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Jüdische Korrespondenz · 1920-03-12 · 9 (12.3.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
9 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 Jüdische Korrespondenz Seite 3 ihre Opfer unter den Juden zu suchen. So kann man sich denn vorstellen, welche Verwüstungen Krieg, Pogrome, Seuchen unter dieser armen Bevölkerung, Christen wie Juden, angerichtet haben. Es liegen mir zahlreiche Tabellen vor, die in nüchternen, kalten Zahlen auf Seiten und Seiten die Gouvernements und in den Gouvernements die Bezirke und in den Bezirken die Ortschaften auszählen, in denen Kinderasyle und Speisehäuser öingerichtet werden mußten. Ein wahrhaft gewaltiges Werk ist geschaffen worden, um einigermaßen die furchtbare Not der Bevölkerung zu lindern. Es sind 97 Kinderasyle und Kinderanstalten ins Leben gerufen worden. In ihnen sind 12.550 Kinder untergebracht. Es ist selbstverständlich, daß damit nur in geringem Umfange das dringendste Bedürfnis befriedigt werden konnte. Es sind 61 Speiseanstalten eröffnet worden, und es müssen immer noch neue Kinderasyle und neue Speiseaustalten geschaffen werden. In den Speiseanstalten werden 23.120 Personen beköstigt. Verständigerweise, soweit irgend möglich, gegen kleines Entgelt. Man hat 15 Ambulatorien, vier Krankenhäuser, eine Desinfektionskolonne geschaffen. Alles zusammen eine Riesenleistung und alles zusammen doch gänzlich unzureichend. Die erschütterndste Zahl ist wohl jene der 12.550 Kinder in den Kinderanstalten. Natürlich sind bei weitem nicht alle notleidenden Kinder erfaßt, und als notleidend werden vor allem jene Kinder betrachtet, die durch die Pogrome völlig verwaist sind. Wer diese Zahl zu lesen versteht, vor dessen geistigem Auge steigt eine Hölle auf, neben der die Dantesche< Schilderung der Unterwelt fast ihre Schrecken verliert. * Die Schrecken der Pogrome verbanden sich mit den Schrecken der entfesselten rein politischen, tierischen Leidenschaften. Die Heere und Banden — und auch die Heere waren kaum besser als die Banden — wälzten sich durch das unglückliche Land, bald vorwärts, bald rückwärts. Die Bolschewisten rückten in die Gouvernements ein. Denikin schlug sie zurück, bis die Bolschewisten ihn wieder zurückschlugen, und in diese unentwirrbaren Kämpfe griffen polnische und ukrainische Heerhaufen ein. Ueberdies wurde das Land von Räuberbanden durchzogen, die so ehrlich waren, nicht von sich zu behaupten, daß sie Mord, Brand, Raub, Vergewaltigung für irgendein hohes Ideal begingen. Nach den Informationen, die ich erhalten habe, scheinen die Truppen von Denikin den Preis zu verdienen für Verübung der größten Barbareien, und zwar gegen die Gesamtheit der Bevölkerung. Unter Denikinschem Schutz trat eine Bewegung ins Leben, die von der Bevölkerung als „Liga zur Ausrottung der Juden" bezeichnet wurde. Diese „Liga" bestand vor allem aus Monarchisten und sodann aus Gesindel, das unter monarchistischer Leitung den Raub betriebeu hat; für diese Haufen war der Mord aus politischer Leidenschaft nur eine gleichgültige Nebenbeschäftigung. Daß gegen die Denikinschen Horden eine schnell geschaffene „Liga zum Kampfe gegen den Antisemitismus" nicht standhalten konnte, versteht sich von selbst. Gegen ein Heer, wenngleich es schlecht diszipliniert ist, bleibt eine zusammengeraffte Freiwilligenschar bedeutungslos. General Denikin hat alsdann die Judenmetzelei in ein staatlich-bureaukratisches System zu bringen gewußt. Er setzte Militärgerichte ein, um jene abzuurteilen, die angeblich oder tatsächlich den Bolschewisten Vorschub geleistet hatten. Diese . Gerichte haben in 76 Tagen, nämlich vom 1. August bis zunr 15. Oktober 1919, 87 Prozent Juden und 13 Prozent Christen abgeurteilt nach den Verzeichnissen in meiner Hand. Ohne Ausnahme wurden die 87 Prozent Juden zum Tode verurteilt. Unter den Christen, die 13 Prozent darstellten, wurden 2'6 Prozent dem Tode überliefert; beredte Zahlen, um den Charakter Denikinscher Politik klar zu beurteilen. Und die Denikinschen Heere sind bewaffnet, besoldet aus dem Gelde französischer und englischer Bürger. (Schluß folgt.) Emir Larsul zur palästinafrage. Von Zeit zu Zeit werden angebliche Aeußerungeu des Emir Faisül, des eigentlichen Königs von Arabien, zur Palüstinafrage verbreitet, die wohlwollend lauten. Bei der bekannten Verschlagenheit dieses Araberführers mußte man erstens mißtrauisch sein, selbst wenn diese Aeußerungeu authentisch wären. In der Wirklichkeit ist dies nicht einmal der Fall. Ein ausländisches jüdisches Blatt veröffentlicht eine Unterredung mit Faisul, die selbst Optimisten zu Denken geben müßte. Der diesbezügliche Bericht lautet: „Wie ist die Haltung der arabischen Friedensdeleqation in bezug auf Palästina und die eventuelle Schaffung eines jüdisch-nationalen Heimes daselbst?" war die erste Frage, die ich an den Prinzen stellte. «Ich habe meine Ansichten über diese Frage bereits der Friedenskonferenz dargelegt und den Gegenstand auch mit den zionistischen Führern behandelt. Die Araber betrachten Palästina als ein Land, das von Arabern bewohnt und daher ein Teil des arabischen Königreiches ist. Wenn ich dies sage, so wünschen wir keinen Augenblick, die Juden von Palästina auszuschließen. Wir betrachten sie als unsere Vettern, ja sogar als Stammesbrüder. Die Araber glauben, daß sie jedes moralische und materielle Interesse haben, mit den Inden aufrichtig zusammen zu arbeiten und in Palästina als Brüder zusammen zu leben, wo sie gemeinsame Interessen, gemeinsame Pflichten und gleiche Rechte haben. Das „National Home", von welchem die Juden - sprechen, kann nur als Freiheit für die Juden ausgelegt werden und als Recht, ihre eigene Kultur und Sprache zu pflegen." „Will Euer Hoheit damit sagen, daß dre Juden nur kulturelle, aber keine politischen Rechte in Palästina haben sollen?" „Im meine," erwiderte der Prinz, «daß die Juden in^Palüstina dieselben kulturellen und politischen Rechte genießen sollen? wie ihre -arabischen Landsleute, nicht mehr und nicht weniger. Indes ist es erforderlich, daß die Juden für uns dieselbe Sympathie hegen, wie wir für sie. Die Juden müssen mit den Arabern, welche bereit sind, sich mit ihnen nicht nur hier, sondern auch in anderen Ländern zu verbinden, um ihre Rechte zu erlangen, zusammen arbeiten. Solidarität zwischen den Inden und den Arabern ist eine conditio sine qua non für den Frieden und den Fortschritt der Zivilisation in Palästina." „Aber, Euer Hoheit", entgegnete ich, „welche Garantien haben wir in Anbetracht der heutigen antijüdischen Bewegungen in Syrien und im arabischen Staate, daß die arabische Majorität in Palästina nicht versuchen würde, die jüdische Minorität daselbst zu unterdrücken?" „Wir haben alle Ursache, dis Niederlassung der Juden in Palästina zu unterstützen." entgegnete der Fürst, „sie werden europäische Erfahrung und Zivilisation mit sich bringen. Aber wenn da eine Furcht bei Ihnen in bezug auf die von ihnen zu erhaltenden Minoritätsrechte vorhanden sein sollte, so könnte eine Klausel in den Friedensvertrag eingeschaltet werden, welche den Juden in Palästina die gleichen Minoritätsrechte gewährleisten würde, wie. sie sie jüngst in Polen und Rumänien empfangen haben. Wir freilich finden eine solche Klause! für unnötig, weil für uns absolut kein Grund besteht, die Juden zu unterdrücken." „Dann muß ich das so verstehen, daß die arabische Friedensdelegation zu keiner Verständigung mit den Leitern der zionistischen Bewegung gekommen ist?" „Im Gegenteil", war die Antwort des Prinzen Faisul, „ich habe die ganze Frage genau mit Dr. Weitzmann, Herrn Herbert Samuel mrd anderen zionistischen Führern diskutiert. Es besteht ein Vertrag zwischen Dr. Weitzmann und mir, in welchem die ganze Materie von zedem Standpunkt aus bis ins einzelne behandelt ist." „Vielleicht könnte mir Euer Hoheit einige Einzelheiten dieses Vertrages angeben. von dein ich sicher bin. daß sie von dem stärksten Interesse für die Juden der ganzen Wejt sein würden." „Ich bedaure", erwiderte der Prinz, „der Vertrag oder vielmehr die Verständigung ist privater Natur und kann augenblicklich nicht veröffentlicht werden. Das kann ich jedoch sagen, daß sie harmonisch und vollständig ist und daß die zionistischen und arabischen Friedensdelegationen sich jetzt in /Uebereinstimmung befinden." „Nehmen wir an, die Konferenz in Paris entscheidet sich im Friedensvertrage mit der Türkei dahin, daß die eventuelle Schöpfung eines jüdischen nationalen Heimes in Palästina sowohl in politischem wie kulturellem Sinne offen gelassen wird, wie wird dann die Haltung des arabischen Staates gegenüber Palästina sein?" „Wir können nicht begreisen, wie es möglich ist. einen jüdischen Staat in Palästina durch friedliche Methoden zu schaffen. Es wird die Pflicht der Araber in Palästina sein, zu arbeiten, ihr Land zu kultivieren und ihre Kinder zu erziehen. Wenn sie dies tun, wie können die Zionisten einen jüdischen Staat inPalästina erhalten, wenn sie sehen, daßsienur eine äußerst kleine Minorität sind und für lange Zeit sein werden? Wir müssen den Juden überlassen, zu tun, was sie für das Beste halten. Wir wünschen eine brüderliche Haltung zwischen unserem Volke und dem Eurigen und zu diesem Zwecke müssen die Extreme auf beiden Seiten, sowohl jene Zionisten, welche wünschen, daß die palästinischen Araber ihre Häuser auf ihre Kamele packen Palästina verlassen sollen, wie auch jene Araber, welche jede jüdisA^^Av Niederlassung in diesem Lande verhindern wollen, ausgeschaltet werdM.^ML'Ss

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