Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 9 (12.3.1920)
- Date
- 1920-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K 30, halbjährig K15, viertel-', jährig K 8. — Ausland jährlich K 5Ö>> Einzelnummer 60 Heller. Organ für die Interessen des Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Np. 9. Wien, 22. Ada p 5680, 12. Mäpz 1920. III. Jahpgang. Von Lueger dis Kunschak. Dieser Tage feierte das antisemitische Wien den zehnten Todestag Dr. Luegers. Einige Tage vorher wählte die Parteikonferenz der Christlichsozialen den Abgeordneten Leopold Kunschak zum Parteichef. Von Lueger bis Kunschak — das ist die krasseste Illustration des geistigen und moralischen Niederganges des Antisemitismus in Wien. Man mißverstehe uns nicht. Wir gehören keineswegs zu den Verehrern Dr. Luegers. Mag das Sprichwort: „Von den Toten nur Gutes!" auch hier gelten, wir wären in Verlegenheit, wollten wir den Vater des Wiener Antisemitismus etwas Gutes nachsagen. Denn, daß er kein aufrichtiger Judenfeind war, daß ihn das Treiben der Schneider und Gregorig vielfach angeekelt und angewidert hat, erhöht nur das Maß feiner Schuld, der politischen Karriere zuliebe die Hetze mitgemacht und großgezogen zu haben. Demnach: der Weg von Lueger bis Kunschak — das ist ein fortgesetzter Niedergang, ein Abstieg ohne Aufhören, ein Hinabrollen dem Abgrund zu, von dem es keinen Aufstieg mehr gibt. Wenn diejenigen, die heute Kunschak den Marschallstab Mann' an der richtigen Stelle", so könnten sie vielleicht recht haben; für das heutige antisemitische Wien ist Kunschak sicherlich der richtige Führer. In einer Zeit, da die gerühmte Wiener Gemütlichkeit der Roheit der Schieber und der Geld- Verdiener Platz gemacht hat, ist Kunschak eben der richtige Volkstribun. Die Wiederkehr des zehnten Todestages Dr. Luegers gab seinen Epigonen die Gelegenheit, Krokodilstränen über den „schweren Verlust", den Oesterreich erlitten, zu vergießen und zu versichern: Wäre Lueger am Leben geblieben, es wäre um Wien und Oesterreich besser bestellt. Eine größere Unwahrheit hat sich nie breit gemacht! Denn Lueger war eben der eigentliche Totengräber des alten Oesterreich. Er war der erste, der im Parlament, im Landtag und in der Gemeindestube die „Hetz" zu Blüte brachte, die der später so oft einsetzenden Obstruktion den Weg bahnte. Mit Luegers parlamentarischer Tätigkeit hat die Völkerverhetzung in Oesterreich ihren Anfang genommen. Das „Vergnügen" ging vor der Arbeit; die Seuche griff immer weiter um sich, bis die „Hetz" das eigentliche Merkmal des Wiener Parlamentarismus wurde. Das war der Anfang vom Ende! Wie Lueger der Totengräber des alten Oesterreich war, so könnte Kunschak der Totengräber des neuen Oesterreich werden, wäre nicht dafür gesorgt, daß seine Bäume nicht in den Himmel wachsen. Es war der Demagogie Luegers gelungen, das Bürgertum politisch zugrunde zu richten und dieselbe Rolle fällt auch den Kunschak und Konsorten zu. Das heutige Oesterreich, arm und verlassen, braucht die Arbeit und die Kraft aller seiner Bewohner, um die Krise überwinden zu können. Statt dessen wird die Hetze gegen die Juden fortgesetzt angefacht. Wien, das von dem Wohlwollen der Kulturwelt lebt, muß sich dessen würdig erweisen. Statt dessen wird der Name dieser einstigen Kulturstadt mittelst einer elenden Haßpolitik diskreditiert. Die Zweimillionenstadt, die so jäh von ihrer Höhe hinabgestürzt, die bereits einen vierten Teil ihrer Einwohnerzahl eingebüßt hat, braucht dringend einen Fremdenzufluß — statt dessen tobt die antisemitische Hetzpresse fortgesetzt gegen die „Fremden". Fürwahr, ein heller Wahnsinn! „Die Wiedereroberung Wiens" hat die regenerierte antisemitische Partei auf ihre Fahne geschrieben. Vergebliche Mühe! Aber angenommen, der unglücklichen Stadt bliebe auch noch das Allerschlimmste nicht erspart, — dann dürste Kunschak wohl dazu berufen sein, in den Sarg Wiens als Großstadt den letzten Nagel hineinzutreiben. Ein antisemitisches Reginie in Wien — das wäre schon das Ende vom Ende! Die Wiener Spießer verstehen das fteilich nicht! Sie jubeln heute einem Kunschak ebenso zu wie sie einst Lueger zugejubelt haben! Die „Hetz" bleibt die Hauptsache — der Jude wird verdammt! Kopf hoch, Nase zu und in der Mitte durch! — so lautet die Parole Kunschaks. Vorläufig mag es mit der Nase seine Richtigkeit haben. Weit wird aber Wien mit der antisemitischen Hetze nicht kommen. Von Lueger bis Kunschak bedeutet einen Abstieg, von dem es keinen Aufstieg mehr gibt. * Die antisemitischen Blätter Wiens melden:. „Jn der letzten Vollversammkunss der deuffchen Hörerschaft auf der Hochschule für Bodenkultur wurde unter allgemeiner Zustimmung nachstehende wichtige Entschließung gefaßt, die am 1. März dem Rektorat überreicht wurde: In Hinkunst dürfen Angehörige der jüdischen Rasse als akademische Lehrer, Beamte oder sonstige Bedienstete an unserer Hochschule nicht angestellt werden. Akademische Würden dürfen durch bereits vorhandene jüdische Professoren nicht bekleidet werden. Schaffung eines Numerus clausus, der Juden nur in dem Verhältnis zum Studium an unserer Hochschule zuläßt, als ihr Prozentverhältnis der Bevölkerung Deutschösterreichs entspricht. Der Vorsitzende des Hauptausschusses, T. Wodak (Burschenschaft „Silvania"), wurde wiederholt stürmisch zustimmend unterbrochen. Nur vier Hörer befürchteten durch Punkt 1 eine „Beeinträchtigung der Wissenschaft". C. Hahn (deutsche katholische Studentenverbindung „Marko-Danubia") wies auf die große Gefahr (?) hin, die jüdische Professoren dem Deutschen durch das Einimpfen jüdischen (!) Geistes, materialistischer Weltanschauung und jüdischer Moral bereiten. Einmütiger Beifall zeigte, wie alle von dieser Gefahr überzeugt sind. Mit erdrückender Mehrheit wurde der Antrag zum Beschlüsse erhoben. Der einmütige Verlauf der Versammlung zeigte, daß die von der Verjudung unserer Hochschulen unmittelbar betroffene arische Hörerschaft die Gefahr völlig erfaßt hat und jetzt nach den Lehren der furchtbaren Kriegszeit nicht mehr gesonnen ist, die Entscheidung noch länger hinauszuschieben." Man sollte annehmen, daß die „Blüte der Jugend" im heutigen Wien andere Schmerzen als die der „Verjudung der Hochschulen" hätten. Aber, das antisemitische Wien bleibt sich treu — Kunschak als Parteichef, das bedingt alles übrige. Nur scheinen die Herren zu übersehen, daß ihre Uhr bereits abgelaufen ist. Die Luegerschen „Glanzzeiten" sind endgültig vorüber. Austriacus.