Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 9 (12.3.1920)
- Date
- 1920-03-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile Ü jüdisehe Korrespondenz Nr. 9 Dre orthodoxe Lilfsaktton. Die nicht immer wohlwollende Behandlung, die die glaubenstreuen Kreise seitens derjenigen zu erfahren Pflegten, die es verstanden haben, die Leitung der diversen ausländischen Hilfsaktionen in die Hand zu bekommen, hat naturgemäß zu einem Eingreifen der Betroffenen geführt und wir können mit Genugtuung konstatieren, daß die diesbezüglichen Arbeiten günstige Fortschritte aufzuweisen haben, trotz der offenen und versteckten Schwierigkeiten, die zu bewältigen find. Es ist sehr erfreulich, daß unsere Brüder im Auslande, die ihren notleidenden Glaubensgenossen in Mittel- und Osteuropa zu Hilfe eilen, das richtige Verständnis haben und ihrerseits die Selbständigkeit der orthodoxen Hilfsaktion nach Kräften fördern, von der richtigen Voraussetzung ausgehend, daß nur diejenigen die Leitung der Aktionen und die zweckentsprechende Verteilung der HilfsHelder und der Lebensmittel usw. vornehmen können, die das richtige Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse der glaubenstreuen Juden besitzen. Als erster wichtiger Schritt nach dieser Richtung ist die Ueberweisung eines bedeutenden Geldbetrages aus Amerika für in Wien sich befindliche Rabbinerflüchtlinge zu bewerten. Diesbezüglich ist folgendes Communique veröffentlicht worden: Ein Kreis unserer amerikanischen Brüder hat einen namhaften Betrag zur Verteilung an Rabbiner-Flüchtlinge zu Händen des gefertigten Komitees überwiesen. Die Herren Rabbiner, welche auf Unterstützung reflektieren, wollen sich bei einem der gefertigten Komiteemitglieder melden: Rabbiner Israel Friedmann, IX., Nußdorferstraße 14. „ Moritz Kramer, II., Rembrandtstraße 41. „ S. Fürst, II., Große Schiffgasse 8. „ Chaim Schapira, II., Untere Donaustraße 39. „ Jakob Twerski, II., Novaragasse 40. Dr. S. Rappaport, Baden b. Wien, Mozarfftr. 10. * Ueber Initiative des Delegierten des englischen orthodoxen Hilfskomitees, Mr. Sydney Struwe, wurde in Wien ein spezielles orthodoxes Komitee zur Verteilung der aus England einlangenden Liebesgaben und Hilfsgelder gebildet, welchem folgende Mitglieder angehören: Frau Anitta Müller, Frau Martha Bondy, Frau Henna Schreiber und Frau Türkel, sowie die Herren Franz Neumann, akademischer Maler David Kohn, Julius Steinfeld, S. Glückselig, Dozent Dr. Eisler und Alfred Stroh. * * Aehnlich wie in Wien ist auch in Polen die Orthodoxie bestrebt, die Hilfsaktionen, insofern es sich um die Versorgung der orthodoxen Kreise handelt, selbst in die Hand zu nehmen. Unter der Leitung der „Schlome Emune Jisroel" werden diesbezüglich die orthodoxen Bethausvereine zu einem Zentralhilfskomitee organisiert. Es ist zu erwarten, daß es in absehbarer Zeit gelingen wird, die Orthodoxie hinsichtlich der Hilfsaktionen von jeder Bevormundung zu befreien, die — mit Absicht oder unwillkürlich — in der Regel auch eine politische Bevormundung zur Folge hatte. Die glaubenstreue Judenheit ist reif genug, um ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu leiten. Die bisherigen Schritte nach dieser Richtung sind deswegen lebhaft zu begrüßen. Die breiten Volksmassen werden gar bald die Ueberzeugung gewinnen, wie eine Hilfstätigkeit auszusehen hat, die mit Herz und mit dem richtigen Verständnis geleitet wird. Die Verantwortung der Zieger. (Zu den Pogromen in Südrußland.) Unter diesem Titel schreibt Dr. P. Nathan im „Berliner Tageblatt" unter anderem: Die Verbindung zwischen Großrußland oder zwischen der Ukraine und Westeuropa ist heute schwieriger, als die Verbindung zwischen Europa und Timbuktn vor dem Kriege gewesen ist. Vor dem Kriege war es möglich, Odessa oder Kiew in einer kurzen Spanne Zeit zu erreichen, und was dort vorging, übermittelte uns der Telegraph in so viel Stunden, wie jetzt Monate notwendig sind, um von dort zuverlässige Nachrichten zu erhalten. So wissen wir denn, wenn überhaupt, erst nach Wochen und Wochen, was sich an der unmittelbaren Grenze Zentraleuropas abgespielt hat. Die Wildnis beginnt nicht in Zentralafrika und.nicht in Zentralasien, sondern etwa in jenen Gebieten, wo früher die lieblichen russischen Paßrevisionen stattfanden. An diese Tatsache wird man immer wieder gemahnt, wenn man dürftige, weit zurückliegende Nachrichten aus Rußland erhält. Ich habe schon einmal die furchtbaren Pogrome geschildert die, wie in Polen, so in der Ukraine stattgefunden haben. Daß die Juden, die dort allein Leidenden sind, ist natürlich ausgeschlossen. Wohl aber können die Leiden der Juden einen allgemein gültigen Maßstab dafür bieten, welche Höhe die Barbarei in jenen Gegenden von neuem erreicht hat, und, was den Juden dort widerfahren, ist ein beachtenswertes Symptom, für die Zustände, in dem riesigen russischen Reich, wo Verarmung, Verbrechen, politische Leidenschaft, Unverstand, Raserei, augenscheinlich allerorten, hier vereinzelt, dort gehäuft, wahnsinnige Orgien feiern. * Jn meinem Besitz befindet sich ein Schriftstück, welches die Ueberschrift trägt: „Kurze Uebersicht über die Tätigkeit des Hilfskomitees vom Roten Kreuz für die von den Pogromen Geschädigten in der Ukraine." Schon die Tatsache, daß das Rote Kreuz die Hilfstätigkeit in die Hand genommen hat, beweist eines. Es muß das Unglück ein so furchtbares, ein so überwältigendes gewesen sein, daß die Juden allein es zu beschwören nicht vermochten. Die große internationale Organisation des Roten Kreuzes, eine jener Schöpfungen, die den Glauben an das Solidaritätsgefühl der Menschheit aufrechterhalten, sah sich veranlaßt, diesem Riesenunglück gegenüber einzugreifen. Das Rote Kreuz hat für jeden Bezirk einen christlichen Delegierten ernannt, um die Hilfe zu organisieren, und es gibt nach den letzten Nachrichten, die ich erhalten habe, elf solcher Bezirke. Unter dem christlichen Bezirksbevollmächtigten arbeitet ein Jude, der unmittelbar mit der jüdischen Bevölkerung in Verbindung zu treten hat, um die praktische soziale Arbeit in Gang zu bringen und zu überwachen. Eine der Hauptaufgaben des christlichen'Delegierten besteht darin, auf die christliche Bevölkerung eiuzuwirken, um neuen Judenmetzeleien vorzubeugen. Wenn man bedenkt, daß seit Oktober 1918 Südrußland mit kurzen Unterbrechungen von solchen Metzeleien und Plünderungen heimgesucht worden ist, so kann man auch ohne Detailmalerei sich vorstellen, welch unzählige Tragödien und Qualen sich in diesen weiten Gebieten abgespielt haben^ In der erwähnten kurzen Uebersicht heißt es: „Während die Pogrome der ersten Periode — seit Oktober 1918 — hauptsächlich auf Plünderung des Eigentums gerichtet waren, war die nächste Welle wie ein gewaltiger Orkan, der kleinere und größere Städte mit jüdischen Bewohnern vollkommen hinwegraffte." Und eine andere Stelle des Berichtes lautet: „Die jüdische Bevölkerung in der überwiegenden Mehrzahl der kleineren und größeren Städte, in den Gouvernements Wolhynien, Podolien, Kiew und Teilen von Cherson verlor all ihr Hab und Gut: Kleidung, Schuhe, Wäsche und Gegenstände des täglichen Bedarfs. Aus den Geschäften und auch bei den Hökern wurden alle Waren weggenommen. Die Handwerker sind all ihrer Maschinen und Werkzeuge beraubt: die Produktion ist zerstört. Die von Pogromen heimgesuchte Bevölkerung erlag außer der allgemeinen seelischen Depression dem Einstuß epidemischer Krankheiten." Epidemien haben die rücksichtslose Eigenschaft, nicht nur Juden zu befallen, sondern auch Christen. Der Einstuß der Antisemiten auf die Bakterien ist augenscheinlich nicht genügend groß, um die Krankheitserreger zu veranlassen, ausschließlich