kreisen sich Wortführer wählen würden, deren Wort auch leichter Gehör finden dürfte. Die spanisch-jüdische Politik in Marokko. Man schreibt aus Madrid: Unlängst fand im hiesigen Athenäum ein Vortrag des Herrn Rafael de Roda über die spanisch-jüdische Politik in unserem Protektorate Marokko statt. In knappen Worten sprach er die Idee aus, daß Spanien sich mit den Juden der marokkanischen Zone in direkte Verbindung setzen müsse. Er beklagte zunächst die Indolenz der spanischen Regierung, die alles der privaten Initiative überließe, und daß das spanische Kapital weder aus Patriotismus noch aus ökonomischen Gründen sich bisher an der Ausbeutung der marokkanischen Quellen beteiligt habe, die doch unbedingt insofern nötig sei, als man die Ausfuhr und die kaufmännische Durchdringung organisieren müsse. Das erste ist leicht möglich, da in Spanien viele Industrien vorhanden sind, deren Erzeugniffe die Bedürfnisse des Landes übersteigen. Betreffs des zweiten sagte Herr de Roda, daß man einen bedeutenden Faktor von großem Einfluß benützen könne, das seien die spanischen Juden in Marokko, wobei zu bedenken sei, daß 60 Prozent des marokkanischen Handels in Händen der Juden liege. Die Sephardim besäßen alle nötigen Vorbedingungen dazu: völlige Kenntnis des Marktes sowie der maurischen Seele, Beherrschung der Sprachen usw. Die bedeutendsten afrikanischen Jmporthäuser sind in jüdischen Händen, deren Inhaber und Geschäftsführer alle Geheimnisse, Mängel und Bedürfnisse des Marktes kennen. Aus demselben Grunde sei auch der kleine jüdische Hausierer, der von Ort zu Ort und von Haus zu Haus zieht, ein wertvoller Kämpfer und Mitarbeiter. Spanien müsse also gestützt auf die Juden vorgehen, deren Anhänglichkeit an das, was sie ihr Vaterland nennen, beständig und erprobt sei. Kürzlich bemühte sich ein Dr. Guita aus Tetuau, unterstützt von zwei spanischen Journalisten, um die Wiederherstellung der spanischjüdischen Beziehungen. Die Idee fand sehr großen Anklang. In Tetuan allein fanden über 1000 Anmeldungen seitens durch ihre Tätigkeit im Ackerbau, Handel und Industrie hervorragender Vertreter statt. Das Beispiel von Tetuan fand sofort begeisterten Widerhall in Ceuta, Tanger, Larache und Alcazar, wo ähnliche Vereine gegründet wurden. Die hauptsächlichsten gutqeheißenen Beschlüsse wurzeln in deni praktischen politischen Programm, das der spanisch-jüdische Verband zu verwirklichen gedenkt. Zwei große Ideale spielen bei dieser Gründung mit. Einmal die Verehrung der Sephardim für Spanien, den Boden ihrer Vorfahren, dem sie stets mit besonderer Liebe angehangen haben. Nm diese Sympathie zu stärken, sollen von ihnen zahlreiche Reisen nach Spanien unternommen werden, um alle Städte, Archive der Vergangenheit, sowie - andere Ortschaften als Pflanzstätten neuer Energie, auf» zusuchen, nicht nur aus Liebe zum Vergangenen, sondern auch um die neuen Zustände kennen zu lernen. Nebenbei verfolgen sie den Zweck, sich naturalisieren zu lassen, um hierdurch Schutz und Vorteile zu genießen. In sozialer Hinsicht beabsichtigt der Verband sanitäre, wohltätige und Kultureinrichtungen zu schaffen; andererseits sollen auch die ökonomischen Fragen nicht vernachlässigt werden. Die marokkanischen Juden wünschen Spaniens Mitarbeiter zu sein und dessen Erzeugnisse im Lande zu verbreiten. Außerdem trachten sie danach, Handelsmuseen und Propagandamittelpunkte zu schaffen, die die spanischen Handelsbestrebungen erleichtern sollen. Ferner wünschen sie die Gründung eines Hauses in Madrid für die spanisch-marokkanischen Sephardim, wo diese Unterkommen und Ruhe auf ihren spanischen Reisen finden. Mit der Verwirklichung dieses Programms, so schloß Herr de Roda feinen Vortrag, würde Spanien den Vorteil genießen, die Macht seines Einflusses und seiner Ausdehnung in der marokkanischen Zone zu vergrößern. Weiter sei zu beachten, daß die Israeliten stets eine lebhafte Solidarität für Pflicht und Dankbarkeit besäßen. Ein Akt der Freundlichkeit gegen die marokkanischen Sephardim seitens Spaniens würde unter den Juden der ganzen Welt ein Gefühl der Liebe für Spanien erwecken, das auch dem spanischen Prestige zugute käme. Der Vortrag des Herrn de Roda wurde von häufigen Beifallsbezeugungen untetbrochen.

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