Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 6 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 6 (Jüdischer Söldnerdienst im Altertums In alten Zeiten leisteten die Juden vielfach Söldnerdienste in fremden Heeren. Wenige Jahre vor dem Falle des ersten Tempels gab es jüdische Soldaten in den ägyptischen Heeren und aus diesen gingen anscheinend die späteren jüdischen Militärkolonien am Nil hervor. Ein griechischer Geschichtsschreiber berichtet von jüdischen Soldaten in den Heeren Alexanders des Großen und seiner Nachfolger und schildert unter anderem folgende Episode, deren Zeuge er gewesen sein will: „Als ich gegen das Rote Meer kam, fand sich unter den Reitern meines Gefolges ein Jude Mosollamos (Meschullam), ein kräftiger Mann von großem Mute und nach dem Urteil aller ein Schütze ersten Ranges.... Plötzlich hieß ein Seher alle stillestehen, nachdem er die Vorzeichen befragt hatte, und unser Jude ftagte ihn nach dem Grunde. Der Seher zeigte ihm den Schicksalsvogel und erklärte ihm, daß alle mit ihm Halt machen und den Marsch aufnehmen müßten, wenn der Vogel weiterfliege, und kehrt machen müßten, wenn der Vogel rückwärts fliege. Wortlos spannte der Jude den Bogen und schoß den Vogel ab. Der Seher und die anderen erschracken und begannen ihm zu fluchen. ,Seid ihr toll', erwiderte jener. ,Wenn der Vogel sein eigenes Los nicht voraussehen konnte, wie konnte er über unseren Weg entscheiden? Wäre er imstande gewesen, die Zukunft vorauszusehen, wäre er sicher nicht hierhergekommen, um vom Juden Mosollamos erlegt zu werden/" — Die Söhne des Oberpriesters Onias waren Generäle im Heere einer Königin Kleopatra und einer seiner Enkel war Heerführer in Aegypten, und eine noch erhaltene Inschrift berichtet, daß die Herrscherin ihm zum Lohne für seine militärischen Verdienste einen goldenen Kranz verlieh. (Die Inden im Kaukasus.) Ganz entlegen im Kaukasus gibt es Orte, an welchen Juden in Frieden, Freiheit und Sicherheit leben. Drei kleine, während des Krieges gegründete Republiken: Aserbeidschan, Grusien und Dagestan, die an der Grenze zwischen Europa und Asien gelegen sind, bilden "diese Zufluchtsstätten. Die Zentren dieser glücklichen, jüdischen Bevölkerung sind die drei respektiven Hauptstädte, nämlich Baku, Tiflis und Badrosk. Vor dem Kriege waren die jüdischen Gemeinden dieser Städte klein. Die während des Krieges erfolgte Ausweisung der Juden aus Litauen und die russische Revolution von 1917 vergrößerte diese Gemeinden und die Flucht der Juden vor dem bolschewikischen Terror brachte nicht nur erneuten Zuwachs, sondern auch eine interessante kulturelle Bewegung mit sich. Da die kaukasischen Juden dauernd von Rußland abgeschlossen waren, begannen sie mit der Schaffung eigener Zeitungen und Schulen. Während es vor dem Kriege kein einziges jüdisches Organ gab, werden jetzt sechs jüdische Zeitungen herausgegeben, zwei in russischer Sprache und je eine iit hebräischer, jüdischer, tatarischer und grusinischer Sprache. Die letztgenannte erscheint in der Stadt Kutais, die anderen fünf in Baku. Im Stadttheater von Baku werden jüdische Stücke aufgeführt und unter den dortigen Schulen befindet sich ein Lehrerseminar. Baku war vor dem Kriege die Hauptstadt des gleichnamigen russischen Gouvernements. Damals waren weniger als zehntausend Juden im ganzen Gouvernement. Seit der Gründung der neuen kaukasischen Provinz jedoch wurde dieser Teil des alten russischen Reiches den Juden geöffnet, was die berichteten Ergebnisse mit sich brachte. Die Rache der amerikanischen Juden. Ausspeisung russischer Kammerherren und Adliger in Warschau. Wer in den Volksvierteln von Warschau gewesen ist, wer die erschreckende Armut in Warschau gesehen hat und weiß, was man jetzt in der polnischer Hauptstadt für eine normale Mahlzeit bezahlen muß, der begreift, daß dort schwer Hunger gelitten wird, so schreibt der auf einer Reise durch Polen befindliche Korrespondent Georg Nypels im „Algemeen Handelsblad". Am ärgsten leiden unter der Not die jüdischen Volksmassen, deren sich das jüdisch-amerikanische Hilfskomitee annimmt. Aber die Aufgabe, den Juden im Osten zu helfen, wird, so erklärt Bankier Hirschfeld, der die Aktion leitet, allmählich zu schwer für die amerikanischen Juden allein, hier müßten alle Juden der Welt nüthelfen, und zwar schnell. Unter den vielen philanthropischen Einrichtungen, die mit jüdischamerikanischem Gelde betrieben werden, ist eine merkwürdig genug: es ist das Haus in Warschau, in dem die russischen Flüchtlinge an langen Holztischen eine warme Mahlzeit für zweieinhalb Mark ohne und für dreieinhalb Mark mit Fleisch (eine solche Mahlzeit kostet in einem gewöhnlichen Gasthaus acht bis fünfzehn Mark) erbalten. Bei einem Diner jüdischer Notabeln der beiden Weltteile, an dem ich als einziger Nichtfude teilnahm, wurde einer der amerikanischen Finanziers von polnischen Juden mit einem Erstaunen, aus dem zugleich deutlich ein Verweis klang, gefragt, wie es möglich war, daß die amerikanischen Juden Geld gaben, um die erbittertsten Feinde der Polen und Juden zu verköstigen. Man erzählte mir, daß an den Holztischen in dem erwähnten Hause gewesene Kammerherren des Zaren, Sekretäre zaristischer Minister, Angehörige des russischen Adels, kurz Leute offen, von denen manche früher in glänzenden Uniformen stolz durch Warschaus Straßen schritten, als Todfeinde der Polen und Juden. Am nächsten Tage konnte ich auch diese Herrschaften beim Speisen sehen. Der amerikanische Finanzmann antwortete nicht sofort, sondern lächelte fein und fragte dann, ob die Herren und Damen die Geschichte von dem armen Juden in Amerika und dem Iren kennten. Außer Sir Stuart Samuel kannte sie niemand von uns und so er- Se sie uns der Amerikaner. Auf einer Straße irgendwo in rika stand eines Tages ein schrecklich unglücklicher Jude und bettelte. Der Mann hatte zwei verkrüppelte Arme, war halb blind, lahm und hatte eine komplette Kollektion Hautkrankheiten, mit einem Wort, er war ein trauriges Exemplar Mensch. Ein Ire — Iren hatten damals in Amerika den Ruf, große Judenfeinde zik sein — ging vorbei, besah sich den Juden genau und schenkte ihm fünf Cents. Der Jude dankte, der Ire gmg weiter, blieb nach einigen Schritten stehen, schaute noch einmal 'den Juden an, kam zurück und gab ihm 50 Cents. Der Jude dankte noch inniger, der Ire schritt wieder weiter, kehrte aber nochmals um, nahm den Juden neuerlich scharf ins Auge und drückte ihm eine Fünfdollarnote in die Hand. Der Jude wußte nicht mehr, was er sagen sollte vor Freude und Dankbarkeit: Seine eigenen Glaubensgenossen gaben ihm zur Not hie und da eine Kleinigkeit, und da kam ein Ire. ein Feind seiner Rasie, und schenkte ihm ein Vermögen! Ader der Ire wehrte den Dank ruhig ab und saate: „Es ist mir das Geld wert gewesen, endlich einmal einen Juden gesehen zu haben, wie er mir Vergnügen macht!" Man lachte und ließ alle Proteste gegen die Wohltätigkeit der Amerikaner zugunsten der Feinde der Polen und Juden fallen Und als ich später den Amerikaner sprach, kam er noch einmal darauf zurück. Wenn es eine Gerechtigkeit auf der Welt gebe, dann zeige sie sich am sichersten in dem Schicksal dieser russischen Größen, die früher in prächtigen Schlitten durch die Straßen jagten und Polen wie Juden knechteten oder noch ärgeres taten und die jetzt an„Holztischen in einer Art Volksküche für ein paar Mark Essen bekommen von den Juden, die sie früher getreten und erniedrigt haben. Import und Export Palästinas. In den Monaten April, Mai und Juni 1919 verteilte sich der Import in den drei jüdischen Zentren Palästinas folgendermaßen: Haifa 456.184 Pfund Sterling, Jaffa 314.667 Pfund Sterling, Jerusalem 270.916 Pfund Sterling. Haifa ist das größte Jmportzentrum, nach ihm kommen Jaffa. Jerusalem, Ghaza, Tulkeran, Khan Junis, Berrseba, Ludd und Akka, dessen Import sich bloß auf 12 Pfund Sterling belief. Die Exportziffer Haifas beläuft sich auf 42.240 Pfund Sterling, nach Haifa kommt Ludd mit 39.426 Pfund Sterling, Tulkeran mit 54184 Pfund Sterling, Jaffa mit 10.365 Pfund Sterling, Alka mit 2077 Pfund Sterling und Jerusalem mit 1637 Pfund Sterling. , ' Die wichtigsten importierten Artikel sind folgende: Baumwoll- ■■ fabrikate 434.865 Pfund Sterling, Reis 85.268 Pfund Sterling, Petroleum 40.055 Pfund Sterling, Baumwollgarn 32.854 Pfund Sterling, raffinierter Zucker 31.514 Pfund Sterling; während hauptsächlich exportiert wurden: Seife 1885 Pfund Sterling, Wein 19.377 Pfund Sterling, Durra (grobes Mehl) 19.302 Pfund Sterling, Orangen 14.323 Pfund Sterling und Olivenöl 7797 Pfund Sterling. In diesem Zeitraum wurde über Haifa Zucker im Werte von 3476 Pfund Sterling importiert, während über denselben Hafen Nüsse im Werte von 912 Pfund Sterling sowie Aprikosenmarmelade für 3176 Pfund Sterling exportiert wurden. (Die Aprikosenernte ist in Palästina sehr reichlich, aber da sich diese Früchte nicht lange halten und keine Einrichtungen für sachgemäße Aufbewahrung vorhanden sind, ist ein großer Teil der Frucht dem Verderben ausaesetzt. Um die Marillen vor Verderben zu bewahren, kocht man sie häufig zu einer Flüssigkeit ein, die bei ihrem Erkalten fest wird mid dann in Schnitten als nahrhafte Süssigkeit gegeffen wird.) Kartoffeln gibt es nicht viele und nicht von guter Qualität: es wurden in dem genannten Zeitraum über Jaffa, Haifa und Alka Kartoffeln im Werte von 32.000 Pfund Sterling importiert. , Der Fischfang, der an der langen Küstenlinie Palästinas ausgiebig betrieben werden könnte, ist nicht entwickelt; es wurden während April, Mai, Juni für 8378 Pfund Sterling gesalzene und geräucherte Fische, hauptsächlich aus Großbritannien und Aegypten, eingeführt. (Es worden Vorbereitungen für jüdische Unternehmungen auf diesem Gebiete getroffen.) An Papiersorten wurde eingeführt: Zigaretienpapier 6667 Pfund Sterling, Schreibpapier 1649 Pfund Sterling,