Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 11-12 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 11/12 Bethäuser kämpfen. Mußten im Jahre 1914 den Flüchtlingen in Tausenden von Zirkularen bekanntgeben, daß ihre Kinder in den Wiener Schulen nicht zum Schreiben anr Schabbes gezwungen werden können. Sorgten für Koscherkost in den Spitälern, für Talmud Thora, für Jung und Alt. Die frommen Juden, die streng nach dem Schulchan Aruch leben, sind G. s. D. in Wien in imposanter Zahl vorhanden; der überwiegende Teil derselben bekümmert sich jedoch nur um das eigene Seelenheil, betet, lernt und tut Gutes. Um das Gut, die Erhaltung der Jüdischkeit im allgemeinen, kümmern sich die wenigsten. Nur die vielverschrienen ungarischen, die sich übrigens aus Deutschen, Westösterreicheru und einem kleinen Teil Polen zusammensetzen, mußten sich der verwaisten Vertretung der Orthodoxie annehmen. Hier sei bemerkt, daß die auch in manchen streng frommen Kreisen verpönte Bezeichnung „orthodoxe Juden" von dem bekannten Wiener Gemeindepräses Dr. L. Biedermann geprägt wurde, und zwar in einem Aufrufe zum Tempelbau im Jahre 1819. — Daß wir uns gerne von antireligiösen Kreisen als orthodox (rechtgläubig) bezeichnen lassen, ist wohl selbstredend. Das sind im Gegensätze zu den Nur-Frommen die Orthodoxen. Der orthodoxe Jude begnügt sich nicht damit, fromm zu sein, er bemüht sich auch noch, seine Kraft dafür aufzuwenden, daß auch andere fromm sein können. Er gründet Talmud Thoras, unterstützt Jcschiwaus, sorgt für Koscherkost für Gesunde und Kranke, arbeitet für Einhaltung der Sabbatruhe, für Lehrer und Berater und Führer. — All das braucht der Nur-Fromme nicht, weil er sich selbst genügt. Wenn die Tausende und Abertausende unbescholtenen frommen Juden orthodox würden, das heißt sich mit den Orthodoxen zusammenschließen würden, so wären die Orthodoxen in der ganzen Welt eine Macht, die Gewaltiges für die Erhaltung des jüdischen Lebens, speziell des Thaurohstudiums, diesen Lebensnerv des Judentums, leisten könnte. Nun tritt noch eine große Aufgabe an die religiöse Judenschaft heran. Erez Jisroel, das heilige Land unserer Väter wird frei. — Es wird möglich sein, Brüder in größerer Zahl dahin zu verpflanzen und Erez Jisroel aus seinem verwahrlosten Zustande herauszuführen. Daß dies im Sinne und Geiste der Thauroh geschehe, daß die Blüte Palästinas zur Ehre Gottes und seiner Thauroh erreicht werde, ist eine der dringendsten Aufgaben des religiösen Judentums. Dieses Ziel zu erreichen, ist des Schweißes der Edlen wert, es kann aber nur erreicht werden, wenn alle Frommen ihre geistigen, manuellen und materiellen Mittel vereinigen. — Beiseite alle Mandatshascherei, alle Eifersüchtelei und persönlichen Rücksichten. — Mit Gott, für Gott, sei unsere Devise und der Erfolg wird ein vollkommener sein. Die Bedrohung der religiösen Interessen in der Tschechoslowakei. (Brief aus Prag.) Die Lage unserer Brüder in der Tschechoslowakei ist keines^ wegs rosig. Weder politisch, noch wirtschaftlich sind sie au> Rosen gebetet, mögen auch unsere Nationalisten im In- und Auslande noch so begeisterte Hymnen für den neuen „Nationalstaat" anstimmen und sich damit indirekt zu Vertuschungen und Bemäntelungen der wirklichen Zustände verleiten lassen. Freilich, bis zu einem gewissen Grade können sie, von ihrem engen Parteistandpunkte besehen, recht haben. Was in der Tschechoslowakei geschieht, ist nur Wasser auf. ihre Mühle, besonders in religiöser Hinsicht. Wie sollen sie nicht von einer Verfassung begeistert sein, die ihnen das Recht zusichert, als jüdische „Nationalisten" auftreten zu dürfen, selbst wenn sie dem überlieferten Judentum auch formeÜ den Rücken gekehrt haben? Gestattet doch die Verfassung auch den „Konfessionslosen" (im Grunde genommen auch den Täuflingen), sich zur „jüdischen Nation" zu bekennen. Mein Herz, was wünschst du noch mehr? Wie leicht ist es den diversen „Auchjuden" gemacht, „Juden" zu bleiben? Die Verfassung geht aber noch weiter. Dort, wo es sich um die religiösen Interessen handelt, treibt sie direkt den Wind in die Segel der antireligiösen Nationalisten. So bestimmt der 8 119 der Verfassung, daß der „öffentliche Unterricht so einzurichten ist, daß er den Ergebnissender wissenschaftlichen Forschung nicht widerspricht". Was das hinsichtlich des Religionsunterrichtes zu bedeuten hat, braucht nicht erst auseinandergesetzt zu werden. Im „berühmten" hebräischen Gymnasium in Jaffa haben wir ein Beispiel dafür, wo halbwüchsige Knaben und Mädchen die Bibel auf Grund der modernsten radikalen Kritik gelehrt wird. Selbst Dr. Kramarsch, den man schwerlich als „Klerikal" bezeichnen kann^ verwahrte sich entschieden gegen diese Methode und meinte: „Sie sind stolz darauf, daß Sie die Autorität des Glaubens gestürzt haben und im § 119 verlangen, daß der Unterricht nicht im Widerspruch mit den Ergebnissen der Forschung stehen darf. Wie Sie dies aber durchführen wollen, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob unser Ministerium für Unterricht und. nationale Kultur jeden Monat die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung milteilen wird. Es wird wieder nur ein schönes Wort sein, wie so vieles bei uns. An Stelle des Absolutismus und der Autokratie der Kirche führen Sie den Autokratismus der Parteien ein. An Stelle der kirchlichen Dogmen treten die Dogmen der Parteien und ihrer Sekretariate. Sie vertrauen nur auf die unerfahrene Jugend, die den Schlagworten noch nachläuft und ihren Führern noch glaubt." Wer die Verhältnisse in Böhmen, Mähren und Schlesien näher kennt, der kann sich ohne viel Phantasie einen Begriff von den Verheerungen machen, welche ein solcher „Religionsunterricht" in den öffentlichen Schulen anrichten wird. Freilich, das ist eben der Wunsch unserer Nationalisten, und'deswegen ihr fortgesetztex Ruf: Es lebe die Verfassung! Man könnte vieleicht annehmen, die religiösen Juden haben die Möglichkeit, sich konfessionelle Schulen einzurichten. Aber auch dafür ist gesorgt: § 120 der Verfassung gestattet die Errichtung von privaten Unterrichts- und Erziehungsanstalten nur in den Grenzen des Gesetzes und sichert der Staatsverwaltung die „oberste Führung und Aufsicht über jeden Unterricht" zu — somit müßte man auch in Privatschulen, also auch in Talmud-Thora und Jeschibot, die heilige Schrift auf Grund der radikalen Bibelkritik lehren. Wie soll da einem echten Nationalisten nicht das Herz vor Freude hüpfen? Noch einige Jahre — und von der religiösen Judenheit wird (chass wescholem) keine Spur mehr vorhanden sein! Auch andere Bestimmungen der Verfassung sind dem religiösen Leben höchst abträglich. So 8 122, laut welchen „niemand weder direkt noch indirekt zur Teilnahme an einer Religionsübung gezwungen werden darf mit Vorbehalt der ans der Vaterschafts- oder Vormundsschaftsgewalt fließenden Rechte". Für die religiösen Juden, besonders für die Glaubenstreuen in der Slowakei, die nach dieser Richtung sehr viel zu verlieren haben, sollten all diese Umstände noch ein stärkerer Impuls dafür sein, es nicht zu einer „Führung der Juden" durch hie Nationalisten kommen zu lassen. Sie müßten sich znsammennehmen und mit ganzer Kraft für die Wahrung der religiösen Interessen eintreten. Die bevorstehenden Wahlen, auf -welche die Nationalisten so große Hoffnungen setzen, dürften hiezu die Gelegenheit bieten. Sie müßten zeigen: «lau Ämon Jisroel!“ . __ Hamabit. Die arabische Demonstration in Palästina. Zur Vorgeschichte der arabischen Demonstration schreibt der palästinensische Korrespondent der I. P. Z.: Die Jerusalemer (arabische) Zeitung „Marath-al-Schrack" veröffentlicht unter dem Titel „Die Zukunft Palästinas" eine Unterredung mit dem Generalgouverneur von Palästina, General Bols. Anlaß dazu gab die bekannte Aeußerung von General Bols in Haifa und Sichern zugunsten der jüdischen Immigration nach Palästina. Im Laufe dieser Unterredung sagte Bols u. a.: Die alliierten Mächte, mit Amerika und Frankreich an der Spitze,