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Jüdische Korrespondenz · 1920-03-02 · 8 (2.3.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
8 (2.3.1920)
Date
1920-03-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Obeorabbmer Weber über die Aufgaben der slowakischen Orthodoxie. In einem Gespräch mit dem Herausgeber der „Jüdischen Preßzentral" (Zürich) erklärte Oberrabbiner K. Weber, Präsident des Zentralbureaus der orthodoxen Gemeinden in der Slowakei u. a.: „Unser Zentralbureau verfolgt als Nachfolger der Budapester Zentralkanzlei dieselben - Ziele und dieselben Interessen, wie diese, nämlich „die Kräftigung der jüdischen Glaubenstreue und des jüdischen Geistes, die Erhaltung und Förderung der in unseren Gemeinden im orthodoxen Sinne geleiteten, zur Befriedigung religiöser Bedürfnisse notwendigen Institutionen". Unser Bureau steht ausschließlich im Dienste der unverfälschten Jüdischkeit, der wahren Orthodoxie, tote diese vor 50 Jahren von den 270 Rabbinern, die sie geschaffen, gedacht war. Ein gut Dritteil der orthodoxen Gemeinden des früheren Ungarn befindet sich auf dem Gebiete der Slowakei. — Gewiß, wir sind zusammengeschrumpft und arg reduziert, aber wir sind homogener geworden. Während im alten Ungarn große Gemeinden, wie Miskolez und' Balassagyarmat, durch ihr ständiges Liebäugeln mit den Neologen eine Gefahr für die Orthodoxie bildeten, gibt es unter den Gemeinden, die sich uns angeschlossen haben, vielleicht keine einzige, die nicht von der Notwendigkeit der Orthodoxie innerlich überzeugt wäre. Diese Gesinnungsgleichheit der orthodoxen Gemeinden bestärkt mich in der Hoffnung, daß die großen Fragen, die dringend der Lösung harren, auch eine glückliche, nach allen Seiten hin befriedigende Lösung finden werden. Unter diesen Aufgaben möchte ich die Jeschibothfrage, die Schaffung eines Pensionsfonds für die Kultusbeamten wie auch die Besserung der materiellen Lager der Rabbiner an erster Stelle erwähnen. Insbesondere die Versorgung der Jeschiboth liegt mir sehr am Herzen. — Hier hat die Orthodoxie eine alte Schuld abzutragen. Sind doch die Jeschiboth der Lebensnerv unserer Orthodoxie, und diese haben nicht etwa bloß für das Inland eine ganz ungewöhnliche Bedeutung, sondern auch das Ausland, das unsere Jeschiboth beschickt, hat schon viele Talmudgelehrte aus den hiesigen Jeschiboth gewonnen. — Ich verweise auf Preßburg, Galanta und Hunsdorf, die von zahlreichen ausländischen Bachurim besucht sind. Wir sind geneigt, uns mit jedem zu alliieren, wenn die Thorainteressen gewahrt bleiben, lehnen aber jedes Zusammengehen ab, wenn auch nur das geringfügigste religiöse Interesse durch dieses Zusammengehen gefährdet erscheint. Unsere Lehrer und Meister, der berühmte Hunsdorfer Gaon, hat sechs Wochen vor seinem Ableben in einer kleinen Rabbiner- und Laienversammlung, die vom Preßburger Oberrabbiner eigens nach Poprad — einem Städtchen in der Nähe von Hunsdorf | — einberufen wurde, damit auch der alte Mann teilnehmen könnte, Worte zu uns gesprochen, die verewigt zu werden verdienen; sie lauten: „Die Orthodoxie, die religiösen Interessen, müssen wir in erster Reihe sichern, dann erst kommen die wirtschaftlichen Interessen in Betracht; werdet Ihr für die rein religiösen Angelegenheiten eintreten, dann wird der Allmächtige — dessen seid versichert — auch Euere irdischen Interessen beschützen." — Das war seine letzte Kundgebung, die wir in scheinen: NamM der orthodoxen jüdischen Oeffentlichkeit übermittelten. Seine Worte haben sich uns tief ins Gemüt gegraben, wir werden auch nach denselben handeln. Was die Agudah betrifft, so haben wir in der jüngst stattgehabten Sitzung der Landesrepräsentanz einstimmig unseren Anschluß an diese ausgesprochen und gleichzeitig die Bedingungen festgelegt, unter denen, der Anschluß und die Organisierung der Agudagruppen in der Slowakei zu erfolgen hat. Wir zweifeln nicht, daß wir diesbezüglich bei der Leitung der Aguda Verständnis finden werden, und ich darf es ohne Ueberhebung aussprechen, daß die Aguda wertvolle Elemente an uns gefunden hat, deren gemeinsamer Arbeit es mit Gottes Hilfe gelingen wird, die jüdische Sache von Sieg zu Sieg zu führen." Morgenthaus Bericht. Nach einer langen Hinausschiebung ist nun der Bericht Morgenthaus über seine Mission in Polen erschienen. Der Bericht, der 19 Abschnitte enthält, besteht eigentlich aus zwei Teilen, aus einem Protokoll über die Geschehnisse und Morgenthaus Ratschlägen und Ansichten über die Lage. Nach der Feststellung der Genesis der Kommission, Erwähnung der verschiedenen von der Kommission vorgenommenen Untersuchungen und der historischen Entwicklung der Judeneinwanderung und der Judenfrage in Polen, wobei auch besonders auf den durch die Nationaldemokraten als Antwort aus die Dumawahlen von 1912 so besonders verschärften Antisemitismus hingewiesen wird, werden kurz die von der Kommission erforschten Exzesse in acht Städten, und zwar: Kielce, Lemberg, Pinsk, Lida, Wilna, Kolbuszowa, Czenstochau und Minsk beschrieben. Außer den Exzessen in den erwähnten acht Orten, die 280 jüdische Todesopfer zur Folge hatten, erwähnt Morgenthau noch die anderweitigen Drangsalierungen der Juden, wie Bartabschneiden, Boykott und dergleichen. Durch die Presse, durch offizielle Meldungen wie auch durch Reden wird die christliche Bevölkerung aufgefordert, mit Juden keine Geschäfte zu machen. Der ökonomische Boykott wird als Mittel benutzt, um die Juden los zu werden. Christliche Arbeiter verweigern häufig jede Zusammenarbeit mit ihren jüdischen Berufsgenossen. Der Prozentsatz der Juden unter den Gemeindeangestellten, überhaupt bei niedrigeren Posten wie Bahnangestellte, Feuerwehr und Polizei, ist bedeutend reduziert worden. Auch die Förderung der Genossenschaften wird von den Juden als Drangsalierung betrachtet. Wenn dies auch ein ganz legaler Versuch ist, den Profit der Mittelhändler auszuschalten, so wurden doch unglücklicherweise diese Geschäfte seit ihrer Eröffnung als Mittel benutzt, den jüdischen Krämer zu bekämpfen. Es muß jedoch zugegeben werden, daß jede Gemeinde das Recht für eine derartige ökonomische Tätigkeit besitzt. Das alte Streben der Polen auf Wiedervereinigung und Wiedererlangung ihrer Freiheit brachte sie dazu, alles mit Haß zu betrachten, was sie in ihren Zielen stören könnte. Dies brachte sie in Konflikt mit anderen jüdischen Organisationen, die kulturelle Autonomie forderten, bei finanzieller Unterstützung seitens des Staates. Dazu kam noch die Stellung der Juden zu Artikel 93 des Friedensvertrages. Am meisten ist jedoch die polnische nationale Stimmung gegen das, was die Polen den „fremden" Charakter der jüdischen Masse in Polen nennen; gemeint ist hauptsächlich die besondere Tracht, die Wahrung des Sabbats an Stelle des Sonntags, die Einhaltung der Speisegesetze, das Barttragen und der Gebrauch der eigene:: Sprache. Morgenthau beschreibt sodann die schlechte wirtschaftliche Lage, in die Polen durch den Krieg geraten ist, wobei man für die herrschende Teuerung , in erster Reihe die Juden verantwortlich macht. Da die meisten Juden besonderen jüdischen politischen Parteien angehören und besondere politische Gruppen bilden, ist es möglich, daß manche antijüdische Taten der Polen mehr einen politischen als einen antisemitischen Charakter tragen. Die herrschenden polittschen Parteien gewähren nur ihren Anhängern Regierungsstellen und Regierungsprivilegien. Es ist jedoch zu hoffen, daß die Majorität des polnischen Volkes an diesem System nicht festhalten wird. Bei Stellen, die in den sogenannten Zivilservice fallen, darf die Politik keine Rolle spielen; es darf dabei nur auf Fähigkeit und Tüchtigkeit ankommen. Die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden werden sich sicherlich in einem stark demokratisierten Polen bessern. Um dies zu erreichen, müssen die 86 Prozent der Bevölkerung begreifen, daß sie keine feste Front gegen ihre Nachbarn errichten können, wenn 14 Prozent, also ein Siebentel der Bevölkerung, unzufrieden, eingeschüchtert und inaktiv ist. Die Minorität muß ermuntert werden, mit ihrer ganzen Kraft und ihrem Einfluß Polen zu einem großen geeinigten Land zu machen. Zum Schluß betont Morgenthau, daß es in der kurzen Zeit von zwei Monaten für die Kommission unmöglich war, die allgemeine Lage der Bevölkerung genügend kennen zu lernen. Um eine Lösung der jüdischen Frage formulieren zu können, sei eine weitgehende und erschöpfende Untersuchung nötig, nicht nur der ökonomischen

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