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Jüdische Korrespondenz · 1920-03-02 · 8 (2.3.1920) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
8 (2.3.1920)
Date
1920-03-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Jüdische Korrespondenz Seite 5 Beschlüsse und abgegebenen Zusicherungen- Der Rausch der mit ihren Waffen klirrenden arabischen Häuptlinge und Kämpfer ist allerdings etwas verfrüht. Es ist fast undenkbar, selbst, wenn man von allen politischen und religiösen Motiven absieht, daß die heutigen syrischen Araber ohneweiters ein unabhängiges.Regiment gründen sollen, zumal in einem Gebiet mit so vielen Rationen und Konfessionen. Wenigstens für ein Vierteljahrhrmdert hinaus scheint hier europäische Verwaltungslehre dringend notwendig zu sein. Bon diesem Gesichtspunkte aus gesehen wird die französische Verwaltung in Syrien eine großartige Aufgabe zu lösen haben, wenn sie ihre Arbeit mit der nötigen Umsicht und Energie tut und keine unnützen Reibungen hervorruft, .aber auch keine allzu große Schwäche zeigt. Freiheit, verbunden mit Recht, Autonomie zugleich mit moderner Verwaltung, schonende Behandlung der Eingeborenen, aber gleichzeitig Erziehung derselben zu europäischer, fortschrittlicher Gesinnung: Das soll die französische Verwaltung den syrischen Arabern bieten, mit der gleichzeitigen ehrlichen Versicherung, daß sie die ersehnte Unabhängigkeit erhalten, sobald sie in der Lage sind, dieselbe zum eigenen und der Menschheit Wohl auszuüben. In dieser Beziehung wird hier von der Aenderung des Regimes in Frankreich viel erwartet. Professor Patrick GeddeS ist vor kurzem in Palästina erschienen. Er wird einen Plan für die hebräische Universität entwerfen, er wird das große Jerusalem aufbauen und er wird Pläne für Häuser und Gärten in den Kolonien machen. Er ist fünfundsechzig Jahre alt, aber noch voll Kraft und von weitausgreifenden Ideen erfüllt. Seine Wiege stand in Schottland, sein Vater war Offizier, seine Brüder sind Kaufleute und Bankiers. Patrick wandte sich der Laufbahn des Gelehrten zu, aber es war kein schnurgerader Weg, den er einschlug; er vollbrachte allerlei Zickzacksprünge, bis er bei dem Städtebau anlangte. Er bezog die Universität und studierte Botanik, Chemie und Geologie. Prüfungen wollte er jedoch nicht ablegen, davon hielt er nichts; „ich wollte", wie er sich ausdrückt, „ä la carte speisen und nicht an der Table d’höte". Dann ging er zur Physiologie und Biologie über und stellte Untersuchungen m Roscoff und in Neapel an. Gleich darauf widmete er sich in Mexiko einen Winter lang paläontologischen Studien, in denen er durch ein plötzlich auftretendes Augenleiden gestört wurde, das ihn mit Blindheit bedrohte. Das bedeutete ein großes Unglück für Geddes, der nur mit seinem Gesichtssinn arbeitete und fast über gar kein Gehör verfügte. Für Sprachen und für Musik hatte er nichts übrig. Charakteristisch für ihn ist, daß er trotz seines Augenübels seine ganze Liebe nun der graphischen Statistik schenkte: alles in Linien und nicht in Worten auszudrücken. Nach seiner Genesung ließ er sich in Edinburg als freier Hochschullehrer für Botanik und Zoologie nieder, was etwa unserer Privatdozentur entspricht. Sechs Jahre, bis zu seinem dreißigsten Lebensjahre, wirkte er an der Edinburger Universität. Bei der Besetzung von Posten ordentlicher Professoren wurde er übergangen, denn den Machthabern war er zu anarchistisch und zu antiklerikal und dann konnte er sich mit keiner einzigen Prüfung ausweisen. Später wurde er Professor an der Universität von St. Andrews- Dundec und betrieb sexuelle Studien. Bekannt ist sein Buch »Evolution of sex“, in dem er sich vom Darwinismus vollkommen losmachte. Hieraus folgten wirtschaftliche Forschungen und gleichzeitig entstanden Beziehungen zu Haeckel, deffen Jugendwerk Geddes für bedeutsamer hält, als die späteren, seiner Meinung nach mehr oder weniger dilettantischen Forschungen. Geddes gehört gleich seinem Lehrer Huxley der Schule an, in der' die naturwissenschaftlichen und die wirtschaftlichen Auffaffungen eine Einheit bilden. Oekonomie ist Zoologie, Botanik usw. Was hat das alles mit Städte- und Häuferbau zu schaffen? Auf dieses Gebiet ist Geddes allmählich gekommen.- Sein biologisch-wirtschaftlicher Hauptgrundsatz lautet: „Das Milieu übt einen überwiegenden Einfluß auf die Lebensverhältniffe aus. Daher gibt es in häßlichen und ungesunden Häusern oder Städten kein schönes und wohlhabendes Volk. Deshalb hat Geddes für den Ausbau der Arbeiterviertel in Edinburg und von kooperativen Studentenwohnungen viel geleistet. Und von der Botanik und Zoologie zur Architektur ist nur . ein Schritt. Häuser und Städte sind Wesen, gleich den Pflanzen und Tieren, durch die Leben strömt, Atem, Freude und Leid. Er besaß eine prächtige Sammlung von Photographien, um den Einfluß der Menschen auf die Städte und der Städte aus die Menschen zu zeigen. Sie befanden sich an Bord eines Schiffes, das von der „Emden" in den Grund gebohrt wurde. Seine Fähigkeiten als Städteerbauer hat Geddes in einem Plane für die schottische Stadt Dumpferuline bewiesen, den er im Aufträge des Carnegie-Fonds ausführte. Fünf Jahre brachte er in Indien als Städteerbauer zu. Seine Art, alte Städte umzubauen, nennt er konservative Chirurgie. Seine Arbeitsweise ist einfach; wenn er eine Stadt erbauen oder verbessern soll, streicht er durch den Ort herum. Er lebt sich ein, sucht Erde, Himmel und Wind kennen zu lernen. lieber seine Pläne für Jerusalem will er, so erzählt ein Interviewer im „Algemeen Handelsblad", noch nicht viel sagen. Er stellt sich vor, daß die Universität der Mittelpunkt der ganzen Stadt werden soll, obwohl der für die Hochschule bestimmte Platz eine Stunde Weges außerhalb der Stadt liegt. Er will auch an der Umgebung der Klagemauer eine konservativ-chirurgische Operation vollziehen. Der Plan für das Universitätsgebäude steht in seinem Kopfe fest, es soll den geistigen Zweck der Universität zum Ausdrucke bringen, es soll eine Einheit des Geistes und des Körpers darstellen, wie jeder Körper eins ist mit der Seele. Bon der Tempelmauer als Zentrum des neuen jüdischen Jerusalem will er nichts wissen, denn seine Absicht geht dahin, die neue Stadt nach Möglichkeit der alten Anlage auzugliedern, was seiner Anschauung nach nicht ginge, wenn er diesen Ort als Mittelpunkt wählte. Er macht nicht einen Stadtplan, er liest ihn aus der Geschichte und der Umgebung ab, etwa wie ein Altertumsforscher einen Palimpsest liest, in dem sich Lücken finden. So gibt es auch Städte mit Lücken, sagt Geddes, die der-Baumeister nach seinem besten Wissen aussüllen muß. Rundschau. (Mazzothversorgrrngsftelle für Oesterreich.) Anmeldungen zum Mazzothbezuge von Parteien, welche den Aumel^.ungste^min bis inklusive 25. Februar versäumt haben, werden'ausnahmsweise in der Kauzlei II., Tempelgasse 3, bis zum 5. März täglich in der Zeit von 2 bis 6 Uhr nachmittags entgegengenonunen. Nach diesem Termin einlausende Anmeldungen können nicht berücksichtigt werden. Es wird bei diesem Anlasse neuerlich darauf hingewiesen, daß die zum Mazzothbezug angemeldeten Personen auf den Brotbezug in der Zeit zwischen 4. und 10. April 1920 zu verzichten haben. (Der Judenpunkt.) Aus Budapest wird gemeldet: Der Minister des Innern hatte mit den sozialdemokratischen Führern eine Besprechung, in deren Verlauf er erklärte, daß die Regierung den Eintritt der sozialdemokratischen Führer in die Regierung wünsche, und zwar unter folgenden Bedingungen: 1. Lossagung vom Bolschewismus. 2. Bekenntnis zur Integrität des ungarischen Staates. 3. Möglichste Hintansetzung des jüdischen Elementes bei Besetzung der von den Sozialdemokraten beanspruchten Staatssekretär- und sonstigen Posten. — Den Punkten 1 und 2 stimmten die Sozialdemakraten bedingungslos zu, zum 3. Punkte, dem Judenpunkte, erklärten sie aber, daß solche konfessionelle Einschränkungen mit dem sozialdemokratischen Programme ganz unvereinbar seien. Darauf zog Benitzky die dritte Forderung zurück und bat die Sozialdemokraten, sich für die nächste Zeit zum Eintritte in die Regierung bereitzuhalten, lvozu die Sozialdemokraten ihre Bereitwilligkeit erklärten. (Die Errichtung eines jüdischen Auswauderbureans in Basel.) Infolge der andauernden Judenverfolgungen im Osten, beginnt bei unfern dortigen Brüdern in den letzten Monaten wieder eine starke Emigration einzusetzen. Auf dem Wege zu den Einschissungshäfen passieren diese Unglücklichen auch die Schweiz (Buchs-Basel), vorerst nur in kleinen Scharen, die sich jedoch von Woche zu Woche mehren. In ihrer Not suchen nun die Bejammernswerten Hilfe bei ihren Brüdern in den Städten, die sie auf ihrer Wanderung berühren und da tritt an die Juden in der Schweiz, welche von diesen Auswanderern passiert wird, die dringende Aufgabe heran, hier ein Werk jüdischer Brüderpflicht erfüllen. In einer am 24. Jänner 1920 abgehaltenen Versammlung der Vertreter sämtlicher jüdischer Vereinigungen Basels, welche von Herrn Rabbiner Dr. Cohn in Basel einberufen wurde, legte dieser die Notwendigkeit dar, wiederum ein Bureau ftr jüdische Auswanderer in Basel zu errichten, wie dieses bereits vor dem Kriege in Basel bestanden hatte. Nach eingehender Beratung, in der allseitig hervorgehoben wurde, daß es hier gelte, ein dringendes Werk jüdischer Bruderpflicht zu erfüllen, wurde die Errichtung eines Bureau für jüdische Auswanderer in Basel einstimmig beschlossen. Das Bureau wird es sich zur Aufgabe machen, die in Basel eintreffenden Auswanderer zu bekleiden, zu verpflegen und für deren Unterkunft zn sorgen. Vor allem aber wenn irgend möglich den Durchwandernden die direkte Durchreise zum Eiuschiffungshafen zu ermöglichen, damit nicht nur ein Wandern von Gemeinde zu Gemeinde das Elend noch vermehrt würde. Das Bureau wird sich mit allen großen jüdischen Organisationen sowie mit sämtlichen Gemeinde der Schweiz in Verbindung setzen. Das Bureau hat mit seiner Tätigkeit bereits begonnen. Vorläufige Adresse für Zuschriften und Geldsendungen: Jules Jung, Basel, Austraße 57. (Landeskonferenz der Agndas Jisroel in Polen.) In Warschau wird vom 2. bis 4. März eine Landeskonferenz der Agndas Jisroel (Szlome Emune Jisroel) von Polen und Galizien stattfinden. Im Zusammenhänge damit werden am 29. Februar und 1. März auch eine Rabbiner- sowie eine Konferenz der orthodoxen Stadtratsmitglieder stattfinden. Die Rabbiner-

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