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Jüdische Korrespondenz · 1920-03-12 · 9 (12.3.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
9 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Jüdisehe Korrespondenz Nr. 9 Kundgebungen statt, die sich vor allem gegen die Ausbeutung der Bevölkerung durch Schieber, Wucherer und Juden richteten. Die Demonstranten wollten vor das Ministerium des Innern ziehen, weil dem Minister und dem Bürgermeister in den Kundgebungen der Vorwurf der Schwäche in der Frage der Ausländer gemacht wurde; doch wurden sie von der Reichswehr und der Polizeiwache daran gehindert. Die Vorstandsmitglieder des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes teilten das Ergebnis einer Unterredung mit dem Minister mit, wonach dieser versprochen habe, die Forderungen nach Möglichkeit zu erfüllen. Für Ausländer, namentlich Ostjuden, soll ein Einreiseverbot erlassen werden und die Ausweisung von Juden, die nicht schon vor dem Juli 1918 ansässig waren, verfügt werden. Nach dieser Mitteilung räumten die Versammelten den Platz. (Mazzothversorgung in Polen.) Der polnische Minister für die Volksverproviantierung hat auf Vorstellung einer jüdischen Delegation unter Führung von Herrn Rabbiner Dr. Perlmutter das Versprechen gemacht, der jüdischen Bevölkerung 32.000 Sack Mehl von dem amerikanischen Einfuhrmehl, das sich bereits in Danzig befindet, für Mazzothzwecke der jüdischen Bevölkerung in Polen und Galizien zur Verfügung zu stellen. Der Minister stellte in Aussicht, daß spätestens in 14 Tagen das ganze genannte Quantum in Warschau verfügbar sein wird. Man hofft, mit dieser Zuweisung in Galizien wie in Polen zur Not auskommen zu können. (Hilfe für die ostgalizischen Inden.) In London ist eine Kommission der „American Hebrew Immigrant Aid Society“ eingetroffen, die sich nach Osteuropa zu begeben gedenkt, um die Verwandten der amerikanischen Juden, die sich im Osten befinden, ausfindig zu machen und sie nach Amerika hinüberzunehmen. Die Kommission gedenkt längere Zeit in Europa zu verweilen. (Söte jüdische Kindernotstandsaktion in Galizien.) Wie der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" aus London mitgeteilt wird, war das Wirken der Damen Pomeranz-Melzer und Dr. Rothfeld in Frankreich und England zugunsten der jüdischen Kriegswaisen Ostgaliziens von schönen Erfolgen begleitet. So hat Baron Edmond de Rothschild 300.000 Francs für diesen Zweck gespendet, während das Komitee des „Fund for the Jewish victims in Russia“ 6000 Pfund zur Verfügung stellte. Von der „Union of Jewish Women“ und von zwei in London ad hoc gebildeten Komitees wurden bisher gegen 3000 Pfund gesammelt. In England wird die Arbeit weiter fortgesetzt. Die Damen gedenken nach Durchführung ihrer Mission in Holland und Belgien nach fünfmonatlicher intensiver Arbeit nach Lemberg zurückzukehren. (Gründung einer jüdischen Zentralgenofsenschaft in Polen.) Bekanntlich werden den einzelnen Genossenschaften vom Approvisionierungs-Ministerium Lebensmittel nur durch die Vermittlung der Zentralgenoffenschast zugeteilt. Da bisher in Polen keine jüdische Zentralgenossenschaft vorhanden war, waren die jüdischen Genossenschaften bei der Verteilung der Lebensmittel verschiedenen Schikanen ausgesetzt. Zur Bildung einer jüdischen Zentralgenossenschast überreichten daher die beteiligten Kreise dem Ministerium ein Statut, das soeben legalisiert wurde. Die Gründungsversammlung soll dieser Tage erfolgen. (Rabbinersemittar in Lenrberg.) Der frühere Präsident der Lemberger Handelskammer und der Lemberger jüdischen Gemeinde, Samuel von Horowitz, hat Dr. Diamant, dem Regierungskommissär der Lemberger jüdischen Gemeinde, eine Million Kronen in Pfandbriefen übergeben als Spende für ein Rabbinerseminar in Lemberg. (Belgien weist die „Juden und Galizier" aus.) Antisemitische Blätter melden: Wie mit Bestimmtheit verlautet, bereitet die belgische Regierung einen Gesetzentwurf vor, der den Fremden die Möglichkeit einer längeren Aufenthaltsdauer oder gar einer Ansiedelung künftighin bedeutend erschwert. Es sollen keine russischen und polnischen Juden und keine „Galizier" zugelassen werden. Die schon zugereisten sollen gezwungen werden, Belgien zu verlassen. Die Maßnahme ist auf die Ueberflutung Belgiens mit jüdischen Schleichhändlern, Juwelenschmugglern und Diamantenhändlern zurückzuführen. Die Erbitterung gegen die Juden ist in der Bevölkerung so groß, daß die Regierung ohne solche Zwangsmaßregeln das Ausbrechen von Pogroms befürchtet. Viele Ausweisungen von Juden sind schon erfolgt. (Neuerliche Pogrome irr Südrußland.) Die letzten aus Südrußland eingettoffenen Nachrichten bestätigen, daß in den von den Bolschewisten in letzter Zeit besetzten und jetzt wiedergeräumten Ortschaften, von Denikinschen Banden systematisch Judenpogrome veranstaltet werden. Bis jetzt wurden folgende pogromierte Orffchaften registriert: Bobropol, Golta, Olwiopol, Golowanewsk, Kodima, Kschewata, Goloskow, Sowran, Kriwoje-Osero, Elisawetgrad. Der Pogrom in Olwiopol dauerte fünf Tage. Der Pogrom in Elisawedgrad soll einer der schrecklichsten gewesen sein, der je vorgekommen ist. Der Vorsitzende des dortigen professionellen Vereines ersuchte um Hilfe in Odessa, da die lokalen Organisationen machtlos sind. Falls man den Banden nicht entgegentreten wird, droht die Gefahr der Ausrottung aller dortigen Juden. (Jakobus Kann über seine Palästina-Reise.) Der Haager Bankier Jakobus Kann, Mitglied des Großen Aktionskomitees der zionistischen Organisation, ist von einer Reise nach Palästina zurückgekehrt. Er erklärte in einer Unterredung mit einem Vertreter des „Nienws Courant", daß die Lage in Palästina sehr unbeftiedigend sei, da das Land von den Engländern noch immer als Besetzungsgebiet behandelt werde. Alles lebe in einem Zustand des Abwartens, der natürlich sehr deprimierend wirke, da kein Mensch wisse, wie sich die Lage entwickeln werde. Außerdem herrsche eine gewisse Spannung zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung. Kann bedauert dies, weil man schließlich, auch wenn Palästina Judenstaat werde, mit den Arabern Zusammenleben müsse. Was anderwärts in Jahrhunderten geschah, werde in Palästina in wenigen Jahren geschehen müssen. Die Ausgabe einer Palästina- Anleihe sei dringend notwendig, aber es werde schwierig sein, eine gute Basis für die Sicherstellung der Kapitalien zu finden. (Schnee in Jerusalem») Ein starker' Schneefall, wie er seit dem Jahre 1860 nicht vorgekommen ist, hat in Jerusalem böse Verheerungen verursacht. Die Verbindungen sind unterbrochen und viele Pferde gestorben. Der verursachte Schaden wird auf eine viertel Million Pfund geschätzt. 6000 Personen sind in momentane Not geraten. Viele Häuser sind zusammengestürzt, wodurch auch vier Menschenleben zugrunde gingen. Ein berühmter Baum, genannt „El Butau", von dem die Sage geht, daß das türkische Reich stürzen werde, wenn der Baum fällt, ist vom Sturm vernichtet worden und hat.unter der Bevölkerung eine große Bewegung hervorgerufen. (Sabbatruhe in der Schokoladefabrik Tobler.) Wie aus Bern gemeldet wird, hat die bekannte Schokoladefabrik Tobler in Bern die wöchentliche Arbeitszeit auf die einzelnen Tage so verteilt, daß die Arbeiter, statt wie bishernur den halben, jetzt den ganzen Samstag frei haben. Den in der Fabrik beschäftigten jüdischen Arbeitern ist somit die Möglichkeit geboten, von nun an den Sabbat einzuhalten. (Minoritätsrechte st'ir die Juden in Saloniki.) Der „Temps" meldet aus Saloniki: Der Generälgouverneur von Saloniki wurde von der griechischen Regierung bevollmächtigt, mit der jüdischen Gemeinde wegen ihrer Forderungen bezüglich nationaler und religiöser Sonderrechte zu verhandeln. Die griechische Regierung hat sichbereit erklärt, im Parlament ein Gesetz betreffend die nationale und rechtliche Stellung der Juden einzubringen. (Die Juden in New Aork.) In New Uork und seinen vier Vororten wohnen heute anderthalb Millionen Juden unter einer Gesamtbevölkerung von fünf Millionen Einwohnern. Jeder dritte Mensch in New Jork ist also Jude. Laut den Registern der jüdischen Gemeindevereinigungen in New Jork war die Stadt im Jahre 1790 von 390 Juden bewohnt. Das gegenwärtige soziale und kulturelle Leben dieser größten jüdischen Ansiedlung der Welt ist ein überaus reges. Es gibt heute in New Jork mehr als 720 traditionelle und Reform-Synagogen. Unter den 46 jüdischen Zeitschriften, welche in New Jork erscheinen, sind fünf Tageszeitungen. 29 Zeitschriften erscheinen

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