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Jüdische Korrespondenz · 1920-02-13 · 6 (13.2.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
6 (13.2.1920)
Date
1920-02-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 6 „preußisch" bezeichnen könnte, würde man es nicht vermeiden wollen, den Preußen unrecht zu tun, die sich gerade jetzt den Flüchtlingen aus Polen gegenüber viel menschlicher und entgegenkommender erweisen. All diese Umstände bringen es mit sich, daß die Juden in der Tschechoslowakei ein lebhaftes Interesse an dem Ausgang der Wahlen zur Nationalversammlung haben müssen, dq diese vielleicht einen Wandel zum Bessern herbeiführen dürfte. Deshalb auch die ziemlich lebhafte Wahlbewegung in den weitesten jüdischen Kreisen und die Parteipolemik aus diesem Titel, die bereits sehr scharfe Formen angenommen hat. Die Wahlordnung ist zunächst eine derartige, daß die etwa 150.000 Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien ohne jede Vertretung bleiben dürften, wenn sie überall selbständig Vorgehen sollten, da sie in keinem Wahlkreise die nötige Wahlzahl erreichen werden. Wohl kennt die Wahlordnung auch ein zweites und ein drittes Skrutinium, das heißt, daß die Stimmenreste der diversen Parteien, die in den einzelnen Wahlkreisen hinter der nötigen Wahlzahl Zurückbleiben, für das ganze Land zusammengezählt und zu entsprechenden Wahlzahlen vereinigt werden, Kraft deren die Partei die entsprechenden Mandate erhält; jedoch partizipieren daran blos diejenigen Parteien, welchen beim Hauptskrutinium mindestens ein Mandat zufiel. Die Juden dürften nun die einzige Gruppe sein, die ausgeschaliet bleibt, da sie bei dem Hauptskrutinium keine Aussichten auf ein positives Resultat haben. Ob diese Bestimmung gerade den Juden „zuliebe" in das Wahlgesetz ausgenommen wurde, soll dahingestellt bleiben. Ausgeschlossen ist das allerdings nicht... Etwas günstiger stellt sich die Sachlage in der Slowakei, wo die Juden in größeren Maßen angesiedelt sind und dadurch die Möglichkeit erhalten könnten, zwei bis drei eigene Mandate zu erringen. Nun haben die Nationalisten die Parole ausgegeben, aus der ganzen Linie selbständig aufzutreten und eigene Kandidaten mit jüdisch-nationalem Programm aufzustellen. Die Poale- Ziouistcn haben dagegen beschlossen, überall die sozialdemokratischen Kandidaten zu unterstützen und sie haben ihre Vertreter vom „Jüdischen Nationalrat" abberufen. In den Kreisen der Orthodoxie, die speziell in der Slowakei maßgebend ist, herrscht wenig Geneigtheit, sich der Parole der Nationalisten zu fügen und angesehene Kreise vertreten den Standpunkt, es sei unter Umständen besser, mit der Hilfe der jüdischen Stimmen einige echt liberale und demokratische Vertreter in die Nationalversammlung hineinzubringen, mögen sie auch keine Juden sein, wenn sie die Verpflichtung übernehmen, für die Rechte der Juden einzutreten, als daraus loszugehen, zwei bis drei Juden durchzubringen, die in der Nationalversammlung isoliert und zur Erfolglosigkeit verurteilt sein werden, besonders angesichts des Umstandes, daß sämtliche Parteien gewissermaßen „judenrein" sein weroen und keine Veranlassung hätten, aus die Juden Rücksicht zu nehmen. Im parlamentarischen Leben spielt ja die Macht des Stimmzettels eine große Rolle. Wird die jüdische Wählerschaft auf diese Macht dadurch verzichten, daß ihre Stimmen für die diversen Parteien a priori außer Betracht bleiben, dann kann sie auf keine Berücksichtigungen rechnen. Mit der Hilfe der jüdischen Stimmen könnte in manchem Wahlkreis der Sieg der demokratischen Liste errungen werden, wo sonst der Erfolg der-Judenfeinde Zufall wurde. Den zwei bis drei Mandaten zuliebe müßte die jüdische Wählerschaft von jedem Einfluß auf die Gestaltung der Dinge ausgeschaltet werden und das wäre ein krasses „Joza ss’chorau behefssedau“ — der Erfolg wäre nivelliert durch den Schaden, der daraus erwächst. Diesem Gedanken hat der Präsident des orthodoxen Gemeindeverbandes in der Slowakei, Oberrabbiner Weber, in einem politischen Blatt Ausdruck gegeben und wie gewöhnlich ist gegen denselben eine arge Hetze losgegangen, mit einer Protestmache, die an Schärfe, aber auch an Demagogie nichts zu wünschen übrig läßt. Ebenso wird in der zionistischen Presse gegen die Poale-Zionisten heftig losgezogen, wenn auch in einer stets gedämpfteren Form mit Rücksicht darauf, daß man den klassenbewnßten Poale-Zionisten nicht mit einer solchen Demagogie an den Leib zu rücken wagt, wie den angeblich politisch „unreifen" Orthodoxen, von denen man annimmt, sie werden sich leicht ins Boxhorn jagen lassen. Unsere Brüder und Gesinnungsgenossen in der Slowakei dürsten nun Mann genug sein, nach bestem Wissen und Gewissen die Entscheidung zu treffen und wir wollen ihnen unseren Rat nicht aufdrängen. Auf einige Vorwürfe, die von allgemeinem Interesse sind, möchten wir jedoch aufmerksam machen. In der Polemik gegen die Orthodoxie spielt eine große Rolle der Hinweis auf die „großen Erfolge"(?) des Abgeordneten Stricker in der Wiener Nationalversammlung, obwohl er da als Einzelner isoliert sei. Nun sind uns und der jüdischen Oeffentlichkeit im allgemeinen diese Eifolge völlig unbekannt. Was Stricker in jüdischen Interessen bisher unternommen hat — und dazu war er ja in erster Reihe berufen — in der Sache der Staatsbürgerschaft, der Flüchtlinge, des Wiederbesiedlungsgesetzes usw., hat immer mit einem Mißerfolg geendigt. Die „Lorbeeren", die sich Stricker mit seinen Reden gegen den Anschluß an Deutschland, gegen den Adel, gegen die Volkswehr und hinsichtlich des amerikanischen Kredits geholt hat, sind höchst problematischer Natur und der Tamtam, den die Parteipresse damit aufführt, mutet höchst pittoresk an. Solcher Erfolge erfreuten sich die Vorgänger Strickers, Kuranda und Ofner, öfter und ungeteilter, und gerade die Nationalisten waren es, die dagegen immer steuerten und die Ansicht vertraten, es sei nicht die Sache der jüdischen Vertreter, überall „dabei zu sein", sondern die rein-jüdischen Jnteress n zu vertreten. Mit dieser Komödie der Irrungen möge man uns nicht weiter kommen. Wenn anderseits darauf verwiesen wird, daß auch Masaryk im tschechischen Volke früher isoliert war und es dennoch vermochte, seine Politik durchznsetzen, so ist dies der Gipfel der unverschämtesten Demagogie. Es ist geradezu eine Schande, daß man es wagt, reifen Menschen einen solchen Blödsinn aufzutischen. Masaryk mochte isoliert sein, oder er konnte und durfte hoffen, für seine Ansicht das Gros des. tschechischen Volkes zu gewinnen. Wenn unsere Nationalisten auch das ganze Judentum hinter sich haben sollten, werden sie demnach fernerhin in die Prager Nationalversamuilung nicht stärker als zwei bis drei Mann einziehen und zur Ohmnacht und zum Mißerfolg verurteilt sein. Gerade der Umstand, daß sie zu solch lächerlichen Argumenten greifen, beweist, wie schwach ihre Beweisführung ist, und wie sehr es sich ihnen um eine reine Mandatspolitik handelt. Wie gesagt, die Frage ist sehr wichtig und soll ernstlich erwogen werden. Aber ohne Demagogie und ohne Parteimache. Die Orthodoxie hat es längst verlernt,, sich von Schlagworten beeinflussen zu laffen. Jehudi. Abreise von Palästinenser Flüchtlingen» Nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten konnte diese Woche die von FräuleinAnna Lorbeerbaum in selbstlosester und aufopferungsvollster Weise begonnene Heimbeförderung der Palästinenser Flüchtlinge fortgesetzt werden. Ein Transport Palästinenser Flüchtlinge, der infolge des Ausweisungsbefehles der Horthy-Regierung Ungarn verlassen mußte, konnte dank dem Entgegenkommen der Staatspolizei nach Wien gebracht werden, wo er von den Mitgliedern der Adas Jisroel in gewohnter gastfreundlicher Weise aufgenommen und in den Heimen der orthodoxen Jugend- und Mädchengruppe provisorisch untergebracht wurde. Da durch die inzwischen erfolgte Verkehrseinstellung der Aufenthalt eine unfteiwillige .Verlängerung erfuhr, mußte an die Schaffung einer für längeren Aüfenthalt geeigneten Unterkunftsstätte geschritten werden, was auch durch die besondere Bereitwilligkeit des Herrn Cafetiers Gerstl, der zu diesem Zwecke sein Lokal in liebenswürdigster Weise kostenlos zur Verfügung stellte, ermöglicht wurde. In emsiger, unermüdlicher Arbeit schaffte die Jugendgruppe unter Führung ihres Tag und Nacht rastlos arbeitenden Vorstandsmitgliedes Herrn Mano Felsenburg die ganze Einrichtung herbei und nach kaum zwei Tagen konnten die Leute ihr neues Heim, das sie dann auch faßt vier Wochen lang beherbergte,

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