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Jüdische Korrespondenz · 1920-03-19 · 10 (19.3.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
10 (19.3.1920)
Date
1920-03-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. IC Jüdische Korrespondenz Seite 3 eingebüßt und dieser Prozeß dürfte noch seine Fortsetzung finden. Man sollte annehmen, daß diese Erscheinung dazu veranlassen müßte, den Fremdenzufluß zu fördern. Auf sich allein angewiesen, müßte ja Wien im Laufe der Zeit das Schicksal all jener Großstädte erleiden, die in der Vergangenheit neben dem Verlust ihrer Machtstellung auch den Glanz und die Größe verloren haben. Nichtsdestoweniger setzte gerade in den letzten Tagen die Hetze gegen die galizischen Flüchtlinge neuerding ein. Im niederösterreichischen Landtag wurde wieder die Forderung laut, die „ostjüdischen Flüchtlinge" endlich abzuschieben und die antisemitische Presse sekundiert in der üblichen Form. In Wirklichkeit ist die Zahl der Flüchtlinge keineswegs übermäßig groß; ein wesentlicher Teil derselben beschäftigtsich mit produktiver Arbeit und sollte eigentlich gerne gesehen werden. Für die „Schieber" und „Schleichhändler" wird sich wohl kein Mensch einsetzen und dem Kenner der Verhältnisse ist es übrigens kein Geheimnis, daß es keineswegs ausschließlich Juden sind, die da in Betracht kommen. Die ganze Hetze entbehrt deswegen jeder Grundlage und ist bloß geeignet, den guten Ruf Wiens, das so sehr auf das Wohlwollen des Auslandes angewiesen ist, herabzusetzen. Unsere Antisemiten kümmern sich aber wenig darum: Sie können selbst in den ernstesten Momenten das Hep-Hep! nicht lassen. Wann werden sie endlich Vernunft annehmen?! Emir Larsul — König von Jerusalem. In voriger Nummer reproduzierten wir die Unterredung eines Journalisten mit Emir Faisul über die Stellung desselben, respektive der Araber zur Palästinafrage. Unter anderem hat Faisul erklärt, daß zwischen ihm und der Leitung der zionistischen Organisation ein Geheimvertrag bestehe. Inzwischen hat Dr. Weizmann dem „Jewish Chronicle" auf Anfrage bestätigt, daß ein solcher Geheimvertrag bestehe; nur soll es angeblich kein förmlicher Vertrag sein, sondern ein Austausch von Briefen, in welchen die Harmonie der Ansichten niedergelegt ist. Daraus ist jedenfalls zu ersehen, daß die Herren Dr. Weizmann und Sokolow gewissermaßen den Einfluß Faisuls über das künftige Schicksal Palästinas anerkannt haben. Da Faisul den Juden im heiligen Lande höchstens „Minoritätsrechte" zuerkennen will, ist es unbegreiflich, wie diese Zionistenführer dazu kommen, von einem .„jüdischen Heim" in Palästina zu sprechen, das angeblich „gesichert" sein soll? — Haben wir es nicht da wieder einmal mit einem „Bluff" zu tun? Wie lange soll diese Täuschung der öffentlichen Meinung anhalten? Inzwischen will Faisul nicht müßig die Hände in den Schoß legen. Ein Funkspruch aus London besagt: Nach Meldungen aus Beirut hat ein arabischer Kongreß in Damaskus die Unabhängigkeit Syriens ausgerufen und Emir Faisul am 9. März zum König von Syrien gekrönt. Das syrische Königreich soll Syrien, Palästina, Libanon und Nordmesopotamien einschließen. Eine andere Meldung will wissen, daß Faisul auch in Jerusalem zum König ausgerufen wurde, wobei es zu antizionistischen Demonstrationen gekommen sein soll. Sollten sich diese Nachrichten bewahrheiten — und etwas scheint daran zu sein — dann stünden wir vor einer neuen Situation, deren Ausstrahlungen gar nicht abzusehen wären. Faisul als König von Palästina — das bedeutet die Zerstörung aller zionistischen Hoffnungen. Wenn das Wiener Zionistenblatt, das sonst Faisul lobhudelte, der zitierten Meldung die Bemerkung nachschickt, das hätte wenig zu bedeuten, da Faisul kein so ernst zu nehmender Fgftor sei, so scheint dieses Blatt allzusehr auf das schwache Gedächtnis seiner Leser zu bauen. Früher war jede „Versicherung" Faisuls ein weltbedeutendes Ereignis — oder hält man das zionistische Lesepublikum für so naiv, daß man ihm alles zumuten darf?! .... Gründung eines Vereines Tomche-Thora in Men. Wir sind heute iu der angenehmen Lage, den religiösen Kreisen eine erfreuliche Mitteilung zu bringen, die nicht verfehlen dürste, große Genugtuung auszulösen. Unter Initiative und unter dem Protektorats Seiner Ehrwürden Großrabbiner Israel Friedmanu lCzortkom), wurde hier ein Verein Tomche-Thvra ins Leben gerufen, der dazu berufen ist, eine ziemlich fühlbare Lücke anszufüllen. Der Verein hat die Aufgabe, Kinder thoratreuer Juden sowohl solcher, die bereits von früher hier ansässig sind, als auch den sogenannten Flüchtlingskindern, Thoraunterricht zu erteilen und deren jüdische Erziehung zu fördern. Für die Zwecke des Vereines wurde bereits das Haus, II., Herminenaasse 14, käuflich erworben und dürste der Verein seine Tätigkeit demnächst aufnehmen. Angesichts der Vernachlässigung der jüdischen Erziehung in Wien und angesichts des Tanzes um die Seele der jüdischen Jugend, die besonders in letzter Zeit seitens unserer Nationalisten aufgeführt wird, ist die Gründung dieses Vereines besonders lebhaft zu begrüßen. Im Anschlüsse an diese obige Mitteilung möchten wir auf einen Aufruf Hinweisen, der in der letzten Zeit in den jüdischen Bethäusern verlautbart wurde und gu ernsten Bedenken Anlaß gibt. Der Aufruf lautet: Jüdische Eltern! Schickt eure Kinder in unsere Heimstätte, wo sie in warmen Räumen von Lehrkräften Nachhilfe in den Schulgegenständen bekommen, hebräisch sprechen lernen und wo sie auch mit Essen, Milch und Kleidern versorgt werden, ohne daß. ihr etwas dafür zu zahlen habt. Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren finden gleichfalls umsonst Ausnahme in unserem hebräischen Kindergarten. Wir wollen euch helfen, eure Kinder zu guten Menschen nnd guten Juden zu erziehen. Verein „Jüdische Kindersteunde". Ton und Inhalt dieses Aufrufs sind so eigenartig, daß man unwillkürlich an eine Seelenfängerei zu einseitigem Zweck denken muß. Was für einen Unterricht sollen dort die Kinder erhalten, im welchem Geiste und mit welcher Tendenz? Man sollte sich dafür etwas näher interessieren, um die Jugend von dem Geraten auf religiöse Abwege zu bewahren. (Siehe auch unseren heutigen Leitartikel.) Antisemitismus in Jugoslawien. Das Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz teilt mit: Den neuesten Berichten zufolge verschlimmert sich die Lage der Juden in Jugoslawien wieder, da die Vexationen und Ausweisungen nach kurzer Pause in verstärktem Maße einsetzen. Die ersten Erscheinungen dieser Art — im Mai 1919 — kamen unter dem Vorwände vor, daß der Bolschewismus bekämpft werden müsse. Da dieser Vorwand zu durchsichtig war und sich die Verquickung der Juden in Jugoslawien mit dem Bolschewismus als unbegründet erwies, wird diese Motivierung nicht mehr benützt. Im November 1919 wurde ein Erlaß veröffentlicht, durch den das Vermögen aller sogenannten Ausländer, welche keine feste Beschäftigung haben oder sich mit Spekulationsgeschäften, Schleichhandel und dergleichen befassen, konfisziert wird. Vor kurzem murde ein zweiter Erlaß veröffentlicht, der den WohnungSmangel als Motiv heranzieht und die Ausweisung folgender Kategorien der Bevölkerung verfügt: 1. Jener Personen, welche sich während deS Krieges im Staatsgebiet ansässig gemacht haben; 2. der Personen, deren Anwesenheit im Staatsgebiete nicht erwünscht ist; 9. derjenigen, deren Anwesenheit nicht notwendig ist. Auf diese Art sollen angeblich auch die Erwerbsmöglichkeiten der autochthonen Bevölkerung erleichtert werden. Das Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz hat gegen diese offenkundige Verletzung des Friedensvertrages protestiert, da nach Artikel 3 des ersten Kapitels des Friedensvertrages alle ehemals österreichischen oder ungarischen Staatsbürger, welche zur Zeit der Unterzeichnung des Friedensvertrages auf dem Gebiete des S. H. S.-Staates ansässig waren, als Burger des S. H. S.-Staates anzusehen sind, ohne daß ihnen das Recht genommen wird, sich zu der Nationalität zu bekennen, welcher sie anzugehören berechtigt sind. Im Artikel 1 des ersten Kapitels hat sich der S. H. S.-Staat ausdrücklich verpstichtet, die angeführten Grundsätze einzuhalten und kein Gesetz, keine Neuregelungen oder offiziellen Verordnungen zu erlassen, welche diesen Grundsätzen widersprechen. Obiger Bericht wird in detaillierter Weise durch die Ausführungen ergänzt, welche sich in der Nummer vom 22. Jänner 1920 des in Sarajevo erscheinenden „Glas Svoboda" finden. Dort heißt es:

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