Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 8 (2.3.1920)
- Date
- 1920-03-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 8 Jüdische Korrespondenz Seite 9 Männer töten, die Weiber und Kinder als Sklaven verkaufen zu lassen und alles Gold und Eigentum der Juden solle des Königs werden. Während, der König also ergrimmt redete, schlief der Diener einer der zwölf Synagogen, der fromme, tugendhafte Greis Ephraim Baruch, ruhig auf seinem Lager. Er erwachte plötzlich und sah einen Mann, majestätischen Ansehens mit langem Barte, einem ledernen Gürtel um den Leih gewunden, vor sich stehen, und er erkannte den göttlichen Propheten Elijahu, der ihn also anredete: „Du schläfst? Mache dich eilends aus, gehe in die Synagoge, setze in jedes der drei leeren Kästchen die Thorarolle, komme dann zurück und lege dich wieder, um zu schlafen. Zu niemanden aber rede, daß ich Dir erschienen bin, sonst bist du des Todes." Erschrocken stand der Diener vom Lager auf und tat, wie ihm befohlen, und legte sich wieder, um zu schlafen. Dieselbe Erscheinung hatten die Diener der elf übrigen Synagogen, die ebenfalls dem Aufträge getreulich nachkamen, und jeder von ihnen glaubte, daß die Erscheinung nur ihm geworden ist. Der verhängnisvolle Tag brach an; es war der 17. des elften Monats Schebat im 13. Jahre der Regierung des Königs Saragasanus, das 1380. Jahr nach der Zerstörung des zweiten Tempels; da erschien, kaum daß noch die Morgenröte die schwarze Nacht zu verscheuchen begann, plötzlich der König Saragasanus im Judenviertel. Zu seiner Rechten ging der Verräter Markus; es folgten alle Großen des Reiches, eine Menge bewcysneten Kriegsvolkes von 300 Männern mit blanken Schwertern, um, wenn der König ihnen winkte, alles niederzumachen. Die Juden waren sehr überrascht, eilten von ihrem Lager, um ihren König zu begrüßen und ihn: zu huldigen; die Rabbinen zogen ihnen mit den 36 Thorarollen voran. Da sprach, als sie sich dem König näherten, Saragasanus zu ihnen: „Ich will einmal die Gesetzesrollen eures Propheten Moses, in dessen Namen ihr mich segnet, sehen." Todesangst übersiel die Juden, und die Rabbinen sprachen unter sich: „Weh uns! Welches Unglück hat Gott über uns verhängt." Sie ahnten nicht, wie väterlich der Herr seine Frommen geschützt hatte. Die Diener Saragasanus ritten heran und öffneten die Gehäuse der Gesetzesrollen. Wie waren alle erstaunt, als sie dieselben sahen, und den 44. Vers des 20. Kapitels im 3. Buche Moses aufgerollt fanden: „Aber auch so, wenn sie sein werden im Lande ihrer Feinde, werde ich sie nicht verwerfen und sie nicht verschmähen, sie zu vernichten, meinen Bund mit ihnen zu brechen, denn ich bin der Ewige, ihr Gott." Und so fand es sich in allen 36 Kästchen. Der König Saragasanus, als er sich von den Verleumdungen des Markus überzeugt hatte, war er sehr gnädig, dankte den Juden für ihre Anhänglichkeit und erließ ihnen als Zeichen seiner Huld, für drei Jahre alle Abgaben und Steuern. Den Verleumder Markus aber ließ er augenblicklich hängen, den Leichnam den Hunden vorwerfen und die Ueberreste verbrennen. Die Gemeinde feierte eine Dank- und Freudenfest für die ihr gewordene wunderbare Offenbarung und setzte für ewige Zeiten fest, daß der 17. Tag des Monats Schebat ein gottgeweiheter bleibe, ein Fast- und Bettag, an welchem die Armen reich bedacht werden sollen. Der Abend dieses Tages aber, wo diese Begebenheit gelesen wird, sei der Freude, Gastmählern und^Gesängen geweiht. Noch heute, nach 451 Jahren, lebt in Jerusalem eine aus Saragossa stammende Familie, welche die auf Pergament geschriebene, uralte Megillah besitzt und ani 17. Schebath liest und mit einem Freudenmahl feiert. Aus der Residenz des Ahasveros.* „Es lvar am dritten Tage, da bekleidete sich Esther mit dem königlichen Gewände und stellte sich itt den Hof des königlichen Hauses, und zwar in den inneren, gegenüber dem Hause des Königs, und der König saß auf dem Throne seines Reiches im Hause der Regierung gegenüber der Tür dieses Hauses." (Esther Kap. 8, 4.) Auch aus diesem Bericht ist zu ersehen, 1. daß das Haus des Königs von einem größeren Hose umgeben war, 2. daß es mir einer Seite an den Harem grenzte, 3. daß das Haus des Königs, das man nicht mit dem „Hause der Regierung" verwechseln darf, eine Seite des inneren Hofes inne hatte, der zum Hause des Königs gehörte, 4. daß das Haus der Regierung gegenüber der Tür sich erhob, die das Haus des Königs mit dem Hause der Frauen in Verbindung setzte. Andererseits ersieht man aus Esther 1, 9, daß das Haus der Regierung der größte Saal unter den Prwatgemächern war. da hier die Königm Wasti die Frauen Susas empfing, während das Mahl für die Männer unter den Vorhängen hergerichtet wurde. Ich komme auf den Plan der Burg von Susa noch zurück. Die Privatwohnung des achämenidischen Herrschers, der Teil des Palastes, den die Perser mit „Birum" bezeichnen und den die Bibel „Haus des Königs" nennt, nimmt im bloßgelegten Memnomium den südöstlichen Teil der rechtwinkeligen Terrasse ein. Sie schließt einen Haupthof ein. der begrenzt ist im Westen durch die Befestigung des eigentlichen Tores des Birum, im Norden durch Gemächer, die an den Separatwegen zum Harem liegen, im Osten durch andere Gemächer, die ebenfalls wie die im Norden einen Teil des „Hauses des Königs" bilden, im Süden, das heißt gegenüber deni Eingänge zum Harem, durch einen großen Saal, dessen Plan genau bezeichnet ist. Dieser * Aus dem Buche ,l?^eropoIe de Suse“ von Marcel Dieulasoy, Mitglied der Akadeniie der Wissenschaften in Paris und Leiter der Expedition der Ausgrabungen in Susa, die die „Burg von Susa" bloßgelegt hat. Saal entspricht ganz genau dem Saale, den die Bibel „Haus der Regierung" nennt, das Haus nämlich, in dem der König täglich seine Audienzen gab. Dieses ganze Viertel weist kein einziges Merkmal auf, das nicht zum „Hause der Regierung" und zum „Hause des Königs" paßte. Man urteile selbst: 1. Der Brrum des Palastes zieht sich um einen großen Hof herum, 2. mit einer Seite grenzt er an den Anderum. 3. der Audienzsaal, der Saal, den die Bibel „Haus der Regierung" nennt, nimmt eine Seite des inneren Hofes, des Birum, ein, 4. der Audienzsaal steht dem Tore gegenüber, das Birum und Anderum miteinander verbindet. Ich will noch bemerken, daß der Saal für die täglichen Audienzen, der im Estherbuche „Haus der Regierung" heißt, geschieden war von dem Bitan, in dem die Kronratssitzungen abgehalten wurden. Wenn man das Persien des Altertums mit dem Europa des 19. Jahrhunderts vergleichen darf, so kann man sagen: das „Haus des Königs" war die Privatwohnung, das „Haus der Regierung" war das Arbeitszimmer und der Bitan war der Throns aal des Herrschers. Der Verfasser des Estherbuches ist so sehr genau, so sehr durchdrungen von seiner doppelten Aufgabe als Annalist und Führer, daß man sich in seiner Begleitung nicht irren kann. Er ist so genau, daß er selbst topographische Einzelheiten, die seiner Erzählung ganz fern liegen, voll und ganz berücksichtigt. Wir können uns dazu nicht genug beglückwünschen. Ja, der Verfasser der Megillah kannte den Palast von Susa ebensogut wie das Zeremoniell des achämenidischen Hofes. Erzählt er den Gang Esthers zu Achaschweroch, so berichtet er. daß Esther in den Hof des Hauses des Königs kam. und zwar in den, der im Innern liegt, und zeigt so. daß er den Plan von der Verbindung des Harems mit dem Haufe des Königs im Kopse hat. Wenn er weiter erzählt, wie Haman schon seit morgens früh vor der Wohnung seines Herrn steht, so zeigt er uns auch, wie er in einem besonderen Zugang zum Hause des Königs weilt. Der Günstling wohnt in der Stadt/er hat infolge seiner Stellung das Tor der Hauptmauer, das „Schaar Hamelech", ungehindert passiert, weiter aber kam er nicht, ohne vom Könige besohlen worden zu sein. Der Verfasser hat die ganze Situation in ein Wort zusammengefaßt. Haman kam in den Hos des Hauses des Königs, „den äußern" (Esther 4, 4). Ueberall erkennt man 5ie Genauigkeit des Verfassers. Dieser „äußere Hof" des ..Hauses des Königs" ist nichts anderes als der Wassenplatz der susischen Burg. Er liegt zwischen dem befestigten Tor des Birum, der Mauer der Zitadelle und der Treppe des Apadana oder Bitan. Er steht in direkter Verbindung mit dem großen Tore der Hauptmauer oder dem „Schaar Hamelech". Ist es nicht bewundernswert, daß der Verfasser auf seinen vielen Wanderungen durch das Haus des Königs niemals den Bitan, der von der Wohnung des Monarchen durch das gewaltige, für die Frauen reservierte Viertel getrennt ist, erwähnt? Tritt man aber in den Harem ein, so fühlt man sogleich die Nähe des Bitan und der Gärten, deren äußerstes Laubwerk die westlichen Räume des Harems beschattet. Und wirklich lesen wir in Esther 7, 7, 8. „Und der König erhob sich in seinem Zorne vom Weingelage (das Esther in ihrer eigenen Wohnung gab) und ging in den Garten des Bitan. Und der König kehrte zurück aus dem Garten des Bitan in den Saal, wo das Weingelage stattfand." Ein Blick ans das Memnonium gestattet uns, Achaschwerosch aus seinem Spaziergange durch den Garten des Bitan zu folgen und festzustellen, daß er von der Königin weg tatsächlich in den Garten des Apadanna oder Bitan ging. Die Anlage der Pläne, wie sie uns eine aufmerksame Lektüre der Megillah, insbesondere der Beschreibung der Gänge der Königin, Hamans und des Königs einerseits und das Studium der Ruinen andererseits vor Augen führen, kann nicht vollkommener sein. Der Bitan, seine Gärten und seine dachlose Vorhalle ist weit entfernt von dem Hause des Königs und nimmt den Platz des Apadana, des großen Lustgartens, der ihn umgibt, und der großen Terrasse vor den Pylonen ein. Der Harem grenzt mit einer Front an den Garten des Bitan, mit der anderen an das Haus des Königs. Der innere Hos des Hauses des Königs, der aus der Seite, dem Hause der Frauen zu, durch das Haus der Regierung begrenzt wird, deckt sich mit dem Birum. Der „äußere Hos" des Hauses des Königs entspricht dem Wassenplatz und das Schaar Hamelech ist das einzige Tor in der Hauptmauer. purimgebräuche. Die Maskenzüge, die noch heute in vielen Städten Deutschlands üblich sind, haben wahrscheinlich ihren Ursprung in dem Purimfoste. Allein nicht nur auf diese Weise hat man früher — und auch jetzt noch — die freudige Stimmung zum Ausdruck gebracht, die jeden am Purimfeste beherrschen soll; es lag sehr nahe bei dieser Maskierung solche Masken zu wählen, die mit dem Purimfeste in irgend einem Zusammenhang standen: bald sah man einen Haman, bald einen Ahasver öder auch eine Esther und einen Mordechai. Zeitweilig blieben diese Masken nicht stumm, sie vereinigten sich miteinander, und mit Rede und Gegenrede stellten sie den Vorgang der Megillah dar, und so entstand dann ein Purimdrama. Solche Dramen werden schon aus sehr alter Zeit erwähnt. Schon im 16. Jahrhundert wurde ein solches Theaterstück aufgeführt, in welchem Masken redend und handelnd anftraten, und seitdem sind Purimspiele in allen möglichen Formen, als Trauerspiele, als Lustspiele, in Prosa, in Versen, mit den in der Megillah erwähnten Personen oder auch mit neu hinzugedichteten, mlfgeführt worden, und in jedem Jahr entstehen neue.