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Jüdische Korrespondenz · 1920-03-02 · 8 (2.3.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
8 (2.3.1920)
Date
1920-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bezugspreis: /< '-«t'; ... » . , Redaktion und Administration: Ganzjährig K BO, halbjährig Kl 5, viertöU^ _llPl|3!l »UP ulß IflTBFßSSßn UßS Wien, VIII., Alserstraße 55. jährig K 8. — Ausland jährlich K 50. OPtltQtlOXBIl ülldBütlHllS Postsparkassenkonto Nr. 184.299, Einzelnummer 60 Heller.! ’ Erscheint jeden Er ei tag. Nr. 8. Wien, 12. Adas* 5680, 2. März 1920. ¥1. Jahrgang. VüMLM ist zufrieden! (Aus einem Interview am Purim 5680.) .. . Ich bin schon seit vielen Jahren nicht so zufrieden gewesen wie jetzt. Aufrichtig gestanden: eine Zeit während der letzten Jahre zitterte ich vor Angst, vielleicht könnte mein Lebenswerk, der Judenhaß, vernichtet werden. Es wurde ja ein Krieg „für Recht und Gerechtigkeit, für Menschlichkeit und Völkerfreiheit" geführt. Wäre es damit ernst, dann Adieu Antisemitismus! Glücklicherweise stand mir mein guter Genius auch diesmal bei. Der Friede von Versailles und sein Kollege zu Saint-Germain haben in Europa Zustände geschaffen, die meinen-Weizen wie noch nie blühen lassen. Noch nie war der Judenhaß so groß, noch nie die Pogrome so furchtbar-großartig, noch nie sproß der Völkerhaß so üppig in die Halme, bekanntlich das beste Düngemittel für den Antisemitismus! Bitte sich nur selbst zu überzeugen: Wie war früher die Lage der Juden in Mitteleuropa, in Deutschland und Oesterreich-Ungarn? Bei allem Antisemitismus ist den Juden selten ein Haar gekrümmt worden. Heute aber? Sehen sie nach Siebenbürgen, Bukowina unter der Herrschaft der Rumänen, nach der Slowakei unterder Herrschaft der. Tschechen, nach Polen usw. — mein Herz lacht wahrlich vor Freude, wenn ich bis in die Tiefe der' Höue^vM^Ä^JMÄ'-'MtEEWrnde erMte? '' Selbst im zaristischen Rußland war es in den letzten Jahren nicht mehr so arg. Was aber heute in der Ukraine vor sich geht, übertrifft wahrlich alle Erwartungen! Ich bin zufrieden! Dank und Lob den Siegern im Weltkrieg! Sie haben mich vollauf gerächt! Ja, man kann vielleicht glauben, die „Heimstätte" in Palästina wird den Inden etwas helfen! Warten wir nur die Folgen ab? Ich glaube gar, das wird Wasser auf meine Mühle sein. Der religiöse Judenhaß hat in den letzten Jahren stark abgenommen die Welt ist doch etwas zivilisierter — jetzt kann er eine Wiedererstehung erleben! Die „heiligen Stätten des Christentums" unter jüdischer Aufsicht, das dürfte den religiösen Fanatismus wieder entfachen; ebenso wie der Haß zwischen den Kindern Jizchaks und Jischmaels durch das Vordringen der Juden gegen Osten neue Nahrung erhalten dürste. Ich bin also überaus zufrieden. Nur eine Sorge bedrückt noch immer mein Herz! Daß die Juden in ihrer großen Not nicht zu ihrer alten Taktik greifen und die Hilfe ihres Gottes anrufen sollen. Das hat den Mordechoi geholfen, dessen Schicksal schon besiegelt war. In der ersten Verzweiflung glaubte er wohl mit der Hilfe von Protestmeetings, Straßendemonstrationen usw. etwas erreichen zu können. Wie es in der Judenmegilla heißt: „Und Mordechoi zerriß seine Kleider, legte Sack und Asche an, ging hinaus mitten durch die Stadt und schrie mit lauten und bitteren Weinen". Aber damit wäre er sicherlich nicht tveit gekommen, höchstens bis vor dem Tor des Königs. Da kam jedoch die Jüdin Esther und befahl ihn: „Gehe, versammle alle Juden und fastet drei Tage und Nächte — dann werde ich kommen zum Könige!" Mit ihren Gebeten, mit ihrem Flehen zn ihrem Gotte, Haben die Juden immer mehr erreicht, als mit Straßendemonstrationen. Ich fürchte also immer, daß dies auch, jetzt der Fall sein könnte. Mer ich tröste mich, daß dies heute ganz unmöglich ist! Man sieht doch klar, welche Widerstände diejenigen begegnen, die die Rückkehr zum Glauben und zum Gott der Väter predigen, wie sie als Reaktionäre, als Fanatiker verschrien, werden. Wie lach' ich ins Fäustchen beim Anblick dieses Bildes! Woher soll auch heute noch der Jude das „geh, sammle alle" möglich sein! In Schuschan gab es keine Zionisten, Volkisten, Bundisten, Orthodoxe, Assimilanteii usw., bloß Juden, da konnte man sie alle unter einen Hut sammeln, — um eine Fahne, in ein Lager, ins Bethaus — heute aber, bei dieser Ueberfülle an Parteien, wird dies nicht einmal ein neuer Mordechoi zustande bringen! Darin liegt ein großer Trost für mich! Ich, der Vater des alten und immer neuen Judenhaßens, bin doch sehr zufrieden; zufrieden mit den Siegern im Weltkriege, mit der neuen Weltuild Staatenordnung, mit dem Bolschewismus, der den Juden in die Schuhe geschoben wirdmit der Reaktion, die die Juden als Sühnopfer sich auserwählt, ivie nicht minder mit denjenigen Juden, die in Demonstrationen das Heil erblicken und die Rückkehr der Juden zu ihrem Gott verhindern! Ich, Hamau, lveiß eS aus eigener Erfahrung: nur der Gott der Juden ist zu fürchten — die moderne Judenpolitik wird meinen Ideen und meinen Nachfolgern — nichts aiihaben können.... Die LittsaMon M die Wiener thoratreuen Inden. (Eine stürmische Versammlung.) Daß die gesetzestreuen Juden in Wien unter der gegenwärtigen 9iot viel mehr als die anderen Bevölkernngskreise leiden, ist eine hinlänglich bekannte Tatsache. Ist es ihnen doch nicht immer gegeben, von den ausländischen Hilfsaktionen so zu genießen, wie die anderen, mit Rücksicht ans die rituellen Vorschriften. Deswegen war es zu Anbeginn der ausländischen Aktion nötig, spezielle jüdische Aktionen ins Leben zu rufen, damit auch die gesetzestreuen Juden Anteil und Hilfe erhalten. Das ist auch geschehen — leider aber bisher nicht in dem gebotenen Ausmaße; auch ließ die Leitung der diesbezüglichen Aktion vieles zu wünschen übrig, sei es aus Mangel an Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse dieser Juden, sei es aus anderen Gründen, deren Aufzählung einer anderen Gelegenheit überlassen werden soll. Es stellte sich infolge dessen immer stärker die Notwendigkeit heraus, eine spezielle orthodoxe Organisation ins Leben zu rufen, der die Leitung der Aktion und die Verteilung sowohl der einlangenden Lebensmittel, als auch der Geldunterstütznnqen obliegen soll. Man sollte meinen, daß die anderen jüdischen Kreise nichts dagegen einzuweiideii hätten, da es sich um eine ausgesprochen apolitische Angelegenheit handelt. In Wirklichkeit ist dies jedoch nicht der Fall. Diejenigen, die die Leitung der bisherigen jüdischen Hilfsaktion in Händen haben, zum Beispiel der „Joint Distribution" usw., speziell unsere Nationalisten und ihre Anhängsel, erblickten auch darin eine „gefährliche Konkurrenz", die man unter allen Umständen beseitigen muß. Sie lieferten damit den Beweis, daß es sich ihnen mit all ihrem Tun und Lassen iim politische Ziele handelt, darauf berechnet, durch die Leitung der Hilfsaktion auch die politische Führung inne zuchaben. Ihrem Streben, jede „Konkurrenz" unmöglich zu machen, find auch die häßlichen Szenen zuzuschreiben, deren Schauplatz eine für Sonntag, den 29. Februar, in dem Saale des „Ferdinandkino" (II., Taborstraße) einberufene Bersamm-

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