Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 10 (19.3.1920)
- Date
- 1920-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K 30, halbjährig K15, vierteljährig K 8. — Ausland jährlich K 50. Einzelnummer 60 Heller. Organ fDr die Interessen des orthodoxen Judentums. [ Redaktion und Administration: | Wien, VIII., Alserstraße 55.! Postsparkassenkonto Nr. 184.299, | Erscheint jeden Freitag. Nr. 10. Wien, 29. Adar 5680, 19. Hlärz 1920. VI. Jahrgang. Me nächste Aummer der „Jüdischen Korrespondenz" erscheint am 1. April als We ssach-Wumm r in vergrößertem Amfang. Lebräisch oder jüdisch \ Nicht den sattsam bekannten, hinlänglich breit und Lief getretenen Svrachenstreit wollen wir hier nochmals zur Erörterung stellen, obschon auch dieses Problem trotz aller Diskussionen noch nicht völlig geklärt ist und noch viel Staub, besonders in Palästina, auftoirbeln dürfte. Hier soll darüber eine Untersuchung angestellt werden, ob die hebräische Sprache an und für sich hinreichenden Ersatz für den jüdischen Geist bietet, für das^was wir einfache Juden kurzweg als „Jüdischkeit" bezeichnen? DaS Aufwerfen dieser Frage ist heute um so aktueller, als wir in letzter Zeit leider allzu oft Zeugen der Erscheinung sind, daß unsere Nationalisten sich, bewußt oder unbewußt, dazu verleiten lassen, die Kenntnis der hebräischen Sprache als Selbstzweck zu bewerten, selbst auf Kosten der Jüdischkeit, auf Kosten jener heiligen Geisteswerte, die in jenen Büchern ruhen, die für das jüdische Volk die Urquelle seiner nationalen Sprache sind. Bor einiger Zeit veröffentlichte der Referent für jüdisches Erziehungswesen innerhalb der zionistischen Organisation in Mähren einen Lehrplan für jüdischen Unterricht. Im Sinne desselben sollte dem Hebräischen ein großer Raum eingeräumt werden; allein, in den Klassen I—IV kommt bloß der Unterricht aus modernen Lehrbücher:: in Betracht. Die heilige Schrift, das Buch der Bücher, gelangt erst in der V. Klaffe auf den Unterrichtstisch. — Bis dahin braucht die Jugend nicht einmaldavon zu wissen, daß es so etwas wie eine Bibel gibt! Nun sollte man meinen, daß ein derartiger heller Unsinn bloß im Kopf eines nationalistischen Morawffchek blühen kann. Allein, weit gefehlt. In einer seiner letzten Nummern weiß das Organ der Misrachisten in Polen, der hebräisch geschriebene „Hamisrachi" in Warschau (also für Zionisten sicher verläßlich), eine ähnliche Geschichte aus dem heiligen Lande — unglaublich, aber wahr — zu erzählen. Ein Augen- und Ohrenzeuge erzählt, wie er sich mit zwei elf- bis zwölfjährigen Knaben unterhielt, die eine hebräische Schule in Palästina besuchten und ein in jeder Beziehung perfettes Hebräisch sprachen, sowie große Kenntnis der modernen hebräischen Literatur auswiesen. Im Laufe der Unterhaltung zog der Gewährsmann ein „Chumesch" aus der Tasche und wollte den Knaben einen Satz daraus zitieren. Wie groß war jedoch sein Erstaunen, als die Knaben das Buch mit großer Neugierde betrachteten und fragten, was für eine Schrift dies denn eigentlich sei? Sie hätten bisher von der l^istenz eines solchen Buches gar keine Ahnung! So also soll die „Hebräisierung" aussehen? Mit solchen Methoden soll unsere Jugend „jüdisch" erzogen werden! Man greift sich an den Kopf und kann nur mit schwerer Mühe einen bösen Fluch an die Adresse jener Frevler unterdrücken, die die Grundlage des Judentums untergraben und dabei noch die traurige Kühnheit haben, zu verkünden, sie wollen die Regenerierung des jüdischen Volkes herbeiführen! Das Ganze ist freilich Heller Un- und Wahnsinn. Aber es liegt Methode darin! Man nehme nur all die modernere „Lehrbücher" der hebräischen Sprache zur Hand, die ihren Verfassern und Verlegern Reichtum bringen und welche in abertausende« Exemplaren Verbreitung finden und besehe sich ihren Inhaltnäher an! Abgesehen von den krassen, von Amehaarazot strotzenden, gegen den Geist des Hebräischen verstoßenden Fehlern, die diese herrliche Sprache vielfach verhunzen, ist der Geist dieser Bücher dem Ruach-Jisroel-Szaba völlig fremd: Man kann manchmal so ein Buch von Alef bis Taw durchnehmen, ohne eine Ahnung zu erhalten von der Existenz der heiligen Schrift, der Thora New ihn und Kessuvvim! Abgedroschenes Zeug nach dem Muster der Ahnffchen Methoden: „Mein Großvater ist alt, aber mein Onkel ist reich"; Uebersetzunaen der Andersen'schen und Grimmischen Märchen,/ alles Mögliche und' Unmögliche, jedochbeileibe nichts aus der Bibel! Es ist klar, daß dieser Unterricht vielleicht ein Hebräischplappern ermöglichen kann, keineswegs aber den jüdischen Geist rege halten, keine Begeisterung für unsere glorreiche Geschichte, für unsere hohen Geistesschätze wecken! Kühl bis ins Herz hinein bleibt man nach einem solchen Unterrichte all dem gegenüber, wofür das jüdische Volk durch Jahrtausende gestritten und gelitten hat, was ihm trotz aller Not und. Drangsal Kraft und Leben verlieh. Was soll die äußere Hülle, wenn die innere Wärme fehlt! Was nützt die Hebräisierung, wenn dies auf Kosten der Jüdischkeit geschieht! Welchen Sinn hat das ganze Tam-Tam über die Wiederauflebung der hebräischen Sprache, wenn all das in der Folge keinen Aufftieg, sondern einen Niedergang bedeutet! Sicherlich ist Hebräisch jeden Juden heilig; sicherlich gehört die Kenntnis des Loschaun hakaudesch zu den geistigen Requisiten des Judentums. Aber es muß auch der jüdische Geist sein, der dabei auf die Rechnung kommt. Sonst hat das Ganze keinen Wert, ist vielfach „joza Szechorau behefszedau“. Nein, das ist keine Auflebung des Judentums, sondern bewußte Irreführung oder Selbstbetrug, Augenauswischerei, wenn nicht gar versteckte Absicht, ein neues Judentum zu schaffen, „lau scheurum Abaussenu“. Man spricht jetzt sehr viel von den Geistesschätzen der modernen hebräischen Literatur! Man zeige uns aber auch nur ein Buch, das von bleibendem Wert wäre! Wir wollen die heilige Schrift nicht zum Vergleiche heranziehen, — das wäre ja direkte Blasphemie —; wir wollen auch von Talmud und Midrasch absehen. Aber die Frage sei gestattet: Welche Bedeutung hat diese ganze Literaturfülle gegenüber den Schriften eines Rambam, eines Jehuda Halewy, eines Jbn- Esra: was bedeutet die ganze moderne Bibelkritik gegenüber den Kommentaren eines Raschi, eines Redak? Welchem der Erzeugnisse der neuhebräischen Literatur kann die Bedeutung und die nachhaltige Wirkung eines Schulchan-Aruch zugesprochen werden? Eintagsfliegen sind es alle, die nicht einmal für Jahrzehnte Wert behalten, sowohl stilistisch wie inhaltlich! Welcher Bluff wird da mit der Hebräisierung getrieben!