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Jüdische Korrespondenz · 1920-02-13 · 6 (13.2.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
6 (13.2.1920)
Date
1920-02-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JüdischeKorrespondenz Nr. 6 und das ganze Volk ihre Kinder, die ihr Golusleid der Mutter Nahe! klagen: das Judentum, das zu den drei unheilvollsten Verirrungen der Menschen als die eine die Nrojaus-Unzucht rechnet, mit der die Entwürdigung des Weibes und seines von Gott ihm gegebenen Berufes zusammenhängt; das Judentum, welches den Mann lehrt, bei der Sabbateinkehr, wenn die Seele des Juden sich der reinsten Freude erschließt und des Juden Golus-Schicksal angesichts des Sabbatlichts dahinschmelzt, seiner Gattin zu Ehren einen Lobgesang anzustimmen und sie, des Hauses Sabbatlicht, der Kinder treue Pflegerin, eine Lsebes chajil zu nennen heißt — dies Judentum soll zu den „fortschrittlichen Entwicklungen" der Kultur in die Lehre gehen, um sich von ihnen ein neues Frauenideal zeichnen zu lassen?. Was nur Gott Hohes und Reines, Beglückendes und Starkes dem Weibe geschenkt hat, das Judentum hat es erkannt und gewürdigt. Die Thora hat mit dem „Orientalismus" nichts zu schaffen, es sei denn, dies, daß sie ihn von Anbeginn bekämpft und sich durch Absonderung ihrer Träger (von Abraham an) von ihm rein zu erhalten gewußt hat. Wenn die alten Weisen Israels sagen, daß es die Frömmigkeit und Sittenreinheit der Jüdin ivar, um derentwillen die Erlösung aus Mizrajim erfolgt ist, nun so denken die heute berufenen Träger der religiösen Ueberlieferung genau so. Wir wiffen aber aus der Thora, daß Jochebed ihr neugeborenes Söhnchen beschützt hat, und das werden auch die anderen Mütter getan haben, und wir wissen aus dem Midrasch, daß die Frauen in jener schweren Zeit ihre Männer durch ihre heldenhafte Liebe zum Hause ermutigt haben, Häuser zu gründen und diese auszubauen. Nicht um „Entrechtung" der Frau ist es diesen Bewahrern des Thorawissens zu tun, das ist nur ein aufregendes und darum verwirrendes Schlagwvrt, sondern darum, daß die Frau im künftigen Bees Jisroel ihren eigentlichen Beruf sich nicht entgleiten lasse. Wir wollen nicht beliebige Rechte für die Frau erkämpfen, weil es vielleicht in Europa geschieht, sondern das Recht des Hauses Jisroel, des jüdischen Hauses auf die Frau sicherstellen, wollen die Frau für Jisroel erhalten, die Frau mit all den Kräften des Herzens und Gemüts, die einzig nur sie besitzt, die durch sie dem großen Hause der Nation zugute kommen sollen. Wir wollen nicht das, was nur die Not und der durch die Not beim europäischen Weibe auf andere Gebiete der Betätigung abgelenkte mütterliche Hervorbringungsdrang geschaffen hat, als den natürlichen, idealen Zustand preisen, wollen nicht das, was fremde Kulturen versuchen müffen, gleich Fortschritt nennen und ihm unsere ererbte, religiöse Anschauung zum Opfer bringen. Vielmehr an den Frauen früherer Zeiten' ein Beispiel gewinnen für die Aufgaben der Frau im künftigen Erez Jisroel. Dort, wo dieses jüdische Frauenideal und Frauenstreben keinerlei Trübung und Gefährdung ausgesetzt sein wird, dort wird auch das Religionsgesetz nichts gegen eine Betätigung der Frau in weiteren Kreisen einzuwenden haben. So zum Beispiel auf mannigfachen Gebieten der Erziehung und der Wohltätigkeitspflege — wo weibliche Individualität sich zum Segen bewähren kann. Wollen aber die Misrachi-Töchter den Beweis dafür erbringen, daß sie stark und frei und mündig sind, dann mögen sie sich nicht durch Männer ihr Wahlrecht erkämpfen laffen, vor allem nicht durch Männer, die sich ihr Frauenideal an Hand der „fortschrittlichen Entwicklungen" gebildet haben, die man höher als unsere alten Ueberlieferungen stellt. Mögen sie sich nur dieses Recht erkämpfen: das große Haus in Erez Jisroel aufzubauen, in dem großen Organismus Jisroel das Ewig-Jüdisch-Weibliche niemals verklingen zu laffen. Ihr Wohl und ihr Zukunftsmtereffe sind am sichersten geborgen bei denjenigen, die das altjüdische Frauenideal beschützen und erhalten wollen, die durch die Jahrhunderte die heilige Ueberlieferung behütet haben, trotz der Angriffe von seiten derjenigen, die sich nach den „fortschrittlichen Entwicklungen" hin entwickelt haben, bei denjenigen, die gekämpft haben für das Ewige, an dem das Zeitliche und Flüchtige zu rütteln gesucht, ohne deren Tätigkeit und unerschüttliche Treue es heute vielleicht nichts mehr gegeben hätte, woran Zionsliebe sich hätte entzünden, woran wahrhafte Erez-Jisroel-Kultur hätte an knüpfen können. (Anschließend hieran mag darauf verwiesen werden, daß gerade dieser Tage eine Volksabstimmung in der Schweiz sich gegen das Frauenwahlrecht ausgesprochen hat. Die Schweiz ist doch sicherlich ein Kulturland!) Rumänien und die Minorltätsrechte. Der Bukarester B.-Korrespondenz der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" berichtet: Von Rumänien wird eine Preßkampagne nach einer neuen Methode betrieben, deren innerer Kern wieder die Judensrage bildet. Aehnlich wie nach dem Berliner Kongreß, werden jetzt nacheinander alle Register aufgezogen, um die internationalen Verpflichtungen den Juden gegenüber nicht erfüllen zu müssen. Erst erklärte Rumänien trotzig, stark zu sein, niemand könne ihm diktieren, weshalb man ihm Konzessionen machen müsse, wenn man wünsche, daß es den Friedensvertrag unterschreibe. Jetzt erklärt es, schwach, von inneren Unruhen bedroht und von den Bolschewiken gefährdet zu sein, ohne das die Regierung die Kraft habe, die unpopulären Minoritätenrechte durchzuführen. Die Nachricht, daß die Zensur und der Belagerungszustand aufgehoben sind, muß richtig verstanden werden. Die Aufhebung erfolgte nur beschränkt für Alt-Rumänien, die Kriegsgerichte funktionieren aber auch dort noch weiter, so daß die Zivilpersonen in allen ihren politischen Aeußerungen den Kriegsgerichten unterstellt sind. In den neuen Gebieten herrscht die Gendarmerie-Willkür, Prügelstrafen usw. und steigert die Erbitterung der ganzen Bevölkerung. Die Moldauer in Beßarabien sind während der hundert Jahre russischer Herrschaft nicht so russifiziert, so zu Feinden Rumäniens geworden, wie in einem Jahre durch die Herrenlaunen der rumänischen Beamten und durch die Uebertragung der gewaltätigen Methoden der Bauernhehandlung Alt-Rumäniens aüf Beßarabien. Während in Rußland seit Stolypin kräftig für das Erstarken der Bauern gearbeitet wurde, sitzen die Bojaren noch immer auf dem Rücken des Bauern in Alt-Rumänien. In der Bukowina und in Transsylvanien wurde die Bauernbefreiung bereits durch Josef II. durchgeführt. Wie hier die altrumänische Methode wirkt, läßt sich denken. In dieser Lage sucht die Negierung Kredite im Auslande, um den Unzufriedenen im Innern des Landes den Mund verstopfen zu können und Konzessionen in der Judenfrage, um sich über die Politischen Unannehmlichkeiten hinwegzuhelfen. Der rumänische Minoritätenvertrag ist nämlich nur provisorisch von ^General Coanda unterschrieben, jedoch noch nicht von den Großmächten. Rumänien hat sich ausdrücklich Vorbehalten, weitere Verhandlungen zu führen, so daß die Minoritätenrechte noch nicht gesichert sind. pogromflüchtlmge in Palästina. Aus Jaffa wird berichtet: Auf den hohen wildschäumenden Wellen des vom eisigen Nordwind'durchgepeitschtenSchwarzen Meeres wackeln, Nußschalen gleich, Segler, Frachtschiffe, Fischerparken, Küstenschoner, sämtlich mit eigentümlicher Ladung beschwert: Greise, Frauen, Kinder, Jünglinge, mit vor Todesangst und Frost verstörten Gesichtern, vor Kälte zitterno, in ihren leichten, zerschlissenen Kleidern, mit ihren hölzernen Kistchen, in denen Reste armseliger Haushalte zusammenaepackt sind. Diese von der Seekrankheit gepackten, von Hunger und Durst geplagten Menschen sind poaromflüchtige Juden aus Rußland, welche dre letzten paar Tausend Rubel (uno in Rußland ist heute der Tausendrubclschein die kleinste einigen Wert besitzende Münze) geopfert haben, um in die schrecklichste aller Verbannungen zu gehen, ohne Paß> ohne sicheren Schutz, ohne daß sich irgendeine organisierte Körperschaft der Welt um sie kümmerte. Viele von ihnen sind letzte Ueberlebende aus einer Stadt, die dem Erdboden gleichgemacht wurde, andere haben ihre Frau, den Vater, einen Sohn verloren, und sind selbst durch Aufopferung des ganzen Vermögens mit knapper Not dem Tode entronnen. Wie einst, nach der Austreibung aus Spanien, wird diesen Leuten nicht erlaubt, Mittel für mehr als einen Monat Unterhalt mitzunehmen, und genau wie damals, vor vierhundert Jahren, sind sie unterwegs Herren- und rechtlos und jeder betrunkene Schiffskapitän oder jugendliche Matrose darf sie schlagen und beschimpfen, ihre Frauen und Mädchen mit unverschämten Anträgen belästigen, sie wochenlang ziellos auf den Wellen Herumschleppen und ihnen unerhörte Preise für diese Höllenfahrten abzwingen. Und wohin fahren diese Unglücklichen, die ihr Heimatland ausspeit und denen kein anderes Gebiet Asyl gewähren will? Sie segeln gegen Osten, ihr Ziel ist die alte Heimat ihres vielgeprüften Stammes: Palästina. Sie missen, daß sie wochen-, ja sogar monatelang unterwegs sein müssen, daß sie durch Sturm, Kälte oder Krankheit umkommen können, - sie ertragen gedultig alle Demütigungen und die endlos langwierigen Quarantänemaßnahmen, erbetteln bei fremden Leuten oder bei eigenen Stammesgenoffen, wenn sie das Glück haben, solche irgendivo anzutreffen, den Unterhalt des nackten Lebens, bis sie sich nach fürchterlichen Reisestrapazen nach Jaffa durchschlagen können. Sie erzählen dann den Brüdern hier ihre Not, die blutige Not eines für vogelfrei erklärten Volkes in einem Lande, wo sich über die Sälfte desselben beisammen findet. Sie zählen die Namen der Getöteten, emarterten, Erschossenen, lebendig Begrabenen, zu ewigen Krüppeln Geschlagenen auf und Ströme heißer Tränen ihren und der Zuhörer Augen ob den himmelschreienden Gewalttaten, die ihresgleichen in der Geschichte suchen. Die Bolschewiki hatten es auf die Reichen unter ihnen abgesehen, die gewaltsam ihrer Habe beraubt und beim leisesten Widerstand sie wie die Hunde nieoergeknallt. Den Zionisten in Rußland rückten die Bolschewiki ganz besonders auf den Leib, weil sie im Gerüche standen, ententefreundliche Gesinnung zu haben. Hunderte von Proskriptionslisten wurden mit den besten jüdischen Namen ausgefüllt und zahlreiche Opfer ihrem grausam n Schicksal zugesührt. Was aber vor der Wut der proletarischen Diktatur sich (Fortsetzung auf Seite 6.)

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