Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 11-12 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1.1/12 Jüdische Korrespondenz Seife 3 haben schon bestätigt, daß mall den Juden einige Rechte ans Palästina geben soll. Auch stimmten sie der Balfour-Deklaration zu, die die Errichtung eines nationalen jüdischen Heims iit Palästina verspricht unter der Bedingung, daß die religiösen, bürgerlichen und politischen Rechte der Eingeborenen nicht verletzt werden. Die von den Zionisten organisierte Immigration lvird einer strengen Kontrolle der englischen Regierung unterstellt werden, um der ökonomischen Lage des Landes nicht zu schaden. General Bols fügte noch.hinzu, Dr. Weizmann habe in einem Gespräche erklärt, daß die Zionisten die Absicht haben, Palästina mit solchen jüdischen Elementen zu besiedeln, die nicht nur den Eingeborenen nicht zur Last fallen lasten, sondern die dem Lande großen Nutzen bringen werden, wie zum Beispiel .Handwerker, Intellektuelle und Kapitalisten. Die Immigration wird erst dann anfangen, wenn das Land darauf vorbereitet sein wird. Die Regierung wird dem Umstande große Aufmerksamkeit schenken, daß die Fellachen ihren Boden behalten und nur in Ausnahmefällen wird der Verkauf dieses Bodens gestattet werden. Eine mächtige Regierung wird die Interessen der Einwohner wahren, so daß der Stärkere den Schwächeren nicht bedrängen soll. Die Alliierten hegen nicht die Absicht, in Palästina einen jüdischen Staat zu gründen, sondern die Einwohner des Landes werden selbst ihr Land regieren. Die Gesetze des Landes werden durch die konstituierende Versammlung gegeben werden. Die englische Regierung beschäftigt sich von jetzt ab mit den Vorbereitungen, die als Bürgschaft für die Rechte der Einwohner dienen und sie zur Selbstverwaltung vorbereiten sollen. Auf die Frage, was die Ankunft Herbert Samuels itad) Palästina bezwecke, antwortete General Bols: Samuel ist ein englischer Beamter. Er kam nach Palästina, um ihm in der Organisation der Finanzen und der Verwaltung behilflich zu sein. Seine Ankunft steht iit keinem Zusammenhang mit den Interessen der Zionisten. Diese Aeußerungen haben in den arabischen, wie die genannte „Marath-al-SchraK" und dem Zionismus feindlich gesinnten Zeitungen, „Suria-el-Gannbia" eine große Polemik hervorgerufen. Sie bemühen sich nachzuweisen, daß die englische Regierung in Wirklichkeit ben Zionisten besser gesinnt sei, als General Bols geäußert habe. Der „Marath-al-Schrack" appelliert an das englische Volk, Palästina nicht den Zionisten zu geben. Im Zusammenhang mit den Erklärungen des General Bols wurde auf den 22. Februar von dem „Muselmanischchristlichen Verband" in Jerusalem eine Versammlung einberufen. Man beschloß auf den 27. Februar eine große Demonstration zu veranstalten. Der Waad Hazirim (Zionistische Kommission) wandte sich in einem Aufruf an die Juden, und fordert sie auf, an diesem Tage ihren täglichen Beschäftigungen nachzugehen, da die Regierung die nötigen Schritte unternommen habe, nm die Ruhe und Ordnung in der Stadt aufrecht zu erhalten. * lieber die Vorgänge in Jerusalem und Palästina liegen noch weitere Meldungen vor: Ussischkin meldet aus Jerusalem: Am erstell März griffen hundert Beduinen unter Führung eines arabischen - Schleiche die kleine Arbeiter-Genossenschaft Tel Hai, westlich von Metullah, an. Bon jüdischer Seite fielen vier Mann, darunter Kapitän Trumpeldor, der stellvertretende Führer der ersten jüdischen Legion. Außerdem wurden zwei Mädchen getötet und fünf verwundet. Nach dem Kanlpf verbrannten und evakuierten die Inden Tel Hai und gingell nach Giladi, einem südwestlich gelegenen Dorfe. Eine andere Nachricht besagt: Lloyd George erklärte am 18. März im Parlament, daß Emir Faisul von dendritischen und französischen Regierungen dahin informiert worden sei, daß diese nicht in der Lage seien, ihn als König anzuerkennen. Faisul wurde zur Klarstellung seines Falles eingeladen, nach Europa zu kommen. In derselben Sitzung gab der Vertreter des Auswärtigen Amtes die Erklärung ab, daß nach dem Friedensvertrage Palästina nicht iils arabische Königreich eingeschlossen wurde. Auf eine Interpellation im Unterhause erklärte das Kriegsamt, über Exzesse in Palästina „nicht unterrichtet" zu sein. Eine Allfrage über die „englische Politik betreffend Palästina" blieb llnbeantwvrtet. Bon anderer Seite wird berichtet: Die bereits während der Araber-Demonstration in Jerusalem verbreitete Nachricht, wonach Emir Faisul vom syrischen Kongreß in Damasklls zum König von Syrien ausgerufen wordeli wäre, scheint sich zu bestätigen. Es hieß zwar vorerst, es lväre Emir Faisul gelungen, auf Wunsch der Entente den Zusammentritt des Kongresses auf den 11. März zu verschieben. Nach telegraphischen Berichten des Konstantinopeler Korrespondenten der „Associated Preß",' datiert von Beirut vom 8. März, habe sich jedoch Syrien bereits unabhängig erklärt und Eiliir Feysul zum König gekrönt. Das Königreich soll außer Syrien auch Palästina, den Libanon und das nördliche Mesopotamien umfassen. Diese Nachricht, die nach Mitteilungen der „Neuen Korrespondenz" keineswegs unerwartet kanr, hat in England Unsicherheit und Unbehagen hervorgerufen. Die Stellungnahme der Zeitungen zu diesem Problem ist eine geteilte. Nach den letzten Berichten hat der Oberste Rat infolge der Ereignisse irr Syrien Emir Faisul eingeladen, zur Prüfung der neuen Lage nach Paris zu kommen. Die jüdische Arbeitergruppe hat nach tapferen Widerstande auch Kfar Giladi räumen müssen. Damit ist auch der letze jüdische Siedlungspunkt in dem Teile Ober- Galiläas, der in die französische Zone fällt, von den jüdischen Ansiedlern vorläufig verlassen worden. Die Sonntagsruhe in polen. Das Gesetz über die obligatorische Sonntagsruhe in Polen, das vor etwa zwei Monaten ins Leben trat, bedroht — wie wir bereits wiederholt auseinandergesetzt haben - das Wirtschaftsleben, dann aber auch das religiöse Leben der breiten jüdischen Volksmassen im polnischen Staate. Sowohl während der Verhandlungen über das Gesetz, als auch in der ersten Zeit nachher zeigten die polnischen Regierungskreise als auch die Oeffentlichkeit wenig Verständnis für die von jüdischer Seite erhobenen Einwendungen und Beschwerden. Nunmehr scheint aber eine Wendung einzutreteu. Von einer, der polnischen Regierung nahestehenden Seite erhalten wir eine Zuschrift, die wir nachstehend veröffentlichen und die den polnischen Standpunkt zu rechtfertigen sucht. Ohne diese Rechtfertigung als zulänglich zu bewerten, glauben wir annehmen zu diirfeu, daß dieselbe ein Beweis für die Erkenntnis der polnischen maßgebenden Kreise^ ist, mit dem Beschluß über die Sonntagsruhe über die Schnur gehaut zu haben. Das wäre der erste Schritt für eine Modifizierung des Gesetzes, die in der Zuschrift bereits angedeutet wird. Die Zuschrift lautet: „Nach dem Muster aller europäischen Staaten hat der polnische Landtag mittels Beschlusses voni 18. Dezember 1919 für ganz Polen die obligatorische Sonntagsruhe dekretiert. Dadurch fühlte sich besonders die jüdische Bevölkerung Pojens getroffen und von dieser Seite hat gegen den Gesetzentwurf eine heftige Agitation eingesetzt mit der Motivierung, er bedeute den Ruin der zum überwiegenden Teil int Handel tätigen jüdischen Volksmassen, die ohnehin strenge Sabbatruhe halten und somit gezwungen wären, zwei Tage in der Woche zu ruhen, was den Existenzkampf nur erschweren müßte. Es wird ausgeführt, daß das Sonntagsruhegesetz einerseits eine Verletzung der Bestimmungen des Friedensvertrages bedeute, der Wahrung der jüdisch-religiösen Interessen zusichere, während die strenge Durchführung dieses Gesetzes eine Verletzung der Sabbatruhe seitens breiter Kreise zur Folge haben müßte; andererseits wird darauf verwiesen, daß Polen mit diesem Gesetz seiner historisch berühmten religiösen Toleranz untreu wird und sich eine religiöse Bedrückung Andersgläubiger zuschulden kommen läßt. Es mag nun zunächst betont werden, daß das polnische Volk und der polnische Staat nach wie vor den Geist der religiösen Toleranz Hochhalten und nach wie vor entschlossen sind, dieser Tradition treu zu bleiben. Das Sonntagsruhegesetz statuiert bloß die Ruhe für den Sonntag, ohne des Samstags auch nur direkt oder indirekt zu erwähnen Daß das Gros der Inden in Polen sich vornehmlich mit Handel befaßt und infolgedessen durch die Sonntagsruhe zu leiden haben wird, mag höchst bedauerlich sein, ändert aber nichts an der Tatsache, daß die Sonntagsruhe aus sozialen und christlich-religiösen Gründen eine unumgängliche Notwendigkeit ist. Die Beherrschung des Handels in Polen durch die Juden ist eine Erscheinung, die selbst von ernsten jüdischen Kreisen unangenehm empfunden wird, da dies auch vom jüdischen Standpunkt zu ungesunden Verhältnissen führt. Die Statuiernng von speziellen Konzessionen zugunsten der Inden