Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 7 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Jüdische Korrespondenz Seite 8 mschen Juden, bald auch, in bezug auf die Speisegesetze, er halte von solchen Sachen nichts. Er halte überhaupt von der Religion nichts, aber — er sei trotzdem ein guter Jude. " Worin seine Güte als Jude besiehe? Nun, er sei Jude durch und durch, er schäme sich seines Judentums nicht und sei sogar (!) stolz auf seine jüdische Stammeszugehörigkeit, kurz, er sei jüdischnational. Solcher guter Juden gibt es hierzulande, wie er erwähnt, in Hülle und Fülle, Juden, die nichts halten, an nichts glauben und nichts können, weil sie nichts gelernt hätten, und sich trotzdem für gute Juden halten. Ich spreche von den Juden des Landes, in dem ich lebe, und von den Juden in meiner Gemeinde, mit denen ich amtlich und beruflich fast täglich verkehren und im steten Kontakte stehen — muß. Wie es in anderen Ländern und in anderen Gemeinden des Auslandes aussieht, weiß ich nicht, da ich seit Ausbruch des Krieges nicht mehr im Ausland war. Ich schicke das deshalb voraus, um mich gegen den Vorwurf her Verallgemeinerung zu verwahren. Ich spreche nur von Selbsterlebtem und von Tatsachen, die ich täglich zu beobachten Gelegenheit habe. Diese Tatsachen sprechen für sich, eine deutliche und leider eine traurige Sprache. Traurig vom Standpunkt des wahren, das heißt religiösen Judentums. Der gute Nationaljude wird darauf erwidern: Ob das religiöse Judentum tatsächlich auch das wahre Judentum bedeute, sei noch sehr fraglich. Auf diese Erwiderung bin ich gefaßt und solche Erwiderungen höre ich zur Genüge. Und trotzdem will es mir nicht in den Sinn, daß ein Jude, dem nichts Jüdisches mehr heilig ist, der den Sabbat entweiht, die jüdisch-religiösen Feste nicht mehr feiert, seine Söhne dem Bunde Abrahams nicht zuführt, am Versöhnungstage nicht fastet, das Gotteshaus nicht besucht und um die religiöse Erziehung seiner Kinder sich nicht im mindesten kümmert, daß ein solcher Jude der gute Jude ist, nur deshalb, weil er, wie behauptet, jüdisch fühlt und denkt und zur jüdischnationalen Partei sich politisch bekennt. Daß die jüdische Religion gänzlich ausgespielt hätte und von der nationalen Idee verdrängt und von ihr zugleich ersetzt worden wäre; daß das Streben eines Rabbi Jochanan ben Sakkai, religöse Lehrhäuser zur Thoraforschung als Ersatz für die verlorene nationale Selbständigkeit zu gründen, nur ein Irrtum und daher vergebens wäre; daß die zahllosen jüdischen Märtyrer, die^ihres Glaubens wegen freudig in den Tod gingen oder alle Marter und Folter und Qualen geduldig erlitten und ertragen, vergebens starben, weil sie auch ohne Religion noch gute Juden hätten bleiben können; daß die ganze Geistesarbeit der Rabbinen seit Abschluß des Talmuds und während des ganzen finsteren Mittelalters nur ein, muffiger Zeitvertreib und ein lächerliches Spiel gewesen war; daß vor allem die Gesetzgebung am Sinai, die Lehre Moses, die Bibel, die Propheten und die Psalmen ihre Bedeutung verloren und für uns heute nur einenhistorischen Wert besitzen — dies alles will mir nicht recht in den Sinn. Und es will mir nicht in den Sinn, daß der ein guter Jude sein kann, der weder gut ist noch als Jude lebt, nych vom Judentum, seiner Lehre, seiner Geschichte und seiner Geschicke etwas gehört und gelernt hat. Worte sind Schall und Rauch, die Taten müssen es beweisen. Wer ein guter Jude fein will, muß es vor allem durch seine Taten und Handlungen dokumentieren. Die guten Juden früherer Zeiten haben es durch ihre Taten, überhaupt durch ihr Leben bewiesen; die guten Juden von heute bleiben den Beweis für ihre Güte schuldig. Da wir nur von Tatsachen sprechen, wollen wir einen solchen guten Juden näher beschreiben. Sein Name ist germanisch, seine Erziehung war unjüdisch, außer den obligaten Religionsstunden hat er vom Judentum nichts gelernt. Er ist Kaufmann oder Beamter; den Sabbat feiert er nicht, kann er nicht feiern, wie er behauptet. Sein Ruhetag ist der Sonntag. An diesem zieht er sein bestes Gewand und das saubere Hemd an; an diesem Tage speist er besser wie an den übrigen Tagen, unternimmt er seine Ausflüge, geht seinem Vergnügen nach und freut sich auf diesen Tag alle übrigen sechs Tage der Woche. Und wie den Sabbat, so feiert er nicht die anderen jüdischen Fest- und Feiertage, er kann sie nicht feiern, wie er behauptet. Er feiert die Tage, die alle feiern,' also die christlichen. Mit diesen rechnet er das ganze Jahr, auf diese freut er sich naturgemäß „die ganze übrige Zeit, weil er von ihnen Ruhe und Erholung hofft. Und es ist ebenso naturgemäß, daß er sich an diesem Tage mehr gönnt, besser lebt und mehr verbraucht. Wenn auch darin nichts Christliches zu erblicken ist, so ist jedenfalls auch darin nichts jüdisches enthalten. Er aber behauptet steif und fest, der gute Jude zu sein. Warum, wieso und wodurch? Nun, ganz einfach, weil er jüdisch denkt und fühlt und sich öffentlich als zur jüdischen Nation gehörig bekennt. Und wie viele „gute" jüdische Häuser kenne ich, in denen kein Chanukkalichtlein, dafür aber ein reich geschmückter Weihnachtsbaum in seiner ganzen germanisch-christlichen Pracht und Herrlichkeit erstrahlte! . Wie gesagt, ich spreche nur von den Juden meines Landes, von solchen, die ich kenne. Es liegt mir ferne, alle Jüdischnationalen nach der geschilderten Sorte Juden zu klassifizieren. Zur Ehre meiner Glaubensbrüder und Gesinnungsgenossen im Ausland nehme ich an, daß es dort nicht nur gute Juden, sondern bessere Juden gibt. Hierzulande wird mit der Phrase vom guten Juden sehr viel Unheil gestiftet und es wäre an der Zeit, hier endlich Wandel zu schaffen, von autoritativer Seite zu erklären und die Leute zu belehren, was zu einem guten Juden gehört. Jedenfalls nicht diese Bezeichnung allein, die sich jeder taxfrei beilegen kann. (Vorstehender Artikel, der im „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" erschien, befaßt sich mit den Verhältnissen in einem gewissen Lande. Aber die Ausführungen treffen auch für andere Länder zu.) _ Eth ledaber! Geehrter Herr Redakteur! Die Orthodoxie, die für alle rituellen Institutionen in Wien seit Dezennien sorgt, die einzig eine Talmud Thora und Schiurim für Erwachsene eingerichtet hat, die Kranken koschere Kost verabreicht, die die „Einheit" geschaffen, die bei der Behörde erwirkte, daß unsere Kinder am Schabbos in der Schule nicht schreiben müssen, daß unsere Helden ein jüdisches Grab fanden, die Talmud Thoras für 1500 Flüchtlingskinder bewilligen und einrichten half, hüllt sich in stolzes Schweigen, läßt sich angreifen. Sie sieht ruhig zu, wie seit Jahrzehnten durch Jntriguen interessierter Personen eine Zusammenfassung der orthodoxen Kräfte verhindert wird. Es ist das eine schöne Pose, aber ungesund, höchst ungesund. Heute haben auch die Nationalen ein Interesse an der Zerreißung der Orthodoxie und d:e Verbindung wird umso schwieriger. Es ist ein Verbrechen der „einigen Leute eines Bethauses", daß sie es scheuen, die Beweggründe derjenigen Personen und Elemente bloßzulegen, die immer und immer wieder die Vereinigung der jüdischen Juden stören. Die Angst vor dem Chillul Haschern muß endlich der Erkenntnis weichen, daß die Einigkeit der Orthodoxie zur Erhaltung des religiösen Judentums dringend ist und deren Störung um jeden Preis niedergekämpft werden muß. Ein Ostjude, der es einzig der Schiffschul dankt, daß fein gefallener Bruder ein jüdisches Grab fand, daß seine Kinder in der Schule am Schabbos nicht schreiben mußten und sogar täglich gratis Gomoroh lernten, daß er in Wien stets streng koscheres Fleisch und Mazzes fand, auch immer Schaales machen konnte. Alles Dinge, die ihm seine sehr frommen Landsleute nicht bieten wollten oder konnten, weil sie sich nie um solche Dinge kümmerten und sich ruhig, von der Schisfschul versorgen ließen. Die Volksabstimmung im Teschener Kreis und die Juden. Aus Tescheu (Schlesien) wird uns geschrieben: In der nächsten Zeit wird im Teschener Kreis eine Volksabstimmung darüber zu entscheiden haben, ob derselbe Polen oder der Tschechoslowakei angehören soll. Eine Alliierten-Kommission ist bereits eingetroffen, die die Abstimmung zu leiten -.und zu kontrollieren hat.