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Jüdische Korrespondenz · 1920-03-12 · 9 (12.3.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
9 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 9 Zusammen müssen wir arbeiten, um das heilige Land zu einem Zentrum des Friedens, des Fortschritts und der Zivilisation zu machen." Man sieht, .Faisul macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Rund heraus sagt er, was die Juden in Palästina zu erwarten hätten: Minoritätsrechte etwa wie in Polen oder in Rumänien. Mit diesem Standpunkt der Araber muß gerechnet werden und man darf sich über die Haltung der Araber keinen Illusionen hingeben. Lonfesstonslose „Nationalisten". Im Lager unserer Nationalisten herrscht eitel Freude: In der Tschecho-Slowakei ist die jüdische Nationalität „anerkannt" worden. Der nationalistische Blätterwald rauscht vor Jubel und in allen Tonarten wird der große Triumph ausposaunt, den das „nationale Judentum" errungen hat. Wie ist es nun in der Wirklichkeit mit diesem Triumph bestellt? Die Prager Nationalversammlung hat die.Verfassung für die tschecho-slowakische Republik erledigt. In dem Motivenbericht heißt es unter anderem: „Der § 128 spricht die volle Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze aus, auch wenn sie nicht der tschecho-slowakischen Nation angehören, und sichert ihnen den Genuß gleicher bürgerlicher und politischer Rechte. Es ist das eine Folge der in den §§ 106 und 134 ausgesprochenen Grundsätze. Die Verfassungsurkunde zählt die nationalen Minoritäten nicht auf, denn sie müßte dann auch wisienschaftlich ungeklärte Fragen lösen. Ist doch selbst der Begriff „Nation" bis jetzt nicht genau definiert. (Besonders nachdrücklich hat Slobinsky im „Vestnik Epropy", Jahrgang 1899, auf die Schwierigkeiten einer solchen Definition hmgewiesen.) Ungeklärt ist zum Beispiel die Frage, ob die Juden eine Nation sind. Indem dieDerfaffungsurkunde die Wendung „ohne Rücksicht auf Raffe, Sprache oder Religion" (race, language ou religion) übernimmt, überläßt sie es jedem, sich zu entscheiden, worin er das Kennzeichen der Nationalität erblickt und sich danach frei zu entschließen. Sieht also jemand die Juden als eigene Nation an, so ist er berechtigt, sich national als Jude zu erklären, selbst wenn er zum Beispiel in religiös er Hinsicht konfessionslos und dabei tschechischer, deutscher usw. Muttersprache wäre. Die Juden sind also nicht genötigt, sich bei Volkszählungen, Wahlen u. a. zu einer anderen ethnischen Minorität zu bekennen, als zur jüdischen." So weit der Motivenbericht, der zunächst keineswegs die „Anerkennung" der jüdischen Nation ausspricht, im Gegenteil, diese Frage direkt als ungeklärt offen läßt. Ist deswegen das Jubelgeschrei der Nationalisten etwas übertrieben, so birgt die zitierte Motivierung für das Judentum Gefahren in sich, die keineswegs mit Stillschweigen übergangen werden können. Wir gehören keineswegs zu den Verneinern der jüdischen Nationalität. Wir gehören auch nicht zu denjenigen, die in der Anerkennung der Juden als besondere Nationalität übermäßige Gefahren für die Gleichberechtigung erblicken, wenn wir auch diese Gefahren nicht ganz übersehen oder unterschätzen wollen. D ie Hauptgefahr liegt unseres Erachtens in der Verdrängung des religiösen Moments durch das nationale im Judentum, was eine Verfälschung des wahren jüdischen Geistes bedeuten müßte. Diese Gefahr ist nun gerade in der Tschecho-Slowakei sehr nahe gerückt. Konfessionslose, Leute also, die offiziell der jüdischen Gemeinschaft entsagt haben, dürfen nun das Recht haben, sich als Nationaljuden zu deklarieren! So etwas ist noch nie da gewesen! Bis zur Anerkennung der Meschumudim als „Nationaljuden" ist nur noch ein Schritt! Bisher haben sich selbst die Nationalisten in Rußland, wo es so viele Nottaufen gab, hiezu nicht entschließen können — bei uns aber, wo die Täuflinge in der Regel aus Leichtsinn oder einer Karriere zuliebe ihren Verrat begehen, sollen sie weiter als zum Klall- Jisrael gehörig betrachtet werden? Da hört sich schon wahrlich alles auf! „Konfessionslose Nationalisten" — das wäre die neueste Errungenschaft unserer Nationalisten. Wenn sich da nicht Männer unter ihnen finden, die zur Abkehr blasen, dann eilen sie mit Riesenschritten dem religiösen Abgrunde zu! Im letzten Momente mag daher noch ein Warnungsruf erfolgen! von der Adas Jisroel. Kleideraktiou. Die Frauenhilfe der Adas Jisroel hat dank der eifrigen Propagandaarbeit ihrer Präsidentin Frau Rabbiner Fürst eine überaus reichliche Sendung von Kleidungsstücken und Wäsche aus der Schweiz erhalten. Mit dieser hochherzigen Spende haben die warmfühlenden Damen des Baseler Frauenvereines und an ihrer Spitze die Präsidentin Frau Botschko und Frau Guggenheim ein gutes Werk vollbracht, dessen Bedeutung und wohltätige Wirkung die edlen und eifrigen Sammler in der Schweiz erst hier in Wien bei der Verteilung hätten vollauf werten und würdigen können. Sie haben in der Schweiz im Ueberfluß bekommen, die Frauen-' Hilfe in Wien hat dem Bedürftigen gegeben. Und unter diesen Bedürftigen sind in erster Reihe nicht jene armen Leute zu verstehen, welche die öffentliche Teilnahme und Hilfe stets in Anspruch nehmen, die bei keiner öffentlichen Wohlfahrtsaktton umgangen werden, sondern , jene verschämten Armen, die im Volksmunde als „sehr bechowede Leute" figurieren, die bis jetzt jede Unterstützung mit verzweifelter Energie von sich wiesen. Das lange Kriegselend und die verschärfte Friedensnot hat sie bezwungen. Doch die Damen unserer Frauenhilfe haben es verstanden, ihnen das bittere Gefühl des Nehmens durch ihr feinfühliges Entgegenkommen und zarte Rücksichtsnahme zu versüßen. Was für eine Wohltat gerade an dieser Gruppe der Beteilten geschah durch Verabreichung an Kleidungsstücken und besonders von warmer Unterwäsche in dieser durch Kälte gesteigerten Not des ersten Friedenswinters wird nur jener richtig beurteilen können, der entweder eine lebhafte Phantasie mit warmfühlenden Herzen paart, oder selbst die Not und Seelenqual dieser „bechoweden Leute" durch eigene Erlebnisse kennt. Nebst diesen Verschämten, auf die die Frauenhilfe vor allem bedacht war, konnte man noch andere viele hunderte von Armen mit verschiedenen Kleidungsstücken und Wäsche versehen, die alle das Lokal, welches Herr Emanuel Felsenburg zur Abwicklung der ganzen Arbeit bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat, mit dankerfülltem Herzen an die edlen Spender in der Schweiz und an die hochherzigen Ueberbringer der Gabe in Wien verließen. L. N. Ferienaktion. Die jüdische Frauenvereinigung in Frankfurt am Main hat dank der eifrigen Propagandaarbeit von Frau Besthof und Frau Sigmund Bonoi 100 Freiplätze für Kinder aus den Familien die der Adas Jisroel angehören angeboten. Der Kinderzug des städttschen Jugendamtes, der Mittwoch, den 25. Februar 1920, nach Frankfurt abging, konnte infolge technischer Schwierigkeiten nur fünfzig unserem Kreise angehörige Kinder unter Begleitung des Fräulein Elly Pappenheim mitnehmen. Die Vorbereitung und Durchführung der ganzen Aktion ist das Werk von Frau Max Hofbauer, die mit einer arbeitsfreudigen Schar der orthodoxen Mädchengruppe die ganze Arbeit in einigen Tagen, die uns zu geböte standen, klaglos bewältigte. _ Rundschau. (Erez Jisroel-Woche der Agudas Jisroel.) Die Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel fordert die gesamte deutsche Judenheit zur Abhaltung einer Palästina-Woche in der Zeit vom 28. Februar bis 13. März auf. Zweck der Veranstaltung ist, Mitglieder und Geldmittel für den interterritorialen Verein „Jabneh" zur Förderung des Erziehungswesens im heiligen Lande zu gewinnen. Im Einvernehmen mit dem Schulwerk der „Deutsch-Holländischen Palästina-Verwaltung" und der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" sollen Kindergärten, Bildungsanstalten für Knaben, Jeschiwaus sür die reifere Jugend, Anstalten zur Vorbildung von Lehrern und Lehrerinnen, Wirtschaftsschulen stir die weibliche Jugend, Landwirtschaftsschulen und technische Schulen errichtet. werden. Eine Stärkung des innerhalb der Agudas Jisroel bestehenden „Allgemeinen Erez Jisroel-Fonds" und der Ausbau der „Jakob Rosenheim-Kolonie" werden der Prüfftein für den Ernst dieser praktischen Palästina-Betätigung sein. (Fortsetzung auf Seite 5.)

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