Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 8 (2.3.1920)
- Date
- 1920-03-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Jüdische Korrespondenz Nr. 8 Derartige Aufführungen sind nun mit großer Mühe und oft auch mit Kosten verbunden. Andere Vergnügungen jedoch am Purim, die zumal in früherer Zeit sehr viel gepflegt wurden, aber auch in unserer Zeit noch nicht ganz geschwunden sind, sind weniger mühevoll und leichter zu veranstalten. Zu diesen gehört das sogenannte „Haman- Klopfen", die „Haman-Puppe" und das „Haman-Hängen". So oft in der Megillah der Namen Haman genannt wurde, hat man in verschiedener Weise sein Mißfallen zu erkennen gegeben. In den europäischen Gemeinden, besonders in Frankreich und der Provence, pflegte man den Namen Hamans auf die Sohlen der Stiefel zu schreiben und so lange zu scharren, bis auch der letzte Kreidestrich verschwunden war. In anderen Gegenden wurde das Wort „Haman" entweder mit Kreide auf einen hölzernen Hammer geschrieben oder auch — von Erwachsenen — auf das Betpult ausgezeichnet, und dann bei der Erwähnung Hamans in der Megillah mit dem Hammer oder mit den Fäusten so lange auf das Pult geklopft, bis die Kreidezeichen vollkommen ausgelöscht waren. War schon dadurch in der Synagoge großer Lärm entstanden, so wurde er noch vergrößert durch Holzknarren, mit denen jung und alt bewaffnet war, und die sie in Bewegung setzten, um den Namen Hamans zu übertönen. Freilich ward durch alle diese Beschäftigungen das Ziel erreicht, dem sie galten: die Kinder, die sich ihnen hauptsächlich Hingaben, wurden wach gehalten und an den Inhalt der Megillah, den sie vom Unterricht und vom Hause her kannten, immer von neuem erinnert. Demnach versuchten einsichtige Leute — anfangs zwar ohne Erfolg — diese Gebräuche zu unterdrücken, und wenn es auch den Rabbinern und Vorstehern nicht überall gelungen ist, sie zu entfernen, so sind sie heute wohl in den meisten Städten bis auf eine dunkle Erinnerung geschwunden. Noch älter ist eine andere Art der Verspottung Hamans. Schon in der Zeit der Gaonim, also im 9. und 10. Jahrhundert, verfertigte man Puppen, denen man den Namen Haman beilegte, und unter großem Zulauf, unter Spottliedern und sonstigen Verhöhnungen wurde ein Scheiterhaufen errichtet und aus ihm die Puppen verbrannt. In anderen Gegenden wiederum wurden Bilder gemalt, die Haman darstellten, und an dem Dache irgend eines hohen Hauses befestigt zur Erinnerung daran, daß Haman an einem Galgen von 50 Ellen Höhe aufgehängt worden war. Aber nicht nur während der Vorlesung der Megillah und im Anschluß an ihre Erzählung suchte und fand man Belustigung, auch sonst vergnügte man sich an Spielen, wie solche für andere Tage des Jahres verpönt waren Schon im 13. Jahrhundert lehrte ein hochgeachteter Sittenlehrer: „Sei niemals allzu lustig, nur am Chanukkah und Purim, da magst du fröhlich sein; geschieht es doch um Gottes Willen", und so wurde an diesem Tage selbst das so streng verbotene, ja sogar mit Strafe des „Bannes" belegte Kartenspiel gepflegt. Ganz besonders festlich wurde der Purimtag durch Geschenke begangen, die teils guten Freunden, teils den Armen zugesandt wurden. Schon am frühen Morgen wurden die Kinder ausgesandt, den Armen Gaben zu bringen, und auch die Christen wurden hierbei nicht vergesien, die ja vielfach während des Jahres, besonders am Sabbat, zu Dienstleistungen herangezogen worden waren. Hierdurch sollte frühzeitig der Sinn der Kinder für Wohltätigkeit und Dankbarkeit geweckt werden- Dieser Gebrauch wurde darum so eifrig geübt, weil er in dem Estherbuche ausdrücklich für diesen Tag vorgeschrieben ist. Denn es heißt dort (Kap. 9, V. 22), daß „die Juden diese Tage durch treffliche Mahlzeiten und Freudenbezeugungen feiern und einer dem anderen Geschenke schicken sollten und Gaben den Armen". In allen Synagogen ist daher — um dem letzten Teile der Vorschrift zu genügen '—'auch heute noch eine Büchse aufgestellt oder ein Sammelteller, in den ein jeder bald eine größere bald eine kleinere Spende hineinwirft; der Erlös wird dann unter die Armen der Gemeinde verteilt. Ein zweiter Sammelteller enthält die Aufschrift: „Machazith Haschekel" (halber Schekel). Weil nämlich in der Zeit, als der Tempel in Jerusalem noch stand, um die Zeit des Purimfestes die allgemeine Tempelsteuer, ein halber Schekel, von jedem Juden eingesammelt worden war, haben wir als Erinnerung den Gebrauch beibehalten, eine silberne Münze (einen halben Schekel) für irgend einen von den Vorstehern zu bestimmenden heiligen Zweck zu opfern. Neben der Uebung wohltätiger Werke findet schließlich seit den ersten Purimtagen auch die Ausübung der anderen oben erwähnten Pflicht am Feste ihre Stätte. Getreu der Mahnung der Megillah wird eine Mahlzeit abgehalten, die an Speise und Trank vor den übrigen Tagen sich auszeichnet. Köstlichere Gerichte werden auf den Tisch gestellt und besonders dem Weine wird tüchtig zugesprochen. Wenn aber auch mancher diese Fähigkeit so weit ausbildete, daß er den „Unterschied nicht mehr kannte zwischen dem Treiben Hamans und der Tätigkeit Mordechais," so durfte dieses Trinken doch niemals zu einer übermäßigen Schlemmerei ausarten; stets hielt es sich in den Grenzen der Mäßigkeit. Diese Gebräuche stellen einen Teil der verschiedenen Arten des Scherzes, des Spottes und der Belustigung dar, durch welche jung und alt seine Teilnahme an dem Purimfeste bezeugen will- Daß auch der Ernst nicht vergessen wird, dafür sorgen Gebete, die in sinniger und weihevoller Weise den Tag besingen, dafür sorgt zumal die Vorlesung der Megillah, die ja neben freudigen Begebenheiten so viel ernste und traurige Blätter enthält. Hildesheimer (Berlin). Bamans Pech beim Loswerfen. Im „Esther Rabba" genannten Teile des Midrasch rabba finden sich allerlei Betrachtungen, Auslegungen und legendäre Ausschmückungen zum Estherbuche. Unter anderem wird daselbst in einer eines gewiffen Humors nicht entbehrenden Weise erzählt, daß der ruchlose Haman nach Faffung des Entschlusses, die Juden zu verderben, in heidnischer Art durch Werfen von Losen herausbringen wollte, welcher Tag zur Ausführung seines niederträchtigen Planes der geeignetste sei. Zunächst loste er über die Wochentage, deren jeder nach persischer Auffassung von einem Geiste als seinem Herrn regiert wird. Jedesmal aber, wenn Haman das Los auf einen der sieben Tage geworfen hatte, trat dessen Herr vor Gott und wies darauf hin, daß gerade die biblischen Meianisse seines Tages deffen Wahl verbieten müßten. So sprach zum Beispiel der Herr des ersten Wochentages: „Herr der Welt, an meinem Tage sind Himmel und Erde erschaffen worden...." Da es dem Bösewicht mit den Tagen nicht glücken wollte, versuchte er es mit den Monaten; doch konnte jeder, auf den er es abgesehen hatte, vor Gott Verdienste gegen seine Benutzung geltend machen; zum Beispiel erhob für sich Nissan das Verdienst des Pessachopfers- Weil sich aber im Monat Adar kein Verdienst gegen ihn erhob, „da", so heißt es in unserem Midrasch wörtlich, „fing ber Ruchlose an, sich zu freuen, und er kam. indem er es weiter auch mit den Sternbildern versuchte, an das Sternbild der Fische, das dem Monat Adar dient. Jetzt brach er in Freude aus: „Dieser Monat hat nichts Günstiges für das jüdische Volk aufzuweisen; in diesem Monat ist sogar sein Lehrer Mose gestorben." Er wußte aber nicht, daß dieser auch am 7. desselben Monats geboren war und sprach weiter: „Wie die großen Fische die kleinen verschlingen, will ich auch die Israeliten verschlingen." „Jawohl, du Ruchloserl", sprach Gott — so fährt hier der Midrasch rabba mit grimmem Humor fort — „zuweilen werden die Fische verschlungen, zuweilen verschlingen sie, fetzt sollst du von den Verschlingenden verschlungen werden!" Und also kam es! D. R. Purimscherze. Wie kommt es, daß zwei so ganz entgegengesetzte Tage, wie Purim und der Versöhnungstag, gleiche Namen haben. Der Versöhnungstag heißt Jom Kipurim, was auch „ein Tag, wie Purim" übersetzt werde»: kann. Sie haben beide das Gemeinsame, daß die Menschen sich an ihnen verstellen. Am Purim verstellen sich die Juden als Gojim (sie ziehen zur Maskerade Bauernkleider an>, am Versöhnungstage verstellen sich Gojim (Bezeichnung für unfromme Juden) als Juden, indem sie in die Synagoge gehen und sich fronnn stellen. $ * * Um den Rabbiner, gegen den er etivas auf dein Herzen hatte, zu ärgern, schickte ihm ein Mann aus der Genreinde zu Purim als „Schlachmonus" (Purimgeschenk) eine Torte, der er die Form eines Hundes gegeben hatte. Der Rabbiner merkte die böse Absicht und sagte bei der nächsten Gelegenheit zu dem Spender: „In dem Verse, aus dem der Gebrauch der Purimgeschenke hergeleitet wird,. ist mir stets ein Wort als überflüssig erschienen. Es heißt dort nämlich: umischlauach monaus isch lereehu (und daß jeder seinem Nächsten Geschenke schicke). Das Wörtchen „isch“ (jeder) ist eigentlich überflüssig, da es genügt hätte, zu sagen runischlauach monaus lereehu (und daß man seinem Nächsten Geschenke schicke). Ihr Geschenk hat mir aber gezeigt, daß in unserer Thora kein einziges Wort überflüssig ist und daß auch das Wort „isch“ seine Bedeutung hat: es soll »vahrscheinlich heißen umischlauach monaus (und man schicke Geschenke) „isch“ (was einer ist) lereehu (seinem Nächsten)." GWdijche Volkslieder, Iprichwörter und Redensarten über dm Purim. Gut Purim, gut Purim, meine liebe Leut! Wißt ihr, wos der Purim bedeut'? Der Purim bedeut' Kreplach zu effen Uit on mir nit zu vergessen! „Ach Adojni König, getreuer König, Ich kum beten un reden, As du sollst mich vun die Jiden obschejden!" — „Ach Adojni König, getreuer König, Ich kumm reden und beten, As du sollst mich vun Homon-Ha-Roscho retten!" * * * Haint is Purim, morgen is aus, — Git mir a Groschen un »varft mich araus!