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Jüdische Korrespondenz · 1920-03-02 · 8 (2.3.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
8 (2.3.1920)
Date
1920-03-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 3 lung war, Szenen, die an Gehässigkeit und Widerwärtigkeit ihresgleichen suchen und die geeignet sind, auch die Naivsten über die Beweggründe derjenigen aufzuklären, die sich anmaßen, ein Monopol über die Führung der jüdischen Angelegenheiten zu besitzen. Vor einigen Wochen entsandte das orthodoxe Hilfskomitee in Holland Zwei Delegierte, den Herren Rabbiner Leiter und Onderwyzer, nach Wien, um die Verhältnisse an Ort und Stelle kennen Zu lernen und die Hilfsaktion zu organisieren, nachdem nach Holland Klagen über eine nichtentsprechende Berücksichtigung der orthodoxen Kreise, besonders ihrer. religiösen Bedürfnisse, gedrungen sind. Die Herren Delegierten konnten feststellen, daß tatsächlich gar manches zu wünschen übrig ist und Herr Rabbiner Leiter erhielt bei seiner Rückkehr nach Holland den Auftrag, sich nochmals nach Wien zu begeben, um die Organisation eines besonderen orthodoxen Hilfskomitees, speziell für die Pessach-Hilfsaktion, in die Wege zu leiten. Gleichzeitig mit Herrn Rabbiner Leiter kam auch ein Delegierter der glaubenstreuen Juden Englands, Mr. Sydney Strome, nach Wien, mit einer gleichen Aufgabe. Die glaubenstreuen Juden in England und Holland seien bereit, großes für die Orthodoxie in Wien zu leisten, haben aber den Wunsch, daß die Sache in die richtige Bahn geleitet werde und daß die bisherigen Beschwerden aufhören. Unseren Nationalisten stand die ganze Sache nicht zu Gesicht, trotz ihres ausschließlich charitativen Charakters, und sie setzten alle Hebel in Bewegung, um die Aktion zu sabotieren. Da es nicht so einfach ging, störend aufzutreten, bedienten sie sich eines ihrer bekannten Kunstgriffe, indem sie sich darauf verlegten, getreu ihrer neuesten Taktik (siehe den Artikel „Ost- und Westorthodoxie" in dieser Nummer), eine Spaltung unter der Wiener Orthodoxie hervorzurufen und die östliche und westliche Orthodoxie gegeneinander auszuspielen. Sie benützt den Umstand, daß sich die Herren Rabbiner Leiter und Strome zunächst mit der seit jeher organisierten und aktiven „Adas Jisroel" in Verbindung setzten, um die „polnische Orthodoxie" zu verhetzen und ihr einzureden, die „ungarischen" wollen alles „für sich" (sie!) behalten. Mit der Hilfe gewisser Elemente, die ihnen stets Helfersdienste erweisen, arrangierten die Nationalisten Konventikel und veröffentlichten Proteste und Aufrufe „im Namen" (ohne freilich Namen zu nennen) von angeblich 20 oder 24 Bethausvereineu, die sich eigenmächtig als „Hilfskomitee" konstituierten und auf den Plan traten. Diese Machination hatte jedoch keine wesentliche Wirkung, da sich sowohl Rabbiner Leiter, als auch die „Adas Jisroel" inzwischen mit den anderen orthodoxen Kreisen in Verbindung setzten und die Bildung eines gemeinsamen Komitees anbahnten. Um aber die Oeffentlichkeit vollständig über den Stand der Dinge aufzuklären,wurde eine öffentliche Versammlung einberufen, bei welcher die Delegierten Rabbiner Leiter und Mr. Strome über den Zweck ihrer Aktion referieren wollten. Den Nationalisten ging die Sache wider den Strich. Die „Flucht in die Oeffentlichkeit" paßte ihnen nicht und so wurde denn die Parole ausgegeben, die Versammlung zu sprengen. Alle Vorbereitungen hiezu waren getroffen. Bor Beginn der Versammlung inspizierte noch der Generalstabschef Dr. Plaschkes die „Front" und die letzten Anordnungen wurden erlassen. Eine Anzahl nationalistischer „Jünglich" jeglichen Alters wurde entsprechend placiert, und kaum betraten die Referenten die Tribüne, ging ein Spektakel los. „Im Namen der polnischen Orthodoxie" wurden Forderungen bezüglich der Zusammensetzung des zu wählenden Komitees gestellt, unter Begleitung eines ohrenbetäubenden Lärnles und Tobens. Die wütenden Szenen dauerten fast eine halbe Stunde. Mr Strome, angeekelt von diesem Treiben, verließ die Versammlung und erklärte, nicht referieren zu wollen. Rabbiner Leiter harrte geduldig aus, Ebenso das Gros der Orthodoxie, bis die Claque sich ausgetobt hatte. Dann erschien Polizei im Saale, mit deren Hilfe die Ordnung einigermaßen hergestellt werden konnte. Erst jetzt gelangte Herr Rabbiner Leiter zum Worte. Er schilderte das tiefe Mitgefühl der Juden Hollands für die notleidenden Wiener Brüder und die Großzügigkeit der bisherigen Leistungen und der geplanten Aktionen. Desto beschämender ist es, daß ihm ein solcher Empfang zuteil wurde. Das Vorgehen gegen den Delegierten Mr. Strome, den man nicht zu Worte kommen ließ, bedeutet eine Beleidigung für das ganze englische Judentum. Unsere Brüder im Auslande wollen bloß helfen, keine Politik treiben, aber sie möchten, daß die Hilfe in die richtigen Hände gelange und zu dem Zwecke soll ein orthodoxes Komitee gebildet werden. Es sei daher zu irgendwelchen Aufregungen gar kein Anlaß. Die eindringlichen Worte des Herrn Rabbiner Leiter übten eure tiefe Wirkung aus und die Krakeeler standen beschämt da. Aber noch wollten sie das Spiel nicht verloren geben. Sie mußten jedoch Farbe bekennen. Einer ihrer Wortführer, Herr Schwerdsinger, meinte, wozu ein orthodoxes Komitee, der „Joint" ist doch da! Seine Ausführungen erinnerten an den bekannten Befehl des Kalifen, die Bibliothek zu Alexandrien zu vernichten mit der Motivierung: „Enthalten die Bücher dasselbe wie der Koran, dann sind sie überflüssig: enthalten sie aber etwas anderes, dann müssen sie erst recht vernichtet werden." Ein gewisser Herr Weiß bemängelte es, daß Herr Rabbiner Leiter sich nicht vor allem an den „Mara-deatra", Oberrabbiner Dr. Chajes, gehalten hat. (Die Nationalisten wollen noch immer nicht begreifen, daß Herr Oberrabbiner Dr. Chajes bei all seiner achtenswerten Stellung nicht der „Mara-deatra" der Orthodoxie ist und daß diese hinsichtlich religiöser Dinge ihre eigenen Autoritäten hat.) Der enfant ierribie der Wiener Zionisten, Herr Eisig Torczyner, „konstatierte", daß die Bezeichnung^.,gesetzestreue Juden" ein „exotisches Gewächs" (sie!) sei. etwas gibt es gar nicht (!). Ein Herr Tachinger erzählte eine unwahre Geschichte, daß die „Adas Jisroel" im vorigen Jahre zu Pessach Eier und Zwetschken erhielt und solche bloß unter ihren Mitgliedern verteilte (eine krasse Unwahrheit, da es sich uni für. schweres Geld und mit großer Mühe zugunsten der Unbemittelten herbeigeschaffte Lebensmittel handelte, die unentgeltlich verteilt wurden). Um eventuelle Gegenredner einzuschüchtern, wurde:: von Zeit zu. Zeit Skandalszenen veranstaltet, gepfiffen, gesungen und gelärmt, was selbst unter den ernsteren Nationalisten Empörung hervorgerufen hat. Nachdem noch Herr Dr. Feßler über die religiösen Fragen gesprochen hat, konnte Herr Rabbiner Leiter nur mit schwerer Mühe das Schlußwort halten. Er widerlegte eindrucksvoll alle Einwendungen und verwies nochmals auf die Bedeutung der Aktion und auf die Unsachlichkeit der Sabotage. Schließlich wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die zum Referate der Delegierter: der Hilfskomitees von England und Holland versammelte thoratreue Judenheit Wiens begrüßt mit Freude das warme Interesse ihrer Gesinnungsgenossen in England und Holland und erblickt in der werktätigen Sympathie ihrer Brüder in Westeuropa das Zeichen eines entschlossenen Willens der thoratreuen Judenheit Wiens behufs Wahrung ihrer berechtigten Interessen zu voller Geltung zu verhelfen. Einig in der dankbaren Anerkennung dieser edlen Hilfsbereitschaft erachtet es die thoratreue Judenheit Wiens für unumgänglich notwendig zur Verwirklichung, und glatten Durchführung dieser hochherzigen Absicht eine alle Schattierungen der thoratreuen Judenheit Wiens umfassende geschlossene Einheit zu bilden." Herr Eduard Deutsch erläuterte nochmals die Aufgaben des zu bildenden orthodoxen Hilfskomitees, das keine politischen Ziele verfolgen und alle glaubenstreuen Juden umfassen soll, worauf die Versammlung geschlossen wurde. Die geplante Sprengung ist nicht gelungen. Die Nationalisten „rächten" sich mit der Anstimmung' eines Nationalliebes... Die ernsten Elemente unter den Nationalisten mochten nun endlich einsehen, wohin das Treiben ihrer Agitatoren führt. Denjenigen „Orthodoxen", welche ihnen Helfersdienste leisten, möchten wir die Frage vorlegen: Cui prodest?! Glauben sie wirklich, auf diesem Wege der Sache des glaubenstreuen Judentums zu nützen?! * . .

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