Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 8 (2.3.1920)
- Date
- 1920-03-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 8 konferenz wird auf ihren drei Sitzungen unter anderen folgende Punkte behandeln: Organisierung der Orthodoxen; Stärkung des Glaubens und Hebung des Thorastudiums; die Kehilloth-, Kaschruth- und Erziehungsfragen; die Lage der Rabbiner in Polen; Wahl eines Rabbinerzentralrates, dem 25 Rabbiner angehören sollen. Die Konferenz der Stadtratsmitglieder, die nur eine Sitzung umfaßt, enthält unter anderem folgende Punkte: Art und Weise der politischen Taktik der orthodoxen Ratsmänner, Aufgaben des Zentralrates und Wahlen in denselben. Die Landeskonferenz der Agud^^ Jisroel, wird in fünf Sitzungen unter anderem folgende Fragen behandeln1 Die gegenwärtige politische Lage; die Frage der Chedorim und der Knaben- und Mädchenerziehung; Gründung eines Erziehungsfonds; Palästina- und Emigrationsfrage; Wiederaufbau der zerstörten Städte und Institutionen mittels der Unterstützungen aus dem Auslande; Organisations- und Agitationsfragen; Wahlen in den Zentral-Waad. (Weizmanu über den „Misrachi".) In einer in London stattgehabteu großen Versammlung äußerte sich Weizmann in wenig freundlicher Weise über die Wünsche des „Misrachi" auf dem Gebiete des Erziehungswesens in Palästina. Der „Misrachi" gleiche einem „verwöhnten Kinde". Die zionistischen Schulen seien garnicht irreligiös. Wenn die Misrachisten darauf ausgingen, ein „Spezial-Judentum" zu etablieren, so werde ihnen das nicht gelingen. Hiernach scheint man dem verwöhnten Kind statt des Zuckerbrots jetzt die Peitsche zeigen zu wollen. Erstaunlich ist nur die Unverfrorenheit, mit der ein an oberster Stelle wirkender politischer Führer des Zionismus das historische Judentum als neu erfundenes Spezial-Judentum zu denunzieren sich erlaubt. (Ein Erfolg der englischen Orthodoxie.) Aus London wird berichtet: Die große Bewegung zur Schaffung des jüdischen Kriegs-Gedächtnisfonds von einer Million Pfund, der das jüdische Bildungs- und Gemeindewesen auf sichere Grundlagen stellen soll, zieht weiter ihre Furchen. Die neu gegründete „Organisation gesetzestreu-traditioneller Juden von Groß-Britannien und Irland" hat mit der Leitung des Fonds eine Vereinbarung dahin getroffen, daß die Beiträge der Gesetzestreuen für Erziehungszwecke gesondert verwaltet und entweder von einer paritätisch zusammengesetzten Kommission durch freie Uebereinkunft verwendet oder der orthodoxen Organisation ausgehändigt werden. In die Kommission wurden die Herren Dr. Duschinsky, Kapt. Fredman, Abrahams, Trost, Goldstein, W. Schiff und Sklanowitz gewählt. Ein für alle religiösen Beschlüsse der Organisation maßgebender rabbinischer Rat wird gebildet werden. In der Versammlung wurden von einigen Anwesenden gleich fünfundzwanzighundert Pfund für den Fonds gezeichnet. Schließlich nahm die Versammlung eine Resolution an, welche die energische Bekämpfung der liberalen Propaganda im Londoner Ostend fordert. . (Aus Warschau.) Vertreter der Schlaume Emune Jisroel, die in Sachen der Zwangssonntagsruhe beim Landtagsmarsch all vorstellig waren, haben den Eindruck gewonnen, daß Erleichterungen für die fabbathaltcnden jüdischen Kaufleute zu erreichen sind. — Vertretern jüdischer Zeitungen gegenüber äußerte sich der Vorsitzende des Zentralhilfskommitees Dr. Bogen, der zurzeit in Warschau weilt, sehr hoffnungsvoll über die amerikanischen Hilfsaktionen; alle Juden Amerikas, ohne Rücksicht auf Stand und Partei, seien mit ganzem Herzen dabei. Die Orthodoxie, die gewaltige Mittel aufbringt, führt diese an das Zentralhilfskomitee ab, alle anderen Parteien haben ihre eigenen Sammelzentralen, die gemeinschaftlich das große Werk zur Ausführung bringen. Dr. Bogen ist von einem Stab von 23 erfahrenen Mitarbeitern begleitet, die sich „Ueberseeifche Expedition N. 1" nennen. (Antisemitismus in Lettland.) Die Lage der Juden in Lettland verschlechtert sich von Tag zu Tag. Die gesamte Beamtenschaft ist von wütendem Judenhaß erfüllt. Die lettischen Juden, die in der Kriegszeit schon so viel Schweres durchgemacht haben, sehen sich jetzt wieder in einer trostlosen Lage. Die augenblickliche, angeblich „demokratische" Regierung, die auf dem Papier für Gleichberechtigung eintritt, unterwirft die Juden einer derartigen Behandlung, wie sie selbst zur zaristischen Zeit nicht üblich war. Täglich kommt es vor, daß Juden aus Eisenbahnwaggons geworfen werden, mit der Begründung, daß für Juden kein Platz sei. Die Annahme, daß es sich dabei um Uebergriffe einzelner Beamten handle, ist leider unrichtig. Das beweist folgender Vorfall: Vor einiger Zeit fuhren jü-. dische Kaufleute mit Waren aus Libau nach Riga. Die Waren hatten ordnungsmäßige Einfuhr- und Ausfuhrerlaubnis. Auf der Station Prekulen rissen die Beamten die Waren auf den Bahnsteig und beschimpften die Juden als Spekulanten. Da in demselben Zug auch der Ministerpräsident Ulmanis fuhr, wandten sich die Kauftente an ihn um Schutz. Er aber erklärte, daß die Waren für die Armee benötigt und deshalb beschlagnahmt würden. Die Juden sollten sofort den Zug. verlassen. Der Minister selbst ging mit seinem Adjutanten von Wagen zu Wagen und veranlaßte die Juden, den Zug zu verlassen. (Aufschub der jüdischen Welthilfskonferenz.) Die für den 7. März nach Zürich einberufene jüdische Welthilfskonferenz wurde auf dringendes Ansuchen der amerikanischen und polnischen Organisationen auf den Monat Mai verschoben. (Sabbatruhe in England.) Rabbiner Dr. Jung fordert in „Jewish Times" unter Hinweis auf die 48stündige Arbeitswoche die jüdischen Arbeitsverbände auf, ihre Arbeit so einzuteilen, daß der Sabbat wieder zu Ehren komme. Sie mögen Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag 36 Stunden arbeiten und die übrigen zwölf Stunden auf den Freitag und Sonntag verteilen. (Millionenspende.) Aus Budapest wird berichtet: Der Fiumaner Großindustrielle Bernhard Braun hat gemeinsam mit seiner Tochter Jda Schwarz zum ewigen Andenken an seinen als Kriegsinvalide verstorbenen Sohn der Budapester orthodoxen Gemeinde das von ihm erworbene, glänzend eingerichtete Sanatorium in der Stadtwäldchenallee als orthodoxjüdisches Spital gespendet. Der Kaufpreis des Sanatoriums betrug über' zwei Millionen Kronem Ueberdies tragen die Stifter in den ersten zwei Jahren zu den Erhaltungskosten des Spitales monatlich 20.000 Kronen bei. Die orthodoxe Gemeinde hat das Spital bereits übernommen und den bekannnten Chiurgen Dr. Max Rosmak zum Primarius bestellt. Bernhard Braun hat seinen Entschluß kundgetan, seine Fiumaner Unternehmungen nach Palästina zu verlegen und gleichseitig ein Kapital von 500.000 Franks als einen Fonds zu bestimmen, dessen Zinsen für kulturelle und wohltätige Zwecke in Palästina verwendet werden sollen. (Anfragen über die Verwaltung Palästinas im englischen Parlament.) Aus London wird berichtet: Auf verschiedene Anfragen über die Verwaltung Palästinas antwortete BonarLaw: „Palästina steht noch unter militärischer Verwaltung. Eine Zivilverwaltung kann nicht früher eingeführt werden, als bis der Friede zwischen den Alliierten und der Türkei abgeschlossen sein und über die Zugehörigkeit verschiedener Teile der ehemaligen ottomanischen Besitzungen entschieden sein wird." Carl Winterton fragte, ob es der Regierung bekannt sei, daß in Palästina von Militärbeamten gewisse Verfügungen getroffen werden, die mehr weniger den Charakter ständiger Einrichtungen tragen und daß manche dieser Militärbeamten sich für die ihnen anvertrauten Posten nicht sehr geeignet erwiesen haben? Will die Regierung öffentlich erklären, das jede, von welcher Stelle immer getroffene Verfügung nur temporären Charakter habe und daß entgültige Einrichtungen von der Zivilverwaltung werden geschaffen werden. Auf diese sowie auf die Frage des Sir I. D. Rees, ob nicht Militärbeamte die besseren Verwalter wären, erwiderten Bonar Law, daß ihm nichts bekannt sei, daß ferner aus seiner soeben vorgelesenen Antwort es für jedermann klar sei, daß in Palästina dermalen nur eine Militärverwaltung ist und das die Verfügungen und Ernennungen nur temporärer Natur sind. (Jüdische Hilfsaktionen in der Ukraine.) Der Ukrainische Pressedienst meldet: In Warschau sind auf der Durchreise in die Ukraine zwei Kommissionen eingetroffen, eine (Fortsetzung auf Seite 7.)