Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 6 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Jüdische Korrespondenz Seite 3 beziehen. — Die Leitung desselben übernahm Herr Emil Kritzler, der, miss tatkräftigste unterstützt durch die Mädchengruppe, sein Amt in ganz einzigartiger Weise versah. Von allen Seiten schaffte er unter den schwierigsten Verhältnissen die notwendigen Lebensmittel herbei und ist es ihm und dem Verein „Einheit" vornehmlich zu danken, daß -ihre Verpflegung klaglos durchgeführt werden konnte. Nach einem herzlichen Abschiede brachten Montag abends englische Militärautos die Flüchtlinge samt ihrem Gepäck zum Südbahnhofe, wo Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Pollak sen. (Vücz), der ihnen während ihrer mehrjährigen Leidenszeit Vater und Beschützer gewesen war, in ergreifenden Worten von ihnen Abschied nahm. — Einer der Heimkehrenden dankte im Namen aller und gab der Hoffnung auf ein baldiges frohes Wiedersehen in Erez Hakedauscho mit bewegten Worten Ausdruck. Um das Zustandekommen des Transportes hatten sich insbesondere die Herren A. M. H. Trimuell, B. Qu. M. S. Horlock und Captain Oakley der englischen Mission und die Herren Oberst Causey, Leutnant William Updegraff und Leutnant Owen Sw een y der amerikanischen Mission, die für Transport und Lebensmitteln wie bei allen bisherigen Transporten sorgten, bemüht, sowie die Herren Konsul Leon Cugn ot, Oberkommissär Clemens Zila und Bezirkskommissär Dr. Hans Schober der Landesregierung, Regierungsrat Dr. Ludwig und Polizeirat T h o m m a i e r der Polizeidirektion und des Herrn Oberleutnant Vitale der italienischen Mission, denen die Ueberwindung der Paßschwierigkeiten zu danken ist. Ganz besonderer Dank gebührt auch dem Herrn Oberbaurat Ingenieur Schntzenhofer des Staatsamtes für Verkehrswesen und Oberinspektor Karl Folle in der Südbahn, die für die klaglose verkehrstechnische Abwicklung des Transportes sorgten. * Aus Triest wird uns telephonisch berichtet: Die aus Wien hier eingelangten Flüchtlinge wurden mitrels italienischer Regierungsautos in ein für sie bereitgestelltes Hospital gebracht, wo sie vorzüglich verpflegt und untergebracht wurden. Auch für Schlafgelegenheit und rituelle Verpflegung auf dem Schiffe ist durch das ganz besondere Entgegenkommen der italienischen Behörden gesorgt. Zu verdanken ist es den ganz außerordentlichen Bemühungen Sr. Exzellenz Comm. M o s e o n i, Comm. Crispe M o n c a d a, Cav. Adolfo P e r i l l i, Cav Defilippis, Comm.Uecelly, Signor Milan M and ich, Commissario di P. S. Dott. Checchia, Bicecommiffario di P. S. Dott. Peruzzo, Fräulein Haynau Virginia, Professor Varamini, Prim. Dott. Gusina, Capitano P e s c e und der Herren St. Guido R o b b a und A. I. S t o ck l i n, Chief of the navae telegraf commiraication Office. Lin MsrachLst über das Srauenwahlrecht. Der Streit über das Wahlrecht der Frauen, der in Palästina entbrannt ist und der bekanntlich zur Verschiebung der Wahlen zur dortigen Landesversammlung geführt hat, beschäftigt sehr lebhaft die weitesten jüdischen Kreise. Ist man sich doch darüber klar, daß es sich hiebei keineswegs Äoß um eine wahltechnische Angelegenheit handelt, sondern um ein Problem von hoher prinzipieller Bedeutung, dessen Lösung für die Gestaltung der Dinge im jüdischen Palästina von großer Tragweite sein wird. Diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß auch der „Misrachi" in Palästina sich in dieser Sache den Standpunkt der Orthodoxie zu eigen gemacht hat, obwohl der „Misrachi" sonst mehr als für das religiöse Judentum zulässig sich im Fahrwasser des offiziellen Zionismus bewegt. Diese Haltung der palästinensischen Misrachisten hat begreiflicherweise in den zionistischen Kreisen große Unzuftiedenheit und heftige Angriffe ausgelöst. Aber es lassen sich auch Stimmen europäischer Misrachisten vernehmen, die für das Frauenwahlrecht eine Lanze einlegen. Umso bemerkenswerter ist ein Artikel eines Misrachisten aus Berlin, Dr. Liebermann, der im jüngsten Heft des „Misrachi" (Zürich) den Standpunkt des religiösen Judentums in dieser Angelegenheit eifrig verfechtet. Herr Dr. Liebermann schreibt unter anderem: „Es ist bedauerlich, daß gerade „die Frau" den Anlaß zu dem ersten großen Streite gibt, die Frau, die doch vorbestimmt ist. den rauhen Ton des Kampfes, der durch die Welt zieht, zu fänftigen- Allein, das ist vielleicht nicht ohne symptomatische Bedeutung. Die künftige Gestaltung des uns als Jdealland vor Augen schwebenden Erez Jisroel dürfte — auch soweit es sich um die so schwierigen sozialen Probleme handelt — davon entscheidend abhängig sein, ob das heimkehrende Volk sich mit der Zeit würde zu einem Beeß Jisroel, zu einem Hause, zu einer großen Familie vereinheitlichen können, rn der Art, wie es einst aus dem Hause Jakob erwachsen ist: zu einer Gemeinschaft, in welcher jedes Mitglied die ihm Kraft ewiger Gesetze zukommende Stellung und den ihm angemessenen Beruf einnimmt und auszufüllen bestrebt ist. Auf diese Weise würden sich die Kinder Jisroels bei aller Mannigfaltigkeit der in den Mafien schlummernden und nach Betätigung drängenden Kräfte zu einem Haus Jisroels sammeln- Dazu gehört aber, daß die kleineren Zentren, die Zellen, die Familienhäuser, zu Kraftquellen jüdischen Lebens werden, denn im Anfang war die Familie. Das große „Haus" kann aber seine, durch das Wachsen des Nmfangs sich naturgemäß abschwächende Sammelkraft erst dann erlangen, wenn die Einzelglieder ihr eigen Haus das Familienheim zentral empfinden, wenn sie von dort aus durch Vererbung, Erziehung, durch all die zarten Erinnerungen des frühlinghaft erwachenden Lebens den: Volke ein reiches persönliches jüdisches Innenleben zrrführen. Aus diesen geistigen „Zellen" ersteht alsdann des Volkes Geist und Ton. Zum Aufbau eines so gearteten Gemeinschaftswesens gehört aber nicht nur auch die jüdische Frau, sondern sie vor allem. Nicht nur für jedes einzelne Familienhaus vermag die Frau allein als Mutter dasjenige sicherzustellen, was im Leben oer Kinder als Gemütswärme und Herzenszartheit, was im Leben der Söhne als reine Empsindungswefie sich später äußern soll, sondern in der ganzen Volksgemeinschaft muß die weibliche Note des Denkens und Empfindens, der Wertungsart und der Schaffenstendenz die ihr zukommeude Bedeutung erlangen. So wie in der Familie die wahre Harmonie durch eine glückliche Verbindung der beiden ewig verschiedenen, ewig zwecks Ergänzung aufeinander angewiesenen Tendenzen, wie sie das Zweiwesen Mann-Weib darstellt, verwirklicht werden kann, so auch in dem großen Hause des Volkes. Auch dort darf keine Einseitigkeit herrschen; und werweiß, ob nicht manche Kulturenttäuschung m der Geschichte der Staaten alter und neuer Zeit als die Folge eines Mißverhältnisses zwischen dem rauhen, aus Machtzuwachs dringenden Mannesstrebens einerseits und zwischen dem auf das Leben und dessen Behütung eingestellten Willensrichtung des Weibes andererseits eingetreten ist. Dieser, für das Emporblühen eines in sich starken, weil harmonischen Gemeinwesens unerläßliche Gesichtspunkt ist es, welchem diejenigen Männer Rechnung tragen wollen, die aus dem Geiste der überlieferten jüdischen Lebensanschauung heraus sich sträuben, __ ohne weiteres alle europäischen „Errungenfchaften" der Frau auf den Boden Erez Jisroels umzupflanzen. Diese Vertreter der Ueberlieferung wollen die Frau nicht „entrechten", und könnten es nicht, weil, unr es schärfer auszudrückeu, Gott sie nicht entrechtet hat, weil die Thora ihr Recht sichergestellt hat. Aber eben darum soll auch erkannt werden, worin das Recht der Frau — wie auch dasjenige des Mannes besteht. Dies im echt jüdischen Geiste zu beurteilen, vermögen in der Regel nur diejenigen, an denen nicht bloß die 20 Jahrhunderte, sondern an denen die gesamten dreiundeinhalb Jahrtausende jüdischer Geschichte, jüdischen Denkens und Schaffens „nicht ohne Spuren vorübergegangen sind", die sich nicht erst an Europa „entwickelt" haben, sondern aus den Quellen unserer Thora das ewige Leben geschöpft, zu welchem sich die Welt nicht „zurückschrauben", aber immer mehr emporschrauben wird. In Europa war es die Not, die für die Frau Männerrechte erzwungen hat, in Erez Jisroel hingegen soll es das Glück sein, da? Familienglück, welches dem jüdischen Mädchen ihr Frauen recht wiedergeben wird, das hohe, beseeligende, nur dem Weibe zuaedachte Recht: auf das — Haus. Mauschiwi akeres habbajia em habbonim s’mechoh. Wie! Zur europäischen „fortschrittlichen Entwicklung" sollen die Träger der jüdischen Tradition in die Lehre geschickt werden, damit diese an jener sich „bilden", von jener lernen sollen, das jüdische Weib aus einer „Orientalin" zu einer „emanzipierten Frau" zu machen! Der „fortschrittlichen Entwicklung" wagt man die jüdische Auffassung als die primitive gegenüberzusteuen. die jüdisch-traditionelle Auffassung, die da wurzelt in dem Spruche der Thora: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: (Mann und Weib) Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde und bezwinget sie . . ." (auch die Frau soll also Anteil an der erdbezwlngenden Kulturarbeit haben); — die jüdisch-traditionelle Auffassung, die nicht nur Stammväter, sondern auch Stammmütt er kennt, — die Thora, die Jizchok und Jakob durch Weiberliebe beglücken läßt, die das Sabbatgebot, wohl das bekenntnisreichste, in dem Zehnwort dem Manne und dem Weibe als einem geeinten Personenpaar verleiht: „attoh“ (uwincho uwitecho); die Vater und Mutter zu ehren verpflichtet, die in der gewaltigen Mahnung zur Heiligung, noch vor dem Vater, die dre Mutter als das irdische Ideal der Reinheit emporhebt; die das Weib durch das Gebot «sause tbaurass kaHameckss* in einer über die Niederungen des sinnlichen Anschauens und Anbetens erhabenen Reinheit dem Manne verbinden will (tewilab); das Judentum, das sein Land, seine Heimat Mutter Zijon nennt,