Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 7 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Seite 4 Jüdische Korrespondenz. . Im allgemeinen ist die polnische Bevölkerung im Kreise zahlenmäßig stärker als die tschechische. Den Ausschlag werden die Deutschen geben. Aber auch das Votum von einigen Tausend Juden kommt wesentlich in Betracht. Nun wird von tschechischer Seite mit Hochdruck gearbeitet, um die Stimmen der Deutschen für sich zu gewinnen. Aber auch die Juden werden mit allen Mitteln bearbeitet, um sich für die tschechische Sache zu exponieren und sind seit Wochen der Gegenstand einer lebhaften tschechischen Werbearbeit. Wir wollen hier nicht die Frage erörtern, ob die Ansprüche der Polen oder der Tschechen auf den Besitz der Kreise berechtigte sind. Aber eines müssen wir uns vor Augen halten, daß die Behandlung, die unseren Brüdern in der Tschechoslowakei zuteil wird, keineswegs dadurch angetan ist, die Juden zu veranlassen, sich für die Tschechen die Finger zu verbrennen. Deswegen mögen sich unsere Brüder in Teschen, Bielitz usw. von jedem Exponnement fernhalten und den tschechischen Agitatoren keineswegs auf den Leim gehen. Wir haben gar keine Veranlassung, den tschechischen Antisemitismus mit unserem Votum zugunsten der Tschechen zu quittieren. S. L. Bolschewiken und Juden. Angesichts der Wiederbesetzung Südostrußlands durch die Bolschewiken legte der Pariser M.-Korrespondent der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" Herrn Moses Duchan, der als Delegierter der südrussischen jüdischen Gemeinden sich gegenwärtig in Paris aufhält und die schweren Tage des letzten Winters dort selbst miterlebt hat, die Frage vor, welches nunmehr das Schicksal der jüdischen Gemeinden unter den Bolschewiken sein dürfte. „Um die Zeit des Brester Friedens konstituierte sich, wie bekannt, die Ukraine mit dem Direktorium Winiczenko. Ani 9. Jänner 1919 erhielten die Juden der Ukraine in einem mageren Gesetze, das der Entwicklung großen Spielraum ließ, eine breite Autonomie. In hastigen Kämpfen, bei welchen die linksstehenden jüdischen Parteien mit großer Leidenschaftlichkeit austraten, setzten wir es durch, daß die jüdischen Volksgemeinden ihre Repräsentanz nach denr sechsfach qualifizierten Wahlrechte bilden: allgemein, direkt, gleich, geheim, beide Geschlechter, f roporz. Die Parteien, die diese Kampsparole der „demokratischen ehilla" durchsetzten, waren Vereinigte Sozialisten. Poale Zion, Bund, Zionisten, Zeire Zion Achdus (Orthodoxe), Volkspartei (Dubnow). Durch die vereinigte Arbeit dieser Parteien gelang es, an Stelle der alten sterilen Gaboim-Wirtschaft ein frisch pulsierendes Leben in den demokratisierten Organismus zu bringen. In den meisten Gemeinden hatten die Vereinigungen der Zionisten und Zeire Zion die Majorität. Die neue demokratische Kehilla bewährte sich. Sie brachte überall die Schulen und Hospitäler in Ordnung, schuf genosienschaftliche Verbände, richtete Arbeitsvermittlungen und andere soziale Einrichtungen ein, regelte ihre Einnahmen durch die Gräbertaxe und durch Auflegen einer Einkommensteuer. Das National-Sekretariat in Kiew, als Repräsentant der ganzen ukrainischen Judenheit aus demokratischen Wahlen hervorgegangen, bildete das organisatorische und politische Zentrum dieses Gebildes. Als die Bolschewiken im Winter 1919 Südrußland besetzten, wurde diese Entwicklung vorerst nicht gestört. Die Vereinigten Sozialisten und der Bund, früher enragierte Gegner der Bolschewiken, spalteten sich aber bald in Gruppen, die teils zur zweiten und teils zur dritten Internationale hielten. Die bolschewikischen Gruppen lehnten nunmehr die Gemeinde auf Grund des Wahlrechtes ab, um das sie früher so hingebungsvoll gekämpft hatten. Sie forderten statt der jüdischen Gemeinde die Diktatur der jüdischen Arbeiter, Soldaten und Bauern und veranlaßten ihre Vertreter, aus der Gemeindeverwaltung auszutreten. Damit fing der Kampf gegen die Kehilla und das nationale Sekretariat an. Waren die bolschewistisch orientierten Gruppen aus dem Gemeinde« Vorstände ausgetreten, so bekam die Gemeindeverwaltung mit einem Male in den Augen der bolschewistischen Oeffentlichkeit einen „bourgeoisen" Charakter, sie verlor einen Teil der Autorität, die sie in den früheren Kämpfen um ihre Organisation erlangt hatte; die Steuern stoffen schwächer ein, weil die demokratischen Stadtverwaltungen aufgelöst waren. Run verlangten die bolschewistisch orientierten jüdischen Sozialisten die Bildung jüdischer Sowjets. Die Sowjetregierung lehnte das aber ab, jüdische Sowjets wären Separatismus: Wir gehen mit Euch, sagten sie nun, um die jüdischen Gemeinden zu vernichten, aber neue jüdische Organisationen wollen wir nicht schaffen. Die Kehilloth wurden geschloffen. Man setzte aus der Kehilla und dem allgemeinen Sowjet Liquidierungskommissionen ein, welche die Institutionen der Kehilla zum Teile auflösten, zum Teile in die Verwaltung der all« gemeinen Sowjets überleiten sollten. Die jüdische Oeffentlichkeit verurteilte die Haltung derjenigen Sozialisten, die die Gemeinde zerstörten und hielt an ihren Einrichtungen fest. Die Liquidierungskommissionen arbeiteten langsam, bis im Frühling 1919 Denikin gegen Norden vorrückte." „Glauben Sie, daß die Pogrome in diesem Gebiete fortdauern werden?" „Ich hoffe, daß die Pogrome sich Nicht wiederholen werden. Wir wollen uns zwar nicht täuschen, daß gewisse Truppen der roten Armee von demselben blutigen Antisemitismus erfüllt sind, wie die Denikinschen Soldaten. Speziell die Bortruppen, die ich im vorigen Winter sah, waren geneigt, Juden auszurauven. Man muß aber anerkennen, daß die militärischen Kommissäre eiserne Disziplin zu halten wissen. Die ganze Sowjetregierung kämpft rücksichtslos gegen die reaktionären Elemente, die die Pogrome schaffen und fruktifizieren. Schon die Haltung der Sowjetregierung bietet also eine Gewähr, daß keine Pogrome stattfinden werden. Man darf jedoch nicht übersehen, daß es der jüdischen Bevölkerung, die in den letzten Monaten durch die' Pogrome so furchtbar gelitten, nunmehr an Kraft fehlen wird, die ökonomischen Experimente der Sowjetregierung ohne neue tiefe Erschütterungen und schwere Folgen zu ertragen." Rundschau. (Hesped.) Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner S. Fürst hält am 7. Adar (Donnerstag, den 26. Februar) nach dem Mincha- Gottesdienst um V46 Uhr im Bethause der Adas Jisroel einen Hesped* (Adatz-Jisroel, Berlin.) Am. Sonntag, den 1. Februar, fanden die Wahlen zum Vorstand und Repräsentantenkollegium der Berliner Synagogen-Gemeinde (Adaß Jisroel) unter lebhafter Beteiligung statt. Es wurden gewählt: als Vorsteher für die Dauer von sechs Jahren die Herren Martin Bondi, Moritz Knoller, Naftali Stern, Ludwig Bier; als Vorstands- Stellvertreter die Herren Lehmann Weichselbaum, David Rosenblüth, Edmund Lewy; in Stichwahl kommen die Herren Hermann Posen und James Halberstadt. Als Repräsentanten für die Dauer von drei Jahren wurden gewählt die Herren Dr. E. Biberfeld, Meyer, Strauß, Josef Weichselbaum, Moritz Merzbach; in Stichwahl kommen die Herren Ist Geis, Gustav Lewandowski, Simon C. Knoller und Hugo Pollak; als Repräsentanten-Stellvertreter wurden gewählt die Herren Dr. A. Barths Heymann Offenberg, Moritz Posen, Abraham David und H. Pollak. (Der rumänische Ministerpräsident über die Rechte der nationalen Minderheiten.) Am 30. Jänner hat der rumänische Ministerpräsident Vaida-Voevod, der sich derzeit in London befindet, in der rumänischen Gesandtschaft mehrere Journalisten empfangen, darunter die Vertreter der jüdischen Zeitungen „Jewish Times", „Jewish Chronicle" und New Iorker „Hajnt". Aus der Unterredung mit Morris Mayer, die in rumänischer Sprache geführt wurde, geben wir folgende Aeußerungen des rumänischen Ministerpräsidenten svieder: Die jüdische Frage in Rumänien existiert juristisch nicht mehr. Diese Frage ist ein für allemal mit der Unterfertigung des Minoritätenvertrages gelöst worden. Was die Frage des Minoritätenrechtes der Juden anbelangt, so ist dies eine Frage für sich. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung ist für die Assimilation und er, der Ministerpräsident, ist ganz ihrer Ansicht. Die Juden Rumäniens sollten sich assimilieren, nicht hinsichtlich ihrer Religion oder ihrer Rasse, sondern bezüglich ihrer Interessen und ihres Geistes. Die Juden, die ihre eigene Sprache, das Jiddische, beibehalten wollen, schließen sich ins Ghetto ein. Er habe jedoch nichts gegen sie. Die rumänische Regierung werde ihnen keine Schwierigkeiten in den Weg legen und er sei überhaupt gegen jede Zwangsassimilation. Zum Schluß hielt Vaida-Voevod eine längere Ansprache in französischer Sprache an alle versammelten Journalisten, aus welcher der folgende Abschnitt von Interesse für die Juden ist: Die rumänische Regierung ist bereit, allen Minoritäten vollste Autonomie in ihren eigenen Angelegenheiten zu gewähren. Die Minoritäten werden eigene Schulen besitzen können und die Regierung wird jeder Minorität Subventionen bewilligen für die Erhaltung der Schulen und religiösen Anstalten. Die Subventionen werden die Minoritäten nack eigenem Gutdünken verwenden können. (Die ukrainische Hölle.) Präsident Wilson hat dem amerikanischen Senat Auszüge de§ Berichtes über die Judenpogrome in der Ukraine überreicht,, den ihm General Jadwin, der nach der Ukraine speziell entsandt war, um die Pogrome zu untersuchen, übergeben hatte. General Jadwin erklärt in seinem (Fortsetzung auf Seite 5.)