Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 10 (19.3.1920)
- Date
- 1920-03-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 10 Hebräisch oder jüdisch? — das ist die Frage, die wir uns heute vorlegen müssen. Nicht sprachlich, sondern geistig. Hebräisch ohne jüdischen Geist ist leerer Schall, eitler Wahn! _ Achad-Harabanim. Die Gegenwartsaufgaben der Wiener Orthodoxie. Zu einer Zeit, in der die Mutter Erde noch mit den Leichentuch von Eis und Schnee bedeckt ist, feiern wir Juden das Neujahr der Bäume. In der rauhesten Winterszeit zieht in unsere Seele ein leises Frühlingsahnen, der Glaube an ein Wachsen, Werden und Blühen... Dieser in unserer Religion begründete Optimismus gibt uns auch den Mut der Ueberzeugung, daß trotz der Ungunst der Verhältnisse auch in unseren Kreisen ein Frühlingsraunen wahrnehmbar und daß die allzulange Zeit des Winterschlafes vorüber zu sein scheint. Ueberall regen sich neue Kräfte, Ansichten reifen, Stimmungen werden bemerkbar und der Flügelschlag einer neuen Zeit dringt auch in unsere Mitte. Diese bedeutungsvolle Zeit ruft nach zielbewußten Führern, die diese Zeit verstehen, die in der restlosen und rastlosen Lösung der Gegenwartsaufgaben, auch der kommenden Zukunft ihren Stempel, Ziel und Richtung geben können. Längst sind die Aufgaben, die eine gesetzestreue Gemeinschaft zu erfüllen hat, zu groß und zu vielfach geworden, als daß ein Bethausverein und sein Vorstand diesen Zeitbedürfnissen gerecht werden könnte! In der Entstehung und Entwicklung der „Adas Jisroel" mag die Erklärung und das verstehende Verzeihen mancher Unterlassungssünde gefunden werden! Es war ja ursprünglich nur ein kleiner Kreis glaubensstarker Juden aus den verschiedensten orthodoxen Kehillas unserer Nachbarländer zusammengewürfelt, die von den üppig in die Halme schießenden Reformbestrebungen der großen Gemeinde abgestoßen, durch' .den Opfersinn Einzelner, mit Müh und Not ein bescheidenes orthodoxes Bethaus errichteten und für die rituellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder sorgten! Die Mitglieder waren durchwegs talmide ehachamim und das Lehrhaus war besucht von Männern, die ihre talmudischen Kenntnisse, in Jeschiwaus erworben, dort erfolgreich fortsetzen konnten. — Aus kleineren Kehillos kommend, fanden sie in der fremden Großstadt in diesem engen Kreise und in dem kehillaähnlichen Milieu das getreue Spiegelbild ihrer von frühester Kindheit gewohnten Lebensweise, Weltanschauung und religiösen Lebensführung. So entstand in der Haupt- und Residenzstadt Wien ein neues Ghetto orchodoxer Richtung mit allen Licht- und Schattenseiten, das durch den Zuzug religiöser Provinzjuden immer neu bevölkert wurde. — Man merkte nicht oder man wollte nicht merken, daß die Heranwachsende Jugend, von den Lockungen der Großstadt angezogen, sich diesem Milieu, das den Zeitgeist und den geänderten Verhältnissen keine Rechnung trug, immer mehr entfremdete. Die hochdeutsche Predigt, der geordnete Gottesdienst, der architektonische Tempel verfehlte nicht ihre Wirkung und zog einen Großteil der jungen Generation in das andere Lager. — Unser Gotteshaus blieb voll, unser Lehrhaus besucht, was wollte man mehr. Man machte seine Geschäfte mit den Provinzen, Käufern meist gleicher Richtung und Gesinnung, und schloß Schabbes seinen Laden! Was kümmerte uns Welthandel und Weltwirtschaft, kaufmännische Bildung und internationale Volkswirtschaft; ein guter. Bocher taugt zu allem. — Und r gar erst Gymnasium und Universität. Wer solchen Wissensdurst zeigte, den gab man verloren! Wozu die doch vergebliche Mühe, die Aufgeklärten festzuhalten! Unsere Söhne müssen in den Ung. Jeschiwaus lernen, alles andere geht uns nichts an. Unser Gotteshaus bleibt voll, unser Lehrhaus ist besucht! Das genügt uns! Wollte man jedoch eine Statistik machen über die Austritte aus der Orthodoxie in den letzten 50 Jahren, ich fürchte, sie wäre noch trauriger und umfangreicher wie jene Wochenliste, die den Austritt aus dem Judentum verzeichnet. Selbst ein getreuer Anhänger und Vorfechter des gesetzestreuen Judentums wollen diese objektiven, durch keine Parteibrille gesehenen Darstellungen nichts anderes bezwecken, als das Verantwortlichkeitsgefühl jedes Einzelnen, der unsere heilige Thora liebt, wachzurufen und zeigen, nicht wie sonst lobhimmelnd, was wir erreicht haben, sondern was wir erreichen müssen. Unserer Jugend gehört die Zukunft, ihr Feld ist die Welt, -r- Unsere Religion ist keine Ghettoreligion. Wir sind dazu ausersehen, mustergültig und beispielgebend auf unsere Umwelt zu wirken und darum muß unsere Jugend ganz im Sinne und Geiste unserer Thora erzogen, auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ihren Mann stellen können. Ihre Weltanschauung und ihre traditionelle Glaubenstreue muß systematisch so gefestigt sein, daß keine Angst herrschen darf, daß ein freier Lufthauch, der Strom der Welt, schädlich wirken könnte! Modernste Bildung, freie Forschung und Wissenschaft gepaart mit strengstreligiöser Weltanschauung, ganz auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums fußend, dieses unanfechtbare Erziehungsprogramm muß mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln verfochten werden. Wo sind die Schulen, Unterrichtsanstalten und Bildungsstätten, die diesem Erziehungsideal huldigen, die Lehrer und Jugendbildner, die geeignet sind, dieses Programm zu verwirklichen? Haben diese privaten Religionslehrer etwa auf der Jeschiwah auch Pädagogik gelernt! Oder meint man, daß auch diese Wissenschaft gefährlich ist? Die moderne Erziehung erfordert auch moderne Methoden. (Fortsetzung folgt.) (Dieser Chamischo Ossor-Artikel ist uns mit großer Verspätung zugekommen. Wir behalten uns vor, auch anderen Ansichten, so von Leuten, die in dem „neuen Ghetto orthodoxer Richtung", wie sich der Autor so geschmackvoll ausdrückt, ebenso wie in dem alten Ghetto weit mehr Lichtals Schattenseiten sehen, Raum zu gewähren. Die Zahl der Uebertritte von der strengen Religiosität zum Gegenteil ist jedenfalls gerade unter den Intellektuellen unverhältnismäßig groß. Nicht, als ob die Wissenschaft an sich gefährlich wäre. Nur das Milieu, in dem sie erworben wird, ist für junge Leute gefährlich, und dem Einfluß erliegen zu junge, noch nicht gereifte Jünglinge. Ein großer Fehler hastet manchem Schiffschuljuden an; daß er die Erkenntnis, daß uns von dem modernisierten Judentum eine Kluft des Weltanschauungsgegensatzes trennt, ‘ nicht in die Tat umsetzt und daß man die modernen Tempel und Predigten nicht meidet. Dadurch verwischt sich oft das Bewußtsein, daß in religiösen Dingen unsere Wege auseinandergehen. Daß man aus einem Bocher malles machen kann, resultiert daraus, daß der Bocher erstens sittlich hochstehend sein muß, zweitens eine mindest* zweimal so große Lernzeit (pro Tag) absolviert als der fleißigste Student, drittens eine Materie studiert, die an den Scharfsinn und das Gedächtnis des Lernenden die höchsten Ansprüche stellt. Daß ein derart ausgerüsteter junger Mann sich jedes theoretische oder praktische Wissen so rasch aneignen kann, wie ein Maturant oder gar ein Doktor Juris oder Philosophie, liegt wohl klar zu Tage. Es dürften die Meinungen des Verfassers über Wertverhältnis zwischen Jeschiwoh und Universität' nicht unwidersprochen bleiben. _ D. R.) Die Letze gegen die Flüchtlinge. Vorige Woche ist das.vorläufige Resultat der an^ZI. Jänner 1920 vorgenommenen Volkszählung veröffentlicht worden. Laut dem Ergebnis ist die Einwohnerzahl in Wien um etwa 200.°000 Seelen zurückgegangen im Verhältnis zum Jahre 1914. Wenn man dies auch zum großen Teil den Kriegsverlusten, der während der Kriegsjahre verminderten Geburtenzahl, sowie der infolge der jetzigen Not gesteigerten Sterblichkeit zuschreiben muß, so unterliegt es für die Kenner der Verhältnisse keinem Zweifel, daß auch eine ziemlich bedeutende Abwanderung seit der politischen Umwälzung Platz gegriffen hat, eine Abwanderung, . die in den veränderten politischen Verhältnissen begründet ist und die noch weiter anhalten dürfte. Seitdem Wien aufgehört hat, die Hauptstadt eines großen Reiches, die politische und wirtschaftliche Zentralstelle eines 28 Millionenstaates zu sein, hat es viel von seiner Anziehungskraft, von seinem Fremdenverkehr