Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 8 (2.3.1920)
- Date
- 1920-03-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 8 Lage der Juden, sondern auch der neuen Bedürfnisse Polens. ES wird deshalb empfohlen, daß die Liga der Nationen oder die größeren Nationen, die Interesse an diesem Problem haben, nach Polen eine Kommission entsenden, die dort so lange weilen soll, bis sie das Problem'gründlich erforscht hat. Diese Kommission soll einen Plan entwerfen, der den Juden Polens dieselben ökonomischen und sozialen Gelegenheiten garantiert, die ihre Glaubensbrüder in den anderen freien Ländern genießen. Die Freunde der polnischen Juden in Amerika, England uyd anderen Staaten werden sicherlich mit Freude die Gelegenheit ergreifen, dieser Kommission mitzuhelfen bei der Ausarbeitung jeder passenden Lösung, die diese Kommission Vorschlägen wird. Die Tatsache, daß es ein oder zwei Geschlechter lang währen wird bis zur Erreichung des Zieles, darf nicht entmutigen. Alle Bürger Polens müssen einsehen, daß sie auf ein Zusammenleben angewiesen sind. Sobald sie dies begreifen, werden sie alles, was in ihrer Macht liegt, tun müssen, um zu einer Verständigung zu gelangen. Die polnische Nation muß einsehen, daß ihre ärgsten Feinde die sind, die zu innerlichen Zwistigkeiten aushetzen. Es darf in Polen nur eine Klasse von Bürgern geben, die alle dieselben Rechte genießen und dieselben Pflichten tragen. westliche und östliche Orthodoxie. (Ein mißlungener Purimscherz.) Dieser Tage fand die Generalversammlung eines orthodoxen Bethausvereines in Wien statt. Die zionistische Sektion für den 16. und 17. Bezirk, in deren Bereich das erwähnte Bechaus sich befindet, entsandte einen Delegierten zur Generalversammlung und dieser begrüßte dieselbe und betonte, daß die zionistische Organisation besondere Sympathien „speziell für die östliche Orthodoxie" hegt, da diese sich der zionistischen Bewegung angeschlossen habe. Die besondere Hervorhebung des Wörtchens „östliche" ließ auf eine ganz bestimmte Absicht schließen; mit der westlichen Orthodoxie sind nämlich die Herren im zionistischen Lager weniger zufrieden. Somit haben es unsere Nationalisten, die so scharf die nationale Einheit des jüdischen Volkes betonen, zustandegebracht, zwischen den Juden des Westens und Ostens eine Scheidelinie zu ziehen, nach der bekannten Methode gewisser „Judenfreunde", die bei jeder Gelegenheit betonen, eigentlich gegen die kulturellen Juden des Westens nichts zu haben, und nur gegen die Oftjuden Antipathie zu hegen. Es ist dieselbe Taktik, nur mit umgedrehten Spieß. Hauen die Antisemiten die Ostjuden, so hauen die Zionisten die Westorthodoxie. Die Herren Zionisten scheinen in der Hitze des Gefechtes gar nicht zu empfinden, wie pittoresk, aber auch wie schändlich dieses Treiben ist. Der heilige Parteiegoismus schlägt gewöhnlich mit Blindheit. Wir würden der Geistesblüte des Zionisten von Ottakring Hernals keine zwei Worte gewidmet haben, wäre dieselbe nicht symptomatisch fiir die Haltung unserer Nationalisten im allgemeinen. Ueberall ziehen sie in letzter Zeit gegen die Westorthodoxie los, in Deutschland sowohl als auch in Polen. In Warschau ging der Prediger aus Krakau in der Hezefira so weit, die dortige orthodoxe Organisation „Schlorne Emune Jisrael" ganz unverblümt zu denunzieren, es sei eine durch „ausländische Emissäre" zu „politischen Zwecken" nach Polen verpflanzte Blüte, ohne zu ahnen, wieviel Niedertracht in diesen Worten liegt. Der Orthodoxie in Deutschland wird das Verhalten gewisser orthodoxer Kreise im Osten vor Augen geführt, die sich dem Zionismus gegenüber angeblich freundlicher verhalten sollen. Auch in Wien sind wir Zeugen einer ähnlichen Erscheinung. Die Orthodoxie aus dein Osten wird seitens der Zionisten begönnernd behandelt, für die sogenannte „Westorthodoxie" haben sie nur Haß und Kampf. Wir haben bereits oben auf das lächerliche und zugleich schändliche dieser Taktik hingewiesen. Für die wahrhaft treuen Juden gilt das ..Jisroel goj echad boorez“ als unverrückbare Basis des jüdischen Volkslebens. Ebenso wie wir uns dagegen perwahren, daß die Judenfeinde einen Unterschied zwischen den Juden in West und Ost machen, ebenso muß es die Orthodoxie entschieden zurückweisen, in zwei Kategorien nach geographischen Begriffen geteilt zu werden. Wer dies tut, liefert den Beweis für eine höchst sonderbare Auffassung vom Wesen des Judentums und stellt sich damit ein geistiges Armutszeugnis aus. Zur Sache selbst mag folgendes bemerkt sein: Unsere Brüder im Osten leiden stärker als ihre Glaubensgenossen im Westen unter dem Druck der Verhältnisse. Es liegt int Wesen jedes Leidenden, nach jedem Rettungsanker zu greifen. Deswegen auch die sich hie uub da bemerkbar machende Annäherung gewisser „orthodoxer" Kreise an den Zionismus. Dieser tritt im Osten stärker als politischer Faktor auf, seinen eigentlich „kulturellen", dem unverfälschten Judentum fremden Charakter etwas in den Hintergrund schiebend. Im Westen liegen die Dinge anders. Da tritt der a-, vielfach direkt antireligiöse Charakter des Nationalismus stärker zum Vorschein; da wird die „politische" Arbeit der Nationalisten als das eingeschätzt, was sie wirklich ist: als Selbstlob und Ruhmrederei ohne jedwede Begründung. Die Orthodoxie im Westen läßt sich nicht „bloffen" und sieht die Dinge wie sie wirklich sind. Deswegen die Unfreundlichkeit der Herren Nationalisten von Ottakring-Hernals und von anderwärts. Wir leben in einer sehr ernsten Zeit und sind wirklich zum Scherz nicht aufgelegt. Die Herren Zionisten mögen es sich gesagt sein lassen: die Taktik und die künstlichen Unterschiede zwischen West- und Ostorthodoxie muten nicht anders als ein Purimscherz an — und dies kein besonders gelungener. „Wehie lau tizlach!“ Ichud i.* Aus Palästina. Aus Jaffa wird geschrieben: Seit über zwei Wochen stand das ganze Land von der Wüste bis gegen Damaskus hin im Zeichen eines gewaltigen Sturmes. Regengüsse, wie man sie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen haben will, gingen überall mit großer Wucht nieder und verursachten wahre Neberschwemmungen. An mehreren Stellen wurde die Nordsüdbahn zerstört, so bei Chudera, wo die Station mitsamt den Schienen weggeschwemmt wurde und wo jetzt kilometerweit ein. einziger See die Stelle der früheren Anlagen markiert. Zwei Personen sind hierbei ums Leben gekommen. Sämtliche Flüsse und Wadis sind aus den Ufern getreten und einzelne darunter haben die Siedlungen in ihrer nächsten Umgebung einfach weqgewaschen. Die Verbindung mit Aegypten und Syrien' war'über acht Tage lang unterbrochen, und da infolge des Sturmes aus der See auch der Schiffsverkehr unmöglich war, blieb uian in Palästina lvie auf einer Insel im Ozean isoliert und fern von jedem Verkehr. Erst später, als der Sturm ein wenig nach» ließ, begannen die Nachrichten aus Europa wieder einzutreffen und der Verkehr wurde mühsam wieder hergestellt. Immerhin hat auch der Sturm auf der See ein Opfer gefordert: Ein kleines griechisches Dampfschiff scheiterte dieser Tage an den Iaffaer Felsen und die Besatzung rettete fid) im Schwimmen nach Jaffa. Einige Personen ertranken dabei in den wildschäumenden Wellen des aufgeregten Meeres und das Schiff selbst liegt gänzlich unter Wasser. In emzelnon Ortschaften hat der Regen und die Nässe ganze Häuserreihen zum Einstürzen gebracht und es mußteri von den Behörden Maßnahmen ergriffen werden, iim vor weiteren Verlusten zu schützen. In Jerusalem sind so einige Familien auf der Straße geblieben. Auch für die kommende Ernte hat der Regen schon viel zu viel des Guten gebracht. Das jährliche Durchschnittsquantum wurde bereits im Dezember erreicht und heute mißt man über 600 Millimeter Regell, wobei noch einige Regenmonate bevorstehen. Die Feldarbeiten sind aus diesem Grunde alle mit großen Verspätungen besorgt morden und in manchen Gegenden konnte man gar nicht arbeiten. Die Nachrichten aus Syrien lauten immer noch unerquicklich genug. Beim königlichen Empfang, der dem Emir Faissal in Damaskus zuteil wurde, erklärte er vor einem mehrtausendköpfigen Publikum, daß er nur für ein freies und großes Arabien känlpfe und nicht ruhen werde, bis dies erreicht sei. Diese seine Zusicherungen, die von kräftigen Schwüren begleitet lvaren, lüfte» ungeheuren Jubel unter den Versammelten aus und ein Zug von über 100.000 Personen demonstrierte hernach auf. den festlich geschmückten Damaszener Straßen zu Ehren des „Herrschers Großarabiens". Indessen hören die Scharmützel mit den Franzosen nicht auf und sogrr iw der Küstengegend ist es bereits zu Zwischenfällen gekommen. So überfiel jüngst eine arabische Freiwilligentruppe den französischen Posten in Alexandrette und zwang ihn zu zeitweiliger Räumung der Stadt. Die Hoffnungen, daß mit der Rückkehr Faiffals nach 'Syrien auch die Ruhe einkehren werde, haben sich leider nicht bewahrheitet, offenbar ist die Bewegung stärker als die von dem als setz? vernünftig geltenden Emir in Paris gefaßten _* Siehe Artikel „Die Hilfsaktion für die Wiener thoratreuen Juden" in'der heutigen Nummer. D- R.