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Jüdische Korrespondenz · 1920-03-12 · 9 (12.3.1920) · page 7

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
9 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9 Jüdische Korrespondenz Seite 7 in jiddischer, die übrigen in englischer, hebräischer und spaniolischer Sprache. In New Jork gibt es 29 Friedhöfe. Die jüdische Volksbibliothek hat einen überaus reichhaltigen Bücherstand und einen großartigen Lesesaal. Schließlich hat New Jork sieben jüdische Theater, welche fast ausschließlich jiddisch spielen. (Abgeordneter Ventura.) Der Advokat Ventura wurde in das türkische Parlament als. Abgeordneter in Konstantinopel gewählt. Alle Parteien stimmten für ihn. (Einwandererstatistik.) Von den 600 Einwanderern, die auf dem Schiff „Rußland" von Odessa nach Palästina kamen, waren 36 Kaufleute, 6 Fabrikanten, 47 gelernte Arbeiter, 31 Handwerker, 119 Schüler, 15 Studenten, 6 Aerzte, 3 Ingenieure, 2 Architekten, 26 Lehrer und Lehrerinnen, 9 Vertreter der freien Berufe, 65 Gelegenheitsarbeiter, 3 Bauern, 10 Hausierer. Von 344 männlichen Personen sprechen 70 Proz., von 276 weiblichen Personen 30 Proz. hebräisch. Unter diesen 600 Einwanderern waren 150 Kinder unter 15 Jahren, 110 zwischen 15 und 20, 170 zwischen 20 und 30, 85 zwischen 30 und 40, 45 zwischen 40 und 50 und 60 Personen über 50 Jahre. _ Verlobungen. Fräulein Hilde Reininger, Tochter des Obmann-Stellvertreters der Adas Jisroel, Herrn Dr. Reininger, mit Herr« Isidor Antel. * Fräulein Charlotte Ehrenberg mit Herrn Natan Weizenhof. * Fräulein Ehrenreich (Salomon) mit Herrn Jenö Leitner (Firma A. Leitner & Bruder). Konkurs. Der „Jeffod Harhora", Schulverein der „Adas Jisroel" (Schiffschul), sucht per sofort einen tüchtigen und erfahrenen, streng orthodoxen Melamed, der die Fähigkeit haben muß, größere Schüler in Chumesch, Raschi, Gemoroh und Meforschim gründlich zu unterrichten. Gehalt nach Uebereinkommen. Bewerber, nur sehr gute Lehrkräfte, wollen ihre Gesuche mit Zeugnisabschriften und Beschreibung ihres bisherigen Lebenslaufes an den Vereinsobmann Wilhelm Kritzler, I., Augnstengasse 2, ehebaldigst richten. Wien, im Adar 5680. Wilhelm Kritzler Leopold Lederer Obmann. _ Schriftführer. Karin Michaelis über jüdische Wohltätigkeit? Die Hofopernsängerin Jda Witt hatte den Plan gefaßt, in verschiedenen Teilen der Stadt Kinderhorte zu errichten. Nun galt es, das Geld für den Betrieb zu erlangen. Sie wußte, daß es in Wien eine Klaffe oder vielmehr eine Raffe von Menschen gab, an die man sich niemals vergebens wandte, wo es sich um Kinder oder alte Leute handelte. Das waren die Juden. Niemand gab so willig, so mit vollen Händen, so fröhlich wie sie. Die Liebe zu ihren eigenen Kindern machte sie so wunderbar mitfühlend den Kindern anderer gegenüber, die in Not waren. , Jda Witt hatte zahllose Fälle erlebt, in denen Juden ganz im geheimen Witwen und Waisen halfen. Wurde das Geheimnis verraten, so war es nicht ihre Schuld. Nie aber hatte sie eine Ahnung von der Größe in der Mildtätigkeit der jüdischen Natur gehabt, so wie sie sie jetzt bei Ausbruch des Krieges sah. Sie war Zeuge von unvergeßlichen Dingen geworden. So war sie eines Tages — gerade als sie im Begriff stand, ihren fünften Kinderhort zu gründen, also zu einem Zeitpunkt, wo die Wohltätigkeit notwendigerweise ein wemg eingeschrumpft war — bei ihrer Modistin, um einen Hut ändern zu laffen. Diese, die Inhaberin eines der vornehmsten Geschäfte der Stadt, klagte darüber, daß sie im Laufe des Monats sich genötigt sehen würde zu schließen, da der Verkauf nicht einmal die Hausmiete decke. Jda erzählte ihr von dem neuen Kinderhort, der für hundert Kinder berechnet war, und die Modistin, eine Jüdin, war so ergriffen von dem Gedanken an die kleinen * Die berühmte dänische Schriftstellerin schildert in dem vorliegenden AuAug aus ihrem intereffanten Roman: „Die neuen Weiber von Weinsberg", der mehr Wahrheit als Dichtung enthält, die hingebungsvolle Art,' mit der die Juden sich an dem großen Hilfswerk im Weltkrieg beteiligt haben. Kinder, daß sie sofort alle ihre Räume mit Heizung und Beleuchtung zur Verfügung stellte. Als Jda gehen wollte, nahm sie eine Perlenkette vom Halse und sagte: „Können Sie hundert Kinder so viele Tage sättigen, wie da Perlen sind, so hat die Kette mehr Nutzen geschafft, als wenn sie um meinen Hals hängt!" Und entschuldigend fügte sie hinzu: „Ich verfüge nicht über viel bares Geld, sonst würde ich die Perlen wohl nicht hergeben — eitel ist man ja —, aber Sie haben mir durch Ihre Schilderung von den Kindern eine Lehre erteilt. Ich hatte die Absicht, meine jungen Mädchen zu verabschieden, wenn ich das Geschäft schließe, jetzt will ich ihnen den halben Lohn geben, bis sie selbst kommen und sagen, daß sie etwas anderes gefunden haben." Ein anderer Fall rührte Jda noch tiefer. In demselben Haus, in dem sie wohnte, aber in einer Mansarde des Hinterhauses, wohnte eine achtbare Jüdin mit ihren drei Töchtern. Die ganze Familie ernährte sich durch Schneidern. Eines Tages erhielt Jda einen Brief von der Mutter, mit der Bitte, sie möchte doch bei ihnen nähen laffen, sie würden unendlich dankbar dafür sein. Natürlich erwarteten sie nicht, neue Sachen für sie zu nähen, aber sie würden sich alle erdenkliche Mühe bei Ausbesserungen und Aenderungen geben. Jda ließ sie von nun an die Kleider anfertigen, die sie im Hause trug, und bald kannte sie die Familie gründlich. Einmal im Jahr, wenn sie in einer der alten Opern sang, schenkte sie ihnen eine Loge, und dieser Abend bildete den Glanzpunkt des Jahres für sie. Die Töchter waren um das dreißigste Jahr herum, allerliebste, gutbegabte Mädchen und im Besitz der angeborenen Würde, wie man sie namentlich bei altem Adel und alten mosaischen Familien trifft. Zufällig erfuhr sie den Grund, warum sie nicht verheiratet waren. Die Mutter erklärte ihr einmal, j schlicht, aber mit einem Unterstrom von beschämter Wehmut, es sei | in ihrer Rasse Sitte, daß die Frau eine Mitgift mitbringe, und wer nichts brächte, könne sich auch keine Hoffnung auf einen Mann machen. Auf Jdas Einwendung, daß dies ein empörender und veralteter Gesichtspunkt sei, erwiderte die Mutter, so wäre es nun einmal, und man dürfe alte Sitten und Gebräuche nicht verhöhnen, sie hielten die Völker zusammen. Einige Monate später teilte die Mutter in einem Brief mit, daß sich die jüngste Tochter mit einem wohlgestellten Geschäftsmann verlobt habe. Der Jubel der Familie mar überwältigend. Alle empfanden es als eine Auszeichnung, als eine Erhöhung. Die Mutter nahm Jdas Glückwunsch wie eine Königin in Empfang! Und nun vertraute man ihr an, daß die drei Schwestern und die Mutter mehr als zehn Jahre gespart und gedarbt und sich alles versagt hatten, was nicht streng notwendig war, um das Erforderliche zu einer persönlichen Aussteuer zu sammeln, für den Fall, daß das Unerwartete dennoch geschehen sollte. Man hatte siebzehnhundert Kronen beisammen, und im Laufe eines Jahres hoffte man die erforderliche Summe, zweitausend, zu erreichen und außerdem ein klein wenig zu haben, um die Hochzeit feiern zu können. _ Die Summe war erreicht und die Hochzeit auf den November festgesetzt. Der Stoff zum Brautkleid war gekauft und Jda mit Stolz gezeigt worden. Man hatte Wohnungen besehen. Da kam der Krieg. Der Bräutigam war unter den ersten Einberufenen und wurde als Verwundeter von den Russen gefanaengenommen. Keine Klage kam über die Lippen der stillen Familie. Die Mutter sagte: „Es ist nicht härter für meine Tochter als für alle die anderen. Im Gegenteil, sie und wir müssen glücklich sein, daß sie durch ihren Bräutigam ihrem Vaterland Ersatz dafür bieten konnte, daß sie keinen Bruder zu entsenden hat..." Eines schönen Tages stand die Mutter in Jdas Zimmer: „Im Namen meiner drei Töchter bitte ich Sie. eine kleine Geldsumme als Hilfe für einen der Kinderhorte anzunehmen!" Und sie überreichte einen Briefumschlag mit zweitausend Kronen. Natürlich weigerte Jda sich, ein so ungeheures Opfer anzunehmen, dessen Umfang nur sie kannte. Da aber richtete die Mutter sich stolz auf, wie an jenem Tage, als sie den Glückwunsch zur Verlobung angenommen hatte: „Sie können das Geld ruhig nehmen, es ist redlich verdient und es wird aus gutem Herzen gegeben." Jda entgegnete, sie könne das nicht verantworten mit Rücksicht auf den gefangenen Bräutigam. Da holte die Mutter eine offene Karte, hervor, die aus dem Gefangenenlager in Rußland gesandt war. Der Bräutigam schrieb: „Unter den vorliegenden Verhältnissen billige ich Deinen Wunsch vollkommen. Wenn einmal der Friede geschlossen wird, werde ich Dir zeigen, daß ich imstande bin, eine Frau zu ernähren und ihr die erforderliche Aussteuer zu verschaffen." Und Jda weigerte sich nicht mehr. Jüdische Aphorismen. Von Fabius Schach.* Es gibt jüdische Führer, deren Verdienste ihr Verdienst bildet. Die alten Juden schufen aus jedem Gedanken eine religiöse Tat, die heutigen machen eine Aktiengesellschaft daraus. * Unser Zeitalter trägt alle Merkmale der messianinischen Zeit an sich: Armut und Not, Entfesselung aller Unsittlichkeit, Herrschaft der * Aus „Schlemiel", Nr. 17, Jüdische Blätter für Humor und Kunst, Berlin.

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